Die Welt blickt wieder auf Gaza. Denn dort wurde Anfang dieser Woche, nach fast zwei Jahren, der Grenzübergang Rafah wieder geöffnet – einen Spalt breit. Darüber demnächst mehr. Heute will ich aber meinen Blick wieder auf das Westjordanland richten. Dort geschehen Tag für Tag Verbrechen, die es nicht in die Schlagzeilen schaffen. Hier ist eine (sicherlich nicht vollständige) Chronik des Unrechts allein der vergangenen Woche.
28. Jänner:
Bewaffnete israelische Siedler legen Brände in drei palästinensischen Dörfern in Masafer Yatta. Es gibt Verletzte, einige davon schwer verletzt. Siedler und Soldaten blockieren die Zufahrt für Rettungssanitäter. Bewohner müssen hilflos mit ansehen, wie ihre Häuser niederbrennen.
29. Jänner:
- Die israelische Armee stürmt mehrere Orte und nimmt Dutzende Palästinenser fest.
- Siedler stürmen das sog. „Josefsgrab“, eine heilige Städte, sowohl für Juden als auch für Christen und Muslime. Es liegt am Stadtrand von Nablus.
- In Nablus zerstören israelische Soldaten eine palästinensische Fabrik.
- In der Nacht stürmen israelische Soldaten die Ortschaft Sa’ir, nordöstlich von Hebron. Sie stürmen unter anderem das Haus von Qusay Halaika. Dieser war tags zuvor von israelischen Soldaten an einem Checkpoint zwischen Jerusalem und Bethlehem erschossen worden. Die israelischen Soldaten feuerten zahlreiche Schüsse auf ihn ab. Sie ließen ihn blutend auf der Straße liegen. Die Israelis behaupten, sie hätten ihn nach einem versuchten Messerangriff erschossen. Ein Video zeigt, dass er offenbar auf der Flucht erschossen wurde. Bei der Erstürmung des Hauses in Sa’ir werden zwei von Qusay Halaikas Brüdern verhaftet.
- In der Stadt Hebron requirieren israelische Soldaten ein fünfgeschossiges Gebäude und zwingen die Bewohner, ihr Zuhause zu verlassen. Die Soldaten stehlen Dutzende Autos und Motorräder sowie Geld und Wertgegenstände.
31. Jänner:
- Israelische Siedler vertreiben eine Familie aus dem Dorf al-Auja, nördlich von Jericho. Die Familie war erst vor einer Woche in dieses Dorf gekommen. Sie hatte zuvor in der Beduinengemeinschaft Shalal al-Auja gelebt und war von dort vertrieben worden. Aufgrund von Siedlergewalt mussten Dutzende Familien in dieser Gegend ihre Heimat verlassen.
- Das israelische Militär zwingt einen palästinensischen Geschäftsmann, seine Marmorfabrik in der Nähe von Qalqilya zu demolieren, unter dem Vorwand einer fehlenden Baugenehmigung. Der finanzielle Schaden für den Eigentümer beträgt mehrere Zehntausend Dollar.
- In der Stadt Qusra, südlich von Nablus, greifen israelische Siedler ein Haus an.
- Im Gebiet Ras-al-Ein, westlich von Qusra, greifen Siedler ebenfalls ein Haus an. Den Bewohnern gelingt es, die Angreifer abzuwehren. In diesem Gebiet gab es in den vergangenen Wochen immer wieder Siedlerangriffe. Die Siedler versuchen, dort einen neuen illegalen „Außenposten“ zu errichten.
- Israelische Soldaten stürmen das Flüchtlingslager Jalazone in der Nähe von Ramallah. Es kommt zu Zusammenstößen mit der Bevölkerung. Zwei Minderjährige werden verletzt.
1. Februar:
- Die israelische Armee fordert eine Beduinengemeinschaft auf, ihr Lager abzubrechen und wegzugehen. Das betrifft 11 Familien südlich des Dorfes al-Mughayyir, östlich von Ramallah. Sie sollen das Beduinenlager Khalayel räumen. Die Armee verhaftet drei AktivistInnen, die gekommen waren, um die bedrohte Gemeinschaft zu unterstützen. Diese Beduinengemeinschaft war vor zwei Jahren nach Khalayel gezogen. Sie lebte vorher in Kafr Malek. Die Menschen flüchteten von dort vor der Gewalt israelischer Soldaten und Siedler. Nun wollen sie sich nicht schon wieder vertreiben lassen. Sie wollen der Anweisung der Armee nicht Folge leisten.
- Der Bürgermeister des Ortes Tuqu meldet, die israelische Armee habe mehrere kleinere Eingänge zu dem Ort gesperrt. Zwei andere Eingänge seien bereits seit Beginn des genozidalen Krieges in Gaza gesperrt worden.
