Bittere Oliven

Bild: Westbank, Turmus Ayya, 19. Oktober 2025: Die 55jährige palästinensische Olivenbäurin Afaf Abu Alia wurde von einem vermummten israelischer Siedler niedergeschlagen. [Jasper Nathaniel] Quelle: https://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/west-bank-settler-palestinian-woman-israel-violence-b2849252.html

Der Oktober ist die Zeit der Olivenernte für die palästinensischen Bauern im Westjordanland.

Innerhalb nur einer Woche (von 7. bis 13. Oktober) gab es mehr als 70 Siedlerangriffe auf PalästinenserInnen bei der Olivenernte. Bei diesen Angriffen wurde eine Person ermordet und 99 wurden verwundet.

Ein Video (knapp drei Minuten lang) zeigt Szenen von Siedlergewalt in einem palästinensischen Olivenhain, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Ein vermummter Siedler schlägt mit einem langen Stock auf eine palästinensische Frau ein. Sie wird auf den Kopf geschlagen und verliert das Bewusstsein, bleibt regungslos und zusammengekrümmt auf dem Boden liegen. Der Angreifer rennt weiter und schlägt auf die nächste Person ein.

Der Angriff wurde von dem amerikanischen Journalisten Jasper Nathaniel auf Video festgehalten. Nathaniel wurde ebenfalls angegriffen, konnte sich aber in seinem Auto in Sicherheit bringen.

Olivenbauern aus Turmus Ayya berichten, dass 200 Siedler den Olivenhain gestürmt und die Erntearbeiter angegriffen haben. Einige setzten Schusswaffen ein. Sie setzten außerdem Autos von Palästinensern in Brand. Sie berichten, dass israelische Soldaten Tränengas auf Bauern abgefeuert haben, um sie daran zu hindern, ihren Olivenhain zu betreten. 

Ausländische Beobachter waren vor Ort und versuchten, die palästinensischen Bauern zu schützen. Sie wurden ebenfalls angegriffen.

Siedler hatten mitten im Olivenhain der Bauern von Turmus Ayya einen sogenannten „Außenposten“ errichtet (soweit aus der Entfernung zu erkennen, im Wesentlichen eine Baracke) und den Weg in den Hain mit einem Gatter blockiert. Die Bauern erwirkten beim Obersten Gerichtshof Israels die Erlaubnis, ihren Olivenhain dennoch zu betreten. Sie wurden jedoch von Soldaten angegriffen, als sie es versuchten.

Bauer Nael Abdullah erzählt:

Wir sind aus Turmus Ayya, und wir kamen, um die Oliven im östlichen Teil des Ortes zu ernten. Wir fingen um etwa 7 Uhr morgens an. Eine Stunde später waren 200 Siedler da, manche von ihnen bewaffnet. Sie fingen an zu schießen und Autos in Brand zu setzen. Zwei unserer Leute wurden verwundet, eine Frau und ein junger Mann. Sie fingen an, Tränengas auf uns zu feuern. Wir haben keine Wahl, wir sind unbewaffnet. Wir haben nichts, um uns zu verteidigen. Das ist Israels Politik. […] Es gibt keinen Unterschied zwischen einem Siedler und einem Soldaten.

Nael Abdullah spricht mit ruhiger Stimme. Nichts an ihm drückt Zorn, Verbitterung oder gar Hass aus. Diese äußere Ruhe und Gelassenheit ist mir schon oft an Palästinensern aufgefallen. Ich weiß nicht, ob ich das je lernen könnte.

Schon am Tag vor dem großen Angriff der Siedler kam es zu Übergriffen gegen die Olivenbauern. Als Reaktion darauf zerstreuten israelische Soldaten die palästinensischen Bauern mit Schüssen. Auch davon gibt es Videoaufnahmen.

