
Bild: Birzeit-Universität im Westjordanland. Quelle: https://dohanews.co/education-above-all-birzeit-university-to-provide-scholarships-to-palestinians-in-west-bank/
Am 6. Januar begeht man in Österreich und Teilen Deutschlands einen christlichen Feiertag, den „Dreikönigstag“. Dieser Tag ist den „drei Weisen aus dem Morgenland“ gewidmet, die – nach christlicher Überlieferung – durch einen außergewöhnlichen Stern zum Jesuskind in Bethlehem geführt worden sein sollen.
Nicht einmal 40 Kilometer von Bethlehem entfernt, nördlich von Ramallah, liegt der kleine Ort Birzeit. Birzeit ist aus zwei Gründen ein besonderer Ort im Westjordanland. Erstens wird es mehrheitlich von palästinensischen Christen bewohnt, und zweitens befindet sich an dessen Rand die Birzeit-Universität.
Die Birzeit-Universität wurde 1975 gegründet, hat neun Fakultäten und mehr als 13.000 Studierende, davon mehr als 60 Prozent Frauen. Mehr als 400 Lehrende sind dort beschäftigt. Auf der Webseite der Universität kann man eine virtuelle Besichtigungstour durch den Campus machen. Er sieht einladend aus. Er liegt auf einem Berg, die Gebäude mit den freundlichen Sandsteinfassaden verstreut, mit viel Grün dazwischen. Ein schöner Ort, um zu lernen.
Doch am diesjährigen Dreikönigstag spielten sich auf diesem Campus dramatische Szenen ab. Ich beschreibe jetzt ein Video. Falls sich jemand wundert, dass ich das Video so genau beschreibe, obwohl es doch verlinkt ist und jeder es selber anschauen kann: Das hat einen Grund. Ich habe nämlich heute gelesen, dass YouTube im vergangenen Jahr mehr als 700 Videos gelöscht hat. Die Videos stammten von palästinensischen Menschenrechtsorganisationen und dokumentierten Menschenrechtsverletzungen durch Israel.
Ich habe also gelernt: Das Internet ist nicht mehr frei. Das Internet wird kontrolliert. Dabei geht es nicht um Kinderpornographie, Drogen- oder Waffenhandel, sondern um Inhalte, die politisch nicht opportun sind, weil sie das israelische Narrativ von der „anständigsten Armee der Welt“ in Frage stellen könnten. Israel versucht alles, dieses Narrativ aufrecht zu erhalten. Die Wahrheit soll mit allen Mitteln unterdrückt werden. Freilich ist das ein aussichtsloses Unterfangen. Diese Versuche fügen dem Ansehen Israels nur noch zusätzlichen Schaden zu. Denn zu den begangenen Verbrechen kommen nun noch die dreisten Lügen und der Versuch weltweiter Zensur und Manipulation hinzu.
Doch wie die Lage nun ist, kann ich nicht sicher sein, ob dieses Video nächste Woche noch unter der angegeben Adresse verfügbar sein wird. Daher nun die genaue Beschreibung:
Ein junger Mann läuft über den Campus der Birzeit-Universität und berichtet, was sich in diesem Moment um ihn herum abspielt. Er spricht direkt in die Kamera. Manchmal schwenkt die Kamera in die Umgebung. Zwischendurch ist dem jungen Mann anzumerken, dass er Angst hat; er rennt und gerät außer Atem; dann wieder geht er etwas langsamer. Im Hintergrund hört man immer wieder Schüsse. Der junge Mann berichtet:
Die Universität ist eine Kriegszone geworden. [Die Kamera zeigt zwei Soldaten mit Gewehren im Anschlag.] Israelische Soldaten stürmen sie gerade. [Der junge Mann rennt, er ist außer Atem.] Niemand kann hinein oder hinaus, die Universität ist vollständig umzingelt. [Die Kamera schwenkt Richtung Straße. Dort steht, hinter einem Zaun und einem Auto, ein Soldat.] Es scheint, er wird gleich schießen. [Man hört Schüsse.] Sie schießen jetzt mit scharfer Munition. Einem Studenten wurde ins Bein geschossen. [Er geht weiter, er ist außer Atem. Die Kamera schwenkt auf die Beine eines sitzenden jungen Mannes.] Noch ein Verletzter. Neun Leute sind angeschossen worden [die Kamera zeigt einige junge Männer, die einen Verwundeten wegtragen] und mindestens 32 erlitten Atemwegsbeschwerden vom Tränengas [ein Schuss oder eine Explosion ist zu hören] und Schrappnell-Wunden von den Blendgranaten. [Wieder ein Schuss.] Sie sind jetzt bei den Eingängen, es scheint [wieder ein Schuss], sie ziehen jetzt ab. [Wieder ein Schuss.] Nein, sie ziehen nicht ab. Fuck. Das gehört zum Alltag palästinensischer Studenten unter Besatzung. [Die Kamera zeigt zahlreiche junge Männer, die vor dem Eingang eines Gebäudes stehen.] Die Besatzung kontrolliert und terrorisiert Bildung. Wie sehr sie nicht wollen, dass Palästinenser gebildet sind, das ist Teil unseres Kampfes gegen die Besatzung. Das verbotene Wissen … und ein Gutes Neues Jahr.
