
Bild: Tag des Bodens, Qalandiya, Westjordanland, 30. März 2019. [Activestills, Anne Paq]
Heute, am 30. März begehen PalästinenserInnen und palästinasolidarische Menschen auf der ganzen Welt den sogenannten „Tag des Bodens“ (englisch: Land Day). Auch in Aachen haben wir aus diesem Anlass eine Gedenk-Kundgebung abgehalten. Mehrere RednerInnen erklärten, an welche Ereignisse an diesem Tag erinnert wird. Ich möchte hier im Folgenden Mariannes Rede wiedergeben:
„Der Tag des Bodens am […] 30. März ist ein palästinensischer Gedenk- und Protesttag. Ein paar Informationen dazu möchte ich einleiten mit Zeilen aus einem berühmten Gedicht des großen palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish:
„Auf diesem Stück Erde gibt es alles, was das Leben lebenswert macht –
Die stete Wiederkehr des Aprils,
den Duft des Brotes in der Morgendämmerung,
… die erste Liebe, wie Gras auf einem Stein,
die Tränen der Mutter, … die Spuren der Ahnen …, die Hoffnung auf morgen …
Die Angst der Eindringlinge vor den Erinnerungen …“
Welche Erinnerungen, welche Eindringlinge meint Mahmoud Darwish, von welcher Angst spricht er?
Ein kurzer Rückblick in die Geschichte hilft:
In den Jahren 1947/48 wurden bekanntermaßen mindestens 750.000 der Menschen in Palästina durch zionistische Milizen der Einwanderer vertrieben und getötet – oder sie flohen. Diese gewaltsame Vertreibung, die die Palästinenser Nakba (deutsch: Katastrophe) nannten, nannten die Zionisten „Unabhängigkeitskampf“.
[…]
Und dann kam der Tag Ende März 1976, als die israelische Regierung in Galiläa/Nordisrael 21.000 Hektar Land [unter anderem] seiner arabischen Staatsbürger enteignete, d. h. sie raubte palästinensischen Grundbesitzern ihr Land.
[…] Dieses Land wurde jüdischen Nachbargemeinden zur Verfügung gestellt, damit sie sich „entwickeln“ konnten – im Klartext bedeutete das den Bau neuer Siedlungen, außerdem die Ansiedlung von Industrieprojekten für die jüdisch-israelische Bevölkerung.
Proteste gegen die Enteignung wurden von den israelischen Behörden verboten, ab dem Abend des 29. März galt eine Ausgangssperre. Arabisch-israelische Politiker riefen daraufhin zu Demonstrationen und zum Generalstreik auf, so auch der Bürgermeister von Nazareth, Tawfiq Ziad – ein bedeutender palästinensischer Dichter. […]
Am 30. März 1976 fand der Generalstreik statt. Nach einem riesigen Polizeieinsatz, wie es ihn vorher noch nie gegeben hatte, endete der Tag mit 6 toten und 100 verletzten palästinensischen Bürgern Israels.
Seitdem gedenken die PalästinenserInnen jährlich dieses Tages mit Demonstrationen: in Israel, in den palästinensischen Autonomiegebieten und in der Diaspora – so auch wir hier in Aachen.
Was heißt Gedenken? Es heißt erinnern. Und die Erinnerung fürchten die israelischen Machthaber, deren Vorfahren in Palästina einwanderten. „Eindringlinge“ nennt Mahmoud Darwish in seinem Gedicht die Einwanderer. Sie fürchten das Erinnern sehr!
So wird der früheren israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir der Satz zugeschrieben: ,Die Alten werden sterben, die Jungen werden vergessen.‘ Damit ist die Vorstellung verbunden, dass eines Tages Palästina im kollektiven Gedächtnis ausgelöscht sein würde. Solange es aber Palästinenser gibt, lebt Palästina und lebt die Erinnerung an geschehenes Unrecht. Das ist einer der Hintergründe für den Völkermord des Staates Israel am palästinensischen Volk – und der begann bereits mit der Nakba vor bald 80 Jahren.
