Am 1. Januar 2025 habe ich den ersten Beitrag dieses Blogs veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt lag die offizielle Zahl an Todesopfern in Gaza bei mehr als 45.000, zwei Drittel davon Frauen, Kinder und ältere Menschen. Fast alle Einwohner Gazas waren Binnenflüchtlinge. Viele waren gezwungen, in Zelten zu leben. Babys erfroren. Viele Menschen hungerten. Israel blockierte die Einfuhr von Hilfsgütern.

Das war die Situation am Ende des Jahres 2024. Im Folgenden fasse ich die Entwicklungen des Jahres 2025 zusammen.

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Auf Druck des neuen US-Präsidenten Trump tritt am 19. Januar 2025 ein Waffenstillstandsabkommen zwischen der Hamas und Israel in Kraft. Das Abkommen sieht mehrere Phasen vor. In Phase 1 sollen 33 israelische Gefangene der Hamas gegen palästinensische Gefangene Israels ausgetauscht werden. Es sollen täglich ca. 600 LKWs mit Hilfsgütern nach Gaza gelangen. Phase 2 sieht die Freilassung der verbliebenen israelischen Geiseln vor. Im Gegenzug soll Israel sich vollständig aus Gaza zurückziehen und einen unbefristeten Waffenstillstand akzeptieren.

Die PalästinenserInnen in Gaza feiern den Waffenstillstand euphorisch und sind voller Hoffnung. Zehntausende machen sich aus den Flüchtlingslagern im Süden auf, um in ihre alte Heimat im Norden zurückzukehren – in ein Trümmerfeld.

Die israelische Regierung will den Waffenstillstand nicht und hält sich auch nicht daran. Viel weniger Hilfslieferungen als vereinbart erreichen Gaza. Israel blockiert die Einfuhr von lebensnotwendigen Gütern. Es geht u. a. um Medikamente, Treibstoff, Zelte, schwere Maschinen und Baumaterialien. 

Außerdem gibt es während des Waffenstillstandes immer wieder Angriffe der israelischen Armee, die mindestens 170 Menschen töten. Israel weigert sich, über die geplante Phase 2 des Waffenstillstandes auch nur zu verhandeln.

Anfang März wird erneut eine Totalblockade über Gaza verhängt, so dass keine humanitäre Hilfe mehr ins Land gelangen kann. In Gaza explodieren die Preise für Lebensmittel – sofern sie überhaupt noch am Markt sind. Medikamente, medizinische Hilfsmittel und Treibstoff werden schnell knapp. Israel kappt die Stromversorgung nach Gaza. Entsalzungsanlagen können nur noch sehr eingeschränkt arbeiten. Die ohnehin schon bestehende Knappheit an Trinkwasser verschärft sich.

Am 18. März beendet Israel den „Waffenstillstand“, der eigentlich nie einer war, ganz offiziell und lässt es in Gaza erneut Bomben regnen. Die israelische Armee bombardiert Krankenhäuser, Flüchtlingsunterkünfte, Märkte und belebte Straßen, Restaurants, Suppenküchen, Wasser- und Hilfsgüter-Verteilzentren. Menschen verbrennen bei lebendigem Leib in ihren Zelten – in Gebieten, in die sie auf Befehl der israelischen Armee geflüchtet sind. Viele werden gezielt von Scharfschützen erschossen, auch Kinder.

Anfang April geht in Gaza das Brot aus. Bäckereien können nicht mehr produzieren, weil es kein Mehl und keinen Brennstoff für die Öfen mehr gibt. Viele Suppenküchen müssen schließen, weil alle Vorräte verbraucht sind.

Mitte Mai warnt ein Expertenteam, dass in Gaza in den kommenden Monaten 500.000 Menschen den Hungertod sterben werden, wenn die Blockade nicht aufgehoben wird.

