Bild: Verabschiedung der ermordeten Familie Bani Odeh in Tammoun am 15. März 2026. Im Vordergrund die beiden überlebenden Söhne. [Issam Rimavi, Anadolu]

„Wir haben Hunde getötet.“

Westjordanland, 15. März: Vergangenen Sonntag machte Familie Bani Odeh aus der palästinensischen Kleinstadt Tammoun einen Ausflug nach Nablus, ca. 13 Kilometer entfernt. Man erledigte Einkäufe für das diese Woche bevorstehende Zuckerfest (Eid al-Fitr) nach dem Ende des Ramadan. An Eid al-Fitr werden die Kinder beschenkt, bekommen neue Kleidung und andere Dinge, die ihnen Freude machen. Vielleicht durften die Kinder von Waad und Ali Bani Odeh in Nablus etwas aussuchen? Jedenfalls hatten sie sich sehr auf den Ausflug gefreut. Es waren alle vier Sprößlinge dabei: Muhammad (5), Othman (6), Mustafa (8) und Khaled (12).

Auf der Heimfahrt, sie waren schon in Tammoun, unterwegs auf einer der Hauptstraßen des Ortes, eröffneten israelische Soldaten ohne Vorwarnung das Feuer auf das Auto der Familie. Da war kein Checkpoint, keine Militärfahrzeuge. Es waren keine Soldaten zu sehen. Es gab keine Anzeichen für Gefahr.

Das Elternpaar und die beiden kleineren Söhne, Muhammad und Othman, starben sofort. Sie wurden in den Kopf geschossen. Der achtjährige Mustafa und der zwölfjährige Khaled überlebten leicht verletzt. Die äußeren Wunden sind für die beiden Kinder sicherlich das Geringste. Khaled erzählt:

„Wir kamen aus Nablus […], und plötzlich wurden wir beschossen. Wir wussten nicht woher. Alle im Auto waren tot, außer mein Bruder Mustafa und ich. Ein Soldat kam und zog mich aus dem Auto. Sie fingen an, mich zu schlagen. Sie zogen meinen Bruder Mustafa heraus. Sie versuchten, ihn zu schlagen, aber ich stand vor ihnen. Sie stießen mich auf den Boden und fingen an, mich mit ihren Stiefeln auf den Rücken zu schlagen. Sie sagten: ,Wir haben Hunde umgebracht.‘ Meine Mutter schrie auf und dann wurde sie still, und von meinen Brüdern habe ich nichts gehört. Ich dachte, dass mein Bruder Mustafa auch ermordet worden wäre. Es war ganz still.

Der Vater hatte als Bauarbeiter in Israel Geld verdient. Er hatte nie Probleme mit der Besatzung, noch mit sonst jemanden, sagt der Bürgermeister von Tammoun, Samir Bisharat. Die Familie war allseits beliebt und geschätzt.

Später stellte sich heraus, dass israelische Soldaten früher am Tag als Zivilisten getarnt in die Stadt gekommen waren, um gesuchte Männer aufzuspüren und zu verhaften. Die israelische Armee behauptete, das Auto der Bani Odehs sei mit überhöhter Geschwindigkeit auf sie zugekommen und sie hätten sich bedroht gefühlt. Wahrscheinlicher ist wohl, dass sie gerade Lust auf ein bisschen Zielschießen hatten. Die Familie Bani Odeh war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Einwohner von Tammoun sind sich sicher, dass es jeden von ihnen hätte treffen können.

Die israelischen Soldaten hinderten die palästinensischen Sanitäter daran, zum Tatort zu gelangen. Erst später wurden die vier Leichen und die beiden verletzten Kinder den Mitarbeiten des Roten Halbmonds übergeben.

Filmaufnahmen von der Beerdigung der Familie zeigen eine große Menschenmenge:

Die erwachsenen Toten werden, eingehüllt in palästinensische Flaggen und Kufiyahs, auf Bahren zum Friedhof getragen. Ein älterer Mann, eskortiert von zwei jungen Männern, trägt ein kleines Bündel in seinen Armen. Vermutlich ist es der 5jährige Muhammad, und der ältere Mann ist sein Großvater. Muhammad, der Jüngste, war sein Lieblingsenkel, und er war dagegen gewesen, dass er nach Nablus mitfährt. Die Kinder waren häufig bei den Großeltern zu Hause, während der Vater in Israel zur Arbeit war.

Tammoun war in der Vergangenheit immer wieder Schauplatz von Angriffen der israelischen Armee gewesen. Vor etwas mehr als einem Jahr, im Januar 2025, gab es einen Luftangriff, bei dem 10 Menschen ums Leben kamen. Dennoch ist die ganze Gemeinschaft von dieser Hinrichtung einer Familie tief schockiert.

Bild: Nach einem israelischen Angriff auf Tammoun am 8. Januar 2025, bei dem drei Menschen ermordet wurden, davon zwei Kinder. [Nedal Eshtayah, Anadolu]

In jüngster Zeit zeigt sich im ganzen Westjordanland eine Zunahme an Angriffen von Soldaten und Siedlern mit Todesfolge. Insgesamt wurden allein in dieser Woche im Westjordanland 10 PalästinenserInnen ermordet. 29 waren es seit Anfang dieses Jahres, mehr als 1.000 seit Oktober 2023.

Quellen:

https://www.youtube.com/watch?v=z9WBTyuR14Y

https://www.aljazeera.com/news/2026/3/17/israel-carrying-out-mass-expulsion-of-palestinians-in-west-bank-un-warns

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Kein Ende der Nakba im Libanon

Bild: Beirut, Bachoura, 18. März 2026. Nach einem israelischen Luftangriff auf ein vielgeschoßiges Gebäude. [Houssam Shbaro, Anadolu]

Das arabische Wort „Nakba“ bedeutet so viel wie „Katastrophe“. So nennen die Palästinenser die gewaltsame Vertreibung von ca. 800.000 Angehörigen ihres Volkes durch zionistische Milizen (später: die israelische Armee) in den Jahren 1947–1949. Die zweite große Vertreibungswelle kam 1967, als Israel das Westjordanland und Gaza besetzte.

Ein Teil der Vertriebenen floh in den Libanon. Im Moment leben etwa 200.000 PalästinenserInnen im Libanon, die meisten in Flüchtlingslagern über das ganze Land verstreut. Es sind Kinder und Enkel der Flüchtlinge von 1948 und von 1967. Sie leben im Libanon als Menschen zweiter Klasse, mit eingeschränktem Zugang zum Arbeitsmarkt und daher zu einem großen Teil abhängig von humanitärer Hilfe. Jetzt werden sie erneut vertrieben, wieder von israelischen Soldaten.

Am 2. März begann Israel mit schweren Luftangriffen auf das Lager Rashidieh in der Nähe von Tyre, im Süden. Rashidieh hatte mehr als 30.000 Einwohner. Aufgrund der Kämpfe (und der Evakuierungsbefehle der israelischen Armee) flüchteten Tausende, nicht nur aus Rashidieh, sondern auch aus anderen Lagern und Stadtvierteln, die von Israel bombardiert wurden und werden.

Im Libanon sind im Moment aber nicht nur Palästinenser auf der Flucht. Mehr als 800.000 Menschen leben derzeit als Binnenflüchtlinge in einem Land mit nicht einmal 6 Millionen Einwohnern. Die israelischen Evakuierungsbefehle betreffen bisher mehr als 14 Prozent des Landes. Das ohnehin arme Land hat größte Schwierigkeiten, diese Flüchtlingskrise zu managen – namentlich unter ständigen Angriffen der israelischen Armee, nicht nur im Süden, nahe der Grenze zu Israel, sondern auch in der Hauptstadt Beirut.

Die Menschen fliehen vom Süden in den Norden und von den angegriffenen Stadtvierteln in Beirut in andere Stadtviertel oder Orte außerhalb. Manche kommen bei Verwandten unter, andere mieten sich Wohnungen oder Hotelzimmer. Für die, die weder Geld noch Verwandte in sicheren Gegenden haben, hat das Bildungsministerium Schulen als Notunterkünfte zur Verfügung gestellt. Verschiedene Quellen berichten aber, dass diese Notunterkünfte nur Libanesen offen stehen, nicht Palästinensern, Flüchtlingen aus Syrien oder Gastarbeitern aus anderen Ländern.

Jene palästinensischen Flüchtlingslager, die bisher von Angriffen verschont geblieben sind, müssen jetzt in großer Zahl die Neu-Flüchtlinge aus den anderen Lagern aufnehmen.

Das Trauma der Vertreibung der Palästinenser wird nicht nur von Generation zu Generation durch Erzählungen weitervererbt; es wird vielmehr in jeder Generation neu erlebt. Die Nakba ist kein abgeschlossenes historisches Ereignis, sondern ein andauernder Prozess.

Es gibt berechtigten Grund zur Sorge, dass Israel den Süden des Libanon de facto annektieren (bzw. dauerhaft besetzen) will und den Geflüchteten die Rückkehr nicht mehr erlaubt wird.

Israelische Politiker begründen dies mit „Sicherheitsinteressen“ Israels. Tatsächlich hat die Hisbollah nach der Ermordung von Irans Führer Ali Khamenei ihre Angriffe auf Israel wieder aufgenommen – das erste Mal seit November 2024, als offiziell ein Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah in Kraft trat. Zur Wahrheit gehört aber, dass Israel mehr als ein Jahr lang diesen Waffenstillstand fast täglich gebrochen hat. Der vereinbarte vollständige Abzug der israelischen Truppen aus dem Libanon wurde nie durchgeführt. Nach Angaben der Vereinten Nationen und der libanesischen Regierung wurden mehr als 15.000 israelische Verstöße gegen den Waffenstillstand registriert. Es gab Hunderte Todesopfer und große Zerstörungen an ziviler Infrastruktur.

Quelle:

https://www.aljazeera.com/features/2026/3/17/palestinian-refugees-face-new-displacement-as-israels-bombs-hit-lebanon

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Wer konkrete Hilfe für die palästinensischen Binnenflüchtlinge im Libanon leisten will, kann dies tun über die NGO „National Institution of Social Care & Vocational Training“ (kurz: NISCVT). Es handelt sich um eine nicht religiös oder parteipolitisch ausgerichtete NGO, die in palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon tätig ist. Sie wurde 1976 nach einem Massaker in einem palästinensischen Flüchtlingslager gegründet und ist ein lokaler Partner der UN-Organisation UNRWA.

Aus einem aktuellen Schreiben der Organisation:

„Jüngste Sicherheitswarnungen im Südlibanon und in den südlichen Vororten von Beirut (Dahyeh) sowie in der Bekaa-Ebene haben zu einer groß angelegten Vertreibung der Zivilbevölkerung geführt, darunter auch palästinensische Flüchtlinge. Familien sind aus dicht besiedelten Gebieten auf der Suche nach sichereren Orten geflohen, was zu erheblichen Bevölkerungsbewegungen zwischen mehreren Flüchtlingslagern geführt hat.

Als Reaktion darauf hat die UNRWA in Zusammenarbeit mit UNICEF das Siblin-Ausbildungszentrum in Saida als Notunterkunft eröffnet und die Battir-Schule im Lager Nahr Al-Bared im Nordlibanon als Unterkunft für vertriebene Familien ausgewiesen. NISCVT wurde ausgewählt, um psychosoziale Unterstützung für vertriebene Kinder und Familien zu leisten, wobei die Organisation auf ihre Erfahrungen aus der Eskalation im Jahr 2024 zurückgreift, um schnelle und wirksame humanitäre Hilfe zu leisten.

Man kann Spenden (gegen eine Gebühr von einigen Euro) direkt überweisen. Die Bankverbindung findet man unter

http://www.socialcare.org/portal/donations/66/

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Folgt man den deutschen Mainstream-Medien, so scheint es, als wären die Sicherheitsinteressen Israels das Maß aller Dinge. Aber was ist mit den Sicherheitsinteressen der Palästinenser, der Libanesen, der Syrer, der Iraner – und aller anderen unterdrückten Völker in der Region, und auf der ganzen Welt? Diese scheinen nicht zu zählen. Warum nicht?

Folgt man deutschen und österreichischen PoltikerInnen, dann ist der US-israelische Angriff auf den Iran „moralisch gerechtfertigt“, da die iranische Regierung im eigenen Land die Menschenrechte nicht achte. Der gute Zweck, nämlich ein „Regimewechsel“ heilige auch das Mittel eines schmutzigen Krieges.

Abgesehen davon, dass eine solche Argumentation nichts anderes ist als eine grundsätzliche Missachtung des Völkerrechts (die langfristig unser aller Sicherheit gefährdet), ist sie auch durch und durch heuchlerisch: Es mag in diesem Krieg um Vieles gehen, aber sicher nicht um Menschenrechte. Dieselben PolitikerInnen, die diesen brutalen Angriffskrieg mit Menschenrechtsverletzungen im Iran rechtfertigen, schweigen seit Jahren zu den Menschenrechtsverletzungen in Israel und den besetzten Gebieten, ja unterstützen diese sogar aktiv.

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Wenn irgendwo auf der Welt ein Mann Amok läuft, dann kommt – in jedem halbwegs zivilisierten Land – sehr schnell die Polizei und stoppt ihn. Wenn ein Staat Amok läuft, dann wäre es Aufgabe der internationalen Gemeinschaft, ihn zu stoppen. Doch im Falle Israels geschieht das nicht. Jene Staaten, die stark genug wären, um dem Wüten schnell ein Ende zu setzen, sind nicht nur untätig, sondern helfen dem Täter sogar noch.

Solange das so ist, muss die Zivilgesellschaft handeln, mit allen zur Verfügung stehenden gewaltfreien Mitteln. Ein solches Mittel ist der Boykott von Waren und Dienstleistungen aller Akteure, die die israelische Aggression, den Völkermord an den Palästinensern, die massenhaften Vertreibungen und das System der Apartheit direkt oder indirekt unterstützen.

Hier ist eine relativ übersichtliche Liste von Firmen und Marken, die man vermeiden sollte, wenn man Israels Politik nicht unterstützen möchte:

https://boycott-israel.org/boycott.html

Hier wird auch erklärt, warum diese Firmen problematisch sind. Es gibt außerdem ein mehrstufiges Klassifikationssystem, das angibt, wie schwerwiegend der negative Einfluss der betreffenden Firmen ist.

Für alle, denen es schwer fällt, den Überblick zu behalten, gibt es Apps zum Scannen von QR-Codes auf Waren, die direkt am Supermarktregal eingesetzt werden können. Eine solche App ist No Thanks:

https://insiderbits.com/de/apps/nein-danke-app-fur-aktivisten

Der private Boykott ist Teil einer globalen Bewegung, der sogenannten „BDS-Bewegung“ („BDS“ steht für „Boycott, Divestment, Sanctions“). Über die Ursprünge und Ziele der BDS-Bewegung kann man sich zum Beispiel hier informieren:

https://boycott-israel.org/