Bauer Fahd Abu Al-Hajj erzählt:

Der Oberste Gerichtshof Israels hat geurteilt, dass dieser Siedler – Ghazal –, der diesen Außenposten leitet, die Leute nicht davon abhalten darf, in ihre Olivenhaine zu gehen, obwohl da dieses Gatter ist. Also kamen wir heute, um diesen Richterspruch umzusetzen und die gesegneten Oliven zu ernten. Aber als wir bei diesem schrecklichen Gatter ankamen, da habt ihr Journalisten es mit euren eigenen Augen gesehen, wie sie [israelische Soldaten] das Feuer auf uns eröffneten. Also, während sie vor Gericht das eine sagen, erzählen ihre Aktionen am Boden eine vollkommen andere Geschichte.“

Siedlerangriffe – unter anderem während der Olivenernte – gibt es im Westjordanland schon seit vielen Jahren. Seit Frühjahr 2023 haben sie jedoch an Zahl und Intensität stark zugenommen.

Olivenöl ist für viele palästinensische Familien eine wichtige Einkommensquelle. Es geht jedoch nicht nur um Geld, sondern auch um Land. Denn laut israelischem Gesetz kann palästinensisches Land enteignet werden, wenn es nicht genutzt wird. Wenn die Bauern also ihre Oliven nicht ernten, weil sie Angst vor Angriffen israelischer Siedler und Soldaten haben, liefern sie damit einen Vorwand für die Enteignung des Landes, auf dem die Olivenbäume stehen.

Seit Beginn der diesjährigen Olivenernte Anfang Oktober wurden 158 Angriffe auf Olivenbauern gezählt. 17 davon wurden von israelischen Soldaten ausgeführt. Das meldet die Wall and Settlement Resistance Commission. Das ist eine Institution, die mit der Palästinensischen Autonomiebehörde verbunden ist.

Die Bauern und Erntehelfer wurden geschlagen. Es gab auch Angriffe mit Schusswaffen. Es gab Massenverhaftungen. Olivenbauern wurde der Zugang zu ihren Olivenhainen verwehrt. Olivenhaine wurden mit Bulldozern zerstört. 765 Olivenbäume wurden vernichtet.

Der palästinensische Außenminister Varsen Aghabekian Shahin verurteilte die Übergriffe als „systematische Vertreibungs- und Vernichtungskampagne“. Er forderte die internationale Gemeinschaft auf, etwas dagegen zu unternehmen.

Laut UNO-Angaben wurden im Jahr 2025 bisher mehr als 3.200 PalästinenserInnen bei Siedlerangriffen verwundet.

Israels Außenminister Gideon Saar behauptet unterdessen, die israelischen Siedler in der West Bank seien die „gesetzestreuesten Leute auf dieser Erde“. Weniger als ein Prozent von ihnen würde Gesetze missachten. Die, die es täten, würden bestraft werden.

Mindestens die zuletzt zitierte Behauptung ist eine glatte Lüge. Die gewalttätigen Siedler werden so gut wie nie bestraft – nicht einmal für Mord. Eher müssen die palästinensischen Opfer mit Verhaftungen rechnen, weil die Siedler oft behaupten, sie wären von den Palästinensern angegriffen worden.

Die von Saar genannte Zahl von weniger als ein Prozent Kriminellen unter den Siedlern kann ich nicht überprüfen. Aber selbst wenn sie stimmen würde, wäre sie alles andere als beruhigend. Denn derzeit leben im Westjordanland 700.000 jüdische Siedler. Ein Prozent davon wären 7.000 bewaffnete Kriminelle – mehr als genug, um die vollkommen wehrlosen palästinensischen Einwohner des Westjordanlandes zu terrorisieren. Denn die gewalttätigen Siedler agieren nicht nur straflos, sondern auch unter dem Schutz – oder sogar mit aktiver Unterstützung – der israelischen Armee.

Überdies darf niemals vergessen werden: Alle jüdischen Siedlungen im besetzten Westjordanland sind nach internationalem Recht illegal. Das heißt, alle jüdischen Siedler leben in der Illegalität. Ihre „Gesetzestreue“ (sofern vorhanden) kann sich also nur auf israelisches Un-Recht beziehen.

