Yanoun: Tod eines Dorfes

Bild: Yanoun, Westjordanland. Quelle: https://www.palestinechronicle.com/a-village-erased-yanouns-families-forced-out-after-years-of-pressure/ [via HIC-MENA Webseite]

Sie kamen am Morgen des 28. Dezembers. Es war ein Sonntag, der letzte Sonntag des vergangenen Jahres. Sie, das waren jüdische Siedlersoldaten. Sie kamen in das palästinensische Dorf Yanoun, mit ihren Gewehren im Anschlag. Sie sagten den verbliebenen Bewohnern, dass sie am selben Tag, um 4 Uhr nachmittags Ortszeit, das Dorf vollständig geräumt haben müssten. Das war das letzte Ultimatum. Kurz nach 4 Uhr ging die E-Mail-Nachricht in die Welt: „Yanoun ist leer“.

Diese gewaltsame Vertreibung kam nicht aus heiterem Himmel. Tatsächlich kämpfte Yanoun fast 30 Jahre lang um seine Existenz – gegen gewalttätige jüdische Siedler, die von der israelischen Regierung und ihrer Armee unterstützt wurden und werden.

Yanoun liegt 12 km südöstlich der palästinensischen Stadt Nablus im von Israel seit 1967 besetzten Westjordanland. Es existiert nachweislich mindestens seit dem 16. Jahrhundert. Viele, die dort waren, beschreiben den kleinen Ort und seine Umgebung als idyllisch: ein kleines Dorf, eingebettet in eine sanft-hügelige, fruchtbare Landschaft, gesegnet mit natürlichen Quellen. Als idyllisch beschreiben die älteren Einwohner auch ihr Leben in Yanoun, bevor die Siedler kamen: Sie lebten im Einklang mit der Natur von Erzeugnissen aus ihren Oliven (Öl und Seife), von ihren Schafen, Ziegen und Kühen, und dem Anbau von Nüssen, Feigen und Weintrauben. Ihre Produkte verkauften sie auf dem Markt in Nablus. Auch unter israelischer Besatzung konnten die Leute in Yanoun zunächst ihr gewohntes Leben weiterleben. Der kleine Ort lag abseits der gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Besatzungsarmee und dem palästinensischen Widerstand. Bevor die Siedler kamen, lebten etwa 200 Menschen in Yanoun.

Mitte der 80er-Jahre wurde etwa 10 km von Yanoun entfernt eine jüdische Siedlung mit dem Namen „Itamar“ gegründet. Dazu muss man wissen: Die israelische Besatzung des Westjordanlandes durch die israelische Armee ist illegal nach internationalem Recht. Aber selbst wenn die Besatzung an sich legal wäre, wäre die Ansiedlung von Israelis im Westjordanland illegal nach internationalem Recht: Eine Besatzungsmacht darf niemals eigene Bürger in einem besetzten Gebiet ansiedeln.

In den ersten Jahren beeinträchtigte die Siedlung Itamar das Leben der Einwohner von Yanoun nicht. Umgekehrt gab es auch keinerlei Aggression der Bewohner von Yanoun gegen die jüdischen Nachbarn – auch nicht während der „Ersten Intifada“ von 1987 bis 1993.

Mitte der 90er-Jahre jedoch begannen die Siedler aus Itamar sogenannte „Außenposten“ in unmittelbarer Nähe von Yanoun zu gründen. „Außenposten“ sind so etwas wie „Ableger“ größerer, schon etablierter und nach israelischem Recht legaler Siedlungen. Die „Außenposten“ sind sogar nach israelischem Recht illegal, werden jedoch von Israel nicht nur geduldet, sondern sogar gefördert. Denn sie befördern den Landraub und die Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung – und beides ist von der israelischen Regierung gewollt. Bald schon war Yanoun von drei Seiten von solchen „Außenposten“ umzingelt.

