„Hilfe“ als Waffe

Gestern (am 27. Mai) hat die sog. „Gaza Humanitarian Foundation“ (GHF) mit der Verteilung von Hilfsgütern im Gazastreifen begonnen. Die GHF wurde von Israel und den USA ins Leben gerufen. Sie soll fortan die Verteilung der Hilfsgüter in Gaza durchführen, anstelle der internationalen Hilfsorganisationen, die bisher in Gaza humanitäre Hilfe geleistet haben, allen voran die UNRWA.

Die UNO und andere Organisationen hatten diesen Plan schon im Vorfeld scharf kritisiert. Die wichtigsten Kritikpunkte sind:

  • Die GHF hält sich nicht an grundlegende Prinzipien der humanitären Hilfe, insbesondere nicht an das Prinzip der Unparteilichkeit, der Neutralität und der Unabhängigkeit. Diese Prinzipien besagen, dass jedem Menschen geholfen wird, der Hilfe braucht – unabhängig etwa von ethnischer Zugehörigkeit, Religion oder politischer Einstellung; dass die Helfer in einem Konflikt für keine Seite Partei ergreifen; und dass die Hilfe nicht für militärische oder politische Ziele instrumentalisiert werden darf. Der „executive director“ der GHF, Jake Wood, gab vor zwei Tagen seinen Rücktritt bekannt, weil er diese Prinzipien verletzt sieht.
  • Der Plan sieht viel zu wenige Verteilzentren vor, nämlich nur vier, anstelle von ca. 400 existierenden Verteilzentren. Das bedeutet, dass die Menschen weite Wege gehen müssen, um zu Hilfe zu gelangen. Humanitäre Hilfe sollte aber von dem Prinzip geleitet sein, dass die Hilfe zu den Menschen kommt, nicht umgekehrt. Ansonsten besteht die Gefahr, dass gerade die vulnerabelsten Gruppen (alte Menschen, Kranke, Behinderte, vom Hunger schon stark Geschwächte) keine Hilfe erhalten.
  • Soweit bisher bekannt, sollen die Verteilzentren allesamt im Süden errichtet werden. Das bedeutet, dass die Menschen, die noch im Norden sind, erneut zur Umsiedlung in den Süden gezwungen werden, und zwar in ein winziges Stück Land direkt an der Küste. Dies entspricht Israels Plan, die Einwohner Gazas im Süden des Landes zu „konzentrieren“, und zwar unter so menschenunwürdigen Bedingungen, dass sie bereit sind, Gaza zu verlassen, sobald sich ein Aufnahmeland findet.
  • Die von der GHF vorgesehene Hilfe ist bei weitem nicht ausreichend. Die Rede war von Hilfe für etwas mehr als eine Million Menschen. Das wäre etwa die Hälfte der Bevölkerung Gazas. Was mit der anderen Hälfte geschehen soll, blieb unklar. Auch sind lediglich Lebensmittel- und Medikamenten-Lieferungen vorgesehen, nicht aber Wasser, Treibstoff und Material zum Bau von Unterkünften.
  • Die Verteilung von Nothilfe für zwei Millionen Menschen, die ausgehungert und verzweifelt sind, erfordert eine komplexe Logistik, Erfahrung und das Vertrauen der Bevölkerung. Die seit Jahrzehnten in Gaza tätigen Hilfsorganisationen erfüllen diese Bedingungen, die aus dem Boden gestampfte GHF erfüllt sie jedoch nicht.

Schon seit Wochen haben Hilfsorganisationen gewarnt, dass die GHF eher Beihilfe zur „ethnischen Säuberung“ Gazas leistet als tatsächlich eine angemessene Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Manche sprechen auch vom „weißwaschen“ des Genozids.

Es ist wohl auch nicht zuletzt eine Reaktion auf den wachsenden Druck der internationalen Gemeinschaft, ein Versuch, die Kritiker mundtot zu machen, auf dass Waffen und Geld aus dem Westen weiterhin reichlich nach Israel fließen.

Gestern hatte nur eines der geplanten vier Verteilzentren seinen Betrieb aufgenommen. Dieses befindet sich am Rande von Rafah, also ganz im Süden, in einer von der israelischen Armee kontrollierten Zone, in der kaum mehr ein Stein auf dem anderen steht und die Menschen nicht einmal während des sog. „Waffenstillstands“ Anfang des Jahres sicher vor den israelischen Scharfschützen waren.

Es war angekündigt worden, dass am Eingang zu den Verteilzentren Personenkontrollen durchgeführt werden, und es gab Befürchtungen, dass Menschen dort verhaftet werden. Dennoch machten sich Tausende auf den Weg nach Rafah, um eines der Lebensmittelpakete zu erhalten. Dort brach Chaos aus. Die privaten Sicherheitskräfte verloren völlig die Kontrolle. Verzweifelte Menschen stürmten das Gelände und nahmen die Pakete an sich. Die Sicherheitskräfte mussten sich „vorübergehend zurückziehen“, wie sie selbst sagten. Nach einer anderen Version mussten israelische Soldaten die Mitarbeiter der GHF „evakuieren“.

