Momente des Friedens

Verschiedene Organisationen versuchen, den Kindern von Gaza psychologische Unterstützung zu geben. Praktisch jedes Kind in Gaza hat die Zerstörung seines Zuhauses, Flucht, Hunger und den gewaltsamen Tod nahestehender Menschen erlebt.

UNICEF berichtet, dass Israel es nicht erlaubt, Unterrichtsmaterialien für Kinder in den Gazastreifen zu bringen. 

Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/11/4/live-joy-in-gaza-as-palestinians-freed-by-israel-reunite-with-families (17.45)

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Einmal ein Videobericht zum Freuen von Hani Mahmoud aus Gaza-Stadt:

Inmitten der Zerstörung wurde, aus ein paar Holzpfosten und Plastikplanen, ein Café wiederaufgebaut. Dort trafen sich am 26. Oktober junge Männer, um gemeinsam Fußball zu schauen: Real Madrid gegen den FC Barcelona. 

Eigentlich wollte der Inhaber des Cafés den Gästen eine Projektion bieten. Doch dann fiel der Strom aus. So schauten die Gäste das Spiel auf ihren Handys – und hatten sehr viel Spaß dabei. 

Hani Mahmoud:

„Wir sehen heute, wie Palästinenser, trotz aller Zerstörung und Mühsal, Momente des Friedens finden, indem sie das tun, was sie am liebsten tun: gemeinsam Fußball schauen. […] Sogar in Gaza, trotz allem, finden Menschen Wege, zu leben und sich lebendig zu fühlen. […] Sie haben Spaß und Freude. […] Es ist ein Beweis, dass die Palästinenser sogar unter Belagerung und inmitten der Ruinen Wege zu leben und Momente des Lächelns finden. Manchmal sieht Resilienz so aus. […] Eine kleine Erinnerung daran, wie sich Frieden anfühlen könnte.

Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/11/1/live-israel-continues-attacks-on-gaza-as-palestinians-fear-return-to-war (10.45)

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Dies sind Momente des Friedens in einem Krieg, der sich neuerdings „Waffenstillstand“ nennt.

Wenn ich es richtig überblicke, dann ist seit Beginn des „Waffenstillstandes“ am 10. Oktober nicht ein einziger Tag vergangen, an dem in Gaza kein Palästinenser von Soldaten der israelischen Armee ermordet wurde. Bis zum 2. November waren 236 Todesopfer des „Waffenstillstandes“ gezählt worden, dazu mehr als 600 Verwundete.

Die Einwohner werden außerdem von kriminellen Banden drangsaliert. Ein Journalist aus Gaza berichtet: 

Nachdem ich nach Hause zurückgekehrt war, warnten mich Verwandte, die in der Stadt geblieben waren, vor gefährlichen Gruppen in unserer Nachbarschaft, die in den letzten Tagen der israelischen Operation mit den israelischen Truppen zusammengearbeitet hatten. Sie wurden dabei gesehen, wie sie Häuser plünderten und zurückkehrende vertriebene Familien mit dem Tod bedrohten und sich mit den Hamas-Kräften bekämpften. […]

Als ich letzte Woche eines Tages die Trümmer und Glasscherben aufräumte, die überall in meinem Haus verstreut waren, um alles für die Rückkehr meiner Nichten und Neffen aus dem Süden vorzubereiten, hörte ich in der Nähe Schüsse. […]

Die Zusammenstöße zwischen der Hamas und den Milizen dauerten drei Tage lang in der Nähe meines Hauses an. […] Schließlich flohen einige der Milizionäre, während andere gefangen genommen wurden oder sich der Hamas ergaben, bevor sie hingerichtet wurden.

Die humanitäre Situation in Gaza hat sich gegenüber der Vor-„Waffenstillstandszeit“ zwar etwas verbessert, aber die Hilfslieferungen bleiben immer noch weit hinter den Vereinbarungen und hinter den Bedürfnissen der Menschen zurück. Nach einer Umfrage der UN hat sich für die Hälfte der Haushalte die Versorgung mit Nahrungsmitteln verbessert, für die andere Hälfte jedoch nicht verbessert oder sogar verschlechtert.

Zwei neue Feldspitäler und fünf neue Lernräume für 2.200 Schüler/innen eröffneten in Gaza-Stadt. Das ist schön, aber viel zu wenig.