Bild: Yanoun, Westjordanland, 2006. [Anne Paq, Activestills]

Der erste Einwohner Yanouns, der Bekanntschaft mit einem Siedler von einem solchen Außenposten machte, war Ahmed Sobih Murrar. An einem Tag im Jahr 1996 hütete er seine Schafe auf einem der Hügel des Dorfes. Er sah einen Mann sich nähern und hielt ihn irrtümlich für jemanden aus einem Nachbardorf. Er ging zu ihm hin, um ihn zu begrüßen und ihm eine Zigarette anzubieten. Der Siedler schlug Ahmed Sobih mit dessen eigenem Stock zusammen. Er brach ihm mehrere Rippen und verletzte ein Auge, auf dem Ahmed Sobih in der Folge erblindete.

Fortan war es für die Einwohner von Yanoun gefährlich, ihre Häuser zu verlassen und ihrer landwirtschaftlichen Arbeit nachzugehen. Die Siedler überfielen sie im Frühjahr im Olivenhain, wenn sie die Bäume schnitten, im Sommer auf den Wiesen, wenn sie ihr Vieh weideten, und im Herbst, wenn sie versuchten, Oliven zu ernten.

Aber auch im Dorf waren die Menschen nicht sicher, nicht einmal in ihren eigenen Häusern. Jede Woche kamen die Siedler ins Dorf, meist samstags, oft nach Einbruch der Dunkelheit. Sie drangen in die Häuser ein, vandalisierten und nahmen mit, was ihnen gefiel. Sie schlugen die Männer, mit Fäusten, Stöcken und den Kolben ihrer Gewehre. Sie bedrohten die Frauen. Sie richteten ihre Gewehre auf die Kinder. Sie töteten die Tiere der Dorfbewohner auf brutale Weise. Sie zerstörten den einzigen Stromgenerator des Dorfes (ein Geschenk der Vereinten Nationen), sie zerstörten Wasser- und Stromleitungen und Wassertanks. Fortan war es nachts dunkel im Dorf und die Menschen mussten ihr Wasser mit einem Kanister von einer Quelle holen. Doch auch dort lauerten die Siedler.

Sie sagten, das Land gehöre ihnen, und nur ihnen allein, weil Gott es ihnen, den Juden, versprochen habe. Stück für Stück nahmen sie sich das Land von Yanoun, weideten ihre Tiere auf den Dorfwiesen, ernteten die Früchte der Bäume oder zerstörten Kulturen. Sie waren bewaffnet, und bereit, ihre Waffen einzusetzen.

Die Dorfbewohner waren keine Kämpfer und hatten keine Waffen. Immer wieder erstatteten sie Anzeigen bei der Polizei der Besatzungsmacht. Vergeblich. Niemand half ihnen, weder die Polizei noch die Besatzungsarmee.

All das begann, wie gesagt, 1996, also etliche Jahre vor Beginn der „Zweiten Intifada“ im Jahr 2000. Im Verlauf der Zweiten Intifada wurden mehrere Bewohner der Siedlung Itamar von palästinensischen Kämpfern getötet. Die Einwohner von Yanoun hatten mit diesen Angriffen nichts zu tun. Dennoch wurden die Überfälle der Siedler auf das Dorf immer brutaler. In dieser Zeit verließ etwa die Hälfte der in Yanoun ansässigen Familien das Dorf. Die meisten gingen zu Verwandten in das nahegelegene Aqraba.

Am 6. Oktober 2002 erschossen bewaffnete Siedler einen 24jährigen Palästinenser bei der Olivenernte in Yanoun.