3. Februar:
Erneut Siedlerangriffe in Masafer Yatta. Ein Minderjähriger wird verletzt. Felder und anderes Eigentum werden beschädigt. Die israelische Armee interveniert: Sie nimmt aber nicht die Angreifer fest, sondern einen älteren palästinensischen Mann.
Der wütende Priester
Der palästinensisch-evangelische Priester Munter Isaac postete am 26. Jänner auf Instagram einen Brief von Bischof Imad Haddad, Bischof der evangelisch-lutheranischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land. Der Brief stammte ebenfalls vom 26. Jänner. Haddad berichtete darin über einen Siedler-Übergriff in Birzeit. Ich fasse im Folgenden seinen Bericht zusammen:
Über das Wochenende drangen Siedler in Privatland palästinensischer Familien ein und richteten Zerstörungen an. Eine palästinensische Frau stellte sie zur Rede. Daraufhin schlugen die Siedler die Frau und einige Mitglieder ihrer Familie. Vier Personen wurden verletzt. Die Frau wurde mit einer schweren Kopfverletzung ins Krankenhaus gebracht. Sie benötigte intensivmedizinische Behandlung.
Junge Männer aus dem Dorf versuchten, die Opfer zu schützen. Dann kam die Armee und verhaftete nicht etwa die Siedler, sondern drei junge Männer, darunter den Sohn der schwerverletzten Frau.
Der Brief des Bischofs schließt mit den Worten: „Als Kirche bekräftigen wir unser Bekenntnis zu Gerechtigkeit, Frieden und der Würde jedes Menschen. Wir werden weiterhin auf der Seite der Opfer stehen und unsere Stimme gegen die Unterdrückung erheben.“
Munther Isaac berichtet ebenfalls über diesen Angriff. Er schreibt, dass die Siedler Bäume entwurzelt und ihre Tiere auf das Land palästinensischer Familien getrieben haben. Er schreibt weiter:
„Als eine Frau aus dem Dorf es wagte, sie [die Siedler] anzuschreien und ihnen entgegenzutreten, griffen die Siedler sie an. Sie wurde attackiert, musste ins Krankenhaus eingeliefert werden und wurde auf die Intensivstation gebracht. Gott sei Dank ist ihr Zustand heute stabil.
Als ihr Sohn und andere Verwandte sahen, was geschah, taten sie, was jeder Mensch tun würde: Sie eilten herbei, um sie zu verteidigen, und drängten die Angreifer zurück.
Nun stellt sich die eigentliche Frage: Was hat die israelische Armee getan? Sie hat die Siedler nicht verhaftet. Sie hat die Familie nicht geschützt. Sie hat den Angriff nicht gestoppt. Stattdessen hat sie die Palästinenser geschlagen und den Sohn verhaftet, der seine Mutter verteidigt hatte. Bis jetzt haben wir keine Nachrichten über ihn. Nennen wir es beim Namen: Das ist zionistischer Terrorismus. (…)“
„Als die Soldaten zum Haus kamen, um Mitglieder der Familie zu verhaften, weigerte sich eine der Frauen in einem Akt des Mutes und des Widerstands, die Tür zu öffnen. Die Soldaten schlugen das Fenster ein, richteten eine Waffe auf sie, und in diesem Moment der Angst machte sie das Kreuzzeichen.
Einer der Siedler, der mit den Soldaten gekommen war, sah, dass sie Christin ist, und sagte zu ihr: ,Warum bist du hier? Geh nach Frankreich.‘
Das macht mich wütend. Es erfüllt mich mit Zorn.
Von Menschen, die in den meisten Fällen aus Europa stammen, die selbst die Kolonisatoren dieses Landes sind, und die es jetzt wagen, uns zu sagen, dass wir diejenigen sind, die nach Europa gehören – das Maß an Arroganz und historischer Verzerrung ist einfach empörend. Wir sind die Menschen dieses Landes. Wir sind nicht von woanders hergekommen. Wir sind nicht erst gestern angekommen. Wir sind hier verwurzelt. (…)“
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Im Jahr 2025 wurden 1.800 Siedlerangriffe dokumentiert – im Durchschnitt etwa 5 pro Tag. Das ist neuer Rekord. 280 Ortschaften in verschiedenen Teilen des Westjordanlandes waren betroffen.
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Die Villages Group
Doch in diesem Meer von Hass und Gewalt gibt es Inseln der Menschlichkeit, Solidarität und Freundschaft. Ich möchte hier, aus gegebenem Anlass, einmal mehr auf die Villages Group aufmerksam machen. Die Villages Group ist eine Gruppe von jüdisch-israelischen Männern und Frauen, die sich 2002 zusammengeschlossen haben. Ihr Ziel ist es, „die Resilienz palästinensischer Gemeinschaften zu stärken“, und zwar „durch die Förderung von Langzeit-Freundschaften und -Partnerschaften, durch den Ausdruck von Solidarität und konkrete Hilfe bei der Sicherung der Bedürfnisse der Gemeinschaften.“ Die Villages Group ist in Masafer Yatta tätig, einer hügeligen Gegend im Süden des Westjordanlandes. Masafer Yatta ist auch der Schauplatz des Dokumentarfilms No Other Land, der mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Die Leute von der Villages Group besuchen mindestens einmal in der Woche eine Reihe von Dörfern dort. Sie helfen mit dem, was dringend gebraucht wird: Nahrungsmittel und Medikamente.