Die Universitätsleitung meldete, dass die Soldaten Hörsäle während des Unterrichts gestürmt hatten.
Wie der Autor des Videos gesagt hat: Das war kein singuläres Ereignis. Die Birzeit-Universität – wie auch andere Bildungseinrichtungen im Westjordanland – war immer wieder Ziel von Angriffen der israelischen Armee. Der letzte Sturm dieser Art, von dem ich Kenntnis erlangte, war am 9. Dezember 2025. Dabei wurden Universitätsmitarbeiter festgenommen und Lagerräume geplündert. Am selben Tag wurde außerdem die Al-Quds-Universität südlich von Jerusalem gestürmt.
Am selben Tag fand übrigens an der RWTH Aachen eine Konferenz statt, zu der etliche Professoren der israelischen Technion-Universität in Haifa eingeladen waren. Die Technion-Universität ist aufs Engste mit der israelischen Armee und der israelischen Waffenindustrie verbunden. Sie forscht und entwickelt Waffen, die nicht zuletzt in Gaza und im Westjordanland völkerrechtswidrig verwendet werden und mit denen Soldaten der israelischen Armee Menschenrechtsverletzungen begehen. Viele Studierende und Professoren der Technion-Universität waren oder sind selbst als Soldaten in Gaza und im Westjordanland im Einsatz.
Die Einladung von Professoren dieser Universität nach Aachen mitten im Genozid in Gaza und den ethnischen Säuberungen im Westjordanland erregte den Protest einer kleinen Gruppe von Studierenden der RWTH. Die teilnehmenden Professoren wollten eine Konfrontation mit KritikerInnen offenbar um jeden Preis vermeiden. Jedenfalls wurde die Konferenz – entgegen der üblichen Gepflogenheiten – unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgeführt. Dem Vernehmen nach soll ein geplanter Spaziergang durch den berühmten Aachener Weihnachtsmarkt „aus Sicherheitsgründen“ abgesagt worden sein. Tagen konnten die Professoren jedoch unbehelligt – während, wie gesagt, in Birzeit israelische Soldaten die Universität stürmten und Mitarbeiter verhafteten.
Einige Tage später hatte ich Gelegenheit, via Zoom mit einem Kollegen von der An-Najah National University in Nablus zu sprechen. Er berichtete, vor einigen Tagen seien Kollegen von der israelischen Armee festgenommen worden. Den Namen dieses Zeugnisgebers will ich hier aus Sicherheitsgründen nicht nennen. Denn das könnte seine Chancen erhöhen, dass er bei der nächsten Razzia unter den Festgenommenen ist. Manche Menschen im Westjordanland trauen sich nicht mehr, mit Ausländern über das Leben unter israelischer Besatzung zu sprechen. Sie fürchten Racheaktionen – nicht nur für sich, sondern auch für ihre Familien.
Die An-Najah National University ist die größte Universität im Westjordanland. Sie besteht aus 11 Fakultäten und bietet mehr als 200 Studiengänge an, davon 78 Masterprogramme und 130 Masterprogramme. Etwa 25.000 Studierende sind derzeit an dieser Universität inskribiert.
Ich habe gefragt, ob die israelischen Soldaten für die Verhaftung der Dozenten einen Grund angegeben haben. Die Antwort war, dass der Grund immer derselbe ist: Personen werden als „Sicherheitsrisiko“ angesehen. Man muss wissen, was das bedeutet – und was es nicht bedeutet: Es bedeutet nicht, dass die Person irgendeine Straftat begangen hat. Es bedeutet auch nicht, dass die Person die Begehung einer Straftat auch nur geplant hat. Es bedeutet nur, dass die Besatzung der Meinung ist, dass diese Person in Zukunft vielleicht eine Straftat begehen könnte, dass sie also potentiell gefährlich ist. Nach in Israel sehr verbreiteter Ansicht ist aber im Grunde jeder Palästinenser potentiell gefährlich. So werden die täglichen willkürlichen Verhaftungen im Westjordanland gerechtfertigt.