Am 12. Oktober 2002 stürmten die Siedler Yanoun und übermittelten eine klare Botschaft: „Nächsten Samstag wollen wir euch hier nicht mehr sehen. Geht nach Aqraba!“

In den darauf folgenden Tagen verließen fast alle damals noch 100 Einwohner das Dorf. Ein Betroffener sagte in diesen Tagen zu einem Journalisten:

„Es wäre leichter gewesen zu sterben, als zu gehen. Aber wir haben keine Wahl. Es war nicht leicht für uns zu gehen, nach sieben Generationen des Dorflebens, aber das Wohl unserer Kinder stand auf dem Spiel. Wenn mein Sohn nachts auf die Toilette musste, musste ich ihn an der Hand nehmen und begleiten. Er weinte und klammerte sich vor Angst an mich. Niemand kann es akzeptieren, so zu leben.“ (Mandal, Living with Settlers, p. 10)

Nur zwei Brüder weigerten sich, mit ihren Familien das Dorf zu verlassen. Einer von ihnen sagte: „Meine Familie besitzt dieses Land seit 200 Jahren. Wir sind entschlossen, in unseren Häusern und dem Dorf zu bleiben. Wir werden niemals gehen, nicht einmal, wenn sie uns umbringen.“

Doch nach dieser Vertreibung im Jahr 2002 geschah ein kleines Wunder: Zunächst kamen Mitglieder der israelisch-palästinensischen NGO Ta’ayush, danach internationale Aktivisten und die internationale Presse. AktivistInnen von Ta’ayush gingen bereits am 20. Oktober 2002 nach Yanoun und hielten dort eine ununterbrochene Präsenz aufrecht, um Sicherheit für die Einwohner zu gewährleisten und sie zur Rückkehr zu bewegen. Tatsächlich kamen die meisten Familien zurück, manche schon nach wenigen Tagen, andere erst nach Monaten oder Jahren. Einige waren so traumatisiert, dass sie erst nach längerer Zeit oder gar nicht mehr zurückkehren konnten oder wollten. Auch zurückgekehrte Familien berichteten, dass ihre Kinder nach Jahren noch Angst vor Fremden hatten, insbesondere vor solchen, die Hebräisch sprechen.

Von 2003 bis 2019 waren AktivistInnen der Organisation Pax Christi International Working Group of Justice for Palestine and Israel in Yanoun präsent, im Rahmen eines Programms mit dem Namen „Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel“ (kurz EAPPI).

Die internationalen BeobachterInnen konnten die Siedlergewalt nicht ganz stoppen, aber zumindest eindämmen. Vereinzelt wurden jedoch auch sie von Siedlern bedroht und tätlich angegriffen. In von EAPPI-AktivistInnen geführten Interviews aus dem Jahr 2005 beschreiben die Dorfbewohner die Situation dennoch erstaunlich positiv. Die EAPPI-Leute gaben ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Überdies erhielt das Dorf etwas finanzielle Unterstützung: Es gab wieder Elektrizität, die einzige Straße zum Dorf war asphaltiert und – besonders wichtig – ein Schulbus war eingerichtet worden. Junge Bewohner (auch solche mit guter Ausbildung) sagten, sie würden gerne dauerhaft in Yanoun bleiben.

Christine Hödl von der Steirischen Friedensplattform war 2016 als EAPPI-Aktivistin in Yanoun. Sie beschreibt ihren Einsatz dort so:

Obwohl schon fast 10 Jahre vergangen sind, erinnere ich mich noch sehr gut an Yanoun und die Familien dort. Wir wohnten im ,International house‘ , ein altes robustes Sandsteingebäude mit weitem Blick übers Land – und leider auch auf die umliegenden Siedlungen. Die Arbeit in Yanoun war eigentlich eine sehr angenehme. Wir mussten einen morning walk und evening walk machen, natürlich nur dort, wo es erlaubt war, damit die Siedler merkten, es gibt internationale Präsenz. Zwei Personen mussten immer im Dorf bleiben, da sprachen wir mit den Familien, spielten mit den Kindern und erledigten Hausarbeiten, die zwei anderen fuhren dann in die umliegenden Dörfer um dort die Menschen zu treffen bzw. Reports über ´incidents´ zu machen. Einer der Familienväter ist einige Jahre nach unserem Aufenthalt leider an einem Herzinfarkt gestorben. Wen wunderts, diesen Druck halten viele nicht aus.

