Das israelische Foltersystem

„Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.“

(Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 5)

Der Ausdruck „Folter“ bezeichnet „jede Handlung, durch die einer Person vorsätzlich große körperliche oder seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt werden, zum Beispiel um von ihr oder einem Dritten eine Aussage oder ein Geständnis zu erlangen, um sie für eine tatsächlich oder mutmaßlich von ihr oder einem Dritten begangene Tat zu bestrafen, um sie oder einen Dritten einzuschüchtern oder zu nötigen oder aus einem anderen, auf irgendeiner Art von Diskriminierung beruhenden Grund […].“

(UN-Antifolterkonvention, Artikel 1)

„Israelische Besatzungssoldaten folterten ein einjähriges Kind in Zentralgaza, um von seinem Vater ein Geständnis zu erzwingen. […] Das Kind, identifiziert als Karim Abu Nassar, wurde in der Nähe des Flüchtlingslagers Al-Maghazi festgenommen, nachdem sein Vater in einen Schusswechsel geraten war, während er versuchte, Lebensmittel einzukaufen. Augenzeugen berichteten Palestine TV, dass die israelischen Besatzungssoldaten den Vater gezwungen hatten, seinen 18 Monate alten Sohn auf dem Boden zurückzulassen und sich zu einem nahegelegenen Militär-Checkpoint zu begeben, wo er ausgezogen und verhört wurde. Dem Bericht nach wurde das Kind während des Verhörs vor den Augen des Vaters gefoltert. Ein medizinischer Bericht bestätigte später, dass Karim Brandmale und Stichwunden erlitten hatte.“

Die Brandwunden stammten von Zigaretten, die Stichwunden von einem Nagel, der dem Kind ins Bein gerammt worden war.

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Anfang dieser Woche, am 23. März, stellte UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese vor dem UNO-Menschenrechtsrat ihren neuen Bericht über die Lage der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten vor. Der Bericht trägt den Titel „Folter und Genozid“. Er beruht auf Hunderten Zeugnissen: Berichten von Überlebenden, von palästinensischen, israelischen und internationalen Menschenrechtsorganisationen und von israelischen SoldatInnen. Aus Albaneses Rede vor dem Menschenrechtsrat anlässlich dieser Präsentation:

„Israel hat tatsächlich eine Lizenz, Palästinenser zu foltern – weil die meisten Ihrer Regierungen, Ihrer Minister es erlaubt haben. Dass die Wahrheit heute diesen Raum erreicht, verdanken wir dem Mut von Überlebenden der Folter und von palästinensischen und israelischen NGOs, die die Hölle dokumentiert haben.“

Die Anwendung von Folter als Mittel der Unterdrückung der Palästinenser ist keineswegs ein neues Phänomen. Es wurde bereits von der britischen Besatzung (1920–1948) angewandt. Die Briten hatten ihre Foltermethoden in Irland erprobt und unterwiesen noch während ihres Mandats in Palästina die zionistischen Milizen darin. Aus diesen Milizen ging 1948 die israelische Armee hervor. Berichte über Folterungen von Palästinensern in israelischen Haftanstalten ziehen sich durch die gesamte Geschichte Israels. Doch nach dem Oktober 2023 wurden die Praxis der Folter wesentlich ausgeweitet.

Was ich im Folgenden beschreibe, sind keine Einzelfälle, sondern stellen die Standardverfahren im Umgang mit palästinensischen Gefangenen dar:

Das Zufügen von Leiden und die erniedrigende Behandlung beginnen bereits bei der Verhaftung: Gefangene müssen sich bis auf die Unterwäsche ausziehen. Kleidung, Decken und medizinische Hilfsmittel (wie z. B. Rollstühle) werden ihnen abgenommen. Ihnen werden die Augen verbunden. Ihre Hände werden auf dem Rücken gefesselt. Sie müssen, mit verbundenen Augen und gefesselt, im Gänsemarsch marschieren. Sie müssen lange Zeit (über Stunden, manchmal über Tage) in schmerzhaften Haltungen (kniend, nach vorne gebeugt) ausharren, oft im Freien, auch bei kalter Witterung, manchmal auf scharfkantigem Schotter. Oder sie werden wie Kadaver in Erdlöcher geworfen. Sie werden mit dem Umbringen bedroht. Sie werden getreten, geschlagen und verbal gedemütigt. Manche tragen bereits durch die Misshandlungen bei der Verhaftung schmerzhafte Verletzungen davon, zum Beispiel Rippenbrüche.

