
Bild: Westjordanland, Qalandiya-Checkpoint, 7. März 2015: Anlässlich des internationalen Frauentages demonstrierten Palästinenserinnen am Zaun vor den israelischen Soldaten gegen die Besatzung. Die israelische Armee ging mit Tränengas gegen die Demonstrantinnen vor. Der Qalandiya-Checkpoint ist der Grenzübergang zwischen dem besetzten Westjordanland und dem besetzten Ostjerusalem. PalästinenserInnen aus dem Westjordanland brauchen eine Sondergenehmigung, um diesen Checkpoint passieren zu können. Oft wird ihnen die Genehmigung verwehrt, oder sie dürfen trotz Genehmigung nicht passieren. Wie an allen anderen Checkpoints ist auch hier demütigende Behandlung durch israelische Soldaten an der Tagesordnung. [Bildquelle: Activestills, Anne Paq]
Anlässlich des heutigen internationalen Frauentages möchte ich diesen Beitrag den palästinensischen Frauen widmen: denen in Gaza, denen im Westjordanland, denen in den Flüchtlingslagern in Jordanien, dem Libanon und Syrien, denen in Israel, und denen im Exil auf der ganzen Welt; den Muslimas, den Christinnen und den Atheistinnen; denen, die in israelischen Gefängnissen denselben unvorstellbaren Qualen ausgesetzt sind wie ihre männlichen Mitgefangenen, und denen, die um das Leben ihrer gefangen gehaltenen Lieben fürchten; den Journalistinnen, den Ärztinnen, den Lehrerinnen, den Künstlerinnen und Schriftstellerinnen, den Sportlerinnen, den Aktivistinnen – und auch denen, die „nur“ tagtäglich um ihr Überleben und das Überleben ihrer Familien kämpfen.
Ich war gestern auf einer Kundgebung palästinasolidarischer Menschen (Frauen und Männern) in Aachen. Auch dort ging es, dem Datum entsprechend, um palästinensische Frauen. Es wurden dort etliche sehr starke Reden gehalten, voller Scharfsinn, Sachkundigkeit, Empathie und Feuer. Doch eine Rede hat mich besonders berührt, und zwar die von Lua. Diese Rede möchte ich hier im vollen und genauen Wortlaut wiedergeben. (Ich danke Lua an dieser Stelle für die Erlaubnis dafür.) Lua ist eine palästinensische Aktivistin. Ihre Rede war sehr persönlich – und erzählte doch viel über die Geschichte des palästinensischen Volkes. Hier ist Luas Rede:
„Manchmal werde ich gefragt,
welche Menschen mich zu der gemacht haben, die ich heute bin.
Wenn ich darüber nachdenke,
denke ich nicht zuerst an große Institutionen oder berühmte Namen.
Ich denke an Frauen aus meinem Alltag –
Frauen, deren Mut, Fürsorge und Entschlossenheit mein Leben geprägt haben.
Ich denke zuerst an meine Grundschullehrerin während der ersten Intifada.
Damals konnten wir oft nicht zur Schule gehen,
weil Ausgangssperren verhängt wurden und der Weg zu gefährlich war.
Israelische Soldaten versperrten die Straßen,
Tränengas lag in der Luft,
und der Schulweg konnte jederzeit enden, bevor er überhaupt begann.
Und das war nicht nach dem 7. Oktober, sondern 1987.
Doch meine Lehrerin weigerte sich zu akzeptieren,
dass wir ohne Bildung aufwachsen sollten.
Sie sammelte uns in einer großen Garage.
Wir saßen auf einem alten Teppich,
und eine einfache Holztür, die an die Wand gelehnt war, wurde zu unserer Tafel.
Das war unser Klassenzimmer.
Um dorthin zu gelangen, gingen wir durch enge Gassen,
versteckten uns zwischen Bäumen und hinter Mauern.
Unsere Hefte versteckten wir unter unseren Jacken,
damit sie von israelischen Soldaten nicht gesehen wurden.
Für unsere Lehrerin war Bildung kein Luxus –
sie war eine Form des Widerstands gegen Unwissenheit.
Diese Lehrerin lehrte uns nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen.
Sie lehrte uns etwas viel Größeres:
dass Wissen stärker sein kann als Angst
und dass Hoffnung selbst unter den schwierigsten Umständen wachsen kann.
Eine andere Frau, die mich geprägt hat,
war eine Hebamme aus meinem Dorf.
Ich erinnere mich, wie sie meiner Mutter bei der Geburt meiner jüngsten Schwester helfen wollte.
Ich war damals zehn Jahre alt.
Sie kam mitten in der Nacht in einem Auto ohne Licht,
damit die israelischen Soldaten sie nicht entdecken konnten.