Der nahende Winter droht die humanitäre Krise erneut zu verschärfen. Israel lässt keine Baumaterialien ins Land gelangen. Selbst Planen für behelfsmäßige Zelte sind Mangelware.

Nach Angaben der zuständigen Behörde hat sich die anhaltende Wasserkrise in Gaza nun zu einer Wasserkatastrophe zugespitzt: Die zentrale Entsalzungsanlage ist komplett außer Betrieb, und von 88 Brunnen funktionieren nur noch 17.

15.000 Schwerkranke und Verletzte warten auf die Genehmigung zur Ausreise aus Gaza für eine dringend nötige medizinische Behandlung im Ausland.

Quellen:

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/11/5/live-israeli-air-attacks-shelling-demolition-campaign-hit-southern-gaza (15.00)

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/11/4/live-joy-in-gaza-as-palestinians-freed-by-israel-reunite-with-families (19.15)

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/11/3/live-israel-kills-palestinian-in-gaza-city-hamas-returns-3-bodies (05.07, 10.15, 14.30, 17.30)

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/11/2/live-hamas-continues-search-for-captives-remains-as-israel-blocks-aid (15.45)

https://www.972mag.com/rubble-gangs-airstrikes-gaza-city-ceasefire/ Deutsche Übersetzung in: Aussendung 70/2025 von Dr. Martha Tonsern, Vertretung des Staates Palästina in Österreich, Slowenien und Kroatien, 28. 10. 2025

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Tod eines Neunjährigen

Der 9jährige Muhammad al-Hallaq lebte in dem 7.000-Seelen-Dorf al-Rihiya, südlich von Hebron. Am Nachmittag des 16. Oktober 2025 spielte er mit Freunden Fußball im Hof der Mädchenschule, als plötzlich zwei Jeeps der israelischen Armee in das Dorf fuhren. Es gab dafür keinen Grund. Aber die israelische Armee dringt mehrmals die Woche in dieses Dorf ein, meistens nachts. Dieses Mal war es späterer Nachmittag. 

Die Soldaten stiegen aus und feuerten mit ihren Gewehren in die Luft, um die Kinder und andere Leute auf der Straße zu vertreiben. Alle rannten davon, auch Muhammad. Dieser rannte jedoch nicht nach Hause, sondern blieb in ca. 250 Meter Entfernung von den Soldaten stehen. Er stand an einer Mauer und verschränkte die Arme. Einer der Soldaten kniete sich hin, zielte auf den Buben und drückte ab.

Die Kugel traf das Kind in eine Hüfte und trat an der anderen wieder aus. Der Soldat riss die Arme in die Luft. Das wurde von Augenzeugen als Geste der Freude und des Triumphs interpretiert. Die anderen Soldaten schienen ebenfalls in ausgelassener Stimmung zu sein.

Dorfbewohner wollten zu dem Jungen eilen, um zu helfen. Sie wurden jedoch von den Soldaten durch den Einsatz von Tränengas daran gehindert. Wenige Minuten später fuhren die Soldaten ab.

Ein Onkel wollte Muhammad mit dem Auto sofort ins Bezirkskrankenhaus nach Yatta bringen. Zu diesem Zeitpunkt konnte er bei seinem Neffen noch einen schwachen Puls wahrnehmen. Doch auf der kürzesten Straße zum Krankenhaus fuhren auch die Jeeps mit den Soldaten. Der Onkel fürchtete, die Soldaten würden ihn aufhalten, wie es häufig der Fall ist. Deshalb fuhr er einen Umweg. Als er schließlich im Krankenhaus ankam, konnten die Ärzte für das Kind nichts mehr tun. 

Für den Soldaten hatte der Mord keine Konsequenzen. Auf Nachfrage gab die Armee die Standardantwort, man werde den Vorfall untersuchen. In der Regel bedeutet das, dass gar nichts passiert. 

Am selben Abend erhielt die Familie einen Anruf vom israelischen Geheimdienst Shin Bet. Sie wurde davor gewarnt, anlässlich des Begräbnisses des Buben eine Demonstration abzuhalten. 

Später kamen noch einmal israelische Soldaten ins Dorf und entfernten die Videokamera, die den Mord vermutlich aufgezeichnet hatte. 

