Verbotene Trauer

Heute möchte ich drei Geschichten über palästinensische Trauer erzählen: Palästinenser trauern überall auf der Welt, aber vor allem in Gaza, in der Westbank und in Israel. Überall hat die Trauer dieselbe Ursache, nämlich das Morden der israelischen Besatzungsarmee in Gaza. Doch getrauert wird auf sehr unterschiedliche Weise. Das liegt daran, dass die Besatzungsmacht unterschiedliche Formen der Unterdrückung entwickelt hat.

Trauern in Gaza

Osama Abu Musabah betrauert den Tod seiner Frau, aller seiner Kinder und 13 weiterer Verwandter. Alle diese Menschen sind bei einem einzigen israelischen Angriff ums Leben gekommen. Videobilder zeigen (wenn ich es richtig interpretiere) den Transport der Leichen ins Krankenhaus und dann das Abschiednehmen im Krankenhaus.

Die erste Sequenz: Ein Mann in seinen Vierzigern, schwarzes T-Shirt und Kapuzen-Sweatjacke. Er sitzt auf einer offenen Ladefläche, die von weißen Metallstäben eingefriedet ist, ein Anhänger. Im Vordergrund eine Leiche in einem weißen Plastiksack. Viele solcher Säcke habe ich gesehen in den vergangenen Monaten. Der Mann kniet vor der Leiche und schreit seinen Schmerz hinaus, immer wieder. Was er sagt, kann ich nicht verstehen. Das Video hat keine Untertitel. Aber es ist klar, dass er seinen Verlust beklagt. Er berührt den Leichensack, schüttelt ihn, als könne man den Körper darin wieder aufwecken. Mit einer Hand hält er sich an der Einfriedung fest. Mit der anderen fasst er sich ans Herz, an den Bauch.

Am Hintergrund kann man erkennen, dass der Anhänger in Bewegung ist. Aber er bewegt sich sehr langsam, viel zu langsam für ein Auto. Vielleicht wird er von einem Esel gezogen. Eselskarren sind in Gaza häufig. Andere Männer begleiten den Anhänger. Manche gehen daneben her, andere haben sich auf den Rand des Anhängers gestellt und halten sich an der Einfriedung fest. Sie versuchen den Trauernden zu trösten. Hände berühren ihn. Einer versucht, ihn zum Aufstehen zu bewegen. Er schüttelt den Arm ab.

Ich habe noch nie einen Menschen so trauern gesehen, schon gar nicht einen Mann.

Die zweite Sequenz: Im Krankenhaus. Der Trauernde hockt jetzt vor den Leichen, die am Boden liegen. Er weint. Hinter ihm stehen andere Männer. Einer beginnt zu beten (jedenfalls glaube ich, dass es ein Gebet ist). Der Trauernde steht auf.

Dritte Sequenz: Noch immer im Krankenhaus. Der Mann schreit wieder, umklammert die Ränder des weißen Leichensacks mit den Händen. Männer streicheln seinen Rücken, seinen Kopf. Es sind viele Leichensäcke. Dicht gedrängt, einer neben dem anderen, liegen sie am Boden.

Vierte Sequenz: Der Mann steht nun aufrecht, in einer Menge anderer Männer, Schulter an Schulter. Ein Gebet beginnt.

Trauern im Westjordanland

Israelische Soldaten stürmen ein Haus in Hebron, verwüsten die Einrichtung, nehmen an sich, was sie nicht zerstört haben und verjagen die Anwesenden. Dergleichen ist im Westjordanland nicht ungewöhnlich. Doch in diesem Fall hatte die Razzia einen besonderen Grund: In dem Haus wurde um einen toten Verwandten getrauert, der in Gaza durch einen israelischen Angriff gestorben war. Der Tote hieß Mu’ayyad Suleiman al-Qawasmi. Er war 2011 im Zuge eines Gefangenenaustauschs aus einem israelischen Gefängnis entlassen und nach Gaza deportiert worden.

Während der kurzen Phase des Waffenstillstands Anfang dieses Jahres, als palästinensische Gefangene im Austausch gegen israelische Geiseln aus israelischen Gefängnissen entlassen wurden, verbot die israelische Armee den Menschen im Westjordanland, die Heimkehr ihrer Lieben zu feiern. Insbesondere war es ihnen verboten, Gäste einzuladen. Taten sie es trotzdem, gab es Strafrazzien: Soldaten drangen in die Häuser ein, schlugen das Inventar kurz und klein, bedrohten und schlugen die Menschen, plünderten und verhafteten.