Es fielen auch Schüsse. Wer genau die Schüsse abgegeben hat, ob auf Menschen gezielt wurde, und ob es Verletzte gab, darüber gab es widersprüchliche Angaben. Nach einer Version haben die privaten Sicherheitskräfte Warnschüsse abgegeben, nach einer anderen haben israelische Soldaten mit scharfer Munition in die Menge geschossen. Inzwischen melden die Behörden in Gaza mindestens drei Tote und Dutzende Verletzte. Mehrere Personen seien vermisst. Dass 47 Menschen an der Verteilstation verletzt wurden, bestätigt inzwischen auch der Sprecher des Menschenrechtsbüros der UN, Ajith Sunghay. Sunghay sagt, dass die meisten Verletzungen wahrscheinlich durch israelisches Gewehrfeuer verursacht worden seien. Die GHF und die israelische Armee leugnen diese Meldungen.

Diese Schilderungen und Berichte wecken düstere Erinnerungen an das „Mehl-Massaker“ vom 29. Februar 2024: Damals hatte sich eine große Menschenmenge bei einer Hilfslieferung versammelt. Die israelische Armee eröffnete das Feuer auf die Menge. Damals starben mehr als 100 Menschen. Auch damals leugnete die israelische Armee, auf die Menschen geschossen zu haben.

Von der Verteilstation selbst konnte ich keine Film- oder Fotoaufnahmen finden. Das wenige verfügbare Videomaterial zeigt Menschenmassen und kilometerlange hohe Zäune in einer wüstenartigen Hügellandschaft. Es ist zu sehen, dass die Zäune teilweise niedergerissen wurden.

Die Journalistin Hind Khoudari hat den Inhalt eines der heute verteilten Pakete in Augenschein genommen: 4kg Mehl, einige Packungen Nudeln, zwei Dosen Bohnen, eine Packung Teebeutel und einige Packungen Kekse. Andere Pakete enthielten Linsen und Suppe.

Als ich das gelesen habe, musste ich daran denken, dass Gaza vor dem Krieg für seine Erdbeerkulturen bekannt war. „Das rote Gold Gazas“ wurden sie genannt. Es gab auch Obstgärten und Gemüseanbau. Jetzt sind so gut wie alle landwirtschaftlich nutzbaren Flächen Gazas zerstört.

Nach Aussagen der GHF sollen die 8.000 heute verteilten Pakete 462.000 Mahlzeiten enthalten. Ich habe nachgerechnet: Das wären knapp 58 Mahlzeiten pro Paket.

Ich habe den Kaloriengehalt von Mehl, Nudeln, Dosenbohnen und Keksen recherchiert und bin davon ausgegangen, dass ein Paket neben 4kg Mehl noch 2kg Pasta enthält, sowie 1kg Bohnen und 600 Gramm Kekse. Ich habe mir dann ausgerechnet, dass der Gesamtinhalt eines solchen Pakets einen Nährwert von knapp 22.000 Kilokalorien hat.

Wenn ich das nun durch die behaupteten 58 Mahlzeiten dividiere, dann komme ich pro Mahlzeit auf (gerundet) 375 Kilokalorien. Zum Vergleich: Der Nährwert einer Pizza Margerita wird mit 800 bis 1200 Kalorien angegeben.

Wenn man von einem (durchschnittlichen) Kalorienbedarf von 2.000 Kilokalorien pro Tag ausgeht, würde so ein Paket also eine Person 11 Tage lang ernähren. Nun soll es aber für eine ganze Familie reichen. Das geht sich etwa für zwei Tage aus.

Nach Ansicht der GHF soll der Inhalt eines solchen Pakets für „5,5 Personen für 3,5 Tage“ reichen. Das wären dann ca. 1.100 Kalorien pro Person und Tag. Doch Familien in Gaza haben, nach meinem Kenntnisstand, in der Regel mehr als „5,5“ Mitglieder. Zu einer Familie in Gaza gehören oft nicht nur viele Kinder, sondern auch ältere Menschen.

8.000 Pakete für 8.000 Familien. Wenn eine Familie in Gaza durchschnittlich aus 7 bis 8 Personen besteht, dann konnten gestern 2 bis 3 Prozent aller Bewohner/innen von Gaza Brot, Nudeln und Bohnen essen – vorausgesetzt sie hatten Wasser zum Kochen und fanden irgendwelches brennbares Material, um ein Feuer zu machen. Von den übrigen 97 Prozent sind wahrscheinlich auch heute wieder einige an Hunger gestorben, während ausreichend Lebensmittel für alle Bewohner/innen Gazas für zwei Monate auf der anderen Seite der Grenze bereitstehen.

Selbst im geplanten „Vollausbau“ (vier Verteilstationen) und unter der optimistischen Voraussetzung, dass an jeder dieser vier Stationen täglich 10.000 solcher Pakete ausgegeben werden, bliebe extremer Hunger in Gaza der Normalzustand. Unter der Annahme, dass diese „Hilfe“ andauert, so lange die Blockade andauert (wofür es bislang meines Wissens keine Zusage gibt), würde – im besten Fall – eine Minderheit der Gazaner etwas langsamer verhungern als der Rest.

