Am späten Abend des vergangenen Montags (6. April) tauchte auf der Webseite von Al Jazeera eine verwirrende Meldung auf: In dem Flüchtlingslager Maghazi in Zentralgaza habe es einen israelischen Luftangriff gegeben, bei dem mindestens 10 Menschen ums Leben gekommen seien. Außerdem gebe es Dutzende Verletzte. Der Angriff habe sich in der Nähe einer Schule ereignet, in der Flüchtlinge untergebracht sind. Einwohner des Lagers und medizinisches Personal berichten, dass es früher am Tag Angriffe von palästinensischen Milizen auf die Schule gegeben hätte. Die von Israel unterstützten Milizen hätten versucht, Bewohner der Schule zu entführen. Einwohner hätten sich zur Wehr gesetzt. Es habe „Zusammenstöße“ gegeben. Während der Kämpfe habe die israelische Armee mit Drohnen zwei Raketen abgefeuert.
Die „palästinensischen Milizen“, von denen in dieser Meldung die Rede ist, sind kriminelle Banden, die mit der israelischen Armee kollaborieren. Sie halten sich normalerweise im von Israel kontrollierten Gebiet östlich der „Gelben Linie“ auf, die den Gazastreifen seit vergangenen Oktober in zwei Hälften teilt. Sie erheben den Anspruch, die Hamas zu bekämpfen. Das war auch Netanjahus Begründung dafür, dass sie von der israelischen Armee unterstützt werden (unter anderem mit Waffen), obwohl sie auf lange Sicht durchaus ein Sicherheitsrisiko für Israel darstellen.
Tatsächlich liefern sie sich manchmal Gefechte mit Hamas-Kämpfern. Ihre Haupttätigkeit besteht jedoch darin, durch Plünderungen und Morde die Zivilbevölkerung zu terrorisieren. Im Gegensatz zur Hamas haben sie keinen Rückhalt in der Bevölkerung, sondern sind allgemein gefürchtet und verhasst. Aus israelischer Sicht sind sie nützlich, weil sie Recht und Ordnung in Gaza weiter untergraben, Chaos und Panik schüren und die humanitäre Lage der Menschen weiter verschlechtern.
Um die Ereignisse von Montag zu verstehen, muss man wissen, dass die östliche Grenze des Lager Maghazi nicht einmal 100 Meter von der „Gelben Linie“ entfernt ist. Maghazi war vor dem Krieg eines der kleineren Flüchtlingslager in Gaza. (Unter einem „Flüchtlingslager“ muss man sich in diesem Kontext ein extrem dicht besiedeltes und übervölkertes Stadtviertel mit überwiegend armer bis sehr armer Bevölkerung vorstellen.) Bis Anfang Oktober 2023 lebten dort rund 30.000 Menschen. Nach Kriegsausbruch verdreifachte sich die Zahl der Einwohner. Obwohl das Lager zumindest zeitweise von der israelischen Armee als „sichere Zone“ ausgewiesen wurde, gab es dort immer wieder israelische Angriffe. Die Bewohner Maghazis leben im Grunde in einem permanenten akuten Bedrohungszustand. Ich stelle es mir so vor, als würde ständig jemand mit einem Gewehr auf die Fenster meines Hauses zielen – und ab und zu wird geschossen.
Was war nun in Maghazi am vergangenen Montag geschehen? Im Laufe der Woche erschienen ausführlichere Berichte, die es erlauben, die chaotischen Ereignisse wenigstens in groben Zügen zu rekonstruieren, wenn auch manches noch nicht restlos klar ist.