Aber: Palästina und das Unrecht am palästinensischen Volk lässt sich nicht auslöschen – wir alle sind Zeugen, und wir erinnern daran.
Wir sind Zeugen: Die Situation des palästinensischen Volkes hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in zunehmendem Maße verschlimmert – die Nakba hat der zionistische Staat Israel zum Völkermord in Gaza ausgeweitet – dieser Begriff ist übrigens unter Wissenschaftlern Konsens –, die Siedler werden in ihren brutalen Attacken auf die palästinensische Bevölkerung und im Landraub von Polizei und Militär unterstützt.
Es geht aber nicht „nur“ um Landraub. Der Palästinakonflikt ist
- zentrales Thema der Geopolitik, das weit über die Region des Nahen Ostens hinausreicht.
- Er ist DER Brennpunkt im globalen Kampf um Einfluss im Nahen Osten, etwa durch Waffenlieferungen, diplomatische Allianzen und Energiepolitik.
- Er steht für die Themen Kolonialismus, Besatzung, Rassismus, Faschismus, Imperialismus, Widerstand und internationales Recht.
Deshalb ist der Widerstand, der Kampf des palästinensischen Volkes für seine Rechte und um seine Identität, zum Symbol geworden für den Kampf aller unterdrückten Völker gegen das Imperium, für den Kampf um Gerechtigkeit.“
VIVA PALESTINA
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Bei den Protesten am 30. März 1976 ging es um mehr als nur um ein Stück Land. Es ging um die offen erklärte Politik der israelischen Regierung, die demographische Zusammensetzung des Landes zugunsten der jüdischen Bevölkerung zu verändern und den Siedlungsraum der palästinensischen Bevölkerung auf isolierte Enklaven zu beschränken. Als historisch bedeutsam gilt dieser Tag vor allem deshalb, weil es das erste Mal in der Geschichte der Unterdrückung der PalästinenserInnen im Kernland Israel zu einer organisierten landesweiten Protestaktion der PalästinenserInnen kam.
Die Ereignisse des 30. März 1976 hatten eine lange Vorgeschichte: Nach der Nakba 1947–1949, im Zuge derer ca. 750.000 PalästinenserInnen aus ihrer Heimat vertrieben wurden, folgte 1967 der 6-Tage-Krieg. Im Zuge dieses Krieges eroberte Israel unter anderem Gaza, Ostjerusalem und das Westjordanland. Erneut wurden ca. 300.000 PalästinenserInnen vertrieben. In Gaza und im Westjordanland lebten diejenigen, die nicht vertrieben worden waren, fortan unter einer brutalen israelischen Besatzung.
Während der Nakba wurden 80 Prozent der palästinensischen Bevölkerung aus jenem Gebiet vertrieben, das Israel seit 1948 als sein Kernland beansprucht. Etwa 150.000 PalästinenserInnen blieben jedoch in Israel. Sie lebten verstreut über das ganze Land.
In den Jahrzehnten nach 1948 wuchs sowohl die jüdische als auch die palästinensische Bevölkerung Israels stark an. Der arabische Bevölkerungsanteil lag sowohl 1948 als auch heute bei ca. 20 Prozent. Heute leben in Israel etwa 2 Millionen PalästinenserInnen. Über die 70er-Jahre konnte ich keine Zahlen finden. Wenn das Zahlenverhältnis zwischen jüdischer und palästinensischer Bevölkerung damals ungefähr so war wie heute, dann gab es 1975 ca. 700.000 PalästinenserInnen in Israel.
Die in Israel ansässigen PalästinenserInnen erhielten die israelische Staatsbürgerschaft. Gleichberechtigt sind sie dennoch nie gewesen und sind sie bis heute nicht, da sie durch zahlreiche Gesetze gegenüber den jüdischen MitbürgerInnen benachteiligt sind. Viele dieser Gesetze betreffen den Besitz von Grund und Boden.
