Hat die Hamas es in der Hand?

Die humanitäre Katastrophe in Gaza und die ungeheure Zahl von Todesopfern unter Zivilisten, vor allem Frauen und Kindern, wird inzwischen nicht einmal mehr von den hartgesottensten Unterstützern Israels geleugnet. Doch in vielen Diskussionen – nicht nur am Stammtisch, sondern auch in Fernsehstudios, auch von deutschen und österreichischen Politikern – kann man immer noch und immer wieder folgendes Argument hören: Die Hamas habe es doch in der Hand, den Krieg zu beenden. Sie müsse nur die israelischen Geiseln freilassen, „dann wäre der Krieg ruckzuck beendet“ (O-Ton Armin Laschet in der Tagesschau vom 26. Mai 2025).

Die Nahost-Experten am Stammtisch wissen es vielleicht wirklich nicht besser. Doch die Politiker sollten, ja müssten es besser wissen. Die Fakten, die diese These als höchst unwahrscheinlich erscheinen lassen, kann man grob in zwei Kategorien einsortieren: 1. Die wechselvolle und verwirrende Geschichte von Verhandlungen, Abkommen und Geiselfreilassungen seit Oktober 2023. 2. Die Aussagen von israelischen Regierungsmitgliedern und anderen Politikern von Oktober 2023 bis heute.

Verhandlungen, Abkommen und Geiselfreilassungen

Von den 251 Menschen, die am 7. Oktober 2023 in den Gazastreifen verschleppt wurden, wurden 105 schon zwischen 24. November und 1. Dezember 2023 freigelassen. Dies geschah während einer achttägigen Waffenruhe. Diese Waffenruhe war zunächst auf vier Tage befristet und wurde dann zwei Mal verlängert. Für jede Phase wurden Geiselfreilassungen vereinbart. Die Hamas hielt sich an diese Vereinbarungen. Unterdessen gingen die Verhandlungen zwischen Vertretern Israels und der Hamas in Katar weiter. Die Hamas wollte eine weitere Verlängerung des Waffenstillstandes, und wäre bereit gewesen, dafür auch weitere Geiseln freizulassen. Israel lehnte dies jedoch ab.

Es dauerte mehr als ein Jahr bis zu einem zweiten Waffenstillstandsabkommen, weil die rechtsextreme Regierung unter Premierminister Netanjahu die Verhandlungen sabotierte. Innenminister Itamar Ben-Gvir erklärte, er würde im Falle eines „Geisel-Deals“ mit der Hamas zurücktreten und seine Partei aus der Regierungskoalition austreten. Das hätte das Ende der Regierung Netanjahu bedeutet. Auf Druck des neuen US-Präsidenten Trump stimmte Israel Mitte Januar schließlich doch einem Waffenstillstandsabkommen zu.

Das Waffenstillstandsabkommen sah drei Phasen vor: In Phase 1 sollten 33 israelische Geiseln gegen palästinensische Gefangene ausgetauscht werden. Überdies sollten täglich ca. 600 LKWs mit Hilfsgütern nach Gaza gelangen. Schrittweise sollen die vertriebenen Bewohner/innen von Gaza in den Norden Gazas zurückkehren dürfen. Am Tag 16 des Waffenstillstands sollten die Verhandlungen über Phase 2 beginnen. Phase 2 sah die Freilassung aller verbliebenen noch lebenden israelischen Geiseln vor. Im Gegenzug sollten weitere palästinensische Gefangene freigelassen werden und Israel sollte sich vollständig aus Gaza zurückziehen und einen unbefristeten Waffenstillstand akzeptieren. In Phase 3 schließlich sollte ein Friedensabkommen verhandelt werden. Die Hamas verpflichtete sich, in dieser Phase die Leichen der toten israelischen Geiseln herauszugeben.

Wie sich im Nachhinein herausstellte, lag diese Vereinbarung fast wortgleich bereits im Mai 2024 auf dem Verhandlungstisch. Israel weigerte sich, sie zu akzeptieren, und der damalige US-Präsident Biden übte nicht genug Druck auf die israelische Regierung aus.

