Blutiger Samstag

Eigentlich wollte ich diese Woche über die Pogrome in Masafer Yatta im Westjordanland schreiben. Doch dann kamen die neuen Schlagzeilen aus Gaza. Selbstverständlich waren dies nicht Schlagzeilen in den deutschen und österreichischen Medien. Die hiesigen Medien interessieren sich seit Beginn des sogenannten „Waffenstillstandes“ praktisch überhaupt nicht mehr für die Palästinenser (sofern sie es denn je getan haben). Das Westjordanland kommt in der deutschsprachigen Berichterstattung sowieso nicht vor; und Gaza kommt nur am Rande und indirekt vor – etwa als das Objekt von Plänen der US-amerikanischen Regierung.

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Aber fiel der Name „Gaza“ nicht doch dieser Tage irgendwann in unseren Medien? – Ach ja: Die letzte noch vermisste israelische Leiche in Gaza wurde gefunden und nach Israel überstellt. In den „Tagesthemen“ der ARD wurde darüber ausführlich berichtet. Aber nicht mit einem Wort wurde in diesem Bericht auf die Zehntausenden palästinensischen Toten hingewiesen, die in Gaza noch unter den Trümmern liegen. Es wurde betont, wie wichtig die Rückkehr der toten Geiseln für die Angehörigen, ja für das ganze Land Israel sei, dass man jetzt endlich mit der Bewältigung des Traumas vom 7. Oktober 2023 beginnen könne. Aber das Leid der Angehörigen der vermissten Toten in Gaza war keiner Erwähnung wert. Ihr Trauma ist ein Dauerzustand, und kein Ende in Sicht. Zahllose Menschen in Gaza wissen nicht einmal, ob ihre Angehörigen tot sind – oder ob sie vielleicht in einem israelischen Folterlager festgehalten werden. Sie können nicht nur nicht Abschied nehmen, sondern müssen mit der quälenden Ungewissheit über das Schicksal ihrer Liebsten leben.

Es hieß in dem ARD-Bericht, die Leiche von Ran Gvili sei in einem „Massengrab“ gefunden worden. Dazu wurden Bilder eines Bulldozers gezeigt. Vermutlich stammen sowohl die Bilder als auch die Information über das angebliche „Massengrab“ von der israelischen Armee.

Tatsächlich gibt es in Gaza Massengräber. Denn viele der Toten, die man bisher bergen konnte (und auch viele von denen, die aus Israel zurückkamen) konnten nicht mehr identifiziert werden. Doch bei dem Fundort der Leiche von Ran Gvili handelte es sich keineswegs um ein „Massengrab“, sondern um den Al-Batsh-Friedhof in Tuffah, östlich von Gaza-Stadt. Dies ist ein muslimischer Friedhof, in dem Menschen ordentlich bestattet wurden, in namentlich gekennzeichneten Gräbern mit Grabsteinen. Es ist ein Ort, an den sich Angehörige begaben, um ihre Verstorbenen zu besuchen. Im Moment ist das allerdings lebensgefährlich. Denn der Al-Batsh-Friedhof liegt nahe an der „Gelben Linie“, jener (in der Regel nicht markierten) Grenze, die zu überschreiten den Palästinensern „bei Todesstrafe“ verboten ist. In der Praxis jedoch werden Palästinenser oft schon erschossen, wenn sie sich dieser Grenze nur nähern.

Bei der Bergung der israelischen Leiche am Al-Batsh-Friedhof wurden Hunderte Gräber mit dem Bulldozer aufgegraben. Grabsteine wurden zerstört. Sterbliche Überreste wurden verstreut und vermischt. Es ist nicht bekannt, was mit den exhumierten Überresten geschehen ist. Wurden sie von den Israelis mitgenommen? Wurden sie von den Baggern zermalmt? Liegen sie noch verstreut herum? Klar ist jedenfalls, dass es in vielen Fällen nicht möglich sein wird, etwaige vorhandene Überreste bestimmten Gräbern zuzuordnen. 