Andererseits werden gewalttätige jüdische Siedler im Westjordanland so gut wie nie bestraft – selbst wenn sie Morde begangen haben. Das ist eine der vielen Facetten der Apartheid im Westjordanland – also der Ungleichbehandlung aufgrund ethnischer Zugehörigkeit. Israel bestreitet vehement, ein Apartheid-Staat zu sein.
Doch ich schweife ab. Ich wollte ja über Bildung schreiben. Die Anzahl der inskribierten Studierenden an den palästinensischen Universitäten im Westjordanland belegt eindrucksvoll, welche enorme Wichtigkeit die PalästinenserInnen der Bildung zumessen. Aus mehreren Gründen ist der Zugang zu universitärer Bildung im Westjordanland alles andere als leicht. Da ist einerseits die finanzielle Hürde. Palästinensische Universitäten verlangen Studiengebühren, die die finanziellen Möglichkeiten sehr vieler palästinensischer Familien übersteigen. Es gibt zwar Stipendien, aber nicht alle Studierwilligen kommen in den Genuss eines solchen. Die zweite Schwierigkeit wird durch die israelische Besatzung geschaffen. Durch das System der israelischen Militär-„Checkpoints“ im Westjordanland ist es für die PalästinenserInnen umständlich, langwierig und auch gefährlich, von einem Ort in einen anderen zu gelangen.
Checkpoints werden willkürlich geöffnet und geschlossen. Üblicherweise bilden sich lange Schlangen davor. Nicht selten müssen die PalästinenserInnen davor stundenlang warten. An manchen Tagen gibt es auch gar kein Durchkommen. Manchmal werden, zusätzlich zu den festen, über die man Bescheid weiß, „mobile Checkpoints“ errichtet, an Stellen, wo normalerweise keine sind. An den „Checkpoints“ führen die israelischen Soldaten Kontrollen durch. Es kommt dort zu willkürlichen Verhaftungen; und manchmal schießen die Soldaten auch.
Studierende, die zur Uni wollen, müssen also früh aus dem Haus und kommen spät abends nach Hause. Die Fahrten kosten Geld und sind gefährlich. Daher wird inzwischen sehr viel online unterrichtet.
So ist es also, im Westjordanland zu studieren. Aber viel schwieriger noch ist es in Gaza. Nach Angaben der UNESCO hat die israelische Armee in Gaza seit Oktober 2023 95 Prozent der höheren Bildungseinrichtungen zerstört oder beschädigt. Mehr als 750.000 Studierende und SchülerInnen in Gaza haben dadurch ihre Bildungsstätten verloren.
Vor dem „Krieg“ gab es in Gaza fast 500 Schulen und 12 Universitäten. (Ich setze „Krieg“ unter Anführungszeichen, weil das Wort suggeriert, dass es sich um eine Auseinandersetzung zwischen zwei Armeen handelt, und das ist in Gaza ja nicht der Fall.) Fast alle wurden ganz oder teilweise zerstört. Die israelische Armee ermordete mehr als 12.000 SchülerInnen und Studierende, mehr als 700 LehrerInnen sowie 150 UniversitätsdozentInnen und Forscher.
Dennoch gibt es im laufenden Semester ca. 130.000 inskribierte Studierende in Gaza. Das berichtet Prof. Abed Schokry, der aus Gaza stammt, derzeit in Deutschland lebt, aber noch Familie in Gaza hat. Auch in Gaza wird Online-Unterricht praktiziert. Doch dieser wird wesentlich erschwert durch häufige Stromausfälle, schlechte Internetverbindungen und einen Mangel an brauchbaren Endgeräten. Außerdem darf man die Lebensbedingungen der Menschen nicht vergessen: In einem Zelt wohnen, zusammen mit vielen anderen, keine Ruhe, keine Privatsphäre; im Winter Kälte, im Sommer Hitze; der tägliche Kampf um Essen und Wasser. Und doch ist es der israelischen Armee bisher nicht gelungen, den Lernwillen der PalästinenserInnen zu brechen.
Bildung ist Widerstand. Bildung ist Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Quellen:
https://www.birzeit.edu/en/about/facts
https://aje.io/ogmg2j?update=4162777
https://aje.io/ogmg2j?update=4162510
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