Alle 15 Minuten

Der Journalist Hani Mahmoud berichtet, dass in Gaza-Stadt alle 10 bis 15 Minuten eine Bombe fällt, Tag und Nacht. Die Angriffe konzentrieren sich auf Gebiete, in denen viele vertriebene Familien leben.

Hani Mahmoud gehört zu den beiden palästinensischen JournalistInnen, die mir besonders gut bekannt sind, weil sie immer wieder (auch mit Videos) für den Liveblog von Al Jazeera English direkt aus Gaza berichten. Dieser Liveblog ist die von mir derzeit am meisten verwendete Quelle. Nirgendwo sonst finde ich diese Fülle an direkten Informationen von Menschen, die als Opfer oder Zeugen direkt betroffen oder mindestens sehr nah am Geschehen sind. (Übrigens: Nicht wenige deutsche und österreichische Medien könnten sich von der Professionalität, Seriosität und Sachlichkeit von Al Jazeera eine große Scheibe abschneiden.)

Von Hani Mahmoud lese, höre und sehe ich seit Monaten fast täglich Berichte. Zu Beginn dieses Jahres war er ein junger, athletischer Mann. Er ist jetzt sichtlich abgemagert, und sein Haar fängt an zu ergrauen. Er wirkt müde. Das andere mir vertraute Gesicht gehört zu Hind Khoudari, einer Journalistin. Von ihr habe ich jetzt schon seit einiger Zeit nichts mehr gehört. Jedes Mal wenn ich lese, dass in Gaza wieder Journalisten von der israelischen Armee ermordet wurden, kann ich nicht anders als zu denken: „Bitte nicht Hani Mahmoud und Hind Khoudari!“ Ich weiß, dass das weder vernünftig noch gerecht ist und habe irgendwie ein schlechtes Gewissen deswegen (was wahrscheinlich auch weder vernünftig noch gerecht ist).

Diese Woche ermordete die israelische Armee die folgenden Berichterstatter aus Gaza:

  • Mohammed al-Kouifi, Journalist;
  • Ayman Haniyeh, Fotograf und Sendetechniker;
  • Iman al-Zamili, Journalist. 

***

Die israelische Armee treibt ihr Projekt der Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung mit aller Macht voran. Der Plan ist lange schon bekannt: Alle EinwohnerInnen Gazas sollen im Süden des Gazastreifens in einem oder mehreren riesigen Lagern zusammengepfercht werden, von wo sie dann – zu gegebener Zeit – in Drittländer abgeschoben werden sollen.

Die Realisierung dieses Plans läuft schon seit langem. Hunderttausende Menschen sind ja auch schon in den Süden gegangen, nach al-Malwasi. Sie sind geflohen vor den Angriffen der israelischen Armee im nördlichen Gazastreifen. Al-Malwasi ist ein winziger Küstenstreifen mit nahezu keiner Infrastruktur. Dort leben jetzt schon Hunderttausende Binnenflüchtlinge, die meisten in Zelten. Es gibt viel zu wenig Wasser, zu wenig Nahrungsmittel, keine Abwasser-Infastruktur, zu wenig medizinische Versorgung – und immer wieder israelische Angriffe auf die Zeltlager.

Das nächste Etappenziel der israelischen Armee ist es, die gesamte Bevölkerung von Gaza-Stadt in den Süden, nach al-Malwasi oder vielleicht auch ein angrenzendes Gebiet, zu zwingen.

Gaza-Stadt ist das Zentrum des Gaza-Streifens. Es liegt im Norden. Bis vor Kurzem lebten dort mehr als eine Million Menschen. Etwa eine Million Menschen soll also nach al-Malwasi gehen. Dort gibt es, wie gesagt, schon für die jetzt dort lebenden Menschen nicht einmal das Lebensnotwendigste. Was die Menschen dort erwartet ist Hunger, Durst, unhygienische Verhältnisse, völlig unzureichende medizinische Versorgung, Verwundung, Verstümmelung und Tod durch israelische Drohnen, Kampfflugzeuge oder Scharfschützen.