Quelle: https://www.haaretz.com/israel-news/twilight-zone/2025-10-25/ty-article-magazine/.highlight/a-palestinian-boy-9-stood-at-a-distance-an-israeli-soldier-knelt-and-shot-him-dead/0000019a-19ba-d77b-a3ff-3ffb86900000 [https://archive.ph/0zdzr; Deutsche Übersetzung in: Aussendung 70/2025 von Dr. Martha Tonsern, Vertretung des Staates Palästina in Österreich, Slowenien und Kroatien, 28. 10. 2025]

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Nachrichten aus aller Welt

Israel:

Vergangene Woche am Freitag trat die Generalstaatsanwältin der israelischen Armee, Yifat Tomer-Yerushalmi, von ihrem Amt zurück. Sie war unter Druck geraten, weil sie im August 2024 ein Video an die Presse weitergegeben hatte. Das Video war in dem für Folterungen berüchtigten israelischen Gefangenenlager Sde Teiman aufgenommen worden. Es zeigte eine besonders brutale Vergewaltigung eines Palästinensers durch mehrere israelische Soldaten. Der Mann wurde später mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert.

Tomer-Yerushalmi ließ damals einige der mutmaßlichen Täter verhaften. Das war ein außergewöhnlicher Vorgang, auch unter dieser Staatsanwältin. Daraufhin gab es in Israel aggressive Proteste – nicht gegen die abscheuliche Tat, sondern gegen die Verhaftung der Täter. An diesen Protesten nahmen auch israelische Minister teil. Die Täter sind inzwischen wieder frei. Zu einer Verurteilung kam es nicht. Inzwischen wurde Tomer-Yerushalmi verhaftet. Es wird ihr vorgeworfen, sie habe durch die Weitergabe des Beweismaterials dem Ansehen Israels massiven Schaden zugefügt. Diesbezüglich sind sich Regierung und „Opposition“ in Israel einig. Die Tat selbst wird nicht verurteilt, eine Bestrafung der Täter nicht gefordert.

„Ein geheimes israelisches Militärdokument zeigt, dass der Mann, den israelische Soldaten 15 Minuten lang vor laufender Kamera brutal vergewaltigt haben, nie wegen eines Verbrechens angeklagt wurde. Monatelang behaupteten pro-israelische Aktivisten, er sei ein Elite-Kämpfer der Hamas ,Nukhba‘ gewesen, der am 7. Oktober teilgenommen habe, um die Gräueltat zu rechtfertigen. Das durchgesickerte Dokument bestätigt nun, dass er ein Zivilist war – einer von 1.700 Menschen aus Gaza, die ohne Anklage festgehalten wurden und am 13. Oktober 2025 im Rahmen eines Gefangenenaustauschs aus israelischen Folterstätten befreit wurden. […] Israel hält weiterhin über 9.000 palästinensische Gefangene fest, mehr als die Hälfte davon ohne Anklage, und Hunderte weitere in geheimen Militärlagern wie Sde Teiman.“ (Dropsite News auf X (vormals Twitter), wo auch das Militär-Dokument zu sehen ist, am 3. November 2025.)

Quellen:

https://www.sueddeutsche.de/politik/israel-gefaengnisse-palaestinenser-folter-video-leak-militaer-kritik-li.3333663?reduced=true

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/11/3/live-israel-kills-palestinian-in-gaza-city-hamas-returns-3-bodies (12.15, 13.30)

Aussendung 72/2025 von Dr. Martha Tonsern, Vertretung des Staates Palästina in Österreich, Slowenien und Kroatien, 4. 11. 2025.

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Großbritannien:

Von März 2018 bis Dezember 2019 fanden in Gaza große friedliche Proteste statt. Jeden Freitag trafen sich die Menschen zu Massendemonstrationen am Grenzzaun zu Israel. Sie nannten es den „Großen Marsch der Rückkehr“ („the Great March of Return“), denn unter anderem forderten sie das Recht ein, in ihre alte Heimat zurückkehren zu dürfen – an Orte innerhalb Israels, aus denen sie (bzw. ihre Eltern oder Großeltern) 1947–49 vertrieben wurden. Israelische Soldaten schossen auf die unbewaffneten Demonstranten. Insgesamt wurden während dieser Proteste 223 palästinensische Demonstranten von israelischen Soldaten erschossen. Zahlreiche andere wurden verletzt. Vielen haben dabei ein Bein verloren.

Eines der Todesopfer war Razan al-Najjar, 21 Jahre alt und von Beruf Krankenschwester. Sie war vor Ort, um Verletzten zu helfen. Sie wurde von einem israelischen Soldaten erschossen. 

