Gestern, am Samstag, versammelten sich in Tel Aviv ca. 200 Menschen, um gegen Israels Angriffe auf den Iran zu protestieren. Sie skandierten „Man kann keine Demokratie auf den Leichen von Schulmädchen aufbauen“ und „Piloten, hört auf zu bombardieren“.
Die kleine Gruppe der mutigen Demonstranten trug Transparente und Schilder mit Aufschriften in hebräischer und in englischer Sprache. Auf einem Schild war zu lesen: „ZIONISMUS = EIN REGIONALER ALBTRAUM“.
Der Zionismus ist die israelische Staatsideologie. Zum Zionismus gehört eine tiefe Verachtung für die Völker des Nahen Ostens sowie Ansprüche auf deren Territorium und natürliche Ressourcen. Diese Ideologie treibt Israel dazu, unablässig seine Nachbarn anzugreifen, deren territoriale Integrität zu verletzen, deren Bevölkerungen zu vertreiben und zu ermorden.
Ich fürchte, wir erleben gerade, wie sich der Zionismus von einem regionalen zu einem globalen Albtraum entwickelt. Aber das Epizentrum der Katastrophe ist immer noch Gaza.
Quellen:
Gaza
Von Freitag auf Samstag ermordete die israelische Armee in Gaza fünf Menschen. Damit steigt die offizielle Zahl der Toten seit Beginn des sogenannten „Waffenstillstands“ am 10. Oktober 2025 auf 658.
Seit Beginn der Angriffe auf den Iran am 28. Februar ist der Grenzübergang Rafah geschlossen. Rafah ist Gazas einziges Tor zur Welt. Vor dem 28. Februar konnten einige Wochen lang täglich ein paar Dutzend schwerkranke und schwerverletzte Menschen zum Zweck der medizinischen Behandlung im Ausland ausreisen. Dieses „Entgegenkommen“ hatten die USA Israel abgerungen, nachdem die letzte vermisste israelische Leiche aus Gaza nach Israel zurückgeführt worden war. Zehntausende PalästinenserInnen warten seit Monaten oder Jahren auf diese Ausreisegenehmigung. Viele sind während der Wartezeit verstorben.
Überdies durften während dieser kurzen Phase der „Öffnung“ auch PalästinenserInnen nach Gaza zurückkehren, ebenfalls nur wenige Dutzend pro Tag. Seit dem 28. Februar ist selbst dieser schmalspurige „humanitäre Korridor“ für die Ein- und Ausreise vollständig geschlossen. Es ist auch völlig unklar, wann er wieder geöffnet werden soll. Die israelischen Behörden haben dazu keinerlei Angaben gemacht.
Seit dem 28. Februar gelangen außerdem keine MitarbeiterInnen internationaler Hilfsorganisationen mehr nach Gaza. Von einem Tag auf den anderen wurde die Einreise von HelferInnen gestoppt. Dies geschah, nachdem das oberste Gericht Israels entschieden hatte, dass Israels Verbannung von Dutzenden Hilfsorganisationen unrechtmäßig war.
Drittens gelangen seit nunmehr mehr als zwei Wochen über Rafah keinerlei Hilfsgüter mehr nach Gaza. Nachdem Israel zunächst alle anderen Grenzübergänge nach Gaza geschlossen hatte, wurde schließlich einer wieder geöffnet, aber nur für einen Bruchteil der Lieferungen, die nötig wären, um die grundlegendsten Bedürfnisse der Bevölkerung zu decken. Ein Sprecher der WHO sagte, dass in den letzten Tagen rund 200 LKW täglich nach Gaza gelangt seien. 600 pro Tag gelten als das notwendige Minimum.