Aber das ist nicht alles: Es gibt in al-Malwasi einfach keinen Platz mehr. Manche Menschen fliehen aus Gaza-Stadt nach al-Malwasi, kehren dann aber wieder nach Gaza-Stadt zurück – entweder weil sie in al-Malwasi keinen Platz fanden, um ein Zelt aufzubauen, oder weil sie die Verhältnisse dort nicht ertragen konnten.

Die Al-Rashid-Straße ist die einzige Straße, die den Norden Gazas mit dem Süden verbindet. Diese Straße müssen alle nehmen, die vom Norden in den Süden oder wieder zurück wollen. Die Straße ist völlig verstopft. Die Menschen müssen oft stundenlang warten, bis sie vorankommen. Viele finden in al-Malwasi keinen Flecken mehr, wo sie noch ihr Lager aufschlagen könnten und bleiben daher auf den Straßen. Andere kehren zurück in den Norden. 

In einem Videobericht erzählen ein Vater von fünf Kindern und sein dreizehnjähriger Sohn, warum sie zunächst nach al-Malwasi flüchteten, dann aber nach Nordgaza zurückkehrten. Der Vater ist auf den Rollstuhl angewiesen, weil ihm beide Beine amputiert werden mussten.

Das Lager in al-Malwasi sei so überfüllt, sagt der Junge, dass er den Rollstuhl seines Vaters nicht durch die Menschenmenge schieben konnte. Außerdem hätten sie viel Geld zahlen müssen für den kleinen Platz, auf dem sie ihr Zelt aufstellten. Zudem sei auch kurz nach ihrer Ankunft das Zelt neben ihrem von der israelischen Armee angegriffen worden. 

Der Mann sagt: Die israelische Armee erzählt den Menschen Lügen, wenn sie sagt, im Süden sei es sicher. Die Menschen glauben es, weil sie sich an Strohhalme klammern. Er selber habe es auch geglaubt. Aber er wisse es jetzt besser. Er rate allen, in Gaza-Stadt zu bleiben. Wenn sie schon sterben müssten, könnten sie das ebenso gut hier tun. Die Überfüllung in al-Malwasi sei unerträglich. 

Manche Menschen in Gaza-Stadt, die diese Berichte hören, entscheiden sich gleich dafür, im Norden zu bleiben. Die Flucht in den Süden ist auch teuer – jedenfalls für diejenigen, die ein Fahrzeug brauchen, weil sie nicht mehr gehen können, oder weil sie noch mehr besitzen, als sie selber tragen können. Zudem scheint es, dass manche ein Geschäft mit der Not ihrer Landsleute machen und den Geflüchteten für einen Zeltplatz viel Geld abnehmen. (Siehe den obigen Zeugenbericht.) Wie ich mir das genau vorstellen soll, weiß ich auch nicht: Wer hat warum die Befugnis, „Platzmieten“ zu kassieren? Gibt es eine Art Flüchtlingslager-Mafia? Es kann jedenfalls wohl nicht überraschen, dass sich in so einer Extremsituation neue Betätigungsfelder für kriminelle Elemente auftun; und es ist auch nachvollziehbar, dass viele versuchen, zuallererst für sich selbst und ihre Familien zu sorgen. Auch das – die kalkulierte Zerstörung des Sozialgefüges der palästinensischen Gesellschaft, die Zerstörung von Zusammenhalt und Gemeinsinn – gehört zu den Verbrechen der israelischen Armee.

