
Bild: Rafah, vermutlich während des Waffenstillstands im Winter/Frühjahr 2025. Den genauen Aufnahmezeitpunkt konnte ich nicht eruieren. Quelle: https://pchrgaza.org/field-report-rafahs-renewed-nakba-a-rubble-strewn-ghost-city-under-israeli-occupation/
„Wenn man eine große Zahl von Menschen gewaltsam aus ihrer Heimat vertreibt, ihre Häuser zerstört, ihr Leben und ihre Lebensgrundlage vernichtet und sie in Zonen konzentriert, in denen man sie dann kontrolliert, ihnen Freiheiten verweigert, ihre Bewegungsfreiheit einschränkt, ihren Zugang zu Nahrungsmitteln kontrolliert und sie unter harten und unbewohnbaren Bedingungen unterbringt … dann nennt man das Konzentrationslager.
Nie wieder ist jetzt.“
(Ayman Mohyeldin, amerikanischer Journalist bei NBC News, in einem Kommentar zu einem Artikel in der Haaretz vom 25. Mai 2025)
Der israelische Verteidigungsminister sagte es kürzlich in aller Öffentlichkeit auf einer Pressekonferenz: Der israelische Plan für Gaza besteht darin, in einem ersten Schritt 600.000 Einwohner/innen von Gaza (später die gesamte Bevölkerung) in einem umzäunten Zeltlager auf den Ruinen von Rafah einzusperren. Jeder, der hineinkommt, soll „gescreent“ werden. Wer einmal drin ist, darf nicht mehr hinaus – außer um in ein anderes Land auszuwandern. Die israelische Regierung bezeichnet dies zynisch als „freiwillige Migration“.
Das ist der „Friedensplan“ von Netanjahu und Trump. Netanjahu traf sich heute mit Trump in Washington und übergab ihm als „Gastgeschenk“ einen Brief, in dem Israel Trump für den Friedensnobelpreis vorschlägt.
Beide behaupteten, sie wären in „guten Gesprächen“ mit Nachbarländern Israels über die Aufnahme von Palästinensern, die „freiwillig“ emigrieren wollen. Wer diese Nachbarländer sind, wurde nicht gesagt.
Es ist (meines Wissens) das erste Mal, dass ein israelisches Regierungsmitglied diesen Plan öffentlich so klar und deutlich artikuliert. Doch neu ist der Plan keineswegs.
Der israelische Journalist Meron Rapaport schrieb in einem Artikel am 1. April 2025:
„Vor zwei Wochen postete der rechtsgerichtete israelische Journalist Yinon Magal auf X: ,Dieses Mal beabsichtigt die israelische Armee, alle BewohnerInnen des Gazastreifens in eine neue humanitäre Zone zu evakuieren, die für einen langfristigen Aufenthalt eingerichtet wird, die eingezäunt sein wird und in der jeder, der sie betritt, zuerst überprüft wird, um sicherzustellen, dass er kein Terrorist ist. Die israelische Armee wird diesmal nicht zulassen, dass eine widerspenstige Bevölkerung die Umsiedlung verweigert. Jeder, der sich außerhalb der humanitären Zone aufhält, wird zur Strecke gebracht. Dieser Plan hat amerikanische Unterstützung.‘
Israel bereitet sich darauf vor, die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens durch eine Kombination aus Fluchtbefehlen und intensivem Bombardement in ein geschlossenes und möglicherweise umzäuntes Gebiet zu zwingen. Jeder, der sich außerhalb dieser Grenzen aufhält, wird getötet, und die Gebäude im Rest der Enklave werden wahrscheinlich dem Erdboden gleichgemacht.
Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, lässt sich diese ,humanitäre Zone‘, wie Magal es so freundlich formulierte, in der die Armee die 2 Millionen EinwohnerInnen des Gazastreifens einsperren will, in nur einem Wort zusammenfassen: Konzentrationslager. Das ist keine Übertreibung, sondern einfach die präziseste Definition, die uns hilft, besser zu verstehen, womit wir es zu tun haben.“
Das Folgende sind Auszüge aus einem Artikel, der ursprünglich am 17. Mai 2025 in der israelischen Tageszeitung Haaretz erschienen ist (auf Hebräisch) und am 22. Mai in deutscher Übersetzung in der FAZ abgedruckt wurde. Der Autor ist Michael Sfard, ein israelischer Jurist mit Schwerpunkt Menschenrechte und Völkerrecht.
