Am 30. Juni bombardierte Israel das Internet-Café und Restaurant Al-Baqa direkt am Strand in Gaza-Stadt mit einer 250kg-Bombe, die aus einem Kampfjet abgeworfen wurde.
Das Café Al-Baqa (benannt wohl nach dem gleichnamigen Dorf im Westjordanland) existierte seit knapp 40 Jahren und war ein angesagter Treffpunkt für Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, besonders für junge Leute. Es verfügte nicht nur über einen schönen Meerblick, sondern auch über W-LAN, und man konnte dort elektronische Geräte aufladen. Daher war es insbesondere bei Journalisten und Aktivisten beliebt. Es war einer der wenigen Orte dieser Art, die in Gaza noch existieren.
Zum Zeitpunkt des israelischen Angriffs war es gut besucht. Unter anderem wurde dort gerade ein Kindergeburtstag gefeiert. Das Gebiet, in dem sich das Al-Baqa befand, gehörte nicht zu den 80 Prozent von Gaza, die von der israelischen Armee als Kampfzonen bzw. Evakuierungsgebiete ausgewiesen wurden.
Bei dem israelischen Angriff kamen (nach neuesten Angaben) 41 Menschen ums Leben. Dutzende wurden – teils schwer – verwundet.
Aber ich möchte nicht nur über Zahlen sprechen. Zahlen allein können den Verlust nicht ausdrücken. Es geht um Menschen – Menschen, die die Welt bereichert haben, die Träume hatten und Pläne, die geatmet und gearbeitet und geliebt haben, die geliebt wurden, und deren Tod große Lücken hinterlässt. Der Sender Al Jazeera hat verdienstvollerweise in einem Video einige der Opfer kurz vorgestellt. Fünf dieser kleinen „Nachrufe“ möchte ich hier wiedergeben, teilweise mit zusätzlichen Informationen, die ich an anderen Stellen finden konnte.
Ismail Abu Hatab und Amna („Frans“) Al-Salmi

Bild: Links: Ismail Abu Hatab. Rechts: Amna Al-Salmi.
Ismail Abu Hatab, 32 Jahre alt, war Fotograf und Filmemacher. Er war regelmäßig Gast im Al-Baqa, um seine Bilder hochzuladen, sein Zubehör aufzuladen und sich mit Freunden zu treffen. 2014 hatte er ein Studium der Künste am Universitätskolleg für Angewandte Wissenschaften in Gaza absolviert. Er geriet beim Dreh für einen Dokumentarfilm in einen israelischen Angriff und wurde schwer verwundet, was seine Mobilität für viele Monate einschränkte. Dennoch führte er seine Arbeit fort. Seine Bilder wurden in jüngster Zeit bei mehreren internationalen Ausstellungen gezeigt. Abu Hatab begründete die Online-Plattform „ByPa“ („By Palestine“), auf der mit filmischen und fotografischen Mitteln Geschichten über die Menschen Gazas erzählt werden. Ein Freund sagte, Abu Hatab wollte mit seinen Fotos zeigen, wie sehr „seine Leute“ das Leben lieben, und wie sie darauf insistieren, mit Würde und Hoffnung zu leben, auch unter der Besatzung.

Bild: Gaza während des Krieges. Fotografie von Ismail Abu Hatab. Quelle: https://www.theartnewspaper.com/2025/07/01/two-artists-killed-in-israeli-air-strike-on-gaza-cafe
Amina al-Salmi (auch bekannt als Frans Al-Salmi), 36 Jahre alt, war bildende Künstlerin. Sie hatte an der Al-Aqsa-Universität in Gaza künstlerische Fotografie studiert und das Studium mit Auszeichnung abgeschlossen. Sie schuf Gemälde, Wandmalereien, Skulpturen und digitale Kunst. Sie setzte ihre künstlerische Arbeit auch während des Krieges fort, trotz zahlreicher persönlicher Schicksalsschläge. Unter anderem wurde ihr Bruder schwer verwundet. Sie selbst wurde mehrfach vertrieben. Sie arbeitete mit verschiedenen karitativen und kulturellen Institutionen in Gaza zusammen. Unter anderem machte sie Workshops für Kinder.
Das folgende Bild war ihr letzter Instragram-Post, gepostet 10 Tage vor ihrem Tod.