Friedhofschändungen sind schon lange Teil der israelischen Kriegsführung in Gaza. Friedhöfe wurden bombardiert und mit Bulldozern umgegraben. 21 der 60 Friedhöfe in Gaza sind ganz oder teilweise zerstört. Gräber wurden exhumiert, Überreste wurden vermischt oder gingen verloren. 

Gerade planiert die israelische Armee große Gebiete im Süden, in Rafah. Die NGO Euro-Med forderte die internationale Gemeinschaft auf, zu intervenieren, damit diese Arbeiten gestoppt werden, bis die Toten dort geborgen sind. Doch wenn es nach Israel geht, wird das wohl nie geschehen. Sie wollen nicht, dass das volle Ausmaß ihrer Verbrechen ans Licht kommt. Sie wollen die Toten verschwinden lassen, zermalmen, plattwalzen, am besten mit Beton oder Asphalt versiegeln – so wie sie es vor Jahrzehnten in dem ehemaligen palästinensischen Dorf Tantura gemacht haben, und wer weiß an welchen anderen Orten noch.

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Ran Gvilis Leiche wurde am vergangenen Montag gefunden. Der Hinweis auf den Fundort war von der Hamas gekommen. Damit hatte die Hamas die Forderung nach Rückgabe aller Geiseln – der lebenden und der toten – vollständig erfüllt.

In den letzten Wochen hatte die israelische Regierung stets erklärt, man werde keinesfalls zu „Phase II“ des „Waffenstillstandes“ übergehen, solange nicht auch noch die sterblichen Überreste der letzten toten Geisel zurück in Israel seien.

Allerdings hatte Israel auch die Bedingungen der „Phase I“ niemals erfüllt. Der Montag war Tag 108 des sogenannten „Waffenstillstandes“. An nicht weniger als 92 von diesen 108 Tagen verletzte die israelische Armee den „Waffenstillstand“ durch bewaffnete Angriffe auf jenen Teil von Gaza, aus dem sie sich „eigentlich“ zurückgezogen hatte. Fast 500 PalästinenserInnen starben durch diese Angriffe, mehr als 1.300 wurden verwundet.

Damit nicht genug: Die Blockade wurde nur minimal gelockert. Nur ein Bruchteil der vereinbarten Hilfslieferungen gelangten nach Gaza. Es gibt nach wie vor nicht ausreichend Nahrung, Wasser, Treibstoff und Medikamente. Viele lebensnotwendige Güter wurden vollständig blockiert. Schwerkranken, die dringend medizinische Behandlung im Ausland benötigen, wurde die Ausreise nicht erlaubt. PalästinenserInnen, die zurück nach Gaza wollten, wurde die Einreise nicht erlaubt. Der Grenzübergang Rafah – Gazas einziges Tor zur Welt – blieb geschlossen. Die noch vermisste Leiche von Ran Gvili war dafür ein willkommener Vorwand – bis vergangenen Montag.

Danach änderte sich – nichts, jedenfalls nicht für die Menschen in Gaza. Es gab lediglich Gerüchte über eine bevorstehende Öffnung des Grenzübergangs Rafah. Es ging das Gerücht, dass es Streit zwischen Ägypten und Israel gibt. Israel soll verlangt haben, dass die Anzahl derjenigen Palästinenser, die aus Gaza ausreisen, stets größer sein muss als die, die nach Gaza einreisen. Ägypten soll dies kategorisch abgelehnt haben.

Dann hieß es, dass die Israelis die Ausreise aus Gaza wesentlich leichter machen wollen als die Einreise. Für die Ausreise würde es nur eine elektronische „Fernkontrolle“ mit Gesichtserkennung geben. Sobald das elektronische System eine „verdächtige“ Person registrieren würde, würden sich automatisch die Tore schließen, so dass der „Verdächtige“ in israelischen Gewahrsam genommen werden könne. „Unverdächtige“ Personen sollen aber passieren können, ohne direkt mit israelischen Soldaten in Kontakt zu kommen. Hingegen sollen sich Menschen, die einreisen wollen, einer Kontrolle durch israelische Soldaten unterziehen müssen. Die PalästinenserInnen haben leidvolle Erfahrungen mit solchen Kontrollen. Es kommt dabei häufig zu Misshandlungen, willkürlichen Verhaftungen und Verschleppungen in israelische Foltergefängnisse.