Der zweite Waffenstillstand trat am 19. Januar 2025 in Kraft und dauerte offiziell bis 18. März. Während dieses sogenannten „Waffenstillstandes“ wurden beinahe jeden Tag Einwohner Gazas von israelischen Soldaten getötet: Fischer, die sich aufs Meer gewagt hatten, um ihre Familien zu ernähren; Bauern, die ihre zerstörten Felder inspizierten; Menschen, die in ihre alten Wohngebiete zurückkehren, um nachzuschauen, ob ihr Haus noch steht. Mindestens 170 Menschen wurden während des Waffenstillstands von der israelischen Armee ermordet. Viele andere wurden verwundet. Auch andere wichtige Punkte des Abkommens wurden von israelischer Seite nicht eingehalten: Hilfslieferungen wurden bei weitem nicht im vereinbarten Ausmaß nach Gaza gelassen. Die Ausreise von schwer kranken oder schwer verletzten Einwohnern Gazas zur medizinischen Behandlung im Ausland wurde bei weitem nicht im vereinbarten Ausmaß gestattet. Auf der ägyptischen Seite der Grenze standen tausende einfache Fertighäuser für die hunderttausenden Obdachlosen in Gaza bereit. Israel verweigerte die Einfuhr-Erlaubnis – entgegen der Vereinbarungen im Waffenstillstandsabkommen. Überdies zeigte Israel keine ernsthafte Bereitschaft zu Verhandlungen über die geplante Phase 2.

Während dieser Zeit wurde von der Hamas keine Rakete in Richtung Israel abgefeuert. Keinem israelischen Soldaten wurde in Gaza ein Haar gekrümmt. In insgesamt acht Gefangenenaustausch-Runden wurden 33 israelische Geiseln freigelassen. Die Hamas hielt sich im Wesentlichen an die für Phase 1 getroffenen Vereinbarungen.

Am 19. Februar legte die Hamas einen Plan für einen dauerhaften Waffenstillstand vor. Sie wäre bereit, dafür alle Geiseln freizulassen. In deutschen Medien wurde über diesen Vorschlag nicht berichtet. Netanjahu lehnte den Plan ab.

Am 1. März 2025 war die Phase 1 des Waffenstillstandsabkommens offiziell zu Ende. Am selben Tag schlug Israel vor, die Phase 1 zu verlängern, wenn die Hamas bereit wäre, dafür weitere Geiseln freizulassen – ohne dass Israel sich (wie ursprünglich vereinbart) aus dem Gazastreifen zurückziehen und den Waffenstillstand entfristen würde. Israel versuchte also, die getroffene Vereinbarung durch eine neue, für Gaza sehr viel ungünstigere, zu ersetzen – mit der Option, den Krieg nach der Freilassung der Geiseln fortzusetzen. Die Hamas weigerte sich, das zu akzeptieren, und bestand auf der Einhaltung der ursprünglichen Vereinbarung.

Am 2. März verhängte Israel eine Totalblockade für jegliche humanitäre Hilfe (einschließlich Lebensmittel, Medikamente und Treibstoff) über Gaza. Am 9. März drehte Israel Gaza den Strom ab. Am 18. März begann Israel, den Gazastreifen erneut zu bombardieren. Sowohl die Blockade als auch die Angriffe dauern bis heute an und haben Tausende Menschen das Leben gekostet. Parallel dazu liefen ständig Verhandlungen unter Vermittlung unter anderem der USA und Katars, und es wurden immer wieder Vorschläge für einen neuen Geisel-Deal auf den Tisch gelegt. Zuletzt (Ende Mai) stimmte die Hamas einem Vorschlag des amerikanischen Verhandlers Steven Witkoff zu: Das Abkommen sah einen Waffenstillstand für 60 Tage vor. Dafür sollte die Hamas 5 Geiseln am Tag 1 und 5 am Tag 60 freilassen. Israel reklamierte jedoch Änderungen hinein, die für die Hamas nicht akzeptabel waren. Ein Sprecher der Hamas sagte, die neue Version sehe keinerlei Garantien vor, weder für die Einhaltung der Waffenruhe durch Israel noch für humanitäre Hilfe.

Nach der Wiederaufnahme des Vernichtungskriegs in Gaza Mitte März trat Itamar Ben-Gvir, wie angekündigt, erneut sein Amt als Minister für nationale Sicherheit an und sicherte damit das politische Überleben von Premierminister Netanjahu.

Mitte Mai ließ die Hamas den israelischen Amerikaner Edan Alexander frei – als Geste des guten Willens gegenüber den USA, ohne Gegenleistung von Israel.