Bild: Frans Al-Salmi, “Der Tod des Märtyrers. Blut aromatisiert mit Kardamon.” Quelle: https://www.theartnewspaper.com/2025/07/01/two-artists-killed-in-israeli-air-strike-on-gaza-cafe
Frans Al-Salmi und Ismail Abu Hatab waren befreundet und hatten sich am 30. Juni mit anderen Freunden im Café Al-Baqa getroffen.
Malak Mosleh und Mustafa Abu Omeira

Bild: Malak Mosleh. Quelle: Bildschirmfoto aus dem Video https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2025/7/3/the-victims-of-israels-attack-on-a-gaza-beach-cafe#flips-6375210786112:0
Malak Mosleh, 20 Jahre alt, war eine erfolgreiche Boxerin. Ihre Leidenschaft für den Boxsport war für sie auch Widerstand gegen tradierte Geschlechternormen. Sie träumte davon, Palästina bei internationalen Wettkämpfen zu vertreten.

Bild: Mustafa Abu Omeira. Quelle: Bildschirmfoto aus dem Video https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2025/7/3/the-victims-of-israels-attack-on-a-gaza-beach-cafe#flips-6375210786112:0
Mustafa Abu Omeira spielte als Verteidiger in mehreren Fußballklubs in Gaza.
Malak Mosleh und Mustafa Abu Omeira sind zwei von mehr als 600 Sportlerinnen und Sportlern, die in Gaza von der israelischen Armee ermordet wurden. Allein im vergangenen Juni waren es 13. Das sagt das palästinensische olympische Komitee.
Widad Al-Tattari