Mit verbundenen Augen und schmerzhaft engen Handschellen in unnatürlicher Haltung müssen sie stunden-, manchmal tagelang ausharren, oft im Freien, auch bei Kälte und Regen. Der Transport in die israelischen Folteranstalten erfolgt in überfüllten Lastwägen oder Pritschenwägen. Es gibt Fotos von diesen Transporten: Ladeflächen voller nackter Menschen, dicht an dicht, die Rücken gebeugt, das Gesicht nach unten.

Das ist das Vorspiel zum Aufenthalt in der „Hölle“, wie israelische SoldatInnen und GefängniswärterInnen ihre „Haftanstalten“ selbst bezeichnen. (Ich setze den Ausdruck „Haftanstalten“ hier unter Anführungszeichen, weil er Rechtsstaatlichkeit suggeriert, die es in Israel für Palästinenser nicht gibt. Daher bezeichne ich palästinensische Gefangene auch nicht als „Häftlinge“.)

Schmerz, Grausamkeit und Erniedrigung sind während der Gefangenschaft allgegenwärtig. Manche verbringen mindestens einen Teil ihrer Gefangenschaft im Freien oder in Käfigen. Die übrigen werden in extrem überbelegte Zellen gepfercht. Alle Gefangenen bekommen viel zu wenig zu essen und zu wenig Wasser. Der Zugang zu Toiletten und Duschen ist stark eingeschränkt. Manche Gefangenen werden gezwungen, über längere Zeit Windeln zu tragen. Es werden ihnen elementare Hygieneprodukte (den Frauen auch Produkte für Monatshygiene) und saubere Kleidung verweigert. Es wird ihnen das Beten verboten.

Folter, Misshandlungen und unmenschliche Haftbedingungen verschlimmern bestehende Krankheiten und verursachen neue. Es grassiert die Krätze – eine quälend juckende Hautkrankheit. Medizinische Behandlung wird den Gefangenen entweder vollkommen verweigert, oder sie kommt zu spät und/oder ist unzureichend.

Manchmal wird „medizinische Behandlung“ auch als Folter eingesetzt. Amputationen werden ohne Narkose und von nicht hinreichend ausgebildetem Personal durchgeführt. Gefangene werden gezwungen, der Amputation von Gliedmaßen schriftlich zuzustimmen, auch wenn unklar ist, ob diese tatsächlich medizinisch indiziert ist.

Schläge gehören zur täglichen Routine. SoldatInnen führen täglich und auch nachts Zellenrazzien durch. Dabei setzen sie Blendgranaten, Tränengas, Pfefferspray, Elektroschocker und Angriffshunde ein. Gefangene müssen sich auf den Boden legen, mit dem Gesicht nach unten. Dann werden sie mit Stöcken und anderen Waffen geschlagen und verbal gedemütigt. Soldaten urinieren auf Gefangene, beleidigen deren Religion und bedrohen sie und ihre Familienangehörigen mit Vergewaltigung und Tod. Die regelmäßigen nächtlichen Razzien sowie Beschallung mit lauter Musik dienen unter anderem dem Schlafentzug.

Gefangenen werden für lange Zeit die Augen verbunden und die Hände mit engen Handschellen auf dem Rücken gefesselt. Die Fesselung ist sehr schmerzhaft, führt oft zu Verletzungen und macht manchmal Amputationen notwendig.

