
Bild: Saed Falafel, 60, auf einer Demonstration für die Beendigung des Krieges. Gaza, Beit Lahiya, 26. März 2025. [Abdelhakim Abu Riash/Al Jazeera] Quelle: https://www.aljazeera.com/news/2025/3/28/voices-from-gaza-protests-demand-an-end-to-war-and-suffering
Mehrere Tage in Folge gingen in der Stadt Beit Lahiya in Nordgaza tausende Menschen auf die Straße, um für ein Ende des Krieges und ihres Leidens zu demonstrieren. Die Demonstranten hielten Schilder mit den Aufschriften „Stoppt die israelischen Angriffe“, „Wir sind keine Terroristen, wir sind freie Menschen“, „Stoppt den Genozid“, „Wir weigern uns zu sterben“, aber auch: „Raus mit der Hamas“.
Die Proteste wurden von etwa einem Dutzend Einwohnern Beit Lahiyas koordiniert. Auslöser war ein Facebook-Austausch über neuerliche Evakuierungsbefehle der israelischen Armee. In einem Video übermittelt ein Teilnehmer der Proteste das zentrale Anliegen der Demonstranten: „Wir wollen der Welt eine Botschaft übermitteln: dass wir friedliche Leute sind. Friedliche Leute! Wir wollen leben! Das ist das Wesentliche des Lebens. Wir wollen leben! Sagt es der ganzen Welt, allen Führern, der ganzen Welt! Wir wollen leben! Wir sind am Ende!“
Die Anti-Hamas-Proteste waren von den Organisatoren der Demonstrationen nicht geplant. Sie entwickelten sich spontan. Die Menschen wollen in erster Linie, dass der Krieg endet, dass sie ein normales Leben in Würde und ohne Angst führen können. Die Frage, wer Gaza regieren soll, ist für die meisten Menschen im Augenblick zweitrangig.
Einer der Organisatoren der Proteste erklärt: „Die Forderungen der Menschen resultieren aus einer unerträglichen Realität. … Wenn es für die Beendigung des Krieges erforderlich ist, dass die Hamas Platz macht, dann soll es so sein.“ Abzulehnen sei aber jeder Versuch, die Proteste für einen Angriff auf die Hamas oder auf den palästinensischen Widerstand im Allgemeinen zu vereinnahmen. „Ob wir mit der Hamas übereinstimmen oder nicht, sie sind letztlich Teil unseres Volkes.“
Im selben Sinn äußert sich ein Hamas-Sprecher: „Ob unsere Leute auf die Straße gehen oder nicht, wir sind ein Teil von ihnen, und sie sind ein Teil von uns.“ Auch er weist Versuche zurück, die Proteste zu vereinnahmen, „sei es um eine dubiose politische Agenda voranzutreiben oder um die Verantwortung von dem kriminellen Aggressor, der Besatzung und ihrer Armee, abzulenken.“
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Seit Israel am 18. März den Waffenstillstand endgültig brach, starben durch Militärschläge mindestens 921 Menschen. Mehr als 2.000 wurden verwundet. Die Mehrheit der Opfer sind Zivilisten.
Unterdessen dauert die Totalblockade des Gazastreifens seit vier Wochen an. Es gibt kaum noch Lebensmittel zu kaufen, und das, was es noch gibt, ist für die meisten Menschen unerschwinglich. In Bäckereien und öffentlichen Suppenküchen gehen die Vorräte zur Neige.
Nicht nur die Regierungen Deutschlands und Österreichs schweigen dazu, sondern auch Politiker/innen der Opposition.
Einst hieß es, in Afghanistan würden unsere Werte verteidigt; nun heißt es, in der Ukraine würden unsere Werte verteidigt. Ich wüsste jetzt gern: Welche Werte sind es eigentlich, die da angeblich mit Blut verteidigt werden müssen? Welches sind die Werte von Politiker/inne/n, die kein Problem mit einer Regierung haben, welche zwei Millionen Menschen verhungern lässt, während das Essen an den Grenzübergängen verrottet?