Bild: Widad al-Tattari. Quelle: Bildschirmfoto aus dem Video https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2025/7/3/the-victims-of-israels-attack-on-a-gaza-beach-cafe#flips-6375210786112:0
Widad al-Tattari war ein Jahr alt. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Dieser wurde zwei Tage vor ihrer Geburt ermordet. War sie der Sonnenschein ihrer Mutter, der Liebling älterer Geschwister? Sie hätte selbst Kinder haben und alles werden können: Ärztin, Lehrerin, Schriftstellerin, Zoowärterin, Strandcafé-Wirtin …
Unter den 41 Opfern des Angriffs waren außerdem alle Angestellten des Cafés.
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Warum hat die israelische Armee gerade dieses Strandcafé mit einer so schweren Bombe angegriffen? Es kann wohl ausgeschlossen werden, dass es sich um eine Hamas-Kommandozentrale oder um ein Waffenlager handelte. Ging es vielleicht darum, einen der wenigen verbliebenen schönen Orte in Gaza zu zerstören, einen Ort, an dem die Menschen zwischendurch die Schrecken des Krieges und der Belagerung vergessen konnten? Oder ging es darum, Journalisten, Künstler und Aktivisten zu töten – also Menschen, die der ganzen Welt Zeugnis gaben vom Wüten der israelischen Armee und dem Leiden der Menschen in Gaza, aber auch von ihrer Liebe zum Leben und zum Schönen, von ihrem Mut und ihrer Widerstandskraft? Oder ging es darum, die Einwohner Gazas einmal mehr daran zu erinnern, dass es in Gaza keinen sicheren Ort gibt, nirgendwo?
Ein Sprecher der israelischen Armee (IDF) erklärte, man werde den Vorfall „untersuchen“. Das ist eine Standardfloskel, die keinerlei Bedeutung hat. Zynischerweise erklärte der Sprecher überdies, man habe im Vorfeld des Angriffs durch Luftüberwachung alles unternommen, „um Schaden für Zivilisten zu minimieren“. Das bedeutet, dass die IDF ganz genau wusste, dass sich zum Zeitpunkt des Angriffs viele Menschen in dem Lokal aufhielten. Außerdem hieß es von seiten der IDF, dass die israelische Armee „niemals Zivilisten als Angriffsziele nimmt“.
Wie kann man behaupten, man würde keine Zivilisten angreifen, wenn man gerade eine schwere Bombe auf ein Lokal voller Zivilisten abgeworfen hat, im vollen Bewusstsein, dass dabei Dutzende sterben würden? Ist es einfach nur eine dreiste Lüge? Wahrscheinlich. Vielleicht ist es aber auch Ausdruck einer Weltsicht, die man so beschreiben könnte: „In Gaza gibt es keine Zivilisten, sondern ausschließlich Terroristen oder (im Fall von kleinen Kindern) zukünftige Terroristen oder (im Fall von Frauen) Terroristen-Gebärerinnen. Daher ist das Ermorden von Menschen in Gaza in jedem Fall ein gerechtfertigter Akt der Selbstverteidigung – unabhängig vom Alter, Geschlecht oder der Tätigkeit der Opfer.“
Nach allgemeiner Rechtsmeinung freilich ist auch in Gaza zwischen Zivilisten und Kämpfern zu unterscheiden. Daher sind Rechtsexperten der Ansicht, dass der Angriff auf das Al-Baqa-Café mit hoher Wahrscheinlichkeit als Kriegsverbrechen zu werten ist.
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Auszug aus der regierungskritischen israelischen Tageszeitung Haaretz vom 26. Juni 2025:
„Am Montag dieser Woche veröffentlichte das Gesundheitsministerium der Hamas im Gazastreifen eine aktualisierte Liste der Kriegstoten, eine 1.227 Seiten umfassende Tabelle, in der die Opfer nach ihrem Alter geordnet sind. Das arabischsprachige Dokument enthält den vollständigen Namen der verstorbenen Person, die Namen des Vaters und Großvaters, das Geburtsdatum und die Ausweisnummer.
Im Gegensatz zu früheren Listen wird in dieser Zusammenstellung das genaue Alter von Kindern angegeben, die zum Zeitpunkt ihres Todes jünger als ein Jahr waren. Mahmoud al-Maranakh und sieben weitere Kinder starben am Tag ihrer Geburt. Vier weitere Kinder wurden einen Tag nach ihrer Geburt getötet, fünf weitere wurden nur zwei Tage alt. Erst auf Seite 11, nach 486 Namen, taucht der Name des ersten Kindes auf, das zum Zeitpunkt seiner Tötung älter als sechs Monate war. Die Namen der Kinder unter 18 Jahren umfassen 381 Seiten und belaufen sich auf insgesamt 17.121 Kinder. Von den insgesamt 55.202 Toten waren 9.126 Frauen.“