Gefangene werden für lange Zeit in „Isolationshaft“ gesperrt (in sargähnlichen Zellen, in denen man weder aufrecht stehen noch sich der Länge nach ausstrecken kann). Sie werden mit kaltem Wasser übergossen und extremer Kälte ausgesetzt. Sie werden extremem Lärm ausgesetzt. Sie werden mit Zigaretten verbrannt. Sie werden gezwungen, halluzinogene Drogen einzunehmen. Sie werden über Stunden an den Händen aufgehängt und währenddessen geschlagen und sexuell misshandelt.

Gefangene – Männer, Frauen und Kinder – werden vergewaltigt, oft unter Einsatz von metallenen Gegenständen und Elektroschockern, manchmal auch von dafür abgerichteten Hunden. Sie werden nackt fotografiert. Frauen werden gezwungen, vor Männern ihre Schleier abzunehmen.

Den Gefangenen wird erzählt, dass israelische SoldatInnen ihre Angehörigen ermordet und/oder vergewaltigt haben – auch wenn das nicht wahr ist.

Gefangene werden häufig ohne ersichtlichen Grund von einem Folterlager in ein anderes gebracht. Sie erhalten keine Informationen darüber, wohin sie gebracht werden. Sie können nicht davon ausgehen, dass Angehörige und/oder AnwältInnen zeitnah über ihren Aufenthaltsort informiert werden.

Die Gefangenen sind von der Außenwelt isoliert. Besuche von Angehörigen und/oder AnwältInnen sind nur sehr eingeschränkt möglich. Oft werden Gefangene vor dem geplanten Besuch einer Anwältin besonders grausam misshandelt. Das Internationale Rote Kreuz hat keinen Zugang zu israelischen „Haftanstalten“.

Kinder werden zusammen mit erwachsenen Gefangenen untergebracht und auf dieselben Weisen misshandelt und gequält. Sie sind auch Opfer sexualisierter Gewalt.

Selbst die Freilassung der Gefangenen erfolgt auf grausame und demütigende Weise. Oft werden die Angehörigen nicht informiert. Gefangene werden irgendwo aus einem Militärfahrzeug geworfen, nachts, unbekleidet. Das geschieht auch mit schwerkranken, verletzten oder behinderten Menschen.

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Francesca Albanese betont, dass die Folterungen keine isolierten Ereignisse sind. Sie sind vielmehr Teil eines Systems, das darauf abzielt, dem palästinensischen Volk als Ganzes langfristig schweren Schaden zuzufügen. Es geht darum, die PalästinenserInnen physisch und psychisch zu brechen und das soziale Gefüge der palästinensischen Gesellschaft zu zerstören. Die Folter und unmenschliche Behandlung in den Gefängnissen muss als Teil des Genozids verstanden werden.

Andererseits ist Folter nicht auf die Gefängnisse beschränkt. Körperliche und psychische Misshandlungen können PalästinenserInnen in den besetzten Gebieten überall zustoßen: an einem militärischen Checkpoint, auf einem Platz in der eigenen Stadt, irgendwo auf einer Landstraße, in der Schule oder auf der Uni, im eigenen Olivenhain, und nicht zuletzt in den eigenen vier Wänden. Es gibt für PalästinenserInnen keinen sicheren Ort. Sie leben in ständiger Angst.

In einem Artikel in Le Monde Diplomatique vom 12. März schreibt Francesca Albanese:

„In allen besetzten palästinensischen Gebieten hat Israel ein Gefängnisregime errichtet, das – mit unterschiedlicher Intensität und wechselnden Methoden – alle Bereiche des täglichen Lebens betrifft. Die Palästinenser:innen leben in einer Art Panoptikum unter freiem Himmel, in dem sie ständig überwacht und durch Checkpoints, Mauern und ein repressives bürokratisches Netz in ihrer Bewegungsfreiheit behindert werden. Sie laufen ständig Gefahr, willkürlich verhaftet und inhaftiert, gefoltert und anderer grausamer oder erniedrigender Behandlung ausgesetzt zu werden.“

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Im Juli 2024 wurde ein palästinensischer Gefangener im berüchtigten Lager Sde Teiman in Israel von fünf Soldaten vergewaltigt. Er erlitt schwere Verletzungen. Das Besondere daran: Es gibt ein Video von der Tat. Dieses wurde an die damalige Militär-Generalstaatsanwältin Yifat Tomer-Yerushalmi weitergeleitet. Diese wiederum sorgte dafür, dass es öffentlich wurde.