„Israel hat am Wochenende die Operation ,Gideons Streitwagen‘ begonnen. Die israelische Armee hat die Bewohner von Gaza aufgefordert, nach Süden zu ziehen. Wie Yaniv Kubovich in ,Haaretz‘ am 7. Mai berichtet hat, ist eines der Ziele der Operation, wie im Operationsbefehl definiert, ,die Bevölkerung zu konzentrieren und in Bewegung zu versetzen‘ (rikuz ve’hana’at ochlusiya). Man nehme sich einen Moment Zeit zum Innehalten und lasse sich die Worte auf der Zunge zergehen. ,Die Bevölkerung zu konzentrieren‘: Es scheint, dass jemand in der Wortwäscherei der israelischen Armee nicht zur Arbeit erschienen ist.
Der in der Sache wichtige Punkt ist, dass Konzentration der Bevölkerung als Ziel der Operation definiert ist, nicht als Mittel, um andere Ziele zu erreichen. Es geht also nicht um die vorübergehende Zwangsumsiedlung in ein anderes Gebiet, bis die Kampfhandlungen beendet sind. Es geht um ein Ziel, das erreicht werden soll.
[…]
Wir alle wissen, dass die Fortsetzung dieses Krieges dem Überleben der derzeitigen Regierung dient und letztlich der Aussetzung des Gerichtsverfahrens gegen Netanjahu – und dass sie zum schrecklichen Tod unserer Geiseln führen wird, die seit fast 600 Tagen in der Gefangenschaft der Hamas leiden. Künftige Generationen von Israelis werden das Kainsmal tragen, das uns in diesen Tagen aufgeprägt wird – in denen wir weiterhin hilflose Menschen bombardieren, aushungern und vertreiben. Was ist aus uns geworden? Wie können wir mit unseren Taten leben?“
Ohne Zweifel ist die israelische Armee längst dabei, diesen monströsen Plan umzusetzen. Der größte Teil der Bevölkerung Gazas ist mittlerweile auf wenige Gebiete im Ausmaß von ca. 20 Prozent der Landfläche Gazas zusammengedrängt. Die Menschen werden durch eine Kombination aus ständigen Bombardements und Hunger dorthin getrieben, wo die israelische Armee sie haben will. Es fehlen noch die großen Zäune. Aber vielleicht braucht es diese auch gar nicht. Heute gibt es effizientere Mittel, um Menschen in einem Freiluftgefängnis einzusperren.
Der israelische Journalist Gideon Levy (Haaretz) sagt in einem Interview mit Al Jazeera:
„Ich denke, Israel hat eine Blankovollmacht, diesen Plan umzusetzen, und meine einzige Hoffnung ist, dass er nicht durchführbar und nicht realisierbar sein wird. Aber wenn er es ist, dann haben wir es mit einem weiteren gewaltigen Kriegsverbrechen zu tun.“ Die meisten Israelis seien von diesem Krieg bisher kaum berührt. Viele seien der Ansicht, dass es in Gaza keine unschuldigen Menschen gebe. „Das ist die Geisteshaltung Israels heute. Es mag uns gefallen oder nicht, aber wir können es nicht ignorieren. Die Mehrheit der Israelis ist entweder gleichgültig gegenüber [dem Konzentrationsplan] oder unterstützt ihn mit voller Kraft. Das ist der Zeitgeist.“
Unterdessen geht in Gaza das Leiden und Sterben weiter. Täglich sterben Dutzende bei israelischen Angriffen, auch an den GHF-Verteilpunkten. Ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen wurde Zeuge eines Massakers an einem GHF-Verteilpunkt. Er berichtet:
„Fünf LKWs blieben stehen, um Leute sich nehmen zu lassen, was sie können. Dann näherten sich die Panzer, und wir konnten in der Umgebung auch viele Scharfschützen sehen. Plötzlich kamen Schüsse aus allen Richtungen. Jeder, der einen Sack Mehl ergattert hatte, wurde in den Kopf geschossen. Die Mehlsäcke lagen überall am Boden, mit Blut bedeckt.“
„Da waren so viele Leichen auf dem Boden. Danach kam ein Quadcopter [eine Drohne] dorthin, wo wir uns versteckt hatten, unter dem Geröll von einem der Häuser. Er befahl uns, mit erhobenen Händen herauszukommen. Er sagte ,Ihr dürft kein Mehl nehmen. Geht weiter und hebt keinen von den Toten oder Verwundeten auf.‘ Einige Leute blieben, wir konnten noch immer die Panzer schießen hören. Junge Männer, die für einen Sack Mehl starben.“
Quellen:
https://www.972mag.com/israel-gaza-concentration-camp-expulsion/[Deutsche Übersetzung: Aussendung 23/2025 von Martha Tonsern, Vertretung des Staates Palästina in Österreich.]