Jedenfalls läuft die – in hiesigen Medien euphemistisch „Evakuierung“ genannte – Vertreibung der Menschen aus Gaza-Stadt nicht so schnell, wie sich die israelische Armee das wohl wünscht. Viele Einwohner von Gaza-Stadt sind zunächst aus den östlichen Vierteln (wo die Offensive der israelischen Armee begann) in die westlichen Bezirke der Stadt geflüchtet. Nun aber greift die israelische Armee gezielt die Viertel im Westen an. Bevorzugte Objekte der israelischen Angriffe sind jetzt Gebäude, in denen viele Menschen wohnen, insbesondere Hochhäuser. Auf diese Weise kann die israelische Armee mit wenig Aufwand viele Menschen in kurzer Zeit obdachlos machen und dadurch den Druck zum Verlassen der Stadt erhöhen.

Vergangene Woche meldete die israelische Armee Angriffe auf 500 Ziele in Gaza innerhalb von fünf Tagen. Manchmal werden die Bewohner vorher gewarnt, manchmal nicht. Wenn keine Warnung erfolgt, gibt es Tote in großer Zahl. Wenn Warnungen erfolgen, dann in extrem kurzer Frist vor dem Bombenangriff – manchmal 15 Minuten, manchmal eine halbe Stunde.

Ich versuche, mir das vorzustellen: Ein Hochhaus, vielleicht 10 Stockwerke, mit Dutzenden Wohnungen, Hunderte Menschen. Einige Bewohner bekommen einen Anruf von der israelischen Armee: „Wir bombardieren dein Haus in 30 Minuten“. Die, die keinen Anruf bekommen, erfahren es erst später, wenn sie bemerken, dass die Treppenhäuser voller Menschen sind, die nach unten drängen, nach draußen. Aufzüge funktionieren nicht, weil es keinen Strom gibt. Alle Wohnungen sind überbelegt, weil jeder geflüchtete Verwandte aufgenommen hat. Da sind kleine Kinder und verletzte, kranke, ältere Menschen, die Hilfe beim Treppensteigen brauchen oder sogar getragen werden müssen. Die Treppenhäuser sind voll, jeder drängt. Menschen schreien in Panik, Kinder weinen. Die Uhr tickt.

Ich versuche, mich in die Situation hineinzuversetzen: Vielleicht habe ich eine Tasche mit wichtigen Dokumenten und Bargeld vorbereitet. Ich wusste ja, dass es uns jederzeit treffen kann. Ich stecke noch schnell das Handy ein. Das Wichtigste: Die Familie muss in Sicherheit gebracht werden. Vielleicht kann ich dann ja noch einmal zurückkehren und ein paar Dinge zusammenpacken: die wenigen Lebensmittel in der Küche, Notfallmedikamente, etwas Kleidung, eine Decke, einen Topf, die Schulsachen der jüngsten Tochter. Alles andere muss man zurücklassen, es wird wahrscheinlich in wenigen Minuten spurlos verschwunden sein, pulverisiert durch die Wucht einer gewaltigen Explosion, oder verbrannt, oder begraben unter Tonnen von Schutt. Die materiellen Manifestationen von Lebensjahren, Lebensjahrzehnten – zerstört in wenigen Momenten.

Was fühlt man da? Ich versuche, es nachzufühlen, aber es gelingt mir nicht. Ich erinnere mich, einmal gelesen zu haben, dass das Schlimmste die erste Nacht unter freiem Himmel ist, wenn man realisiert, dass da kein Ort mehr ist, an den man gehen kann, der irgendeine Art von Schutz und Geborgenheit bietet. Kein Ort mehr, denn man „Zuhause“ nennt, kein Ort, an dem jedes Ding Teil der eigenen Lebensgeschichte ist, keine Tür, die man schließen kann, um die Welt auszusperren, wenn einem danach ist.

Nicht nur Hochhäuser werden bombardiert, sondern auch Schulen, die als Flüchtlingsunterkünfte dienen – und auch Zelte.

Der Tod ist allgegenwärtig. Menschen sterben in ihren Häusern, in ihren Zelten, auf der Straße, beim Anstellen um ein paar Konservendosen oder ein paar Liter Trinkwasser. Auch das Morden an den wenigen Nahrungsmittelverteilungsstellen hat nicht aufgehört.