Offenbar will Israel die Öffnung des Grenzübergangs Rafah (wenn sie schon nicht vermieden werden kann) als Mittel der Entvölkerung Gazas nutzen.

Während der Woche gab es weitere Angriffe der israelischen Armee in Gaza. Am Freitag wurde ein Zelt im Flüchtlingslager al-Malwasi angegriffen. Insgesamt starben an diesem Tag fünf Menschen durch israelische Angriffe, 11 weitere wurden verletzt.

Dann hieß es, die Öffnung des Grenzübergangs in Rafah sei für den kommenden Sonntag zu erwarten. Dies ließ Hoffnung aufkeimen für Zehntausende Schwerkranke und Schwerverletzte, die in Gaza derzeit nicht adäquat medizinisch versorgt werden können.

Gestern, am Samstag, kam am späteren Vormittag die Meldung aus Gaza, dass an diesem Tag bereits 25 Menschen durch israelische Angriffe gestorben seien, davon etliche Kinder. Bis zum Abend erhöhte sich die Zahl der Todesopfer auf 31, davon 6 Kinder. Weitere Opfer könnten noch folgen.

Die israelische Armee hatte etliche Ziele sowohl im Süden als auch in Gaza-Stadt angegriffen. In den frühen Morgenstunden wurde ein Flüchtlingslager in al-Malwasi bombardiert. Allein dabei starben sieben Menschen, alle von derselben Familie, darunter drei Kinder. In Gaza-Stadt wurde um vier Uhr Ortszeit ein Wohngebäude bombardiert. Es starben eine Frau und mehrere Kinder. Bei dem Angriff auf eine Polizeistation starben fünf Polizeibeamte. Die Angriffe erfolgten ohne Vorwarnung.

Ich meine, ein Muster zu erkennen: Immer dann, wenn Israel durch internationalen Druck auch nur einen Millimeter zurückweichen muss, werden die Angriffe in Gaza intensiviert. Jedenfalls war das so vor dem „Waffenstillstand“ Anfang 2025 und vor dem „Waffenstillstand“ seit Oktober 2025. Jetzt geht es um „Phase II“ des „Waffenstillstandes“, konkret: um die Öffnung des Grenzübergangs nach Rafah.

Israel behauptet, die Angriffe hätten sich auf Kämpfer der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad gerichtet. Man habe auch „Waffenlager“ und „Waffenproduktionsstätten“ der Hamas zerstört. Außerdem seien die Angriffe eine „Reaktion“ auf Angriffe der Hamas gewesen.

Beweise für diese Behauptungen gibt es (wie üblich) bisher nicht. Die Hamas bestreitet die Vorwürfe. Videobilder aus Gaza zeigen unter anderem eine gewaltige Explosion mitten in einem Zeltlager, Kinderleichen und verletzte Kinder.

Doch selbst wenn die Anschuldigungen teilweise richtig wären (was ich erst glaube, wenn es dafür andere Zeugnisse gibt als die Aussagen der israelischen Armee), würde dies die israelischen Angriffe nicht rechtfertigen: Ist nicht der Sinn eines Waffenstillstandes, dass man den Gegner nicht angreift?

Ich denke, dass diese Angriffe – in einer Situation, in der ein wenig Hoffnung auf Erleichterung aufkommt – Teil der psychologischen Kriegsführung Israels sind. Ihr Zweck ist, den Menschen zu vermitteln: „Seht: Wir können mit euch machen, was wir wollen. Niemand hindert uns daran. Für euch gibt es keine Hoffnung.“ Zugleich drückt Israel damit seine Verachtung gegenüber der internationalen Gemeinschaft und ihren Regeln aus: „Wir lassen uns nicht von unserem Weg abbringen. Uns binden keine Gesetze und keine Verträge.“ Drittens ist es vermutlich auch eine Art, die Grenzen auszutesten – die Grenzen dessen, was die internationale Gemeinschaft zulässt, ohne ernsthafte Konsequenzen für Israel.

