Gaza
Seit dem 18. März (also seit dem Ende der Bombenpause ab Mitte Januar) starben in Gaza mindestens 1.163 Menschen durch israelische Angriffe, mehrheitlich Frauen, Kinder und alte Menschen. Das Mädchen auf dem Titelbild ist ein Mensch von diesen. Es war 10 Jahre alt. Es starb bei einem israelischen Angriff auf das Zelt seiner Familie, gemeinsam mit seinen Schwestern, seinem Bruder, seinen Eltern, seinem Onkel und seiner Tante.
Die israelische Zeitung Haaretz schrieb über den israelischen Großangriff in der Nacht vom 17. auf den 18. März:
„Letzte Woche herrschte in Israel Begeisterung über einen erfolgreichen Angriff, bei dem Hunderte von Hamas-Kämpfern ausgelöscht worden sein sollen. Doch die Berichte aus Gaza erzählen eine andere Geschichte.
[…]
Dr. Sakib Rokadiya, ein Chirurg aus Großbritannien, der als Freiwilliger im Nasser-Krankenhaus in Khan Yunis arbeitete, sagte gegenüber Reportern der Associated Press: ‚Was die Ärzte verblüffte, war die Zahl der Kinder … Ein Kind nach dem anderen, ein junger Patient nach dem anderen.‘
[…]
Es ist sicherlich möglich, dass es mehr Tote von der Hamas oder anderen bewaffneten Organisationen gibt, aber es kann schon jetzt behauptet werden, dass nicht 300 Terroristen oder eine Zahl, die dieser Zahl nahe kommt, getötet wurden. Die Zahl der bei dem Anschlag getöteten Männer unter 65 Jahren beläuft sich nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums auf 125. Es ist davon auszugehen, dass die meisten von ihnen keine Terroristen waren.“
***
Zu den mindestens 1.163 Opfern gehören auch neun Mitarbeiter des Palästinensischen Roten Halbmonds und sechs Zivilschutz-Mitarbeiter. Am 23. März machte sich zunächst ein Krankenwagen mit zwei Sanitätern auf nach Rafah, um zwei Opfer eines israelischen Luftangriffs zu bergen. Dieser Krankenwagen geriet in Rafah unter israelischen Beschuss. Die Sanitäter konnten dies an die Zentrale melden. Sie gaben außerdem bekannt, dass mindestens einer von ihnen verletzt sei. Danach brach der Kontakt ab. Darauf hin wurde ein Rettungskonvoi nach Rafah geschickt, bestehend aus fünf Krankenwagen, einem Feuerwehrwagen und einem UN-Fahrzeug. Auch zu diesen Fahrzeugen brach der Kontakt ab. Es ist inzwischen bekannt, dass dieser Konvoi von der israelischen Armee eingekesselt und unter Beschuss genommen worden war.
Tagelang versuchte der Rote Halbmond, von der israelischen Armee die Erlaubnis zu bekommen, die Männer herauszuholen. Die Erlaubnis wurde jedoch verweigert. Außerdem verweigerte die israelische Armee jegliche Auskunft über das Schicksal der Vermissten. Angehörige, Freunde und Kollegen mussten das Schlimmste befürchten, litten aber auch unter der Ungewissheit. Am 28. März – also fünf Tage nach dem Überfall – wurde die Leiche eines der vermissten Zivilschutzmitarbeiter gefunden. Von den anderen 14 Vermissten gab es nach wie vor keine Spur. Einen Tag später, am 29. März, berichteten Zeugen, dass auch die übrigen 14 von israelischen Soldaten ermordet worden waren.
Am 30. März schließlich – eine ganze Woche nach dem Verbrechen – erlaubte die israelische Armee einem internationalen Team den Zugang zu dem Gebiet. Dort wurden die Leichen der 14 Männer gefunden. Sie waren im Sand verscharrt worden. Ihre Verletzungen ließen darauf schließen, dass die Männer regelrecht hingerichtet wurden. Einige waren an Händen oder Füßen gefesselt und wiesen Kopfschüsse und Schüsse in die Brust auf. Die völlig zerstörten Einsatzfahrzeuge waren ebenfalls im Sand verscharrt.
Die israelische Armee erklärte im Nachhinein, es habe sich um Terroristen gehandelt, die Rettungsfahrzeuge zur Tarnung benutzt hätten. Ein Beweis für diese Behauptung wurde nicht vorgelegt.
Seit Beginn des Krieges wurden in Gaza mehr als 1.000 Sanitäter von der israelischen Armee getötet. Es wurden Krankenwagen gezielt angegriffen, auch wenn die Rettungsfahrten zuvor mit der israelischen Armee abgestimmt worden waren. Die Behauptung, es habe sich um „Terroristen“ gehandelt, ist eine Standard-Rechtfertigung der israelischen Armee – sofern diese überhaupt auf Nachfragen reagiert.