Aufgrund internationalen Drucks hebt Israel Ende Mai die Blockade teilweise wieder auf. Aber die zugelassene Hilfe ist bei weitem nicht ausreichend. Die extreme Verknappung führt zu Chaos und Anarchie. Viele Hilfs-LKWs werden geplündert, bevor sie die Verteilstellen der Hilfsorganisationen erreichen. Die Plünderer sind teils bewaffnete Banden, die von der israelischen Armee unterstützt werden, teils verzweifelte Zivilisten.

Kurz darauf wird den Hilfsorganisationen das Verteilen von Hilfsgütern in Gaza weitgehend untersagt. Statt dessen wird eine Handvoll neuer Hilfsgüter-Verteilstellen errichtet, die meisten davon im Süden. Diese werden von einer neu geschaffenen zwielichtigen amerikanischen Organisation namens „Gaza Humanitarian Foundation“ (GHF) geführt. Schnell stellt sich heraus, dass die „Verteilzentren“ der GHF Todesfallen sind. Nahezu täglich werden dort hilfesuchende PalästinenserInnen von israelischen Soldaten gezielt beschossen – oder auch festgenommen und verschleppt. Die Menschen gehen trotzdem zu Tausenden hin – sie haben keine andere Wahl. Mitte August beträgt die Zahl der registrierten GHF-Todesopfer 994. Tausende werden verletzt. Dutzende verschwinden spurlos.

Anfang Juni gibt die israelische Regierung offiziell zu, dass die israelische Armee in Gaza kriminelle Banden mit Waffen unterstützt. Die bekannteste davon ist die Bande von Yasser Abu Shabab. Ihr werden Verbindungen zur Terrororganisation ISIL nachgesagt. Die Abu-Shabab-Bande kämpft gegen die Hamas, terrorisiert aber auch die Zivilbevölkerung und plündert Hilfslieferungen im großen Stil.

Im Laufe des Sommers verschärft sich die Hungerkrise. Mitte Juli lockert Israel die Blockade minimal – auf Druck der EU. Nun dürfen auch wieder echte Hilfsorganisationen Hilfsgüter verteilen. Die Menschen in Gaza spüren keine substantielle Verbesserung der Lage. Fast täglich werden neue Hungertote gemeldet. Kinder, alte und kranke Menschen sind besonders betroffen.

Ende August bescheinigt ein internationales Expertengremium offiziell, dass in Gaza eine Hungersnot herrscht. Auch danach ist die internationale Gemeinschaft nicht in der Lage, Israel zur Aufhebung der Blockade zu zwingen. Die Zahl der Hungertoten steigt weiter. Bis Anfang Oktober sind 440 Hungertote in Gaza registriert, darunter mindestens 146 Kinder.

Von der wenigen Hilfe, die in den Gazastreifen gelangt, kommt nur ein kleiner Teil bei den Menschen an. Eine geregelte Verteilung ist nicht mehr möglich. Menschen versammeln sich entlang der Straßen, an denen LKWs mit Hilfe erwartet werden. Immer wieder beschießt die israelische Armee die Wartenden. Mehr als 500 PalästinenserInnen sterben bei solchen Vorfällen. Die meisten von ihnen werden von israelischen Soldaten ermordet. Insgesamt sterben bis Ende September mehr als 2.538 Menschen beim Versuch, Nahrungsmittelhilfe zu bekommen; mehr als 18.500 werden dabei verwundet.

Ende August verabschiedet die Internationale Vereinigung von GenozidforscherInnen eine Resolution, in welcher erklärt wird, dass Israel in Gaza einen Völkermord begeht. Mitte September kommt eine UN-Kommission zu demselben Ergebnis.

Anfang September beginnt die israelische Armee mit der systematischen Zerstörung von Gaza-Stadt. Das Ziel ist die Entvölkerung der größten Stadt Gazas und die Vertreibung der ca. eine Million EinwohnerInnen in den Süden.