Nachrichten aus aller Welt
Niederlande
Einwohner der niederländischen Stadt Nijmegen führen gerade eine sehr berührende Solidaritätsaktion für Gaza durch: Sie verlesen öffentlich die Namen der Opfer des Gaza-Krieges und geben jeweils das Alter der Person zum Todeszeitpunkt an. Sie begannen mit den israelischen Opfern vom 7. Oktober 2023. Deren Namen zu verlesen dauerte 1,5 Stunden. Für die palästinensischen Opfer werden sie mehr als 100 Stunden brauchen, also mehr als vier volle Tage und Nächte. Sie lesen 24 Stunden durch, ohne Pause. Die Aktion findet an vier verschiedenen Orten statt, unter anderem in einer Kirche. Außerdem knüpfen die Menschen in Nijmegen aus kleinen roten Tüchern ein Seil. Für jeden toten Menschen gibt es einen Knoten. Wenn es fertig ist, wird das Seil ca. 12 km lang sein. Es soll in der Stadt ausgestellt werden.
Brasilien
Am 6. Juli wurde in Rio de Janeiro der zweitägige Gipfel der BRICS-Länder eröffnet. In seiner Eröffnungsrede sprach Brasiliens Präsident Lula da Silva über Israel und den Gaza-Krieg. Er sagte: „Wir können nicht gleichgültig sein gegenüber dem Genozid, den Israel am palästinensischen Volk verübt.“
Die BRICS-Gemeinschaft möchte ein Gegengewicht sein zur globalen westlichen Dominanz. Sie ist inzwischen auf 10 Mitgliedsstaaten angewachsen. Neben Brasilien, China, Indien, Russland und Südafrika gehören noch dazu: Ägypten, Äthiopien, Indonesien, Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate. Außerdem gibt es noch eine Reihe von assoziierten Ländern: Algerien, Weißrussland, Bolivien, Kuba, Indonesien, Kasachstan, Malaysia, Nigeria, Thailand, Türkei, Uganda, Usbekistan und Vietnam. Alle zusammen haben 46 Prozent der Weltbevölkerung und 25 Prozent der weltweiten Landmasse.
Brasilien will sich der Völkermord-Klage Südafrikas gegen Israel vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) anschließen.
Quellen:
https://en.wikipedia.org/wiki/BRICS
England
In London sind 29 Menschen verhaftet worden, die mit einer Protestaktion die Gruppe Palestine Action unterstützt hatten. Palestine Action wurde kürzlich als „Terrororganisation“ eingestuft. Der Grund: Einige Mitglieder waren in das Gelände der britischen Luftwaffe eingedrungen und hatten rote Farbe auf britische Kampfjets geschüttet.
Unterstützung einer terroristischen Vereinigung ist in England eine Straftat, die mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Die Protestierenden hielten Schilder in die Höhe, auf denen geschrieben stand „Ich bin gegen Genozid. Ich unterstütze Palestine Action.“ Nicht wenige der verhafteten „Terrorunterstützer“ sind Leute in fortgeschrittenem Alter mit ziemlich bürgerlichen Biographien.
Die Einstufung von Palestine Action als „Terrororganisation“ stieß in Großbritannien auf Kritik von mehreren Seiten. Nicht nur das britische Jewish Network for Palestine verurteilte diese Entscheidung, sondern auch eine pro-israelische Gruppe. Letztere argumentierte, damit würde man den Begriff des Terrorismus aushöhlen.
Quellen:
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/7/5/live-hamas-says-ready-to-start-gaza-ceasefire-talks-with-israel (14.50, 20.15)
Israel/USA
Vor der geplanten Reise des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu nach Washington in der kommenden Woche haben hochrangige israelische Ex-Militärs ein Ende des Gaza-Kriegs gefordert. In einen offenen Brief riefen die Commanders for Israel’s Security (CSI) US-Präsidenten Trump dazu auf, den israelischen Regierungschef von einem Ende der Kampfhandlungen zu überzeugen. Eine Fortsetzung des Kriegs gefährde das Leben der Geiseln und der israelischen Soldaten und verlängere das Leid der Palästinenser.
„Nach unserer professionellen Einschätzung haben die israelischen Streitkräfte ihre doppelte Aufgabe, die Hamas-Regierung zu zerschlagen und ihre militärischen Fähig-keiten zu zerstören, längst erfüllt“, hieß es in dem Schreiben der Gruppe, der nach eigenen Angaben über 550 ehemalige Offiziere des Militärs, der Polizei und der Geheimdienste angehören. „Die Hamas stellt keine strategische Bedrohung für Israel mehr dar.“
Jemen
An einer Solidaritätskundgebung für Gaza und den Iran in Jemens Hauptstadt Sanaa am 20. Juni nahmen, nach offiziellen Angaben, eine Million Menschen teil. Es ist auf jeden Fall eine gewaltige Menschenmenge, wie auf einem Video zu sehen ist. Die Demonstranten skandieren „Oh Welt, du hast lange genug geschwiegen“, „Gaza stirbt vor Hunger“ und „Sie werden es bereuen, bei Gott, sie werden es bereuen.“
Quellen:
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