Die letzte mir bekannte offizielle Todesopferzahl aus Gaza ist 57.338. Immer noch gibt es Menschen (nicht nur in Israel, sondern auch in Deutschland und Österreich), die die Todeszahlen aus Gaza anzweifeln oder rundheraus als übertrieben zurückweisen. Doch Experten haben immer schon erklärt, dass die vom Gesundheitsministeriums veröffentlichten Zahlen in Wirklichkeit höchstwahrscheinlich viel zu niedrig sind. Denn das Gesundheitsministerium von Gaza zählt nur Tote, deren Leichen in ein Krankenhaus gebracht und dort registriert wurden. Doch zweifellos gibt es nicht wenige, die nicht in einem Krankenhaus registriert wurden: Opfer, die noch nicht aus den Trümmern geborgen werden konnten; Opfer, die im Zentrum einer Explosion waren, so dass von ihnen nichts übrig blieb; Opfer, die nicht gemeldet wurden, weil niemand in der Lage war, ihre Leichen in ein Krankenhaus zu schaffen – etwa wenn ganze Familien oder Nachbarschaften auf einen Schlag ausgelöscht wurden. Nicht selten geschieht es, dass die israelische Armee die Bergung von Leichen verhindert, indem Rettungsmannschaften oder auch Nachbarn beim Bergungsversuch angegriffen werden. Überdies fehlt es in Gaza an schwerem Gerät zur Beseitung von Schutt und Trümmern.
Mehrere aktuelle Studien kommen zu dem Schluss, dass die wahre Anzahl der Kriegsopfer bei knapp unter 100.000 liegen dürfte. Dabei ist die „Übersterblichkeit“ durch indirekte Kriegsfolgen (Hunger, überfüllte Notunterkünfte, mangelnde Hygiene, unzureichende medizinische Versorgung) noch nicht eingerechnet. Doch betrachten wir nur die, deren Namen, Geburtsdaten, Vatersnamen und Großvatersnamen in den Akten registriert sind: 57.338.
Ich wünsche mir, dass keines der Opfer vergessen wird. Ich fände es schön, wenn es eine Art „virtuelle Gedenkstätte“ gäbe: eine Online-Datenbank, frei zugänglich, mit allen Namen, wenn möglich mit einer Fotografie und Informationen über das Leben und Wirken – und mit der Möglichkeit, eine virtuelle Kerze zu entzünden, virtuelle Blumen zu widmen, sich in ein Kondolenzbuch einzutragen oder persönliche Erinnerungen an den Toten zu teilen. Das wäre auch ein Akt des Widerstands gegen den Völkermord. Denn wer erinnert wird, der ist nicht ganz tot.
Ich stelle mir vor, dass man eines Tages, wenn dieser Wahnsinn vorüber ist, mindestens einmal ein großes öffentliches Gedenken an alle Opfer veranstaltet, an jede und jeden einzelnen, mit Namensverlesung und Bild und, soweit möglich, ein paar Worten zu dem Menschen, gefolgt von einigen Momenten des Schweigens.
Ich stelle mir vor, dass man jedem Opfer eine Minute widmet. Man könnte mit den Babys beginnen und dann aufsteigend nach Alter vorgehen. Wenn man so vorgehen würde, dann man würde man
- mehr als acht Stunden benötigen, um nur der Kinder von 0 bis 6 Monaten zu gedenken;
- mehr als 285 Stunden benötigen (also beinahe 12 volle Tage und Nächte), um aller unter 18jährigen zu gedenken;
- mehr als 955 Stunden benötigen (das wären fast 40 volle Tage und Nächte), um aller 57.338 Opfern zu gedenken.
Das ist Stand jetzt, nach den allerkonservativsten vorliegenden Zahlen. Nach den realistischen Zahlen würde das Gedenken mehr als zwei Monate dauern – ohne die indirekten Todesopfer zu berücksichtigen. Außerdem sollte nicht vergessen werden: Nicht nur der Tod verursacht Leid.

Bild: Verwundete Frau nach dem israelischen Angriff auf das Al-Baqa-Café am 30. Juni 2025. Quelle: https://orain.eus/eu/aktualitatea/mundua/2025/06/30/israelgo-eraso-batek-33-pertsona-hil-zituen-gutxienez-tartean-kazetari-bat-gaza-hiriko-hondartzaren-ondoan/
Quellen:
https://www.tovima.com/world/israeli-airstrike-hits-internet-cafe-in-gaza-amid-rising-tensions/
https://taz.de/Cafe-in-Gaza-Stadt/!6094665/
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/7/1/live-gaza-death-toll-surges-as-hamas-accuses-israel-of-stalling-ceasefire (06.43, 07.00, 8.30, 09.00)
https://en.wikipedia.org/wiki/Al_Baqa
https://en.wikipedia.org/wiki/Al-Baqa_Cafe_airstrike
https://www.theguardian.com/world/2025/jul/02/israeli-military-bomb-fragments-gaza-al-baqa-cafe
https://www.theartnewspaper.com/2025/07/01/two-artists-killed-in-israeli-air-strike-on-gaza-cafe
https://www.instagram.com/bypa.bypalestine/
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