Viele der palästinensischen BürgerInnen Israels waren 1948 innerhalb Israels vertrieben worden. Sie hatten noch nicht den erneuten Schock der Ereignisse von 1967 verdaut, als ihnen neues Ungemach drohte. In den 70er-Jahren begann die israelische Regierung, schleichend aber zielstrebig, die weitere „Judaisierung“ des Landes voranzutreiben. Dies geschah, anders als in den Jahrzehnten davor, nicht durch gewaltsame Vertreibungen, sondern durch eine ausgeklügelte Politik: Es wurde gezielt palästinensisches Land konfisziert, das neuen jüdischen Siedlungen zur Verfügung gestellt wurde. Es ging nicht allein darum, den Lebensraum der palästinensischen Bevölkerung zugunsten der jüdischen Bevölkerung zu verkleinern. Vielmehr wurde strategisch darauf hingearbeitet, zusammenhängende palästinensische Siedlungsgebiete in immer kleinere isolierte Enklaven inmitten jüdischer Siedlungen aufzusplittern.
Politische Köpfe unter den PalästinenserInnen erkannten diese beunruhigende Entwicklung und suchten nach Wegen, diese zu bremsen. Sie taten genau das Richtige: Sie organisierten sich. Während des Jahres 1975 gab es mehrere Treffen palästinensischer politischer Aktivisten und Intellektueller. Sie gründeten das Nationalkomitee zur Verteidigung arabischen Landes in Israel. Dieses Komitee hatte 121 Mitglieder aus allen politischen und ideologischen Lagern und sowohl aus dem Norden Israels als auch aus Zentralisrael und aus dem Negev im Süden.
Das Nationalkomitee entschied, in den Dörfern lokale Komitees zu gründen, mit dem Ziel, die Bevölkerung über die Gefahr der israelischen Politik der Landnahme aufzuklären und zivilen Widerstand zu organisieren – etwa Versammlungen und Demonstrationen.
Im Oktober 1975 tagte in Nazareth der Generalkongress des Nationalkomitees. Dieser Generalkongress war die größte Versammlung von PalästinenserInnen seit 1948. Hunderte Delegierte und Tausende TeilnehmerInnen waren anwesend. Auf diesem Kongress wurde auch über einen eventuellen Generalstreik diskutiert, falls die israelische Regierung ihre Konfiszierungspläne nicht fallenlassen würde. Ein Datum für einen solchen Generalstreik wurde jedoch nicht festgelegt.
Die israelische Regierung unternahm keinerlei Versuche, die Situation zu beruhigen. Im Gegenteil: Sie goss Öl ins Feuer. Ende des Jahres 1975 wurde bekanntgegeben, dass etwa 3.000 Hektar palästinensisches Land enteignet werden würden. Dieses Land gehörte zu dem Dorf Kafr Qasim, etwa 20 km östlich von Tel Aviv gelegen.
Kafr Qasim ist nicht irgendein palästinensisches Dorf, sondern war etwa 20 Jahre vorher der Schauplatz eines entsetzlichen Massakers gewesen. Am 29. Oktober 1956 verhängte die israelische Polizei in Kafr Qasim eine Ausgangssperre. Einige Dutzend Einwohner waren auswärts gewesen und wussten von dieser Ausgangssperre nichts. Als sie in ihr Dorf zurückkehrten, wurden sie von der israelischen Grenzpolizei ermordet: 48 palästinensische Zivilisten, davon 19 Männer, 6 Frauen und 23 Kinder. Die Täter kamen mit milden Strafen davon. Einige von ihnen bekleideten später hohe Posten in Israel.
Mit Sicherheit war die Erinnerung an dieses ungesühnte Verbrechen in Kafr Qasim noch sehr lebendig, als die Nachricht über den bevorstehenden Landraub kam.