Nach einem Bericht der NGO Euro-Mediterranean Human Rights Monitor wurde sogar die wenige gestern verteilte Hilfe nicht etwa von den USA (oder gar von Israel) bereitgestellt, sondern von der NGO Rahma International Foundation gestohlen. Die GHF und die israelische Armee soll Rahma getäuscht und deren Hilfs-LKWs konfisziert und dann in das Verteilzentrum in Rafah gebracht haben.

Heute meldeten die Behörden in Gaza, dass sechs Menschen auf dem Weg zu einem Hilfsgüter-Verteilungszentrum westlich von Rafah von der israelischen Armee erschossen wurden. Es wurden die Namen der sechs Männer veröffentlicht.

Um es zusammenzufassen:

Das, was die GHF liefert, ist selbst als elementarste Lebensmittel-Nothilfe viel zu wenig. Sie ist außerdem für viele Menschen gar nicht und für andere nur mit hohem Risiko erreichbar. Andere dringende Bedürfnisse (Wasser, Strom, Treibstoff, Unterkünfte) werden überhaupt nicht adressiert. Dafür eröffnet die Aktion der israelischen Armee neue Möglichkeiten der Kontrolle und zwingt die Menschen in das geplante große Lager in den Süden. Mit ein paar Keksen und trockenen Nudeln werden die Menschen in eine Falle gelockt. Die meisten wissen das wahrscheinlich, aber sie haben keine Wahl.

***

Derweil geht das Bomben weiter. Allein von heute Morgen bis heute Nachmittag starben in Gaza mindestens 36 Menschen durch israelische Angriffe. Davon starben drei durch eine Bombe auf ein Zelt in al-Malwasi – also in jenem jetzt schon katastrophal überfüllten Gebiet im Süden, in welches sich nach dem Willen Israels alle ca. zwei Millionenen Gazaner begeben sollen.

Am Sonntag bombardierte die israelische Armee die Fahmi al-Jarjawi-Schule in Gaza-Stadt, in der Hunderte Flüchtlinge Unterkunft gesucht hatten. Der Angriff erwischte die Menschen im Schlaf. Es brach ein großes Feuer aus. 36 Menschen kamen allein bei diesem Angriff ums Leben. Ein Video zeigt, wie ein kleines Mädchen allein durch die Flammen geht. Das Mädchen überlebte leicht verletzt. Ihre Mutter starb. Der Vater und ein Bruder überlebten schwer verletzt.

Wie üblich behauptete die israelische Armee, in der Schule habe sich ein Kommondazentrum der Hamas befunden.

Aktuelle Zahlen zum Zustand des Gesundheitssystems in Gaza

  • Von ursprünglich 38 Krankenhäusern sind 22 vollständig außer Betrieb.
  • Mehr als 40 Prozent von der Liste der Basis-Medikamente sind in Gaza nicht mehr verfügbar.
  • Mehr als 60 Prozent von der Liste medizinischer Verbrauchsmaterialien sind in Gaza nicht mehr verfügbar.
  • Von ursprünglich 105 Erstversorgungszentren arbeiten nur noch 30.
  • Von ursprünglich 104 Operationssälen sind gegenwärtig noch 50 in Betrieb, wenn auch unter sehr schwierigen Bedingungen.
  • Von 34 Sauerstoff-Stationen wurden 25 zerstört. Die restlichen neun arbeiten nur noch teilweise.
  • In Gaza gab es sieben Kernspintomographie-Geräte. Sie sind alle zerstört.
  • Von 110 Generatoren, die Gazas Krankenhäuser mit Notstrom versorgen sollen, sind nur noch 49 in Betrieb. Für diese werden dringend Ersatzteile und Treibstoff benötigt.

Quellen:

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/5/27/live-israel-kills-89-in-gaza-as-different-messages-emerge-on-truce-talks (15.05, 15.25, 16.20, 16.40, 18.30)

https://www.youtube.com/watch?v=l_4s44N2-Z8

https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/-/humanitaere-hilfe/311274

https://www.palestinechronicle.com/gaza-aid-center-overrun-by-starving-crowds-us-personnel-flee/?utm_source=emailoctopus&utm_medium=email&utm_campaign=The Palestine Chronicle Newsletter%2C May 27%2C 2025

https://www.aljazeera.com/news/2025/5/28/un-aid-groups-slam-us-israel-backed-initiative-after-deadly-rush-in-gaza

https://www.aljazeera.com/news/2025/5/27/heartbreaking-chaos-in-gaza-as-starving-palestinians-seek-us-israeli-aid

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/5/28/live-israel-bombs-gaza-journalists-home-killing-at-least-eight (08.15 12.30, 13.05, 14.28)

https://www.aljazeera.com/news/2025/5/26/israel-kills-dozens-overnight-bombed-people-as-they-slept-in-school

https://www.aljazeera.com/news/2025/5/27/silhouetted-by-fire-6-year-old-girl-survives-israeli-attack-in-gaza


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