Den letzten Teil des Weges ging sie zu Fuß zwischen den Weinbergen.
Nicht, weil es keine Ärzte oder Krankenhäuser gab –
sondern weil der Weg zum Krankenhaus durch einen Militärposten blockiert war.
Für mich war sie mehr als eine Hebamme.
Sie war ein Symbol von Mut und Verantwortung.
Sie zeigte mir, dass Menschlichkeit manchmal bedeutet,
Risiken einzugehen, um anderen zu helfen.
Und dann waren da noch meine Lehrerinnen aus der Schule,
viele von ihnen aus den Lagern.
Al-Arroub und Al-Fawwar sind palästinensische Flüchtlingslager, gegründet 1948;
die Bewohner flohen aus ihren Heimatorten und verloren ihr Eigentum und ihre Liebsten.
Trotz allem unterrichteten sie uns in Mathematik, Naturwissenschaften und so weiter.
Doch sie gaben uns noch etwas viel Wertvolleres.
Sie lehrten uns, nicht zu hassen und nicht aufzugeben.
Sie lehrten uns zu denken, zu lernen und zu träumen,
das Leben zu leben, mutig zu sein und von der Freiheit zu träumen.
In den Zahlen der Mathematik, in den Gesetzen der Naturwissenschaften
und in der Schönheit der Sprache öffneten sie uns eine Tür zur Welt.
Durch sie lernte ich,
dass Bildung nicht nur Wissen bedeutet,
sondern auch Würde, Hoffnung und die Fähigkeit, sich eine bessere Zukunft vorzustellen.
Wenn ich heute darüber nachdenke,
wer mich geprägt hat,
dann sehe ich diese Frauen vor mir:
eine Lehrerin in einer improvisierten Garage,
eine mutige Hebamme auf einem dunklen Weg zwischen Weinbergen,
und Lehrerinnen, die uns beibrachten, das Leben zu lieben,
das Leben zu leben, mutig zu sein und von Freiheit zu träumen.
Sie haben vielleicht nie große Reden gehalten oder Auszeichnungen bekommen.
Aber sie haben etwas viel Größeres getan:
Sie haben eine Generation geprägt.
Und auch mich.“
***
Palästinensische Frauen sind unglaublich stark, selbstbewusst und mutig. Aber sie sind auch, weil sie Frauen sind, in besonderer Weise verletzlich. Sie sind zwar nicht von den willkürlichen Massenverhaftungen betroffen, die die israelische Armee in Gaza durchgeführt hat, und die sie im besetzten Westjordanland fast täglich durchführt. Daher ist die Anzahl der weiblichen palästinensischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen im Verhältnis zur Anzahl der Männer klein. Aber beim geringsten „Vergehen“ (zum Beispiel einem Post in den sozialen Medien, in dem über die Realität der Besatzung berichtet wird) landen sie ebenso im Gefängnis wie die Männer; und sie sind ebenso unmenschlichen Haftbedingungen, Folter und sexuellem Missbrauch ausgesetzt.
Palästinensische Frauen im Gefängnis werden ebenso wie ihre männlichen Leidensgenossen geschlagen, ausgehungert, gedemütigt. Sie müssen regelmäßig nächtliche Razzien über sich ergehen lassen und sich vor den WärterInnen ausziehen. Sie werden, ebenso wie die Männer, in winzige Isolationszellen gesteckt. Es wird ihnen, ebenso wie den Männern, notwendige medizinische Versorgung vorenthalten. Sie werden, ebenso wie die Männer, in überfüllten Zellen zusammengepfercht, und haben kaum Kontakt zur Außenwelt.
Aber die israelischen GefängniswärterInnen machen den natürlichen weiblichen Hormonzyklus zu einer zusätzlichen Quelle der Demütigung und des Leidens. Den Frauen werden nicht nur Monatshygiene-Artikel vorenthalten, sondern auch frische Wäsche und ausreichende Gelegenheit zur Körperhygiene. Es kommt vor, dass ihnen während langer Verhöre der Gang zur Toilette nicht erlaubt wird. Die Menstruation wird als Druckmittel benutzt, um an Geständnisse zu kommen. Es gibt Berichte über Frauen, die anstelle der nicht vorhandenen Monatsbinden das Innere von Matratzen verwendeten, oder schmutzige Decken, die sie mit den Zähnen in Stücke rissen. Die unhygienischen Verhältnisse verursachen Unterleibskrankheiten.
Doch nicht nur in israelischen Gefängnissen ist die Monatsblutung für Palästinenserinnen eine besondere Qual. Israels Blockade Gazas verursachte unter vielem anderen einen Mangel an Produkten für die Menstruations-Hygiene. Auch Seife war und ist knapp, und Wasser sowieso.
Ich kann mir ziemlich gut vorstellen, wie sich das anfühlt. Ich litt immer unter einer sehr starken Periode. Manchmal wurde ich vom Einsetzen der Blutung überrascht und hatte nichts dabei. Manchmal war die Blutung so heftig, dass ich Tampons und Binden nicht schnell genug wechseln konnte und meine Kleidung fleckig wurde. In den Jahren, als das Geld bei mir knapp war, war die Periode für mich eine finanzielle Belastung. Außerdem litt ich häufig unter heftigen Krämpfen.
Und jetzt stelle ich mir vor, es ginge mir so, aber ich hätte nichts als Stofffetzen, um das Blut aufzunehmen (was bei mir in manchen Phasen keine halbe Stunde gereicht hätte); und ich könnte mich nicht zurückziehen, um diese zu wechseln, weil ich in einem Zelt mit vielen anderen wohne, ohne Toilette. Oder ich wäre auf der Flucht: Ich würde mich in einem Strom der Flüchtenden bewegen, während hinter mir Panzer schießen, neben mir Menschen von Kugeln getroffen zu Boden stürzen und über mir bewaffnete Drohnen schweben; und ich würde die Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen spüren und den scharfen Schmerz meiner krampfenden Gebärmutter. Was würde ich tun? Würde ich nach einer Gelegenheit Ausschau halten, mich auf die Seite zu schlagen, an einen blickgeschützten Ort, um mir etwas ins Höschen zu stecken und mich ein wenig auszuruhen? Aber wäre das nicht lebensgefährlich in dieser Situation? Also würde ich die Zähne zusammenbeißen und weitergehen, immer weiter, während der Unterleib sich schmerzvoll zusammenzieht und das Blut durch die Hose sickert? Wie lange könnte ich das durchhalten?
Und weil wir gerade über Unterleibsprobleme reden: Wie leicht holt man sich als Frau eine Blasenentzündung, besonders wenn es kalt und feucht ist! Man denke an die Verhältnisse in Gaza, die undichten Zelte, die immer wieder überflutet werden, das Schlafen auf dünnen Matratzen (sofern noch vorhanden) auf dem Boden, durchnässte Kleidung bei kaltem Wetter, ohne Möglichkeit, sich zu trocknen oder aufzuwärmen. Hygiene ist für Frauen besonders wichtig, um Infektionen vorzubeugen. Aber was, wenn es nicht einmal Klopapier gibt? Eine Blasenentzündung ist qualvoll schmerzhaft. Geheilt werden kann sie oft nur mit Antibiotika. Doch auch Antibiotika sind Mangelware in Gaza.
Aber was sind diese Leiden schon im Vergleich zu einem Kaiserschnitt ohne Narkose? Auch das ist in Gaza vorgekommen, weil es keine Narkosemittel mehr gab.
Müssten nicht eigentlich alle Frauen dieser Welt solidarisch sein mit den palästinensischen Frauen, denen diese Qualen angetan werden? Leider ist das nicht der Fall. Westliche Feministinnen legen oft eine arrogante Haltung gegenüber muslimischen Frauen im Allgemeinen und palästinensischen Frauen im Besonderen an den Tag, betrachten sie undifferenziert als passive Opfer patriarchaler Strukturen. Doch palästinensische Frauen haben immer schon eine wesentliche Rolle im palästinensischen Widerstand gegen die brutale israelische Besatzung gespielt, und das ist bis heute so. Luas Rede liefert uns Beispiele: Es ist ein mutiger Akt des Widerstands, Kinder zu unterrichten, wenn die Besatzungsmacht die Schließung der Schulen angeordnet hat. Es ist ein mutiger Akt des Widerstands, während einer Ausgangssperre einer Gebärenden zu Hilfe zu kommen.
Es ist klar, dass Freiheit für palästinensische Frauen zuallererst Freiheit von der Besatzung bedeutet. Echte aktive Solidarität mit palästinensischen Frauen muss sich also gegen die israelische Besatzung richten (bzw. gegen die Unterstützung unserer Regierungen für diese Besatzung).

Bild: Gaza, 3. Juli 2018. Frauen demonstrieren am Grenzzaun. Auf dem Sandhügel im Hintergrund sitzen israelische Soldaten. [Bildquelle: Activestills, Mohammed Zaanoun]
Quellen:
https://news.un.org/en/story/2025/06/1164081
https://english.palinfo.com/news/2025/06/02/340596/
https://www.epw.in/engage/article/steadfast-and-strong-chronicles-palestinian-womens-0
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