In den wenigen noch teilweise funktionierenden Krankenhäusern liegen Verwundete auf dem schmutzigen Boden, weil es nicht genug Betten gibt. Es mangelt an Medikamenten und medizinischem Material aller Art. Ärzte operieren beim Schein von Handylampen, weil es nicht genug Diesel für den Betrieb der Stromgeneratoren gibt. Das Personal ist erschöpft und ausgehungert. Krankenschwestern arbeiten 18-Stunden-Schichten und essen in dieser Zeit nur eine Dose Thunfisch. Gegen den Durst trinkt man Salzwasser.

Der Hunger fordert jeden Tag weitere Opfer. Die Zahl der registrierten Hungertoten liegt jetzt bei 428, davon 146 Kinder. Aber wie viele wurden nicht registriert?

***

Während die israelische Armee Gaza zerstört und den BewohnerInnen unendliches Leid zufügt, geschieht auch in anderen Teilen der Welt manches, das mit Gaza zu tun hat:

In Doha (der Hauptstadt von Katar), wo kürzlich die israelische Armee bei einem Raketenangriff sechs Menschen ermordete, tagten die Anführer islamischer Staaten, um darüber zu beraten, wie sie mit Israel (und auch mit den USA) künftig umgehen sollen.

Die Statements der Staatschefs geben Anlass zur Hoffnung. Es ist viel von Einigkeit und Geschlossenheit die Rede, sogar vom Aufbau eines islamischen Verteidigungsbündnisses, das die Abhängigkeit von den USA reduzieren soll. Palästina und Gaza spielten in den Beratungen eine wichtige Rolle. Ein besonders bemerkenswertes Statement kam von Indonesiens Vizepräsidenten,  Gibran Rakabuming Raka. Er sagte: „Bei der palästinensischen Frage geht es nicht nur um Palästina. Es geht um das Überleben unserer Nationen, die Würde unserer Völker und die Unantastbarkeit des Völkerrechts.“

Das zeigt uns: Große Teile der Welt empfinden Israels vom Westen unterstützte Angriffe auf Gaza und das Westjordanland als Angriffe des Westens auf die islamische Welt insgesamt, oder mehr noch, als Angriffe auf den globalen Süden. Der Krieg um Palästina ist längst kein regionaler Konflikt mehr.

Die Israelis bemerken allmählich, dass es für sie nicht rund läuft. Netanjahu schwört sein Volk auf härtere Zeiten ein: Wie im israelischen Armeeradio berichtet wurde, sagte er, dass Israel in eine Phase der Isolation eintrete, und dass es nötig sein werde, die Wirtschaft dieser neuen Realität anzupassen.

Quellen:

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/9/14/live-qatar-hosts-muslim-leaders-summit-israel-continues-gaza-city-attacks

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/9/15/live-6-year-old-twins-among-palestinians-killed-in-israeli-attacks-on-gaza (14.30, 15.10, 15.15, 15.40, 15.50, 16.45, 17.00, 17.16, 17.35, 18.30)

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/9/13/live-school-sheltering-displaced-palestinians-hit-by-israeli-strike (12.00, 18.15)

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/9/13/live-school-sheltering-displaced-palestinians-hit-by-israeli-strike (10.30, 10.35, 11.00, 13.00, 13.30, 16.45)

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/9/12/live-israel-kills-dozens-in-gaza-unsc-condemns-doha-attack (14.45, 16.15, 17.00)

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/9/11/live-israel-kills-70-in-gaza-qatar-pm-accuses-israel-of-state (14.45)

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2025/9/11/satellite-images-show-israel-has-totally-destroyed-areas-of-gaza-city#flips-6379134562112:0

https://www.aljazeera.com/features/2025/9/11/the-last-30-minutes-inside-a-gaza-city-tower-before-it-is-bombed-by-israel

https://www.aljazeera.com/opinions/2025/9/13/israel-wants-us-to-evacuate-al-shifa-hospital-again-to-kill-hope


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