Dr. Abu Safiyah in Lebensgefahr

Das Wichtigste in Kürze

Dr. Hussam Abu Safiyah ist inzwischen einer der weltweit bekanntesten Bewohner des Gazastreifens. Der Kinderarzt und Neonatologe leitete das Kamal-Adwan-Krankenhaus im Norden Gazas. Kollegen und Mitarbeiter beschreiben ihn als einen Mann von großer Humanität, der „Geduld in ihre Herzen gepflanzt habe“ und ihnen dadurch geholfen habe, unter extremsten Bedingungen in Nordgaza durchzuhalten.

Am 27. Dezember 2024 wurde Dr. Abu Safiya von der israelischen Armee gezwungen, das Krankenhaus vollständig zu räumen. Im Anschluss wurde er – zusammen mit ca. 200 Mitarbeiter/innen – verhaftet und in das berüchtigte israelische Gefangenenlager Sde Teiman gebracht. Laut neuesten Berichten soll er dort gefoltert worden sein. Sein Gesundheitszustand habe sich verschlechtert. Er war erst Ende November bei einem Drohnenangriff in seinem Büro schwer verwundet worden. In Sde Teiman sind bereits mehrere Ärzte an den Folgen der Folter verstorben. Es gibt weltweit große Besorgnis, dass Dr. Abu Safiyah der nächste sein könnte.

Kurze Biographie Abu Safiyas

Dr. Hussam Abu Safiyah wurde 1971 in Nordgaza geboren. Seine Familie wurde 1948 im Zuge der Nakba von israelischen Militärs aus ihrem Heimatdorf vertrieben und ließ sich in Gaza in einem Flüchtlingslager nieder, wo er seine Kindheit und Jugend verbrachte. Er studierte im Ausland, ist mit einer Kasachin verheiratet und besitzt auch einen kasachischen Pass. 1996 kehrte Dr. Abu Safiyah mit seiner Frau nach Gaza zurück.

Hintergrundinformation

Israel greift seit Beginn des Kriegs im Oktober 2023 immer wieder Krankenhäuser an, zerstört wichtige medizinische Einrichtungen und Infrastruktur, vernichtet Material und verhaftet große Teile des medizinischen Personals unter dem Vorwand, es handle sich um „verkleidete Terroristen“. Beweise für diese Behauptungen wurden bisher nicht vorgelegt. Die Inhaftierten erfahren in der Regel nicht, was ihnen konkret zur Last gelegt wird, und sehen keinen Richter. Die meisten werden nach einigen Tagen bis Wochen freigelassen – sofern sie die Haft überlebt haben.

Es gibt erdrückende Evidenz dafür, dass das israelische Militär die medizinische Infrastruktur in Gaza absichtlich und systematisch zerstört. Dies gilt nicht nur, aber in besonderem Maße, für den Norden Gazas. Aus israelischer Sicht ist dies strategisch durchaus sinnvoll. Denn die palästinensische Bevölkerung soll dauerhaft aus dem Norden Gazas vertrieben werden; und die medizinische Versorgung spielt dabei (neben der Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser) eine Schlüsselrolle.

Die meisten Einwohner Nordgazas (etwa eine Million) flohen schon kurz nach Kriegsbeginn in den Süden (auf Anweisung und unter massiven Drohungen Israels). Einige Zehntausend weigerten sich zu gehen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Manche waren nicht in der Lage. Andere fürchteten wohl schon zu Beginn, dass sie ihre Heimat nie wiedersehen würden, wenn sie gehen, und wollten dies nicht hinnehmen. Überdies gab es weder sichere Fluchtrouten noch ausreichend Unterkünfte und humanitäre Grundversorgung im Zielgebiet. Und nicht zuletzt zeigte sich bald, dass die Menschen auch im Süden nicht von israelischen Angriffen verschont werden. Inzwischen sterben die Geflüchteten im Süden in großer Zahl an einer Mischung aus Unterernährung, Mangel an Trinkwasser, Unterkühlung und Infektionskrankheiten, die unter normalen Bedingungen harmlos wären. Da mögen sich viele denken: „Sterben kann ich auch zu Hause.“

Israel reagierte auf diesen Widerstand gegen die „ethnische Säuberung“ des Nordens mit einer extremen Blockade humanitärer Hilfe und pausenlosen Angriffen durch Bomben, Raketen, „explosive robots“, Drohnen und Scharfschützen. Todesopfer und Verletzte, mehrheitlich Frauen und Kinder, gibt es täglich. Seit fast 15 Monaten halten die Menschen unter diesen Bedingungen durch.