Aber sie beschränken sich nicht auf akute Nothilfe. Sie helfen aktiv mit, eine bessere Zukunft für die Menschen in Masafer Yatta aufzubauen. Das tun sie, indem sie Spenden sammeln für die Bezahlung von Studiengebühren. Ja, Sie haben richtig gelesen: Während rundherum israelische Siedlersoldaten prügeln, brandschatzen, vandalisieren, rauben und morden, sind junge PalästinenserInnen entschlossen, eine gute Ausbildung zu absolvieren. Sie tun das nicht ausschließlich aus Freude am Lernen und Hunger nach Wissen, sondern wesentlich auch, weil sie hoffen, dadurch ihrem Volk besser dienen zu können beim Aufbau einer gerechten und freien Gesellschaft, die allen ein Leben in Würde ermöglicht. Viele wollen LehrerInnen werden, andere TherapeutInnen, ÄrztInnen oder PolitikwissenschaftlerInnen.
Für dieses Ziel nehmen die jungen Leute große Widrigkeiten in Kauf. Ich zitiere jetzt aus einem Brief von einer der Stipendiatinnen, Linda Taleb Mohammed No’man. Linda studiert Mathematik. Sie möchte Lehrerin werden.
„Ich wohne in dem Dorf Qawawis in Masafer Yatta. Der Staat Israel droht, dieses Dorf zu räumen. Es gibt täglich Übergriffe von Siedlern. Sie kommen mit ihren Schafen in unser Dorf und versuchen, uns mit Gewalt aus unseren Häusern zu vertreiben, damit sie sich selbst hier niederlassen können.
Um zu meinen Lehrveranstaltungen zu gelangen muss ich einen weiten Fußweg zurücklegen bis zu einem Haltepunkt eines Fahrzeugs, das mich zur Universität bringt. Unterwegs werden wir von Siedlern bedroht und angegriffen […].“
Andere Studierende berichten, dass sie oft gar nicht zur Universität gelangen können, weil israelische Checkpoints plötzlich geschlossen sind.
Man kann die Studierenden von Masafer Yatta konkret durch eine Spende an die Villages Group unterstützen. Die Spendengelder werden zur Bezahlung der Studiengebühren verwendet. Diese betragen in der Regel ca. 600 Dollar pro Semester, manchmal auch mehr. Die Villages Group konnte im vergangenen Wintersemester mehrere Dutzend Studierende unterstützen und bittet jetzt um Spenden für die Bezahlung der Studiengebühren im Sommersemester.
Eine solche Spende ist eine konkrete Hilfe und eine Investition in die Zukunft. Sie ist aber noch mehr als das: Sie ist der sicht- und fühlbare Ausdruck von Solidarität. Sie lässt die Menschen in Masafer Yatta wissen, dass sie nicht allein sind, dass die Welt sie nicht vergessen hat.
Von Deutschland und Österreich aus kann man an die Villages Group spenden über die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost. Anleitung: 1. Öffnen Sie die Spendenseite. 2. Klicken Sie in dem grauen Kasten rechts oben auf „Village Group“. 3. Klicken Sie einen Betrag an.
Jeder Beitrag zählt. Jede Spende, egal wie klein, sendet eine Botschaft nach Masafer Yatta: „Wir sind auf eurer Seite. Wir denken an euch. Wir lassen euch nicht im Stich.“
Quellen:
https://aje.news/11ynjj?update=4285652
https://aje.news/11ynjj?update=4285648
https://aje.news/11ynjj?update=4285843
https://aje.news/11ynjj?update=4285980
https://aje.news/wb6iwv?update=4281782
https://aje.news/wb6iwv?update=4281982
https://aje.news/8xzvds?update=4277310
https://aje.news/8xzvds?update=4277815
https://aje.news/8xzvds?update=4277952
https://aje.news/0ptcar?update=4271673
https://www.instagram.com/munther.isaac/
Aussendung 5/2026 von Dr. Martha Tonsern, Vertretung des Staates Palästina in Österreich, Slowenien und Kroatien.
https://www.instagram.com/p/DT-oryCjHul/?img_index=1 [Deutsche Übersetzung in der Aussendung 5/2026 von Dr. Martha Tonsern, Vertretung des Staates Palästina in Österreich, Slowenien und Kroatien
Brief von Linda Taleb Mohammed No’man, übermittelt von der Villages Group in einer Mail vom 25. Januar 2026.
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