Ich dachte damals, sie gönnen ihnen einfach keine Freude. Doch inzwischen glaube ich, dass es um mehr geht, nämlich um das Zerstören von Gemeinschaft, im Großen wie im Kleinen. Im Großen wird die palästinensische Gemeinschaft zerstört, indem sie auf immer mehr isolierte Enklaven verteilt wird, zwischen denen keine Bewegungsfreiheit besteht. Im Kleinen wird sie zerstört, indem man selbst Zusammenkünfte im engen Familien- und Freundeskreis mit Gewalt behindert oder auflöst oder durch permanenten Terror die Menschen so einschüchtert, dass sie von sich aus Zusammenkünfte meiden.

Palästinensisches Trauern in Israel

Mit Recht stehen die Palästinenser in Gaza seit Beginn des Krieges im Zentrum der Aufmerksamkeit. Spätestens seit Beginn der israelischen Invasion zu Beginn dieses Jahres bekommt jedoch auch das Westjordanland immer wieder Schlagzeilen. Aus Ostjerusalem hören wir von verhafteten Buchhändlern und von Siedlern, die die Al-Aqsa-Moschee stürmen. Doch eine Gruppe von Palästinensern ist beinahe vergessen: die Palästinenser, die in Israel leben. In Israel werden sie meist „arabische Israelis“ genannt – ein Versuch, durch eine Sprachregelung deren Zugehörigkeit zum palästinensischen Volk auszulöschen. Doch Tausende israelische Palästinenser haben Angehörige im Gazastreifen – teils enge Angehörige: Brüder, Schwestern, Eltern, Nichten und Neffen.

Hier ist die Geschichte von Adel. Adel wurde in Gaza geboren. Er lebt seit mehr als 20 Jahren in Israel, ist verheiratet und arbeitet als Taxifahrer. „Adel“ ist nicht sein richtiger Name. Adels Bruder lebte in Gaza. Er hatte ihn 15 Jahre lang nicht gesehen. Die Nachricht von seinem Tod bekam er per WhatsApp. Die Nachricht lautete: „Dein Bruder Muhammad wurde bei einem Angriff vor drei Tagen getötet. Er ist ein gefallener Märtyrer. Möge Allah ihm gnädig sein. Wir konnten ihn aus den Trümmern herausholen, und sein Körper war intakt. Bete für die verbliebenen Mitglieder der Familie.“

Adel hatte zwar seinen Bruder lange nicht gesehen, doch er war ihm emotional sehr verbunden. Muhammad war sein kleiner Bruder. Doch er und seine Familie wagten nicht, ihre Trauer öffentlich zu zeigen. Vielmehr hatten sie Angst, ins Visier der israelischen Behörden zu geraten. In Israel ist es gefährlich, Mitleid mit den Opfern in Gaza zu zeigen – insbesondere für Palästinenser.

Adels Frau Maryam (die in Wirklichkeit auch anders heißt) erzählte: „Er [Adel] wusste nicht, was er mit sich anfangen soll. Nachdem seiner Bruder gestorben war, wachte er nachts weinend auf, saß stundenlang stumm allein im Wohnzimmer. Mein Mann war mental gebrochen. Er versank in einer Depression.“

Adel gelang es, nach und nach Details über den Tod seines Bruders herauszufinden: dass er erst nach mehreren Tagen aus den Trümmern geborgen werden konnte; dass man seinen Leichnam ins Krankenhaus brachte, dass ihn aber zunächst niemand identifizieren konnte, da es für die Nachbarn zu gefährlich war, ins Krankenhaus zu gehen; dass das Krankenhaus daraufhin bekanntgab, wenn niemand zur Identifikation käme, würde man ihn im Hof des Krankenhauses bestatten, so wie zahlreiche andere nicht identifizierte Tote; dass schließlich ein junger Mann aus der Nachbarschaft sein Leben riskierte, um sich zur Identifikation ins Krankenhaus zu begeben, und mit der Leiche zurückkehrte.

All das konnten Adel und Maryam niemandem erzählen. Auf der Arbeit durften sie sich nichts anmerken lassen. Für die Kollegen war Adels Bruder ein Terrorist, ein Feind, einer dem sie den Tod wünschen. Wie hätte er da Mitgefühl erwarten können?

Sie hätten sich nicht einmal getraut, eine Todesanzeige in ihren WhatsApp-Gruppen zu posten. „Nach außen hin musste alles business as usual sein. Du kannst nichts zeigen, nicht dass sie noch glauben, wir sind Hamas-Unterstützer, Gott bewahre. Aber innen, im Haus, ein großer Verlust und schwierige Gefühle, in einem Zustand des Schweigens.“

Schließlich richtete Maryam eine Art alternative Trauerfeier für ihren Schwager aus: Sie lud enge Freunde und Verwandte ein, es gab ein Festmahl, man tauschte Geschenke aus und betete die traditionellen Begräbnis-Gebete, als wäre der Tote bei ihnen. Dieses Ritual gab ihrem Mann einen Teil seines Seelenfriedens zurück.