2019 wurde das EAPPI-Programm in Yanoun wegen der Corona-Pandemie eingestellt. 2020 berichtete der Dorfvorsteher von Yanoun, dass sich die Einwohner seiner Gemeinde nicht mehr als 10 Meter vom letzten Haus des Dorfes entfernen dürfen. Da ihnen ihr Weideland gestohlen wurde, mussten sie Viehfutter zukaufen und gerieten dadurch unter finanziellen Druck.

Seit Oktober 2023 nimmt der Siedlerterror im gesamten Westjordanland noch einmal erheblich zu – sowohl was die Anzahl der „Vorkommnisse“ als auch was deren Brutalität betrifft. Während in früheren Jahren die Armee den Angriffen der Siedler auf die Einheimischen einfach tatenlos zusah, unterstützt sie die Siedler nun aktiv. Armee und Siedler verschmelzen immer mehr. Die Siedler sind zugleich Soldaten, die Armee im Westjordanland rekrutiert sich hauptsächlich aus Siedlern.

Youssef Diriya ist Mitglied des Settlement Resistance Committee in Aqraba. Er sagte kurz vor der Zwangsevakuierung von Yanoun dem Palestine Chronicle:

„Seit Beginn des Krieges leben die Menschen in Yanoun unter Belagerung. Die Zufahrt ist gesperrt. Niemand darf hinein […]. Medikamente und Tierfutter werden nicht hineingelassen, und den Einwohnern wurde eine Frist zum Verlassen des Dorfes gesetzt.“

Ein Teil der Einwohner ging. Zuletzt harrten noch fünf Familien in Yanoun aus. Einer von denen, die sich bis zuletzt widersetzten, sagt in einem aktuellen Interview:

„Sie stürmten unser Dorf jede Woche, terrorisierten uns und versuchten, uns zu vertreiben. Trotz der Intensität der Angriffe dachten wir nicht daran zu gehen, obwohl sie unsere Häuser und die Dorfschule zerstörten und unser Eigentum konfiszierten. Als sie begriffen, dass wir nicht gehen würden, kamen sie und setzten uns eine zweiwöchige Frist für die Evakuierung.”

Bild: Yanoun, Westjordanland, 2016. [Christine Hödl]

Yanoun ist das 45. palästinensische Dorf im Westjordanland, das seit 2023 gewaltsam entvölkert wurde, und es war nicht das letzte. Vorgestern erschien in Mondoweiss ein Bericht über das Beduinendorf Ras Ain al-Auja, das ebenfalls durch Siedlergewalt von der Landkarte getilgt wurde. Dem Ort Aqraba, in den viele Einwohner von Yanoun flüchteten, wurden inzwischen 90 Prozent seines Umlandes geraubt.

Quellen:

https://www.palestinechronicle.com/a-village-erased-yanouns-families-forced-out-after-years-of-pressure/

https://www.indcatholicnews.com/news/54032

https://www.indcatholicnews.com/news/54092

https://www.indcatholicnews.com/news/54116

https://en.wikipedia.org/wiki/Yanun

Thomas Mandal, Living with Settlers (veröffentlicht vermutlich 2006 oder 2007): https://web.archive.org/web/20110601083112/http://www.kirkensnodhjelp.no/Documents/Kirkens%20N%C3%B8dhjelp/Geografiske%20filer/Midt%C3%B8sten/Living%20with%20settlers.pdf

Persönliche Korrespondenz mit Christine Hödl, ehemalige Menschenrechtsbeobachterin in Yanoun

https://www.eappi-netzwerk.de/tag/yanoun/

https://www.eappi-netzwerk.de/das-ende-der-strasse/

https://de.wikipedia.org/wiki/Ta%27ayush

https://www.hic-mena.org/violation.php?id=p21qa6w=

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