Am 18. Mai sagte ein Sprecher des Politbüros der Hamas, Sami Abu Zuhri, man sei bereit, alle Geiseln auf einmal freizulassen, vorausgesetzt Israel stimme einem international garantierten Waffenstillstand zu.

Während in Gaza täglich Dutzende Menschen durch israelische Angriffe auf zivile Ziele sterben, während Babys verhungern und in den Krankenhäusern das medizinische Material ausgeht, laufen parallel weiter Verhandlungen. Amerikanische Vorschläge wurden von der Hamas mehrfach akzeptiert, doch die israelische Seite reklamiert immer wieder Bedingungen hinein, die für die Hamas unerfüllbar sind.

Äußerungen von israelischen Regierungsmitgliedern und Knesset-Abgeordneten

„,Möge dein Dorf brennen‘!! [Anmerkung: Das ist der Titel eines in Israel populären Songs.] Ja, ja, soweit es mich betrifft ist es große Moral, Gaza auszuradieren und in Brand zu setzen. Ich habe mehr als einmal gesagt, dass Rache ein Wert ist.“ (Revital Tali Gottlieb, Likud-Abgeordneter, 29. Oktober 2023)

„Ich bin voller Hoffnung und Zuversicht, dass [unsere] Entscheidungs-Macher der Welt Klarheit über eine Aktualisierung [unserer] Kriegsziele verschaffen werden: die Zerstörung Gazas und aller seiner Bewohner.“ (Eliyahu Revivo, Likud-Abgeordneter, 1. November 2023)

„Radiert Gaza vom Antlitz der Erde. Lasst die Monster von Gaza zur Südgrenze eilen und nach Ägypten fliehen oder sterben. Und lasst sie qualvoll sterben. Gaza muss von der Landkarte getilgt werden.“ (Galit Distel-Atbaryan, Likud-Abgeordneter, 1. November 2023)

„Wir müssen für die Einwohner Gazas Wege finden, die qualvoller sind als der Tod.“ (Amichay Eliyahu, Minister für das Erbe, 5. Januar 2024)

„[Die] einzige humane Lösung für Gaza ist die Massendeportation seiner Einwohner.“ (Itamar Ben-Gvir, Minister für innere Sicherheit, 28. Januar 2024)

„Es gibt nur einen Weg es [den Krieg] zu beenden, nämlich den endgültigen Sieg. Und damit meine ich Vernichtung oder Kapitulation.“ (Amit Halevi, Likud-Abgeordneter, 22. April 2025)

In einer Rede vor der Knesset am 3. März verkündete Netanjahu, den Krieg fortzusetzen, auch dann, wenn alle Geiseln freigelassen würden. Am 15. Mai wiederholte er diese Aussage.

Am 4. Mai verabschiedete das israelische Sicherheitskabinett einen Plan zur Eroberung des Gazastreifens mit dem Ziel, dort dauerhaft zu bleiben.

Am 6. Mai sagte Finanzminister Bezalel Smotrich in einer Pressekonferenz zu den Kriegszielen in Gaza: „In wenigen Monaten werden wir den Sieg erklären können. Gaza wird vollkommen zerstört sein.“ Man werde die gesamte Bevölkerung Gazas in einem kleinen Streifen zwischen der ägyptischen Grenze und dem sogenannten Morag-Korridor zwischen Rafah und Khan Younis „konzentrieren“ [sic!]. „Sie [die Palästinenser] werden vollkommen verzweifeln. Sie werden verstehen, dass es keine Hoffnung gibt und sie in Gaza keine Zukunft haben, und sie werden sich nach einem anderen Ort umsehen, an dem sie ein neues Leben beginnen können.“

In einer Videobotschaft vom 19. Mai erklärte Netanjahu die völlige Kontrolle über den Gazastreifen zum Kriegsziel.

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Aus den angeführten Fakten leite ich ab, dass die Befreiung der in Gaza festgehaltenen Geiseln für die israelische Regierung von Anfang an nicht das oberste Kriegsziel war. Zu keiner Zeit war Israels Regierung bereit, den Krieg zu beenden oder auch nur einem unbefristeten Waffenstillstand zuzustimmen, wenn alle Geiseln freikommen. Inzwischen wird ganz offen gesagt, dass das Ziel die dauerhafte Besatzung/Annexion Gazas und die Vertreibung seiner Bewohner ist.