Ende September legt Trump einen neuen „Friedensplan“ vor. Er verlangt von der Hamas die Freilassung aller noch lebenden israelischen Gefangenen plus die Herausgabe der Leichen der Verstorbenen binnen weniger Tage. Im Gegenzug solle sich die israelische Armee bis zu einer festgesetzten Linie zurückziehen. Diese Linie teilt den Gazastreifen von Norden nach Süden in zwei ungefähr gleich große Hälften. In weiterer Folge soll die Hamas ihre Waffen abgeben und die israelische Armee sich schrittweise aus Gaza zurückziehen. Für diesen Rückzug gibt es jedoch keinen Zeitplan. Überhaupt ist der Plan in allen Punkten, welche Verpflichtungen Israels betreffen, sehr vage.

Immerhin ist jetzt nicht mehr die Rede davon, dass die PalästinenserInnen Gaza verlassen müssen oder in einem Lager im Süden interniert werden sollen. Vielmehr wird ihnen das Recht auf Verbleib in Gaza zugestanden, inklusive die Freiheit, Gaza zu verlassen und wieder zurückzukehren, wann immer sie wollen. Was der Plan jedoch nicht vorsieht, ist palästinensische Selbstbestimmung. Vielmehr soll Gaza von einem internationalen „Board of Peace“ regiert werden, über dessen Zusammensetzung Trump persönlich bestimmen soll.

Die internationale Gemeinschaft (einschließlich der UNO) unterstützt diesen Plan. Palästinensische Organisationen der unterschiedlichsten Richtungen lehnen ihn ab, da er das Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes negiert. Dennoch werden einige Punkte positiv beurteilt: die Abkehr von den Vertreibungs- und Annexionsplänen, das Rückkehrrecht und die ungehinderte Zulassung von Hilfe durch internationale Hilfsorganisationen. Doch diese Zusagen werden nicht eingehalten.

Am 10. Oktober tritt der zweite „Waffenstillstand“ des Jahres 2025 in Kraft. Wieder kehren viele Vertriebene in den Norden zurück – nicht zuletzt deshalb, weil die Lager im Süden bereits aus allen Nähten platzen.

Die Hamas lässt die noch lebenden israelischen Gefangenen in den ersten Tagen des Waffenstillstands frei. Die Bergung der verstorbenen Israelis erweist sich jedoch – erwartungsgemäß – als schwierig und langwierig. In Israel wird der Hamas unterstellt, die Herausgabe der Leichen absichtlich zu verzögern. Dies wird als Bruch des Abkommens gewertet.

Die israelische Armee zieht sich hinter die sog. „Gelbe Linie“ zurück, eine unsichtbare Grenze zwischen Osten und Westen, auf der gesamten Nord-Süd-Achse des Gazastreifens. Die PalästinenserInnen sollen sich nun – theoretisch – auf 48 Prozent der Fläche Gazas frei bewegen können. Doch die Realität sieht anders aus.

Die israelische Armee bricht den Waffenstillstand fast täglich. Bis Mitte Dezember werden mehr als 800 israelische Verstöße gegen den „Waffenstillstand“ registriert. Fast 400 Palästinenser sterben dabei, mehr als 1.000 werden verletzt.

Von Mitte Oktober bis Mitte November kann die Hamas 24 von 28 vermissten toten Israelis bergen und übergeben. Im selben Zeitraum lässt Israel ca. 2.000 palästinensische Gefangene frei. Die große Mehrheit davon war zwischen 2023 und 2025 aus Gaza nach Israel verschleppt und ohne Anklage festgehalten worden.

Israel überstellt für jeden toten israelischen Gefangenen 15 tote Palästinenser. Viele von diesen weisen Spuren von Folter auf. Bei einigen sind Organe entnommen worden. Die meisten Toten können nicht identifiziert werden, weil der Verwesungsprozess zu weit fortgeschritten ist und für DNA-Analysen in Gaza sowohl die Geräte als auch die Experten fehlen. Die nicht identifizierten Toten werden in Massengräbern beerdigt – gemeinsam mit den nicht identifizierten Toten, die Gazas Zivilschutz aus den Trümmern birgt oder aus Not-Massengräbern exhumiert.