Persönliche Angriffe

Dr. Abu Safiya war Gesicht und Stimme der Menschen Nordgazas. Seit Monaten machte er in Videoposts und Interviews auf die katastrophale Lage aufmerksam, zeigte die Zerstörungen in seinem Krankenhaus, erklärte, was an Material und Gerät fehle und bat die Welt um Hilfe – wieder und wieder und wieder. Ich habe einige dieser Videoposts gesehen und war immer tief beeindruckt von diesem Mann mit dem nicht mehr ganz schwarzen dichten Haar, von seiner äußeren Ruhe und den klaren und deutlichen Worten. Niemals brachte er Wut oder Hass zum Ausdruck, nur tiefe Besorgnis, den Wunsch, als Arzt zu helfen und einen leidenschaftliche Liebe zu seinem Volk.

Dr. Abu Safiya war also für die Israelis ein mehrfaches Ärgernis: als Arzt im Allgemeinen; als Arzt im Nordgaza im Besonderen; als ein international wahrgenommener Zeugnisgeber über die Verbrechen Israels und das Leiden der Menschen in Gaza.

Das Kamal-Adwan-Krankenhaus war das größte Krankenhaus im Norden Gazas, und das letzte, das noch einigermaßen funktionierte. Es war in den vergangenen Monaten wiederholt Ziel israelischer Angriffe. Es wurde wichtige Infrastruktur zerstört, Material vernichtet und Mitarbeiter/innen verletzt. Doch Dr. Abu Safiya blieb und versorgte – unter schwierigsten Bedingungen – die vielen Verletzten und Kranken.

Im Dezember 2023 wurde Dr. Abu Safiyas 14jähriger Sohn von einem israelischen Scharfschützen angeschossen. Er überlebte den Angriff. Dr. Safiya blieb und arbeitete weiter. Im Oktober 2024 wurde derselbe Sohn Opfer eines Drohnenangriffs im Eingangsbereich des Kamal-Adwan-Krankenhauses. Diesmal überlebte er nicht. Dr. Abu Safiya beerdigte sein Kind in der Nähe des Krankenhauses. Er blieb und arbeitete weiter. Ende November 2024 wurde er in seinem Büro von einer Drohne angegriffen und schwer am Oberschenkel verletzt. Noch vom Krankenbett aus, sichtbar geschwächt durch den Blutverlust, gab er ein Videostatement ab. „Es ist genug“, sagte er da. „Es ist genug.“ Doch er blieb und arbeitete weiter, sobald es ihm möglich war.

Am 27. Dezember 2024 um 6 Uhr morgens wurde das Kamal-Adwan-Krankenhaus von israelischen Soldaten gestürmt. Im Laufe des Tages mussten alle Geflüchteten, die dort Zuflucht gesucht hatten, sowie alle Patienten und ein Teil des Personals das Spital verlassen. Übrig blieben Dr. Abu Safiya und ca. 200 Mitarbeiter/innen.

Diese mussten am Abend des 27. Dezember zu einem anderen Ort in Gaza gehen. Dort wurden sowohl Männer als auch Frauen gezwungen, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Sie mussten so mehrere Stunden in der Kälte ausharren. Dr. Abu Safiya sprach seinen Mitarbeiter/inne/n Mut zu und meinte, sie wären bis zum Ende des Tages wieder frei.

Nach einer Unterredung mit israelischen Militärs wurde Dr. Abu Safiya aufgefordert zu gehen. Er sagte, er würde nicht ohne seine Leute gehen. Daraufhin wurde er verhaftet und später, zusammen mit einem Teil der Mitarbeiter/innen in ein israelisches Gefängnis gebracht.

Einige Stunden später erklärte das israelische Militär, man habe im Kamal-Adwan-Krankenhaus ca. 200 Terroristen verhaftet, darunter Dr. Abu Safiya, der als ein hochrangiger Hamas-Kader einzuschätzen sei. Belege für diese Behauptung wurden wie üblich nicht angeführt.