Es ist also völlig abwegig zu behaupten (wie manche Politiker der CDU und der österreichischen Schwesterpartei ÖVP), die Hamas könne jederzeit den Krieg beenden, wenn sie die Geiseln freilasse. Wer so etwas im Fernsehen sagt, ist entweder so schlecht informiert, dass er besser schweigen sollte, oder aber er belügt bewusst die Öffentlichkeit.

Der Sohn zweier bereits freigelassener Geiseln sagte, der wahre Feind Israels sei nicht die Hamas, sondern Netanjahu. Dieser würde Israel als demokratischen jüdischen Staat zerstören. Das berichtet die Times of Israel.

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Allein seit dem 18. März 2025 starben in Gaza mindestens mehr als 4.600 Menschen durch israelische Angriffe. Seit Oktober 2023 wurden offiziell fast 55.000 Menschen von der israelischen Armee getötet. Die wirkliche Opferzahl liegt mit Sicherheit wesentlich höher.

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Die Araber werden gehen müssen, aber dafür braucht man einen günstigen Moment, wie zum Beispiel einen Krieg.

(David Ben-Gurion, erster israelischer Premierminister, 1937)

Quellen:

https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-1470346.html (Minute 13)

https://on.orf.at/video/14278386/zib-talk-gaza-krieg-ist-kritik-an-israel-gerechtfertigt

https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_in_Israel_und_Gaza_seit_2023

https://en.wikipedia.org/wiki/2023_Gaza_war_ceasefire

https://en.wikipedia.org/wiki/2023_Israeli%E2%80%93Palestinian_prisoner_exchange

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/16/live-celebrations-in-gaza-as-israel-hamas-reach-ceasefire-deal (10.30)

https://www.aljazeera.com/news/2025/1/16/israel-and-hamas-reach-gaza-ceasefire-deal-what-are-the-next-steps

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/19/live-countdown-to-ceasefire-in-gaza-as-israel-continues-attacks (09.20)

https://en.wikipedia.org/wiki/2025_Gaza_war_ceasefire

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/5/26/live-israel-kills-red-cross-workers-children-controls-77-percent-of-gaza

https://www.palestinechronicle.com/live-boog-famine-kills-thousands-in-gaza-ambulances-halted-as-fuel-runs-out-day-582/?utm_source=emailoctopus&utm_medium=email&utm_campaign=The Palestine Chronicle Newsletter%2C May 10%2C 2025 (10. Mai, 21.33)

https://www.aljazeera.com/news/2025/5/12/hamas-frees-us-israeli-soldier-as-gaza-faces-bombardment-risk-of-famine

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/4/14/live-israel-pounds-gaza-sick-child-dies-after-attack-on-al-ahli-hospital (16.00)

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/29/live-israel-kills-almost-900-since-breaking-gaza-ceasefire-ministry (17.15)

https://zeteo.com/p/netanyahu-lies-gaza-ceasefire-collapse-trump-daniel-levy

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/20/live-israel-kills-70-in-gaza-netanyahu-warns-of-fierce-war-expanding (17.15)

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/3/3/live-israel-thanks-us-for-weapons-shipment-as-it-cuts-off-gaza-food-aid (05.45)

BIP-Newsletter #337 vom 25. Februar 2025.

https://www.palestinechronicle.com/israels-version-of-ceasefire-lacks-guarantees-perpetuates-occupation-hamas/?utm_source=emailoctopus&utm_medium=email&utm_campaign=The Palestine Chronicle Newsletter%2C June 1%2C 2025

https://www.palestinechronicle.com/witkoff-optimistic-on-gaza-ceasefire-hamas-confirms-deal-israel-rejects/?utm_source=emailoctopus&utm_medium=email&utm_campaign=The Palestine Chronicle Newsletter%2C May 28%2C 2025

https://www.dropsitenews.com/p/netanyahu-trump-gaza-aid-genocide-smotrich-ceasefire-hamas

https://www.timesofisrael.com/smotrich-says-gaza-to-be-totally-destroyed-population-concentrated-in-small-area/

https://abcnews.go.com/International/israeli-cabinet-approves-plan-occupy-parts-gaza-source/story?id=121461601

https://www.wsj.com/world/middle-east/israel-approves-plan-to-occupy-gaza-control-aid-distribution-90412130

https://zionism.observer/quotes/genocidal-intent


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