Der Rote Halbmond veröffentlichte Namen und Fotos der getöteten Sanitäter. Sie wurden in Khan Younis unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beerdigt.
Gazas Zivilschutzbehörde apellierte an die internationale Gemeinschaft, unverzüglich zu handeln: Es brauche Sanktionen gegen Israel, eine unabhängige UN-geführte Untersuchung sowie Schutz für medizinisches Personal und humanitäre Helfer in Gaza.
Heute meldete die israelische Armee, man werde den Vorfall untersuchen. Das dürfte eine Reaktion auf die internationale Aufmerksamkeit sein. (Es wurde auch in deutschen Medien berichtet.) Allerdings sind in der Vergangenheit solche angekündigten internen Untersuchungen der israelischen Armee in der Regel im Sande verlaufen (sofern sie überhaupt aufgenommen wurden).
***
Zu den mindestens 1.162 Opfern gehören auch zwei Polizisten, die vor wenigen Tagen bei einem israelischen Luftangriff starben.
Es erstaunt mich immer wieder, dass nach eineinhalb Jahren dieses gnadenlosen Krieges immer noch manches zu funktionieren scheint in Gaza. Ich erinnere mich an ein Foto aus der Zeit des Waffenstillstandes: Ein Polizist regelt den Verkehr auf einer Kreuzung in Gaza. Auch das ist eine Art von Widerstand: die zivile Ordnung zu schützen, so gut es geht.
Gewiss haben Polizisten in Gaza in diesen Tagen viel mehr zu regeln als den Verkehr. Bei so vielen Menschen, traumatisiert, auf engstem Raum in Notunterkünften zusammengepfercht, durch mehrfache Vertreibung aus ihrem sozialen Umfeld gerissen, unter den Bedingungen extremen Mangels, muss es Spannungen geben. Doch allem Anschein nach ist in Gaza noch keine Anarchie ausgebrochen. Es würde die Besatzungsmacht sicher freuen, wenn die Menschen in Gaza sich gegenseitig bekämpfen würden. Die gezielten Angriffe auf Polizisten – die ja dazu da sind, genau das zu verhindern – sind vermutlich in diesem Zusammenhang zu sehen.
***
Zu den mindestens 1.162 Opfern gehören auch 22 Menschen, die bei einem israelischen Angriff auf eine UNRWA-Klinik im Flüchtlingslager Jabalia starben. Zeugen beschreiben Szenen unvorstellbaren Grauens.
***
Israel kündigt an, in Gaza große Landesteile dauerhaft zu besetzen, zusätzlich zu den „Pufferzonen“, die schon vor dem gegenwärtigen Krieg 17 Prozent der Landfläche ausgemacht haben. Diese neue Landnahme betrifft unter anderem Rafah im Süden und trennt Rafah von der weiter nördlich gelegenen Stadt Khan Younis. Bereits vor dem Krieg gehörte Gaza zu einem der dichtest besiedelten Gebiete der Welt.
***
Die israelische Armee zwingt die Menschen zur Flucht aus Rafah und schießt mit Hilfe von Drohnen auf sie, während sie flüchten. Die Menschen werden von der israelischen Armee augefordert, nach al-Malwasi zu gehen, in eine sogenannte „Sicherheitszone“. Doch in der sogenannten „Sicherheitszone“ werden Menschen in ihren Zelten ermordet.
***
In Gaza gibt es nun keine langen Schlangen mehr vor den Bäckereien. Denn in Gaza ist keine Bäckerei mehr in Betrieb. Sie mussten alle schließen, aus Mangel an Mehl oder aus Mangel an Treibstoff.
Quellen:
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/4/2/live-israels-gaza-blockade-reaches-one-month-forcing-bakeries-to-close (09.30, 11.00, 16.30, 12.05, 13.16, 16.08)
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/4/3/live-israel-kills-almost-80-palestinians-in-gaza-attacks-bombs-un-clinic (10.30, 12.30)
https://www.theguardian.com/world/2025/apr/03/the-gaza-paramedic-killings-a-visual-timeline
https://www.haaretz.com/israel-news/2025-03-27/ty-article-magazine/.premium/in-one-of-the-gaza-wars-darkest-nights-the-idf-killed-nearly-300-women-and-children/00000195-d949-da7e-adb7-f9d9e5760000 [im Original auf Englisch, mit Bezahlschranke; deutsche Übersetzung von Stefan Dencker].