Quellen:
Einiges, was noch geschah
Gaza:
23. März: Neun Rettungskräfte des Palästinensischen Roten Halbmondes und sechs Zivilschutz-Mitarbeiter fahren zu einem Einsatz nach Rafah und werden von israelischen Soldaten eingekesselt und angegriffen. Die Zentrale erfährt noch, dass es Verwundete gibt. Dann bricht der Kontakt ab. Die israelische Armee erlaubt keinen Zugang zu dem Gebiet.
28. März: Von den in Rafah eingekesselten Sanitätern und Zivilschutz-Männern findet man eine Leiche und einen zerstörten Wagen. Das Schicksal der 14 anderen Vermissten ist nach wie vor im Dunkeln. Israel verweigert auch nach wie vor den Zugang zu dem besetzten Gebiet.
29. März: Zeugen berichten, dass die 14 Sanitäter, die in Rafah verschwanden, von israelischen Soldaten ermordet und vergraben wurden, zusammen mit dem, was von den Krankenwagen noch übrig war.
Quellen:
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/24/live-israel-kills-46-in-gaza-including-two-hamas-officials (09.10, 10.25)
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/28/live-israeli-attacks-kill-almost-40-people-in-gaza-over-past-24-hours (15.30, 16.15)
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Durch einen Luftangriff stirbt ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation World Central Kitchen. Sechs weitere Mitarbeiter der Organisation erleiden Verletzungen. Diese Hilfsorganisation war schon mehrfach Ziel israelischer Angriffe geworden. Insgesamt wurden 12 Mitarbeiter bei ihrem Einsatz in Gaza ermordet.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/28/live-israeli-attacks-kill-almost-40-people-in-gaza-over-past-24-hours (10.00)
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Westjordanland:
Der palästinensische Ko-Regisseur des mit einem Oscar ausgezeichneten Films No Other Land, Hamdan Ballal, wurde in seinem Haus von jüdischen Siedlern schwer misshandelt. Er sagt, sie wollten ihn umbringen. Es gelang ihm, zu entkommen. Auf dem Weg ins Krankenhaus, wo er seine Verletzungen behandeln lassen wollte, wurde er von israelischen Soldaten verhaftet. Er ist inzwischen wieder frei.
Quellen:
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Ghassan Abdel Basset und seine Familie begingen das abendliche Fastenbrechen bei einem Verwandten. Es ist üblich, dass man zum Fastenbrechen während des Ramadan Freunde oder Verwandte besucht. Später am Abend erhielt er einen Anruf von Nachbarn: Israelische Siedler hätten sein Haus besetzt. Er eilte nach Hause, um die Siedler zu konfrontieren, aber israelische Soldaten hinderten ihn und seine Familie daran, zu ihrem Haus zu gelangen.
Die Siedler behaupten, sie hätten das Haus von jemandem gekauft. Doch das Haus der Familie stand nicht zum Verkauf.
Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Oft fälschen Siedler Urkunden, um ihrem Diebstahl den Anschein von Legalität zu geben.
Quellen:
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Invasion israelischer Soldaten in der Stadt Jinba, südlich von Masafer Yatta. Es wurde Eigentum beschädigt.
Israelische Invasion in der Stadt Nablus und in einer Stadt in der Nähe von Nablus.
In einem Ort südöstlich von Dschenin hindert die israelische Armee einen Krankenwagen daran, zu einem Verletzten zu gelangen.
Israelischer Überfall auf eine Stadt westlich von Ramallah.
Siedlerangriffe in mehreren Orten südlich von Nablus, unter dem Schutz israelischer Soldaten.
Siedlerangriff in Masafer Yatta. Siedler schlagen einen Schafhirten zusammen.