Drei der fünf Täter wurden festgenommen. Bei der Festnahme versammelte sich eine aufgebrachte Menge von DemonstrantInnen. Sie waren jedoch nicht empört über die Tat, sondern über die Festnahme der Täter. Unter den Demonstranten war der israelische Polizeiminister Itamar Ben-Gvir, der auch für die israelischen Gefängnisse verantwortlich ist.

Die Staatsanwältin, die die Verhaftungen veranlasst hatte, geriet unter enormen Druck. Ende Oktober 2025 trat sie von ihrem Amt zurück. Wenige Tage später wurde sie verhaftet.

Die der Gruppen-Vergewaltigung angeklagten israelischen Soldaten wurden schon nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt, und die Anklage wurde abgemildert. Sie traten im Fernsehen auf und inszenierten sich als Opfer. Sie beschwerten sich über die Anklage, wo sie doch nur das Beste für Israel getan hätten. Von vielen Israelis wurden sie als Helden gefeiert.

Der neue israelische Militär-Generalstaatsanwalt ließ Anfang März die Anklage gegen alle fünf beteiligten Soldaten fallen. Am 16. März empfing der israelische Verteidigungsminister Israel Katz persönlich die Vergewaltiger und entschuldigte sich bei ihnen für „das Unrecht, das das System ihnen angetan hat“. Er setzte sich dafür ein, dass sie wieder in der israelischen Armee Dienst tun dürfen. „Nun ist Gerechtigkeit eingekehrt und diese dunkle Wolke wurde von euch und euren Familien genommen“, sagte Katz. Er lobte den neuen Militär-Generalstaatsanwalt, „welcher, im Gegensatz zu seiner Vorgängerin, die Soldaten beschützt, und nicht die Terroristen.“

Dieser Fall bestätigt Albaneses Analyse: Die Täter sind nicht bloß die Schläger und Vergewaltiger selbst. Diese sind vielmehr Teile eines umfassenden Systems. Zu diesem System gehören unter anderem Gesetzgeber, Regierungsvertreter, Journalisten, Staatsanwälte, Rechtsgelehrte und vielleicht auch manche Philosophen. Es gehören zu diesem System alle, die in ihrem Bereich daran mitwirken, die Grenzen des Erlaubten und Tolerierten immer weiter hinauszuschieben, Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu vertuschen, totzuschweigen, oder zu rechtfertigen und zu normalisieren.

Quellen:

https://www.palestinechronicle.com/cigarette-burns-nail-wounds-toddler-tortured-in-gaza-to-coerce-father/

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/3/24/israel-has-been-given-a-licence-to-torture#flips-6391496348112:0

https://jurdi.fr/en/ressources/torture-and-genocide

Francesca Albanese, „Anatomie einer Diffamierung. Antwort an meine Kritiker“. Le Monde Diplomatique, 12. 3. 2026.

https://www.arte.tv/de/videos/121620-116-A/gaza-der-horror-der-israelischen-gefaengnisse/

http://www.youtube.com/watch?v=RzZrtl2qeRA

https://www.btselem.org/publications/202408_welcome_to_hell

https://www.btselem.org/publications/202601_living_hell

https://en.wikipedia.org/wiki/Shabeh_(torture)

https://aje.news/4r0wlk

https://aje.io/f6lizq?update=4104343

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/11/3/live-israel-kills-palestinian-in-gaza-city-hamas-returns-3-bodies (12.15, 13.30)

Bericht des Büros des Hohen Kommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen (OHCHR) über Israels systematische Anwendung sexueller, reproduktiver und anderer Formen geschlechtsspezifischer Gewalt seit Oktober 2023, 12.März 2025 (Aussendung 17/2025 von Martha Tonsern, Vertretung des Staates Palästina in Österreich)


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