Der Journalist Hani Mahmoud (er lebt noch, hamdulillah!) berichtet aus Gaza-Stadt:

„Es herrschen Panik und Angst in Gaza. Die Menschen verstehen nicht, was hier geschieht, warum die israelische Armee jetzt die Angriffe ausweitet. Es gibt dafür keine Erklärung außer jene, über die die Menschen schon die ganze Zeit sprechen: Die israelische Armee kontrolliert alles und will zeigen, was die Menschen von der zweiten Phase des Waffenstillstandes zu erwarten haben, was die tägliche Routine sein wird, mit der sie leben werden müssen. Das geschieht trotz der Gerüchte über die Öffnung des Grenzübergangs Rafah, trotz des zunehmenden Optimismus. Es war allerdings ein vorsichtiger Optimismus, denn die Menschen haben verstanden, dass die israelische Armee die Kontrolle hat und das tägliche Leben vieler Palästinenser hier in Gaza diktiert.“

Hier kommt die aktualisierte Bilanz des „Waffenstillstands“ in Gaza (Stand 31. 1. 2026, abends):

Israel hat den „Waffenstillstand“ seit 10. Oktober 2025 mehr als 1.300 Mal verletzt.

  • Mindestens 509 Menschen starben durch israelische Angriff, mehr als 1.400 wurden verwundet.
  • 430 Zivilisten wurden angeschossen.
  • Die israelische Armee drang 66 Mal in Wohngebiete jenseits der „Gelben Linie“ ein.
  • Eigentum wurde 200 Mal zerstört.
  • Mindestens 50 Palästinenser wurden inhaftiert.

Nach israelischen Angaben wurde im selben Zeitraum ein israelischer Soldat in Gaza getötet. Die Umstände seines Todes sind unklar.

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Nach neuesten Informationen sind im Moment Vorbereitungen für die Öffnung des Grenzübergangs im Gange. Täglich sollen 150 Menschen Gaza verlassen dürfen.

Mehr als 20.000 Menschen müssten aus medizinischen Gründen dringend aus Gaza evakuiert werden. Für diese Menschen zählt jeder Tag. Es ist zu erwarten, dass viele den Tag ihrer Evakuierung nicht mehr erleben werden.

Quellen:
https://www.ardmediathek.de/video/tagesthemen/tagesthemen-22-25-uhr-26-01-2026/das-erste/Y3JpZDovL3RhZ2Vzc2NoYXUuZGUvYzMxYWE1ZTQtODllNS00OGZiLTk3ODUtNGJjMWY3MDY3ZDZmLVNFTkRVTkdTVklERU8

https://www.aljazeera.com/features/2026/1/29/even-the-dead-were-not-spared-israelis-gaza-desecration-compounds-grief

https://aje.news/4u770p?update=4266380

https://www.aljazeera.com/news/2026/1/30/five-killed-as-israeli-strikes-persist-in-gaza-despite-ceasefire

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2026/1/31/live-israel-kills-12-palestinians-in-gaza-as-rafah-crossing-set-to-open

https://aje.news/8xzvds?update=4277812

https://aje.news/8xzvds?update=4277759

https://aje.news/8xzvds?update=4277706

https://aje.news/8xzvds?update=4277652

https://aje.news/8xzvds?update=4277652

https://aje.news/8xzvds?update=4277590

https://aje.news/8xzvds?update=4277585https://aje.news/8xzvds?update=4277476

https://aje.news/8xzvds?update=4277853

https://aje.news/8xzvds?update=4277776

https://aje.news/wb6iwv?update=4279226

https://aje.news/wb6iwv?update=4279244

https://aje.news/wb6iwv?update=4279199

https://aje.news/wb6iwv?update=4279011

https://aje.news/wb6iwv?update=4278994

https://aje.news/wb6iwv?update=4278821


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