In der Knesset (im israelischen Parlament) votierte gestern eine Mehrheit für ein Gesetz, das die formale Annexion des Westjordanlandes vorsieht. Damit ist das Gesetz allerdings noch nicht beschlossen. Es braucht dafür insgesamt vier Abstimmungen. Die gestrige war die erste davon.

US-Präsident Trump hatte kürzlich erklärt, er werde die Annexion des Westjordanlandes „nicht erlauben“. Die arabischen Staaten verurteilten die Entscheidung in der Knesset. Die Hamas nannte die Knesset-Abstimmung „einen Ausdruck des hässlichen Gesichts der kolonialen Besatzung“. Weiters heißt es in dem Statement der Hamas auf Telegram: „Wir halten fest, dass die fieberhaften Versuche der Besatzung, Land in der West Bank zu annektieren, ungültig und illegitim sind. Sie werden nichts an der Tatsache ändern, dass das Westjordanland palästinensisches Territorium ist.“

Der Siedlerterror ist eine Form des permanenten Landraubs im Westjordanland. Es gibt aber noch andere: Kürzlich wurde gemeldet, dass die israelische Armee im Governorat Nablus 70.000m2 Land beschlagnahmte. Die palästinensischen Eigentümer hatten eine Woche Zeit, Einspruch zu erheben. Die Einspruchsfrist ist inzwischen abgelaufen. Mehrere palästinensische Dörfer sind betroffen. Das beschlagnahmte Land soll eine „Pufferzone“ zum Schutz einer israelischen Siedlung sein, heißt es offiziell. Seit Jahresbeginn gab es mehr als 50 solche Beschlagnahmungen in der West Bank.

Eine gute Nachricht: Afaf Abu Alia, die 55jährige Olivenbäurin aus Turmus Ayya, hat die Schläge auf den Kopf überlebt und augenscheinlich keine bleibenden Schäden davongetragen.

Quellen:

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/10/21/live-more-palestinians-killed-in-gaza-us-officials-visit-israel-for-talks (13.30, 16.15, 17.30)

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2025/10/21/palestinian-woman-attacked-by-israeli-settler-while-harvesting-olives

https://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/west-bank-settler-palestinian-woman-israel-violence-b2849252.html

https://www.bbc.com/news/articles/cx20p0qx50no

https://www.democracynow.org/2025/10/21/headlines/palestinian_woman_beaten_unconscious_as_israeli_settlers_attack_west_bank_olive_farmers

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/10/19/live-israel-kills-97-palestinians-in-gaza-since-start-of-ceasefire (15.45)

https://www.reuters.com/world/middle-east/israels-parliament-gives-initial-nod-occupied-west-bank-annexation-2025-10-22/

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/10/22/live-gaza-palestinians-say-no-change-with-ceasefire-as-israel-blocks-aid (17.30)

***

Noch immer Hunger in Gaza

Die humanitäre Hilfe für Gaza bleibt weit hinter den vereinbarten 600 LKW pro Tag zurück. In den ersten 11 Tagen des „Waffenstillstands“ gelangten insgesamt 986 LKWs mit Hilfsgütern nach Gaza. Das sind nicht einmal 90 pro Tag. 

Israel hatte wenige Tage nach Beginn des Waffenstillstandes verkündet, man werde bis auf Weiteres nur 300 LKWs täglich nach Gaza lassen (also die Hälfte der vereinbarten Menge), da die Hamas noch nicht alle toten israelischen Gefangenen herausgegeben habe. Doch die tatsächlich zugelassene Menge beträgt nicht einmal ein Drittel von der Hälfte. 