Es wirkt auf mich so, als würden die israelischen Palästinenser ihre palästinensische Identität, ihre palästinensischen Wurzeln, so gut wie möglich verbergen. Sie haben wohl Angst, die nächsten zu sein, die der israelischen Raserei zum Opfer fallen. Diese Angst ist nicht grundlos. Hier ist ein Bericht des jüdisch-israelischen Lehrers Dr. Meir Baruchin:

„Im Unterricht fragte mich ein Schüler, ob ich, wenn ich die Möglichkeit hätte, alle Araber*innen auf Knopfdruck zu töten, es tun würde. Ich sagte zu ihm: ‚Natürlich würde ich das nicht tun‘, und er sagte: ‚Das ist verrückt, wie kann man das nicht wollen?‘ Ich sagte zu den Schülern: ‚Nur ein paar Minuten von hier entfernt, im Rabin Medical Center, gibt es arabische Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen – wollt ihr, dass ich sie töte?‘ Und ein Student antwortete: ‚Natürlich! Was wollen Sie uns damit sagen? Ich würde mich niemals von einem arabischen Arzt behandeln lassen. Lieber würde ich sterben.‘ Das ist die Mentalität. Das ist keine Randerscheinung – das ist Mainstream. Das sind Kinder, ja, aber wir müssen sie ernst nehmen und uns mit ihnen auseinandersetzen. Für mich ist klar, dass sie das wiederholen, was sie zu Hause und von Politikern hören.“

Quellen:

https://x.com/PalestineChron/status/1924761734331466117?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E1924761734331466117%7Ctwgr%5E917ab97fc4cf84f723bab66d0db85a31d07ce688%7Ctwcon%5Es1_&ref_url=https%3A%2F%2Fwww.palestinechronicle.com%2Flive-blog-massacres-throughout-gaza-ansarallah-declares-haifa-ban-day-591%2F

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/5/23/live-israeli-attacks-kill-85-in-gaza-as-starvation-related-deaths-hit-29 (18.00)

https://thepalestineproject.medium.com/an-additional-layer-of-oppression-the-silenced-mourning-of-the-palestinian-citizens-f2efc3a95c98

Aussendung 34/2025 von Martha Tonsern, Vertretung des Staates Palästina in Österreich, Slowenien und Kroatien, 16. Mai 2025. (Entnommen aus: „Portraits of fascism“ von Oren Ziv, +972Mag, 9.Mai 2025: https://projects.972mag.com/portraits-of-fascism)

https://de.wikipedia.org/wiki/Arabische_Israelis

Medientipp

Filmbeitrag Überleben im Gazastreifen (6 Minuten): https://www.arte.tv/de/videos/126902-000-A/ueberleben-im-gazastreifen/ (verfügbar bis 13. 5. 2026).

Der kurze Beitrag zeigt den Alltag der Menschen in Gaza unter der Blockade. Gezeigt wird zunächst, wie sich die Leute in Gaza ihren eigenen Kraftstoff herstellen. Sie holen kaputte Kunststoffwassertanks aus zerstörten Häusern und schreddern diese, so dass sie kleine Plastikteile haben. Diese werden dann in improvisierten Öfen verbrannt und daraus wird ein Kraftstoff destilliert. Das Verfahren ist umweltschädlich und wohl noch viel mehr gesundheitsschädlich. Aber die Leute verwenden dieses Zeug für alles: für ihre Autos, zum Kochen, für Lampen.

Zweitens wird gezeigt, wie aus Decken Kleidung genäht wird. Denn Kleidung kam seit Beginn des Krieges auch keine mehr in den Gazastreifen. Das Problem: Mit der Hand nähen dauert zu lange, und für Nähmaschinen braucht man Strom, den es nicht gibt. Lösung: Die Nähmaschinen werden mit umgebauten Fahrrädern angetrieben. Eine Frau sitzt an einem Tisch an der Maschine und näht. Auf der anderen Seite ist auf den Tisch ein Fahrrad montiert, dessen Pedale von einem Kind nicht mit den Beinen, sondern mit den Händen bewegt werden.

Drittens: Die jungen Breakdancer. Kinder üben in den Trümmern Breakdance. Sie sind großartig. Ein Bub träumt davon, ins Ausland zu gehen und dort ein Breakdance-Studio zu eröffnen. Er will Breakdance unterrichten. Außerdem will er an Wettbewerben teilnehmen und Palästina vertreten.

Breakdance ist sehr populär unter jungen Leuten in Gaza.

Bild: Kinder im Breakdance-Studie Camps Breakerz in Gaza. (Supplied: CampsBreakerz) Quelle: https://www.abc.net.au/news/2024-08-15/gaza-breakdancers-use-movement-to-heal-trauma-in-warzone/104114100


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