Schon die Angst vor einer neuerlichen Hungersnot löste in Gaza Panik aus. Die Preise stiegen, die Regale leerten sich. Die Vorräte gehen zur Neige, nicht nur die Vorräte an Lebensmitteln, sondern auch die Vorräte an medizinischem Material, und vor allem die Vorräte an Treibstoff – ein Gut, das ohnehin seit 2023 Mangelware ist. Um Wasser zu erhitzen, verbrennen die Menschen Plastikmüll, weil selbst Brennholz knapp ist. Vor allem Frauen sind dem giftigen Rauch dieser Notfeuer den ganzen Tag ausgesetzt. Was werden die Langzeitfolgen sein?
Die UNO schätzt, dass derzeit 50.000 Frauen in Gaza schwanger sind und täglich 160 bis 180 Frauen gebären. Für die Schwangeren, Gebärenden und jungen Mütter hat der desaströse Zustand des Gesundheitssystems in Gaza katastrophale Konsequenzen. Frauen werden oft schon wenige Stunden nach der Geburt aus dem Krankenhaus entlassen, selbst nach einem Kaiserschnitt, weil es viel zu wenige Betten gibt. Sie kehren mit ihren Neugeborenen zurück in überfüllte Flüchtlingsunterkünfte ohne ausreichende Sanitäreinrichtungen. Komplikationen und Infektionen sind die häufige Folge. Schwangere Frauen sind oft mangelernährt. Die Anzahl der Frühgeburten, Neugeborenen mit zu geringem Geburtsgewicht und anderen gesundheitlichen Problemen sind stark angestiegen, ebenso postnatale Depressionen bei jungen Müttern.
Die israelische Blockade, von der Welt ignoriert, zwingt den Menschen in Gaza, insbesondere Frauen und Kindern, Lebensbedingungen auf, die zwar in den meisten Fällen nicht unmittelbar zum Tod führen, aber langfristig in vielen Fällen zu schweren Krankheiten, stark verkürzter Lebenserwartung und Verlust der Fortpflanzungsfähigkeit. Das sind Formen des Genozids jenseits der Bombardierungen und Erschießungen.
Noch einen weiteren Aspekt hat der Iran-Krieg für Gaza: Der sogenannte „Friedensprozess“ ist völlig zum Stillstand gekommen. Im Januar wurde ein palästinensisches Technokraten-Komitee von Trumps Gnaden gegründet, bestehend aus 15 „unpolitischen“ Personen. Diesem Gremium wurden keinerlei politische Befugnisse zugedacht. Es sollte lediglich die interne Verwaltung Gazas übernehmen. Doch bis jetzt konnte nicht ein einziges Mitglied dieses Komitees Gaza auch nur betreten. Auch ist seit Beginn des Krieges von den für Gaza geplanten internationalen Truppen nicht mehr die Rede.
Quellen:
https://x.com/ezzingaza/status/2030405185592230099 (Post vom 7. März 2026) [Deutsche Übersetzung entnommen aus Aussendung 16 (2026) von Martha Tonsern.]
https://www.ochaopt.org/content/humanitarian-situation-report-6-march-2026
https://www.aljazeera.com/features/2026/3/9/how-us-israel-war-on-iran-deepens-gaza-crisis
Westjordanland
Aus einem Brief der israelischen NGO Breaking the Silence vom 9. März 2026:
Nach Beginn der israelisch-amerikanischen Offensive verübten Siedlerterroristen eine Reihe von Angriffen auf Palästinenser. In der ersten Kriegswoche wurden sechs Palästinenser bei Terroranschlägen von Siedlern im Westjordanland getötet. Am Montag griffen Siedler das Dorf Qaryut an, wo zwei Brüder getötet und drei weitere Personen verletzt wurden, darunter ein 15-jähriges Kind.
Der Angriff begann, als Siedler versuchten, einen palästinensischen Olivenhain zu zerstören, um eine illegale Straße zu bauen. Als Palästinenser versuchten, die Siedler von ihrem Privatgrundstück zu vertreiben, eröffneten die Siedler das Feuer und töteten zwei Brüder, den 45-jährigen Faheem Muamar und den 53-jährigen Muhammad Muamar, die beide in ihrem Hinterhof sitzend in den Kopf geschossen wurden.
[…]
Am Samstag griffen Siedlerterroristen Masafer Yatta an und töteten den 28-jährigen Amerr Shnaran, Vater von zwei Kindern, in der Nähe von Susya. Später in der Nacht, zwischen Samstag und Sonntag, griffen Siedlerterroristen Khirbet Abu Falah an und töteten zwei Einwohner: den 24-jährigen Thaer Hamayel und den 57-jährigen Fare’e Hamayel. Als die IDF in Khirbet Abu Falah eintraf, feuerte sie Tränengas auf Palästinenser ab und tötete den 55-jährigen Mohammad Marra, der an dem Gas erstickte. Die Angriffe in Qaryut, Masafer Yatta und Khirbet Abu Falah folgen einem beunruhigend ähnlichen Muster: Siedlerterroristen, oft in IDF-Uniformen, dringen mit Schusswaffen in palästinensische Dörfer ein und töten Menschen. Anstatt die Terroristen zu stoppen, bestraft die IDF anschließend genau die Menschen, die sie angegriffen haben.
Die Gewalt der Siedlersoldaten macht auch vor nichtpalästinensischen AktivistInnen nicht halt. Wer sich davon einen lebendigen Eindruck verschaffen möchte, dem empfehle ich die Instagram-Beiträge der unabhängigen russischen Journalistin und Aktivistin Adele Shoko, die seit langem den Siedlerterror im Westjordanland dokumentiert und dabei versucht, die Palästinenser unter Einsatz ihres eigenen Körpers zu schützen.
Libanon
Seit 2. März wurden mehr als 831.000 Menschen durch die israelischen Angriffe zu Flüchtlingen gemacht. Die humanitäre Lage der Flüchtlinge ist sehr schlecht. Viele, davon Tausende Kinder, leben in überfüllten Massenunterkünften ohne ausreichende sanitäre Versorgung.
Im selben Zeitraum wurden 826 Menschen von Israel ermordet, davon 65 Frauen, 106 Kinder und 31 Sanitäter. Mehr als 2.000 Menschen wurden verletzt. Fünf Krankenhäuser mussten geschlossen werden, entweder wegen direkter Angriffe oder aufgrund von Drohungen. 27 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen sind von der WHO dokumentiert.
Israelische Angriffe mit Toten gab es unter anderem auf das palästinensische Flüchlingslager Burj al-Shamali im Südlibanon, in der Nähe von Tyre. Es wurde 1948 gegründet. Während der israelischen Invasion 1982 wurde es schwer zerstört. Die Menschen, die 1948, im Zuge der Nakba, aus Israel vertrieben wurden, werden jetzt also erneut von den Israelis vertrieben.
Quellen:
https://aje.news/j4onxu?update=4398814
https://aje.news/j4onxu?update=4398504
https://aje.news/j4onxu?update=4398844
https://aje.news/apjw94?update=4390084
https://www.unrwa.org/where-we-work/lebanon/burj-shemali-camp
https://aje.news/apjw94?update=4390059
https://aje.news/apjw94?update=4389485
https://aje.news/apjw94?update=4389452
Iran
Der Gouverneur der iranischen Provinz Lorestan meldet: Seit dem 28. Februar wurden in seiner Provinz 52 Schulen und fünf Gesundheitseinrichtungen durch israelisch-amerikanische Angriffe beschädigt, dazu 2.500 Wohn- und Geschäftsgebäude, 13 Sportzentren und zwei Zentralen des Roten Halbmonds.
Der Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, warnt vor gesundheitlichen Folgen der Zerstörung von Erdöl-Raffinerien. In Teilen des Landes sei mit Öl kontaminierter Regen gefallen. Dies verseuche die Luft, das Wasser und Nahrungsmittel.
Eine weitere Meldung der WHO: Seit dem 28. Februar gab es 18 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen im Iran, 25 im Libanon und zwei in Israel.
Der Iran beschuldigt die USA, eine Entsalzungsanlage zerstört zu haben, die 30 Dörfer mit Trinkwasser versorgt.
Es gibt neue Hinweise darauf, dass das Massaker von Minab (die Zerstörung der Mädchenschule mit mehr als 160 Toten) auf das Konto der USA geht.
Die Angriffe des Iran treffen nun auch Ziele in verschiedenen Golfstaaten, in denen es US-Militärbasen gibt – leider auch zivile Ziele. Die Hamas appelliert an den Iran, die Angriffe auf die Golfstaaten einzustellen.
Über israelische Opfer der iranischen Angriffe gibt es keine offiziellen Zahlen. Es herrscht offenbar eine strenge Nachrichtensperre. Al Jazeeras Reporterin Nour Odeh sagt, eine so strikte Militärzensur habe sie überhaupt noch nie erlebt. Augenzeugen berichten von Rauchwolken und ununterbrochenem Raketenalarm in verschiedenen Regionen Israels. Dafür sind nicht nur die iranischen Angriffe verantwortlich, sondern auch die Angriffe der Hisbollah aus dem Libanon.
Quellen:
https://aje.news/apjw94?update=4389462
https://aje.news/a49wlz?update=4381844
https://aje.news/a49wlz?update=4381867
https://aje.news/a49wlz?update=4381843
https://aje.news/a49wlz?update=4381955
https://aje.news/a49wlz?update=4381917
https://aje.news/apjw94?update=4390102
Deutschland
Bislang beschränkte sich die Rolle der USA und Deutschlands in Israels Kriegen auf Waffenlieferungen sowie wirtschaftliche und politische Unterstützung für Israel. Doch nun sind beide Länder direkt in einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg involviert. Von der deutschen US-Militärbasis Ramstein steuern amerikanische Soldaten Drohnen auf Ziele im Iran.
Deutschlands Kanzler Merz hält das Völkerrecht offenbar für irrelevant – jedenfalls wenn es um die USA und um Israel geht. Der deutsche Völkerrechtler Kai Ambos sieht es anders. Hier Auszüge aus einem Interview mit der taz:
Ambos: Wir können nicht glaubwürdig den russischen Angriffskrieg verurteilen, wenn wir bei Gaza, Venezuela oder dem Irankrieg die Verletzung des Völkerrechts nicht klar benennen. Glaubwürdigkeit ist eine Währung in internationalen Beziehungen. Deutschland kann nicht eine regelbasierte Ordnung predigen, aber aus Angst vor Trump klein beigeben. Das ist nicht nur eine Frage der Prinzipien, sondern auch unserer Interessen. Denn die regelbasierte Ordnung und das Völkerrecht schützt auch uns als Mittelmacht.
[…]
Ambos: Das Völkerrecht ist nicht, wie man aus der AfD hört, eine Art Vorschlag, dem man folgen kann oder auch nicht. Es ist bindendes Recht und in Deutschland sogar verfassungsrechtlich abgesichert. Wer also völkerrechtliche Wertungen ignoriert, der ignoriert in Wahrheit die Verfassung. Das sollte kein deutscher Politiker tun. Und umgekehrt sollte man fragen: Was ist die Alternative zum Völkerrecht?
taz: Und?
Ambos: Eine Politik der Rechtlosigkeit, die Führer wie Trump und Putin verkörpern. […] Völkerrecht ist – wie jedes Recht – nichts anderes als die Begrenzung von Macht. Ohne Völkerrecht werden Trump und Putin, die neuen absolutistischen Monarchen des 21. Jahrhunderts, regel- und rechtlos agieren. Das wird uns nicht guttun. [Hervorhebung von mir.]
https://de.euronews.com/2026/03/10/iran-ramstein
https://taz.de/Rechtsprofessor-Kai-Ambos-ueber-Irankrieg/!6159419/ [Erschienen am 4. März]
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