Die Provokationen der israelischen Regierung setzten sich zu Beginn des Jahres 1976 fort. Anfang Februar 1976 erhielten die Einwohner der palästinensischen Dörfer Arraba, Sakhnin und Deir Hanna den Bescheid, dass ein Teil ihres Landes ab sofort für militärische Übungszwecke benutzt wird. Den Bewohnern wurde bei schwerer Strafe verboten, ihr eigenes Land zu betreten.
Am 14. Februar 1976 versammelten sich in Sakhnin mehr als 5.000 PalästinenserInnen aus der Region zu einer Demonstration gegen diesen Landraub. Sie verlangten von der israelischen Regierung die Rücknahme der Entscheidung und von der palästinensischen Führung einen Generalstreik. In den folgenden Wochen intensivierten die lokalen Komitees zur Verteidigung arabischen Landes in Israel ihre Aktivitäten, unterstützt von lokalen Einheiten der Kommunistischen Partei. Besonders aktiv waren die Aktivisten in den betroffenen Dörfern Arraba, Sakhnin und Deir Hanna.
In dieser sehr angespannten Lage entschied die israelische Regierung unter Premierminister Yitzhak Rabin, 20.000 Hektar Land im Norden Israels zu konfiszieren. Etwa ein Drittel davon befand sich in palästinensischem Besitz. Dieses Land befand sich ausgerechnet zwischen den Dörfern Sakhnin und Arraba, in denen Zorn und Widerstandsbereitschaft gegen die israelische Landraub-Politik besonders ausgeprägt waren.
Am 6. März 1976 tagte das Nationalkomitee zur Verteidigung arabischen Landes in Israel erneut in Nazareth. Auf diesem Treffen wurde ein palästinensischer Generalstreik beschlossen. Als Datum dafür wurde der 30. März festgelegt. Es wurde außerdem beschlossen, „diesen Tag zum Tag des Bodens in Israel zu erklären, den Tag, an dem die arabischen Massen ihre Stimmen erheben werden, um eine Ende der offiziellen Politik zu fordern, die begonnen hat, die Zukunft der arabischen Massen in diesem Land zu bedrohen.“ Der „Tag des Bodens“ war geboren.
Die israelische Regierung versuchte, durch Einschüchterung die Absage des Generalstreiks zu bewirken. Dies scheiterte jedoch. Der Generalstreik wurde in fast allen palästinensischen Städten und Dörfern in Israel eingehalten.
Am frühen Morgen des 30. März stürmten 4.000 israelische Soldaten und Polizisten Dutzende palästinensische Dörfer und Städte. Sie verhafteten Aktivisten und zerstreuten Demonstrationen. Es gab sowohl friedliche Demonstrationen als auch gewaltsame Zusammenstöße mit Polizei und Armee. Am Ende des Tages gab es sechs palästinensische Tote: drei Männer und drei Frauen. Sie waren unbewaffnet gewesen.
Der seit 1976 jährlich begangene „Tag des Bodens“ ist nicht nur ein Tag der Trauer, ein Tag des Gedenkens an die Toten, sondern auch ein Tag der Erinnerung an einen Moment der nationalen Einheit der PalästinenserInnen. Dieser Tag hat gezeigt, wie viel Macht in dieser Einheit steckt. Wohl nicht zuletzt darum fürchten die zionistischen „Eindringlinge“ die Erinnerung daran.
Quellen:
https://www.palquest.org/en/highlight/14509/land-day-30-march-1976
https://english.palinfo.com/video_articles/The-story-of-Palestine-s-Land-Day/
https://en.wikipedia.org/wiki/Land_Day
https://www.palquest.org/en/highlight/294/demography-and-palestine-question-i
https://en.wikipedia.org/wiki/Demographics_of_Israel
https://en.wikipedia.org/wiki/Kafr_Qasim_massacre
https://en.wikipedia.org/wiki/Kafr_Qasim
https://www.encyclopedia.com/humanities/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/land-day
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