Israelische Invasion in der Stadt Beita in der Nähe von Nablus: Einem Palästinenser wurde ins Bein geschossen.
Israelische Invasion im Flüchtlingslager Askar al-Jadid östlich von Nablus. Einem 18jährigen wurde in die Brust geschossen.
Quellen:
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/28/live-israeli-attacks-kill-almost-40-people-in-gaza-over-past-24-hours (10.15, 10.50, 17.30)
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Israel:
Angehörige israelischer Geiseln fordern ein Ende des Krieges im Austausch für alle noch verbliebenen Geiseln.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/29/live-israel-kills-almost-900-since-breaking-gaza-ceasefire-ministry (17.15)
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Zu einer israelischen Konferenz zum Thema „Bekämpfung des Antisemitismus“ wurden auch rechtsextreme Politiker aus Europa eingeladen. Einige jüdische Teilnehmer sagen daraufhin aus Protest ihre Teilnahme ab.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/27/live-israels-relentless-bombardment-kills-26-palestinians-in-gaza (15.45)
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Libanon:
Am 27. März sterben bei israelischen Angriffen sechs Menschen. Die israelische Armee behauptet stets, man würde Hisbollah-Kämpfer angreifen. Doch in Wahrheit sind die meisten Opfer Zivilisten. Eine Frau steht in den Trümmern ihres Hauses und erzählt: Sie waren über ein Jahr lang Flüchtlinge. Nun sind sie zurückgekehrt. Ihr Sohn habe Geld geliehen, um eine Bäckerei zu eröffnen. Nun sei wieder alles zerstört.
Ein Mann sagt, die Israelis wollten im Südlibanon wohl eine De-Facto-Pufferzone einrichten. Sie wollen nicht, dass die Einwohner zurückkehren.
Die libanesische Armee bestreitet die Anwesenheit von Hisbollah-Kämpfern im Grenzgebiet. Allerdings weigert sich die Hisbollah, ihre Waffen abzugeben.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/27/live-israels-relentless-bombardment-kills-26-palestinians-in-gaza (16.45)
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Israel bombardiert Beirut. Das Ziel war ein Wohngebäude. Menschen kamen nicht zu schaden, weil Israel die Bewohner offenbar im Voraus warnte. Israel beschuldigt die Hisbollah, Raketen auf Israel abgefeuert zu haben. Die Hisbollah bestreitet das. Netanjahu droht damit, dass Israel „überall im Libanon“ angreifen werde. Beobachter sagen, dass Israel den seit November offiziell bestehenden Waffenstillstand täglich verletzt habe, hunderte Male.
Israelische Soldaten beschießen das Grenzdorf Kfarchouba, beschädigen Häuser und Autos.
Israelische Angriffe in verschiedenen Orten im Südlibanon. Zwei syrische Arbeiter werden dabei getötet, zwei Menschen verletzt.
Quellen:
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/28/live-israeli-attacks-kill-almost-40-people-in-gaza-over-past-24-hours (15.10, 18.15)
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Israelische Soldaten schießen auf französische UNO-Soldaten.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/29/live-israel-kills-almost-900-since-breaking-gaza-ceasefire-ministry (16.30)
Jordanien:
Große propalästinensische Protestkundgebung nach dem Freitagsgebet in Jordaniens Hauptstadt Amman.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/28/live-israeli-attacks-kill-almost-40-people-in-gaza-over-past-24-hours (17.00)
Syrien:
Die israelische Armee greift die Stadt Koya an. Mindestens fünf Menschen sterben.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/25/live-israeli-attacks-kill-65-in-gaza-including-journalists-children (18.15)
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Yemen:
Erneut dutzende Luftangriffe durch die USA.