Entgegen der Vereinbarung öffnet Israel den Grenzübergang Rafah nach Ägypten nicht – die einzige Verbindung Gazas zur Welt. Anfang Dezember kündigt Israel an, man werde den Grenzübergang nun doch öffnen – jedoch nur für die Ausreise, nicht für die Einreise.

Aus dem ursprünglich versprochenen unbeschränkten Zugang für humanitäre Hilfe wird zunächst die Zusage, dass 600 LKW pro Tag erlaubt sind. Diese werden von Israel einseitig auf 300 LKW pro Tag reduziert. Aber die tatsächlich nach Gaza gelangende Hilfe bleibt in Wirklichkeit weit darunter. Im Durchschnitt gelangen täglich ca. 150 LKWs nach Gaza. Es fehlt unter anderem an Medikamenten und anderen Dingen des medizinischen Bedarfs – und an halbwegs winterfesten Unterkünften.

Am 17. November wird im UN-Sicherheitsrat eine Resolution verabschiedet, die die Stationierung einer internationalen Armee in Gaza vorsieht, deren Aufgabe unter anderem darin bestehen soll, die Hamas zu entwaffnen. Diese Armee soll mit Israel „zusammenarbeiten“. Die meisten Palästinenser – nicht nur Hamas-Anhänger – stehen diesem Plan skeptisch bis ablehnend gegenüber.

Ende November taucht ein neuer US-israelischer Plan für die Zukunft Gazas auf: Die Zweiteilung Gazas soll verstetigt werden. Israel soll die Kontrolle im östlichen Teil behalten. Dort sollen Lager errichtet werden. Die Einwohner Gazas sollen „eingeladen“ werden, sich in diese Lager zu begeben. Wer eingelassen wird, entscheidet die israelische Armee. Zur Erinnerung: Gemäß Trumps Friedensplan ist der vollständige Abzug der israelischen Armee aus Gaza vorgesehen.

Inzwischen ist der Winter über Gaza hereingebrochen: mit heftigen Regenfällen, Stürmen und Temperaturen unter 10 Grad Celsius. Die meisten Menschen leben in Ruinen, in Zelten oder auf offener Straße. Schmutzwasser und Schlamm dringen in die maroden Zelte ein, durchnässen das Wenige, das die Menschen noch besitzen. Wieder gibt es Kältetote.

Am Ende des Jahres gibt es eine neue Schreckensnachricht: Israel entzieht mehr als 30 internationalen NGOs die Erlaubnis, in Israel und den besetzten Gebieten (also auch in Gaza) tätig zu sein. Die betroffenen Organisationen – unter anderem die in Gaza sehr wichtigen Ärzte ohne Grenzen – hatten sich geweigert, detaillierte Informationen über ihre palästinensischen MitarbeiterInnen zu liefern. Sie fürchten – aus gutem Grund – um deren Sicherheit.

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„Hoffnung ist der Widerstand gegen Resignation, Mutlosigkeit und Zynismus.“

(Fulbert Steffensky)

Quellen:

https://aje.io/9b3pj5?update=4099711

https://aje.io/c02v1p?update=3931049

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2026/1/1/live-israels-ban-on-37-aid-groups-kicks-in-gaza-starts-2026-with-despair

https://aje.io/n0z5hc?update=4208677

https://aje.io/n0z5hc?update=4208599

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https://aje.io/0x42h1?update=4111047

https://aje.io/7gsdld?update=4124162

https://aje.io/7gsdld?update=4124166

https://aje.io/z1i7cp?update=4148461

https://aje.io/z1i7cp?update=4148268

https://aje.io/z1i7cp?update=4148371

https://aje.io/pz7sis?update=4171868

https://aje.io/nijnau?update=4179689

https://aje.io/izdtnq?update=4184771


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