Aber die Hamas …

Die Hamas bestreitet vehement, dass die Krankenhäuser in Gaza als Stützpunkte bewaffneter Kämpfer missbraucht würden. Das allein heißt freilich nicht viel. Doch die Hamas bittet darum, internationale Beobachter nach Gaza zu entsenden, die die Situation in den Krankenhäusern überwachen sollen. Israel jedoch verwehrt sogar internationalen Journalisten den Zugang zum Gaza-Streifen. Mitarbeiter/innen von internationalen Hilfsorganisationen berichten übereinstimmend, dass sie keine militärischen Aktivitäten in den Krankenhäusern wahrnehmen konnten.

Dies beweist freilich nicht, dass sich nicht einzelne Mitglieder des bewaffneten Arms der Hamas in Krankenhäusern aufhalten. Das ist sogar sehr wahrscheinlich der Fall – nämlich dann, wenn sie selber ärztliche Hilfe brauchen, Verwundete bringen oder besuchen.

Dr. Abu Safiya erklärte einmal, wenn ein Verletzter in sein Krankenhaus gebracht würde, dann frage er nicht nach der Parteizugehörigkeit, sondern versuche zu helfen; und er würde für einen israelischen Soldaten dasselbe tun.

Krankenhäuser genießen im internationalen Recht besonders starken Schutz. Sie dürfen nur in sehr speziellen Ausnahmefällen Ziel militärischer Angriffe werden. Der Aufenthalt einzelner Kämpfer begründet eine solche Ausnahme nicht.

Aber selbst wenn man davon absehen möchte: Welchen militärischen Nutzen hat die Zerstörung einer Anlage zur Sauerstoffversorgung für Neugeborene? Das Demolieren von medizinischem Gerät? Das In-Brand-Setzen von medizinischem Material? Die demütigende Behandlung und willkürliche Festsetzung von medizinischem Personal?

Quellen

https://www.aljazeera.com/news/2024/12/29/who-is-hussam-abu-safia-director-of-key-gaza-hospital-detained-by-israel

https://www.huffpost.com/entry/israel-strike-wounds-hospital-director-north-gaza_n_6743a4bce4b0bf9b4002f807

https://www.spiegel.de/ausland/israel-beendet-einsatz-in-gaza-klinik-bezeichnet-chefarzt-als-terror-kader-der-hamas-a-4ff52966-af3c-4d37-af35-974c0acc164f

https://edition.cnn.com/2024/12/28/middleeast/kamal-adwan-israel-arrests-hospital-director-gaza-intl/index.html

https://www.huffpost.com/entry/doctor-hussam-abu-safiya-israel-war-hospitals_n_67730ed1e4b05358833ff92c

https://www.theguardian.com/global-development/2024/dec/30/gaza-hospital-director-israeli-prison

https://euromedmonitor.org/en/article/6587/Dr.-Hussam-Abu-Safiya%27s-life-in-danger-due-to-torture:-Immediate-international-intervention-needed-for-his-release

https://www.newarab.com/news/gaza-dr-abu-safiya-hailed-bravery-moments-arres

https://www.palestinemission.at/single-post/interview-mit-dr-hussam-abu-safiya-ich-werde-bis-zum-letzten-atemzug-in-meinem-krankenhaus-bleiben

https://www.zdf.de/nachrichten/politik/ausland/liveblog-eskalation-nahost-israel-100.html

https://edition.cnn.com/2024/12/28/middleeast/kamal-adwan-israel-arrests-hospital-director-gaza-intl/index.html

https://www.spiegel.de/ausland/israel-beendet-einsatz-in-gaza-klinik-bezeichnet-chefarzt-als-terror-kader-der-hamas-a-4ff52966-af3c-4d37-af35-974c0acc164f

https://www.tagesschau.de/newsticker/liveblog-nahost-montag-222.html (10.37)

https://www.tagesschau.de/newsticker/liveblog-nahost-sonntag-222.html (19.15)

https://euromedmonitor.org/en/article/6581/Kamal-Adwan-Hospital-attack:-harrowing-testimonies-of-field-executions,-sexual-harassment-by-the-Israeli-army-in-northern-Gaza

https://www.tagesschau.de/newsticker/liveblog-nahost-sonntag-222.html (13.29)

https://www.972mag.com/kamal-adwan-hospital-hussam-abu-safia/


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