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/31/live-israel-kills-64-in-gaza-on-eid-bodies-of-14-missing-medics-recovered (12.25, 13.40)
Krieg gegen Journalisten
Vor wenigen Tagen wurde ein Bericht über die Anzahl der getöteten Journalisten in Gaza veröffentlicht. Demnach wurden noch in keinem Konflikt je zuvor in so kurzer Zeit so viele Journalisten getötet wie in Gaza von Oktober 2023 bis Ende 2024. Demnach starben im Gaza-Krieg innerhalb von 15 Monaten mehr Journalisten als im amerikanischen Bürgerkrieg, in den beiden Weltkriegen, im Vietnamkrieg, im Koreakrieg, in den Jugoslawienkriegen, im Afghanistankrieg und im Ukrainekrieg zusammengenommen. Insgesamt mehr Journalisten mussten ihr Leben lassen während des Irakkrieges, doch dieser dauerte mehr als 20 Jahre. Im Irakkrieg starben durchschnittlich 13 Journalisten pro Jahr, in Gaza waren es 13 pro Monat. Insgesamt waren es bis März mindestens 232 Journalisten, die meisten von ihnen Einwohner von Gaza.
70 Prozent aller Journalisten, die im Jahr 2024 auf der ganzen Welt im Zuge der Ausübung ihrer Tätigkeit umgekommen sind, wurden von der israelischen Armee ermordet. Noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen vor 30 Jahren hat ein einzelnes Land so viele Journalisten getötet wie Israel 2024. Zumindest einige von ihnen wurden mit hoher Wahrscheinlichkeit ganz gezielt getötet, weil sie als Journalisten tätig waren. Einer von ihnen ist Hossam Shabat: Shabat arbeitete für Al Jazeera in Gaza. Er starb am 24. März 2025 bei einem israelischen Angriff auf sein Auto, das als Pressefahrzeug gekennzeichnet war. Er war im November 2024 durch einen israelischen Angriff verwundet worden. Damals wurde er gefragt, ob er Angst habe zu sterben. Er antwortete: „Sollen wir aufhören, solange es Massaker und Bombardierungen gibt?“
Am ersten April wurde in Gaza ein weiterer Journalist getötet: Mohammed Saleh al-Bardawil.
Quellen:
https://watson.brown.edu/costsofwar/papers/2025/Journalists
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/25/live-israeli-attacks-kill-65-in-gaza-including-journalists-children (11.45, 13.30)
Jüdische Stimmen für den Frieden
Instagram-Video einer jungen israelischen Jüdin:
„Ich heiße Yahav Erez, und ich bin geboren und aufgewachsen in Israel. Die entsetzlichen Verbrechen, die das israelische Militär in Gaza, dem Westjordanland und dem Libanon verübt hat, sind nicht zu rechtfertigen. Dennoch scheinen sie irgendwie von vielen Entscheidungsträgern in der internationalen Gemeinschaft akzeptiert zu werden. Das ist mehr als absurd. Es hat nichts zu tun mit meiner Sicherheit als jüdische Person – ganz im Gegenteil. Und jeder, der das behauptet, ist entweder ein Betrogener oder ein Betrüger. Die israelische Lobby benutzt mich und mein Volk als eine Ausrede dafür, einen Genozid zu verüben – ohne irgendwelche Konsequenzen. Und das ist eine widerwärtige Beleidigung des jüdischen Volkes in seiner Gesamtheit. Doch, wichtiger noch: Es ist moralisch verkommen und schlechthin böse. Ich rufe die Mächtigen der internationalen Gemeinschaft auf: Stoppt diesen Wahnsinn! Ich spreche für mich selbst. Aber ich habe viele Freunde, die Angst haben zu sprechen, hier in Israel. Sie fürchten sich vor den Konsequenzen. Aber ich habe keine Angst. Und du solltest auch keine haben. Denk daran, deine Loyalität gehört zuallererst der Humanität, nicht dem Geld, der Macht oder politischen Allianzen. Denk daran das nächste Mal, wenn du in den Spiegel schaust.“
Quelle: https://www.instagram.com/yehavit/reel/DCezaU5NPEY/
Yahav Erez ist eine israelische Bloggerin und Aktivistin in der Friedensbewegung. Ihr Bloggername ist „Yehavit“. Hier ist der Link zu ihrer Webseite:
Hier kann man noch mehr von ihr sehen und hören:
https://www.youtube.com/@yehavit
Elik Harpaz und Ayelet Ben Ishay sind Freunde von Yahav Erez. Sie drücken ihre Gefühle und Gedanken zum Gaza-Krieg in schön-wütenden, – traurigen, und -nachdenklichen Antikriegsliedern aus. Hier kann man welche davon hören:
Diese Stimmen spenden Trost in dunkler Zeit. Danke Yahav, Ayelet und Elik!
Hinterlasse einen Kommentar