EU-Kommissarin Hadja Lahbib (zuständig für Katastrophen-Management) fordert ungehinderten Zugang für Hilfe. Bisher wurden erst zwei Grenzübergänge geöffnet. Im Norden ist kein Grenzübergang geöffnet Der Grenzübergang Rafah im Süden ist ebenfalls nach wie vor geschlossen.

In den Norden gelangten bisher überhaupt keine Hilfslieferungen. Nur kommerzielle Lieferungen dürfen nach Nordgaza (und auch diese nur in begrenzter Menge). Daher werden auf den Märkten nun wieder Waren angeboten, aber diese sind für die meisten Einwohner unbezahlbar.

Quellen:

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/10/21/live-more-palestinians-killed-in-gaza-us-officials-visit-israel-for-talks (12.15, 14.10, 16.10, 16.20)

***

Eine Million Drachen

Bild: 2011 stellten die Kinder in Gaza einen Weltrekord im Drachenfliegen auf. Foto ID 481501. 28/07/2011. Gaza. [UN Photo/Shareef Sarhan]. Quelle: https://www.disorient.de/magazin/deutschland-hoerst-du-uns

„Eine Million Drachen“ – das ist der Titel eines schmalen Büchleins von 102 kleinen Seiten, mit zahlreichen Illustrationen. Darin abgedruckt sind Gedichte und Zeugnisse von Kindern aus Gaza aus den Jahren 2023 und 2024. Ich möchte hier das Vorwort und zwei Zitate von Kindern aus Gaza aus den Jahren vor dem Krieg wiedergeben, als Zeugnis der Hoffnung in scheinbar hoffnungslosen Zeiten:

Erinnerst du dich noch an das erste Mal, als du versucht hast, einen Drachen steigen zu lassen? Vielleicht hast du zu all den Drachen hochgeschaut, die über dir am blauen Himmel flogen, und dich gefragt, was du falsch machst, warum deiner sich weigert aufzusteigen. Wahrscheinlich hast du die anderen Kinder beobachtet, die es so leicht aussehen ließen, als würden sie sich nicht einmal anstrengen müssen. Aber anstatt sie zu beneiden, hast du etwas unternommen.

Du hast dich aufgerappelt, die Drachenschnur fest in der Hand, und bist losgerannt, als würdest du dem Wind nachjagen. Gleichzeitig hast du zu deinem Drachen zurückgeblickt und ihn angefleht, mitzuhalten. Vielleicht ist der Drachen gesunken, und dein Herz mit ihm, also bist du noch schneller gerannt. Und dann pfiff der Wind an deinen Ohren vorbei, strich durch deine Haare und blies in deinen Drachen hinein, trug ihn hoch und immer höher, und du hattest das Gefühl, er könnte dich mitnehmen.

[…]

Manchmal ist dein Drachen trotz allem immer noch zu Boden gestürzt. Vielleicht hat jemand deine Verzweiflung bemerkt und angeboten zu helfen, denn manchmal ist eine Person allein nicht genug, wenn man versucht, Großes zu erreichen. Und es gibt nichts Tröstlicheres, als zu wissen, dass du nicht allein bist. Dass es immer jemanden geben wird, irgendwo, der bereit ist, mit dir zu rennen, immer schneller, bis dein Drachen endlich frei ist.“

(Leila Boukarim und Asaf Luzon)

Wir hoffen, dass wir frei sein können und die gleiche Freiheit genießen dürfen, wie sie die Drachen in der Luft genießen. Alles, was wir wollen, ist wie normale Kinder aufzuwachsen.

Marwan Mohammad, 11 Jahre alt, Gaza, Juli 2009

Dieser kleine handgemachte Drachen repräsentiert die unter Belagerung stehenden Kinder von Gaza und mich … Ich habe das Gefühl, dass ich fliege, nicht der Drachen.

Kind von etwa 8 Jahren, Gaza, 2015

Das Büchlein Eine Million Drachen. Zeugnisse und Gedichte der Kinder aus Gaza 2023–2024 kann hier bestellt werden. Es kostet 12 Euro.

***


Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar