Was der Krieg gegen den Iran mit Gaza zu tun hat

Bild: Die Shajareh-Tayyebeh-Schule in der iranischen Stadt Minab nach einem israelischen oder amerikanischen Luftangriff am 28. Februar 2026. Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/2026_Minab_school_airstrike

Vorgestern, am Samstag Morgen, begann der Überfall der USA und Israels auf den Iran. Von iranischer Seite gab es keinerlei Provokationen. Im Gegenteil: Der Iran befand sich in laufenden Verhandlungen mit den USA über das iranische Atomprogramm und zeigte sich dabei kompromissbereit. Luftangriffe über das ganze Land verstreut forderten in den ersten 40 Stunden dieses Krieges auf iranischer Seite mehr als 200 Todesopfer und ein Vielfaches an Verletzten. Unter den Toten sind mehr als 100 kleine Mädchen, die bei einem Angriff auf eine Grundschule starben – und der oberste Chef des Irans, Ayatollah Khamenei.

Der Iran reagierte mit Gegenangriffen auf Israel und auf US-amerikanische Militärbasen in mehreren arabischen Ländern. In Israel starben mindestens 9 Menschen bei einem iranischen Raketenangriff, mehr als 120 wurden verletzt. Israel konnte diese Rakete nicht nur nicht abfangen – es wurde nicht einmal Alarm ausgelöst. Wie schon in dem kurzen Krieg im vergangenen Sommer zeigte sich erneut, dass das vielgerühmte israelische Raketenabwehrsystem keineswegs unbezwingbar ist. Überdies starben drei US-Soldaten.

Internationale Fluggesellschaften stellen bis auf Weiteres ihre Flüge in die Region ein. Große Frachtunternehmen kündigten an, ihre Schiffe großräumig umzuleiten. Wenn das länger anhält, wird Öl und Gas auch bei uns teurer werden – und damit viele andere Waren.

Während in der südiranischen Stadt Minab die Leichen von Kindern im Alter von 7 bis 12 Jahren aus den Trümmern einer Schule geborgen werden, feiern in Deutschland lebende Exil-Iraner die Ermordung von Ayatollah Khamenei. In Sprechchören danken sie dem US-Präsidenten Trump. Glauben sie wirklich, es ginge den USA und Israels um die Befreiung des iranischen Volkes? Glauben Sie wirklich, dass die Ermordung von Schulkindern ein Weg zur Demokratie ist? Wo haben, nach 1945, amerikanische Bomben jemals Frieden, Freiheit und Wohlstand gebracht? Wo haben israelische Militäroperationen jemals zu etwas anderem geführt als zu Zerstörung, Leid und Not und dem Erstarken bewaffneter Widerstandsbewegungen?

In anderen Ländern der Region gehen die Menschen nicht auf die Straße, um zu feiern, sondern um gegen den Überfall auf den Iran und die Ermordung Khameneis zu protestieren. In der pakistanischen Stadt Karachi versuchten Demonstranten, das US-Konsulat zu stürmen. Sicherheitskräfte schossen in die Menge. 10 Menschen starben, Dutzende wurden verwundet. Auch in anderen pakistanischen Städten kam es zu (teils gewaltsamen) Protesten, bei denen Demonstranten zu Tode kamen oder verwundet wurden. 

In der pakistanischen Stadt Kardu brannten Demonstranten ein UN-Gebäude nieder. Offenbar wird die UNO in manchen Teilen der Welt als Verbündeter der USA und Israels wahrgenommen – nicht ganz ohne Grund.

Im Libanon gab es Trauerkundgebungen für Khamenei.

Mehrere Staatschef verurteilten den Angriff auf den Iran zutreffenderweise als völkerrechtswidrige Aggression. Der deutsche Kanzler Merz und die EU-Außenministerin Kallas konnten sich jedoch nicht zu einer Kritik am israelisch-amerikanischen Vorgehen durchringen – genau wie im vergangenen Sommer, als Merz sich zu der Bemerkung hinreißen ließ, man müsse Israel eigentlich dankbar sein, dass es im Iran „die Drecksarbeit mache“. Das wiederholte Merz dieses Mal freilich nicht. Dafür betonte er, dass Deutschland mit diesem Angriff nichts zu tun habe.

Was das alles mit Gaza zu tun hat, das erklärt Daniel Levy, britisch-israelischer Politikwissenschaftler und Ex-Diplomat:

Wir leben in einer Welt, die auf dem Kopf steht: Israel und Amerika greifen ohne jede Provokation den Iran an und behaupten, das wäre präventiv. Sie behaupten, es gibt einen Waffenstillstand in Gaza, während dort an jedem einzelnen Tag Palästinenser ermordet werden und dringend benötigte Güter für Grundbedürfnisse nicht hineingelassen werden. […]

Es gibt eine enge Verbindung zwischen Israels Versuch, im Nahen Osten eine regionale militärische Vormachtstellung zu erlangen, und der israelischen Bestrebung, mit der dauerhaften Vertreibung der Palästinenser davonzukommen. Das ist hier das Ziel. […] Der Zionismus ist heute mehr denn je inkompatibel mit Frieden und dem Wohlergehen der Völker der Region, insbesondere, aber nicht nur des palästinensischen Volkes.“

Gemäß Levys Analyse will Israel also den gesamten Nahen Osten kontrollieren, um ungehindert alles palästinensische Leben aus Palästina tilgen zu können.

Bei dem Angriff auf die Schule in Minab starben, nach jüngsten Angaben iranischer Behörden, mehr als 160 Menschen, überwiegend Schülerinnen zwischen 7 und 12 Jahren. Es war 10.45, als die Rakete einschlug – Pausenzeit. Ob die Rakete von Israel oder von den USA abgefeuert wurde, ist unklar. Ein örtlicher Behördenvertreter sagte, der Angriff auf die Schule sei im Zuge einer israelischen Angriffswelle auf seine Stadt erfolgt.

Ein Angriff auf eine Schule, mitten in der Unterrichtszeit. Wie könnte man da nicht an Gaza denken?

In 600 Metern Entfernung von der nunmehr völlig zerstörten Schule in Minab befindet sich eine Basis der iranischen Revolutionsgarden, die am selben Tag angegriffen wurde. Soll man wirklich glauben, dass eine Armee, die ihre Raketen zielgenau in eine bestimmte Wohnung in einem Hochhaus in einer Großstadt steuern kann, ein anvisiertes Gebäude um 600 Meter verfehlt? Oder war es eine tragische Verwechslung? Aber wenn man ernsthaft zivile Opfer vermeiden will, warum greift man dann ein militärisches Ziel in der Nähe einer Schule nicht außerhalb der Unterrichtszeit an? Oder hatte die israelische Armee vielleicht einfach keine Zeit, ihre in Gaza erprobte Zielfindungs-KI neu zu programmieren?

Verschafft der Krieg gegen den Iran vielleicht wenigstens den Menschen in Gaza, im Westjordanland und im Libanon eine kleine Atempause. – Nein, danach sieht es leider im Moment nicht aus. Am ersten Tag des Krieges gegen den Iran griff Israel zusätzlich Ziele in Gaza und im Libanon an, wie fast jeden Tag seit mehr als zwei Jahren – trotz sogenannter „Waffenstillstände“ hier wie dort.

Quellen:

https://en.wikipedia.org/wiki/2026_Minab_school_airstrike

https://www.derstandard.at/story/3000000310273/entscheidende-runde-der-atomgespraeche-in-genf-durchbruch-oder-eskalation

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/iran-exiliraner-in-deutschland-feiern-angriff-der-usa-und-israels-achterbahnfahrt-der-gefuehle-a-188c06ff-0726-41a8-b7e7-d818a482031b

https://www.aljazeera.com/news/2026/3/1/at-least-9-killed-in-pro-iran-protest-at-us-consulate-in-pakistans-karachi

https://aje.news/p4rw7y?update=4352337

https://aje.news/p4rw7y?update=4351336

https://aje.news/p4rw7y?update=4350295

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2026/2/28/live-israel-launches-attacks-on-iran-multiple-explosions-heard-in-tehran

https://aje.news/p4rw7y?update=4351943

https://aje.news/p4rw7y?update=4351836

https://aje.news/p4rw7y?update=4351819

https://aje.news/p4rw7y?update=4351649

https://www.aljazeera.com/news/2026/3/1/israel-closes-gazas-rafah-crossing-amid-attacks-on-iran

https://aje.news/p4rw7y?update=4352051

https://www.ft.com/content/055d7ee1-0002-4d86-931f-18f4687d4f8b

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Für die Menschen in Gaza hatte der neue Iran-Krieg schon ab dem ersten Tag eine spürbare Folge: Israel schloss mit sofortiger Wirkung den Grenzübergang Rafah. Das bedeutet, dass die ohnehin sehr schleppende Evakuierung von Schwerkranken aus Gaza nun vollständig zum Erliegen kommt. Das wiederum bedeutet, dass noch mehr PatientInnen beim Warten auf die Ausreise sterben werden. Es bedeutet wohl auch, dass über Rafah bis auf Weiteres keine Hilfslieferungen mehr in den Gazastreifen gelangen können. Nicht zuletzt bedeutet es aber auch, dass keine MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen nach Gaza gelangen können. Letzteres wurde von israelischer Seite ausdrücklich betont.

Diese erneute Blockade kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Israel hatte Dutzende Hilfsorganisationen aus allen besetzten Gebieten verbannt, weil diese sich geweigert hatten, Daten über ihre palästinensischen MitarbeiterInnen an die israelischen Behörden weiterzuleiten. Einige dieser Organisationen hatten dagegen in Israel geklagt – und vom Obersten Gericht Israels Recht bekommen. Das Gericht beurteilte das Betätigungsverbot für die Organisationen als unrechtmäßig. Dies wurde vor wenigen Tagen bekannt. Mit Spannung war erwartet worden, wie Israels Regierung darauf reagieren würde.

Obwohl das Verbot noch nicht in Kraft war, hatten Hilfsorganisationen in den vergangenen Monaten über verschärfte Einschränkungen und Behinderungen ihrer Arbeit durch die israelischen Behörden geklagt. Vielen MitarbeiterInnen war ohne Angabe von Gründen die Einreise nach Gaza verweigert worden. Die Einfuhr von dringend benötigten Gütern – unter anderem medizinischem Material und Medikamenten – war nur in unzureichendem Ausmaß möglich, ebenso wie die Einführung von Lebensmitteln. Der Iran-Krieg bietet Israel nun einen sicherlich nicht unwillkommenen Vorwand, die Hilfe für Gaza noch mehr zu blockieren und so das Urteil des eigenen Obersten Gerichts zu unterlaufen.

Hilfsorganisationen berichten, dass die humanitäre Lage in Gaza katastrophal ist. Israel spekuliert wohl darauf, dass die Weltöffentlichkeit im Moment nicht auf Gaza schaut. Auch in dieser Hinsicht hat der Iran-Krieg viel mit Gaza zu tun.

Quellen:

https://www.aljazeera.com/news/2026/3/1/israel-closes-gazas-rafah-crossing-amid-attacks-on-iran

https://www.aljazeera.com/news/2026/2/27/israels-top-court-allows-aid-groups-facing-gaza-ban-to-continue-working

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Vertreter der USA rechnen nicht damit, dass der Krieg gegen den Iran sich lange hinziehen wird – jedenfalls sagen sie das in der Öffentlichkeit. Israel hingegen scheint sich auf einen längeren Krieg vorzubereiten. Jedenfalls will man 100.000 zusätzliche Reservisten für den Krieg gegen den Iran mobilisieren. Doch in Israel macht sich zunehmend Wehrdienstmüdigkeit breit. Es ist daher nachvollziehbar, dass Israel zunehmend versucht, im Ausland frische Soldaten anzuwerben.

Die israelische Armee hat kürzlich eine Liste herausgegeben, aus der hervorgeht, wie viele Soldaten mit mehreren Staatsbürgerschaften in Gaza im Einsatz waren oder sind. An der Spitze stehen, wenig überraschend, die USA, mit mehr als 13.000 Soldaten. Es folgen Frankreich, Russland und Deutschland. Aus Deutschland sind es mehr als 4.000. Aus Österreich sind es mehr als 400. 

Quellen:

https://aje.news/p4rw7y?update=4352051

https://www.declassifieduk.org/over-2000-britons-served-for-israel-amid-gaza-genocide/

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Eine gute Nachricht zum Schluss

Die Jüdische Allgemeine berichtet:

Frankreich hat Haftbefehle gegen zwei französisch-israelische Aktivistinnen wegen »Beihilfe zum Genozid« erlassen. Wie die »Jewish Telegraphic Agency« und die »Times of Israel« berichteten, richten sich die Maßnahmen gegen Nili Kupfer-Naouri, Präsidentin der Organisation »Israel Is Forever«, sowie gegen Rachel Touitou, eine Aktivistin der rechten israelischen Gruppe »Tsav 9«.

Beide sollen wiederholt versucht haben, humanitäre Hilfslieferungen bei der Einfahrt in den Gazastreifen zu blockieren. Die Frauen sind in Frankreich geboren und leben in Israel.

[…]|

Der französischen Nachrichtenagentur AFP sagte der Anwalt der Kläger, dies sei das erste Mal, dass ein nationales Gericht über Tatsachen der Beihilfe zum Genozid durch die Blockierung humanitärer Hilfe entschieden habe.

Insofern haben die beiden mutigen französischen Richter bereits jetzt Geschichte geschrieben. Freilich bedeuten die Haftbefehle nicht, dass die Beschuldigten inhaftiert werden. Sie müssen nur vor einem Untersuchungsrichter zur Befragung erscheinen. Aber immerhin: Das System der Straflosigkeit bekommt Risse.

Hintergrund der Ermittlungen ist eine Anzeige, die unter anderem vom »Palästinensischen Zentrum für Menschenrechte« sowie den Organisationen »Al-Mezan« und »Al-Haq« eingereicht wurde. Diese hatten die Blockaden als gezielte Behinderung lebenswichtiger Hilfe für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen bezeichnet.

Unterstützt wurde die Anzeige von der antizionistischen »französischen Jüdischen Union für den Frieden«, die die Haftbefehle als »historischen Schritt im Kampf gegen Straflosigkeit« bezeichnete.

Nicht nur diese beiden israelisch-französischen Doppelstaatsbürgerinnen müssen sich in Zukunft gut überlegen, ob sie wirklich nach Frankreich reisen wollen:

„Der Fall ist Teil einer ganzen Reihe von Anzeigen, die derzeit vor französischen Gerichten verhandelt werden. So wurden zwei französisch-israelische Soldaten einer Eliteeinheit der israelischen Armee angezeigt, denen »standrechtliche Hinrichtungen« von Zivilisten im Gazastreifen vorgeworfen werden.

Auch erstattete eine Großmutter Anzeige, nachdem ihre beiden französischen Enkel im Oktober 2023 bei einem israelischen Luftangriff im Gazastreifen ums Leben gekommen waren. Die Nationale Antiterrorstaatsanwaltschaft (PNAT) beantragte Ende November 2025 bei einem Untersuchungsrichter Ermittlungen wegen »Kriegsverbrechen«. Das französische Rüstungsunternehmen Eurolinks wurde ebenfalls angezeigt.“

https://aje.news/48xd9d?update=4284024

https://www.juedische-allgemeine.de/juedische-welt/haftbefehle-wegen-beihilfe-zum-genozid/

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