Klar ist so viel: Am Montag um die Mittagszeit herum überschritten bewaffnete palästinensische Milizen, die mit Israel kollaborieren, die „Gelbe Linie“ in Richtung des Lagers. Sie drangen in Wohngebäude und eine als Flüchtlingsunterkunft genutzte Schule ein, verschleppten Männer, plünderten, und schossen auf Zivilisten. Einwohner des Lagers leisteten bewaffneten Widerstand und versuchten, die Eindringlinge zu vertreiben bzw. am weiteren Vorrücken zu hindern. Es kam zu Feuergefechten zwischen den kollaborierenden Milizen und Bewohnern des Lagers. Die israelische Armee intervenierte mit Luftangriffen, bei dem sowohl ein Kampfflugzeug als auch Drohnen zum Einsatz kamen. Es hagelte Raketen und Bomben. Der Überfall dauerte etwa eineinhalb Stunden. Danach zogen sich die kollaborierenden Milizen wieder über die „Gelbe Linie“ zurück. Mindestens 10 Menschen kamen dabei ums leben (manche Quellen geben mehr an). Außerdem gab es mehr als 40 Verletzte.
Unklar ist, wie viele der Opfer direkt den israelischen Luftangriffen und wie viele den kollaborierenden Milizen zuzurechnen sind. Unklar ist auch, ob die Bewohner, die bewaffneten Widerstand leisteten, zumindest zum Teil Mitglieder des bewaffneten Arms der Hamas waren. Im Grunde sind aber beide Fragen von untergeordneter Wichtigkeit. Denn die letzte Verantwortung für die Opfer liegt in jedem Fall bei der israelischen Armee; und die Männer, die Widerstand leisteten, waren in jedem Fall Bewohner des Lagers, die versuchten, sich selbst, ihre Familien und Nachbarn zu schützen.
Asad Nteel, ein Bewohner von Maghazi, schildert seine Erlebnisse so: Am Montag um die Mittagszeit stürmte eine Gruppe bewaffneter Männer ohne Vorwarnung das Haus seiner Familie im östlichen Teil von Maghazi. Von draußen war schwerer Gefechtslärm zu hören. Die zu Tode erschrockenen Menschen dachten im ersten Moment, dass die bewaffneten Männer, die in ihr Haus eingedrungen waren, israelische Soldaten seien. Die Bewaffneten stellten sich der verängstigten Familie jedoch als Angehörige einer Gruppe vor, die sich selbst „Volksarmee zum Kampf gegen den Terrorismus“ nennt. Es handelt sich dabei um die Bande von Shawqi Abu Nasira.
Asad Nteel erzählt, die Männer hätten die Tür seines Hauses aufgebrochen, seinen Onkel und noch einen weiteren Mann festgenommen und sie in Richtung der „Gelben Linie“ fortgebracht. Sie befahlen den übrigen Angehörigen der Großfamilie, sich alle in einem Raum des Hauses zu versammeln und sich nicht von der Stelle zu bewegen. Die Menschen gehorchten aus Angst um ihr Leben.
Die Milizionäre positionierten sich in der Nähe von Fenstern und Türen. Es gab einen Schusswechsel mit anderen Bewaffneten außerhalb des Hauses. Die Familie wusste nicht, was eigentlich vor sich ging. Sie verharrten, wo sie waren, bis die Eindringlinge sich zurückzogen. Zuvor befragten sie Asad Nteel, ob es in der Nachbarschaft Männer mit Verbindungen zur Hamas gebe. Dann entdeckten sie Fotokameras im Haus und beschuldigten Nteel, den Überfall gefilmt zu haben. Dieser erklärte ihnen, dass die Kameras nicht in Betrieb seien. Seine Frau und er hätten vor dem Krieg als Hochzeitsfotografen gearbeitet. Die Gangster waren misstrauisch, aber zum Glück für Nteel und seine Familie glaubten sie die Geschichte am Ende und zogen ohne Blutvergießen ab. Die Fotoausrüstungen nahmen sie mit.
Mohammad Jouda, 37, ein Bewohner der Notunterkunft in der Schule, schildert den Überfall so:
„Bewaffnete Männer stürmten die Schule und fingen direkt innerhalb des Gebäudes zu schießen an. … Es herrschte Panik und Schock. Die Schule ist voller geflüchteter Menschen, Kindern und Frauen. Dann, Minuten später, gab es einen Luftangriff auf das Schultor. … