Donatella Fioretti, geboren 1962 in Savona, Italien, ist eine erfolgreiche Architektin, Universitätsprofessorin und seit 2022 Rektorin der Kunstakademie Düsseldorf.
Vergangenen Freitag, am 19. März, musste Professorin Fioretti zu einer Sondersitzung des Landtags von Nordrhein-Westfalen erscheinen. Es gab nur einen einzigen Tagesordnungspunkt. Dieser lautete: „Antisemitismus in der Kultur?! Vorwürfe im Zusammenhang einer Veranstaltung an der Kunstakademie Düsseldorf mit einer Künstlerin am 21. Januar 2026“. Es ging bei dieser Sitzung jedoch nicht darum, sachlich zu klären, ob die Antisemitismus-Vorwürfe zu Recht erhoben wurden oder nicht. Fioretti war nicht eingeladen worden, weil man ihre Meinung hören wollte. Vielmehr war ihr die Rolle der Angeklagten zugedacht. Das Urteil stand schon fest: Die erwähnte Veranstaltung war antisemitisch, und Rektorin Fioretti hat schwere Schuld auf sich geladen.
Es ist alles andere als gewöhnlich, dass die Rektorin einer Universität zum Rapport vor dem Landtag einbestellt wird. Erst recht ungewöhnlich war der Ablauf der Veranstaltung. Außer Fioretti waren als Gäste noch eingeladen: die NRW-Antisemitismusbeauftragte Sylvia Löhrmann (Grüne) sowie Alon Dorn von der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Beide hatten Donatella Fioretti schon im Vorfeld massiv angegriffen. Dorn hatte ihren Rücktritt gefordert.
Ungewöhnlich war auch die Einigkeit der ParteienvertreterInnen: Die SprecherInnen von CDU, SPD, Grünen, FDP und AfD verurteilten in ihren vom Blatt gelesenen und augenscheinlich vorher abgesprochenen Stellungnahmen unisono das Verhalten der Rektorin, teilweise in einem entgleisenden Tonfall.
Fioretti war also allein gegen alle. Auch als ZuschauerInnen waren nur wenige UnterstützerInnen zugelassen. Etlichen wurde der Zutritt verwehrt mit der – unrichtigen – Begründung, es gebe keine freien Plätze mehr.
Das ganze Setting war offensichtlich darauf angelegt, die Rektorin vorzuführen und zu demütigen. Was aber war eigentlich geschehen? Welches schwer wiegenden Vergehens hatte man sie beschuldigt?
Studierende der Kunstuniversität Düsseldorf (nicht Fioretti selbst) hatten die palästinensische Künstlerin Basma al-Sharif eingeladen, um mit ihr über ihr Werk zu sprechen. Basma al-Sharif hat palästinensische Eltern, wuchs in Frankreich und den USA auf, hat einen US-amerikanischen Pass, pendelt zwischen Berlin, Israel/Palästina und den USA. Sie ist eine arrivierte Künstlerin, gewann für ihre Arbeiten (vor allem filmische Arbeiten) zahlreiche Preise.
Basma al-Sharif, geb. 1983, thematisiert in ihren Arbeiten die Geschichte Palästinas und ihre eigene Perspektive und Erfahrung als Palästinenserin im Exil.
Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf bekam von dem geplanten Vortrag Wind, beschuldigte al-Sharif des Antisemitismus und forderte von der Kunstakademie die Absage der Veranstaltung. Dabei bezogen sich die Antisemitismus-Vorwürfe gar nicht auf al-Sharifs Werk, sondern auf Instagramm-Posts.
Die Jüdische Allgemeine bezeichnet Basma al-Sharif als „Terrorunterstützerin“. Laut einem Artikel der taz bezieht sich dieser Vorwurf darauf, dass sie Israel in einem Post als „zionistische Entität“ bezeichnet hat und dass sie die BDS-Bewegung unterstützt. Die BDS-Bewegung wirbt für Boykott, Sanktionen und den Abzug von Investitionen aus Israel, so lange Israels Politik gegenüber den Palästinensern internationales Recht verletzt.
Zudem wird ihr vorgeworfen, das „Hamas-Dreieck“ verwendet zu haben. Der Vorwurf bezieht sich wohl auf einen mehrteiligen Post zu Halloween. Er zeigt unter anderem ein Foto von einem Kind in einem dreieckigen roten Cape sowie ein Kostüm mit einem kleinen dreieckigen roten Aufnäher.
Der Vorwurf der „Terrorunterstützung“ ist also wohl völlig haltlos – wie in den allermeisten Fällen, in denen Kritiker Israels als „Terrorunterstützer“ tituliert werden.
Rektorin Fioretti agierte hochgradig professionell: Sie ließ die inkriminierten Posts juristisch prüfen, mit dem Ergebnis, dass diese sich im Rahmen der Meinungsfreiheit bewegen. Daraufhin entschied die Rektorin, die Veranstaltung nicht abzusagen. Sie begründete ihre Entscheidung mit der Freiheit der Wissenschaft und mit ihrer Verantwortung gegenüber den Studierenden.
Daraufhin wurde eine Petition gestartet, in welcher der Rücktritt Fiorettis gefordert wurde. Erstunterzeichner war der Düsseldorfer Bürgermeister Stephan Keller, CDU.
Fioretti weigerte sich zurückzutreten. Ihre Hochschule stellte sich hinter sie, sowohl der Senat als auch die Studierenden.
„Für uns sind zwei Dinge entscheidend“, sagt Fioretti: „Erstens: Wir wollen unsere Hochschule als Ort des Dialogs erhalten, weil es zu unserem institutionellen Auftrag gehört, künstlerische Positionen zu zeigen, die komplex sind und Widerspruch und Kritik auslösen können. Wir müssen die Positionen nicht teilen.“ Eine Kunstakademie sei ein Ort der Auseinandersetzung. „Zweitens: Wir verstehen unsere Hochschule als Ort des komplexen Denkens. Wir diskutieren über die Arbeit einer Künstlerin nicht anhand von Instagram-Posts, sondern indem wir uns ihre Werke anschauen.“
[…]
„Unsere Studierenden sollen die Freiheit haben, einzuladen, wer für sie wichtige zeitgenössische Fragen stellt, und das wollen wir auch so beibehalten.“ Die Filme von Basma al-Sharif hätten zudem weniger mit Palästina zu tun und mehr mit dem Leben als Flüchtling, und dass man sich nirgends zu Hause fühle, fügt sie hinzu. „Solche Fragen beschäftigen auch unsere Studierenden, von denen viele einen Migrationshintergrund haben“, betont Fioretti.
Die Hetze von Politik und Medien zeigte jedoch Wirkung. Die Hochschule wurde bedroht. Hier einige ausgewählte Zuschriften und Postings:
„Wir werden schon einen Weg finden, ihre asoziale Abschaumveranstaltung so zu stören, wie es sonst Antisemiten bei jüdischen Themen tun, weil sie an einen Genozid glauben wollen, den es zu geben hat, weil die Hamas ihn verkündete. Wir sehen uns dann morgen.“
„Dies ist kein Aufruf zur Gewalt und keine Drohung. Nur eine Information. Ich würde da wegbleiben, man weiß nie, was passieren kann …“
„Ihr linksextremen HamaSS Fans seid für unsere Demokratie und Freiheit mittlerweile gefährlicher als die Deppen von der AfD. Ihr ähnelt den Nazi Mitläufern in den 1930ern mehr als ihr denkt und mehr als die, die ihr als Rechts tituliert. Euch Faschos geht’s jetzt an den Kragen.“
Aufgrund solcher Drohungen entschied Donatelli, die Veranstaltung nicht öffentlich, sondern hochschulintern abhalten zu lassen. So geschah es, am 21. Januar dieses Jahres. Draußen vor der Tür demonstrierten einige Dutzend aufgebrachte selbsternannte AntisemitismusjägerInnen mit israelischen Fahnen, unter ihnen die stellvertretende Ministerpräsidentin von NRW, die Grüne Mona Neubaur. Die Veranstaltung selbst verlief jedoch „ruhig und konzentriert“.
Doch auch nachdem die Veranstaltung ohne irgendwelchen Schaden für jüdische Studierende oder BürgerInnen über die Bühne gegangen war, ließ die Hetze gegen die Rektorin nicht nach. Als bekannt wurde, dass sie zu einer außerordentlichen Sitzung des Landtags einbestellt wurde, formierte sich eine Solidaritätsbewegung. Die Allianz für Kritische und Solidarische Wissenschaft (KriSol) verfasste einen offenen Brief, der binnen kurzer Zeit von mehr als 1.100 Menschen unterschrieben wurde, die meisten davon Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kunst. Einer der bekanntesten Erstunterzeichner ist Prof. Michael Barenboim, Musiker und Professor an der Barenboim-Said-Akademie.
Auszug aus dem Brief:
„Am 18. März soll Frau Fioretti in einer Sondersitzung des Ausschusses für Kultur und Medien des Landtags Nordrhein-Westfalen zu dem Vorgang Stellung nehmen.
Der Vorgang ist besonders problematisch, weil sich der politische Druck nicht gegen ein rechtswidriges Verhalten der Akademieleitung richtet, sondern gegen eine Entscheidung innerhalb der verfassungsrechtlich geschützten Hochschulautonomie. Das markiert eine neue Qualität politischer Intervention. Artikel 5 des Grundgesetzes garantiert die Freiheit von Kunst, Wissenschaft und Lehre. Das schützt ausdrücklich auch kontroverse oder unbequeme Positionen. Diese Freiheit zu respektieren bedeutet nicht, allen geäußerten Positionen zuzustimmen. Sie bedeutet, eine kritische Auseinandersetzung mit diesen zu ermöglichen. Artikel 5 ist insbesondere nach den Erfahrungen der Weimarer Republik und der NS-Zeit ein wichtiger Grundbaustein unserer Demokratie: er schützt die Meinungs-, Kunst und Wissenschaftsfreiheit gegenüber illiberalen, also Freiheitsrechte schwächenden, politischen Tendenzen.
[…]
Wir fordern die politische Exekutive und Legislative auf, die Autonomie von Hochschulen und kulturellen Einrichtungen zu respektieren und die Freiheit von Kunst und Wissenschaft gemäß Artikel 5 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zu schützen. Politische Interventionen, Drohungen oder Eingriffe in Finanzierung und Leitung dürfen nicht als Druckmittel gegenüber akademischen und kulturellen Institutionen eingesetzt werden. Solche Praktiken sind aus autoritären Regimen bekannt und einer Demokratie unwürdig.“
Der ganze Brief ist hier zu finden.
Donatella Fioretti hat nichts falsch gemacht – ganz im Gegenteil. Sie hat sich nicht dem Druck einer politischen Lobby gebeugt. Sie hat sich mutig vor ihre Studierenden gestellt und auf eine völlig korrekte Weise die Freiheit von Wissenschaft und Kunst sowie die Autonomie der Hochschulen verteidigt. Sie hat ihren Studierenden ein gutes Beispiel für couragiertes und zugleich vernunftbasiertes Handeln gegeben.
Durch ihre entschlossene Haltung hat sie sich offenbar den Zorn einer Reihe von Leuten zugezogen. Wahrscheinlich ging es aber weniger um sie als Person, als darum, ein Exempel zu statuieren. Die Verantwortlichen in den deutschen Hochschulen sollen sehen, was ihnen droht, wenn sie sich nicht den Wünschen der Politik unterordnen. Viele agieren ohnehin schon lange in vorauseilendem Gehorsam und genehmigen von vorne herein keine Veranstaltungen, die nur im Entferntesten in den Verdacht der Palästina-Solidarität geraten könnten. Donatella Fioretti hat das nicht getan. Dafür gebührt ihr großer Respekt – und den bekommt sie auch, und zwar von der kritischen Öffentlichkeit. Es ist sehr wichtig, in Fällen wie diesen Solidarität nicht nur zu fühlen, sondern auch zu zeigen.
Ministerin Brandes und Antisemitismusbeauftragte Löhrmann hatten am Tag vor der Sitzung einen Brief eines jüdischen Studierenden der Düsseldorfer Kunstakademie erhalten. Sie haben diesen Brief nicht erwähnt. Inzwischen hat der Schreiber den Brief an Pressevertreter weitergeleitet. Ich nehme daher an, dass er nichts dagegen hat, wenn ich an dieser Stelle einige Auszüge aus diesem bemerkenswerten Dokument zitiere:
„Wenn ich mich nicht täusche, wurde bislang keine jüdische Person von der Akademie, ob Lehrende oder Studierende, angehört oder gefragt, wie sie die Debatte wahrnehmen. Das hindert politische Amtsträger […] nicht daran, in der aktuellen medialen Kampagne in einschüchternder und grundrechtsverachtender Weise einseitig Partei zu ergreifen. […]
Tatsächlich stammen die Forderungen zum Rücktritt von Rektorin Prof. Donatella Fioretti ausschließlich von Personen und Organisationen ausserhalb der Akademie […]. Viele dieser Gruppen […] widmen sich deutschlandweit der politischen Agenda, Cancel-Kampagnen zu betreiben: gerichtet gegen alle, die die israelische Politik kritisieren. […] Diese Akteure wollen die Vielfalt von Meinungen zu Zionismus unter Juden unterdrücken. Jüdisch sein bedeutet nicht, Zionist sein. Antisemitismus ist nicht Antizionismus.
[…]
Nicht Basma Al-Sharif oder Donatella Fioretti beschädigen den Ruf der Kunstakademie, und machen sie zu einem angsteinjagenden Ort für jüdische und andere Studierende und unsere Gäste, sondern diejenigen Politiker, die unsere Rechte, die Gewaltenteilung, das Grundgesetz und den allgemeinen Anstand verachten.
Populistische Thesen, dass Antisemitismus in Kultur- und Kunstbereichen und an Hochschulen besonders weit verbreitet seien, sind wissenschaftlich widerlegt und dienen einer rechtsextremen Agenda. Die AfD, der parlamentarische Arm des Rechtsextremismus, sitzt im Landtag, im Bundestag und gewinnt immer mehr Wahlen. Mir kommt es so vor, als nehmen manche Politiker an Hetzkampagnen gegen einen angeblichen Antisemitismus in Kunst, Kultur, Hochschulen teil, um davon abzulenken, wie wenig sie gegen die reale antisemitische Gefahr in der Deutschen Gesellschaft tun.“
Der ganze Brief ist hier zu finden.
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Donatella_Fioretti
https://www.pressreader.com/germany/rheinische-post-langenfeld/20260319/282011858879374
https://www.forschung-und-lehre.de/management/brandes-kritisiert-rektorin-scharf-7592
https://de.wikipedia.org/wiki/Basma_al-Sharif
https://hyperallergic.com/when-a-palestinian-artist-asserts-her-own-humanity/
https://taz.de/Einladung-palaestinensischer-Kuenstlerin/!6150741
https://www.monopol-magazin.de/basma-al-sharif-donatella-fioretti-kunstakademie-duesseldorf
https://limewire.com/d/Oevt2#oRl3lCWYLm