Bildquelle: https://www.indiatimes.com/news/world/21-year-old-volunteer-paramedic-razan-al-najjar-shot-dead-in-israel-as-she-tended-to-patients-346676.html

Ein ehemaliger konservativer britischer Minister, Alistair Burt, erinnerte die Öffentlichkeit jetzt an Razan al-Najjar. Er ist gerade dabei, die Komplizenschaft Großbritanniens an Israels Verbrechen gegen die Palästinenser aufzuarbeiten, an der er selbst beteiligt war. Er war einer von denen, die durch ihr Schweigen dazu beitrugen, dass Israel den Mord an Razan al-Najjar vertuschen konnte. Die junge Krankenschwester hat jedoch seinem Gewissen keine Ruhe gelassen. Nun erklärte er öffentlich, einen schweren Fehler gemacht zu haben, den er jetzt bereue. Er habe sich damals mit Israels Erklärung begnügt, dass man den Fall untersuchen werde. Tatsächlich dienten solche Versprechen nur dazu, die Wahrheit zu verbergen. Die junge Frau sei eindeutig gezielt getötet worden. Er hätte damals mutiger gegen Israel auftreten müssen.

Quellen:

https://www.independent.co.uk/news/uk/politics/israel-gaza-palestine-angle-of-mercy-b2856720.html

https://www.indiatimes.com/news/world/21-year-old-volunteer-paramedic-razan-al-najjar-shot-dead-in-israel-as-she-tended-to-patients-346676.html

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/11/4/live-joy-in-gaza-as-palestinians-freed-by-israel-reunite-with-families (20.00)

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New York:

Zohran Mamdani ist der neue Bürgermeister von New York! Der linke Demokrat hatte in den parteiinternen Vorwahlen den sehr israelfreundlichen Andrew Cuomo aus dem Rennen geschlagen, der vom Partei-Establishment unterstützt wurde. Schon dieser interne Wahlsieg galt als Sensation. Cuomo zog sich jedoch nicht zurück, sondern ging als „unabhängiger“ Kandidat ins Rennen, nach wie vor unterstützt von einem Teil der demokratischen Partei. In den gestrigen Wahlen setzte Mamdani sich sowohl gegen ihn als auch gegen den republikanischen Gegenkandidaten durch.

Der 34jährige Muslim Mamdani hatte sich während des Wahlkampfs immer wieder sehr deutlich für die palästinensische Sache und sehr israelkritisch geäußert. Er bezeichnete Israels Vorgangsweise in Gaza als Genozid, und er versprach, er werde als Bürgermeister Netanjahu verhaften lassen, falls dieser nach New York käme. Während des Wahlkampfs war Mamdani untergriffigen islamophoben Angriffen von seinen politischen Mitbewerbern ausgesetzt.

Mamdanis Wahlsieg kann als Indiz eines tiefgreifenden Wandels in den USA interpretiert werden – gegen den Trumpismus, gegen die Israel-Lobby, gegen eine Führungselite der demokratischen Partei, die offenbar mehr und mehr den Kontakt zur Basis verliert.

Quellen:

https://mondoweiss.net/2025/11/zohran-mamdani-wins-new-york-city-mayoral-race/?ml_recipient=170226311625705220&ml_link=170226287981364486

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Kommentare

Eine Antwort zu „Momente des Friedens“

  1. Avatar von galaxysweetly6a23ec0ea4
    galaxysweetly6a23ec0ea4

    Liebe Maria,

    Dein Beitrag heute ist sehr anrührend, vielen Dank dafür!

    Ich bin so sehr mit dem Kalender beschäftigt … Und jetzt habe ich eine
    Erkältung geschnappt, sodass ich am Samstag nicht zur Demo komme. Denn:
    Ich muss fit sein, spätestens am nächsten Wochenende …

    Leider bin ich bisher nicht auf die Idee gekommen, Dir die Einladung zu
    meinem Frauentanzfest zu schicken, das tut mir sehr leid und ich hole es
    hiermit nach, liebe Maria. Nur so, zur Info. Es haben sich mehr als
    fünfzig Frauen angemeldet, Lua und Saluah wollen kommen und bringen
    wahrscheinlich noch andere Frauen mit, die mit uns Dabke tanzen werden.
    Alles andere entnimm bitte den beiden Anhängen.

    Du bist herzlichst willkommen!

    Liebe Grüße
    Marianne

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