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USA:
Die Trump-Regierung macht ihre Ankündigung wahr, Studierenden ohne amerikanischen Pass, die an pro-palästinensischen Protesten teilgenommen haben, ihre Visas zu entziehen und sie außer Landes zu schaffen. Sieben junge Männer und Frauen sind bisher von diesen Maßnahmen betroffen. Zwei von ihnen haben einen unbefristeten Aufenthaltstitel. Vier sitzen derzeit in Abschiebehaft, zwei halten sich versteckt, und eine Frau hat sich der unmittelbar drohenden Verhaftung durch Flucht nach Kanada entzogen. Eine Aufnahme einer Überwachungskamera zeigt die Festnahme der 30jährigen Doktorandin Rumeysa Öztürk auf offener Straße: Sie wird von einem halben Dutzend dunkel gekleideter und teilweise maskierter Männer umringt. Dann werden ihr die Hände auf dem Rücken gefesselt und sie wird abgeführt. Keiner der genannten Personen wird eine konkrete strafbare Handlung zur Last gelegt.
Quellen:
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Österreich:
Der israelische Botschafter in Österreich, David Roet, besuchte am 20. März die Israelitische Kultusgemeinde Tirol und Vorarlberg. In zwangloser Atmosphäre schwadronierte der Botschafter eine gute halbe Stunde vor sich hin. Was er nicht ahnte: dass einer der Anwesenden den O-Ton aufzeichnete und das Video danach der Jüdischen Antizionistischen Initiative zuspielte. Roet ist nicht leicht zu zitieren, weil er fast ausschließlich in unvollständigen und sehr holprigen englischen Sätzen spricht. Doch einiger seiner Satzfragmente lassen sich gut interpretieren: So fordert er etwa, dass „im Krieg“ die Todesstrafe ab 16 gelten sollte, für alle, die eine Waffe tragen. Weiters: „If Europe is crazy enough to invest money in Gaza, so we will have to destroy it the next time.“ Einer der Anwesenden ist ein ehemaliger Konsul der Republik Österreich. Dieser sagt am Ende der Sitzung: „I’m gonna play golf in Gaza, whether you like it or not.”
Quellen:
https://www.youtube.com/watch?v=3zjGerkF5Ho
Medien-Empfehlungen
„Kids Under Fire in Gaza„. Video, 25 Minuten.
Mehrere amerikanische Ärzte, die in Gaza hospitierten, berichten, dass fast täglich Kinder mit Schusswunden ins Krankenhaus gebracht wurden: Kugeln im Kopf, in der Brust, im Bauch, oft tödlich. Die Ärzte sagen, dass das in dieser Zahl keine Zufälle oder Unfälle gewesen sein können. Es sei ein Muster erkennbar. Israelische Soldaten schießen absichtlich Kinder tot.
Eine der kleinen Patientinnen war die vierjährige Mira. Sie wurde von einer Drohne in den Kopf geschossen. Die Kugel steckte in ihrem Gehirn. Einer Ärztin gelang es, die Kugel zu entfernen. Das Kind überlebte, lernte wieder zu sprechen und zu gehen. Die Familie wurde erneut Opfer eines israelischen Angriffs. Diesmal blieb Mira unverletzt. Dafür wurde ihre Mutter schwer verletzt. Sie verlor ein Bein.
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„Journalisten in Gaza: Tod nach Drohnenflug“. Online-Textbeitrag mit eingebetteten 3D-Simulationen und Videoaufnahmen. Von Maria Retter, Youssr Youssef und Hoda Osman.
Es geht unter anderem um die Tötung von Journalisten in Gaza durch die israelische Armee. Besonders das Filmen mit Drohnen ist für Journalisten in Gaza lebensgefährlich. Mehrere Journalisten wurden getötet, nachdem sie Filmaufnahmen mit Drohnen gemacht hatten.
Berichtet wird außerdem über die Verwendung von palästinensischen Zivilisten als „menschliche Schutzschilde“ und über eine Kinderschutzorganisation im Westjordanland. Letztere wird von Deutschland nicht mehr unterstützt, seit sie von Israel als „Terrororganisation“ eingestuft wurde.
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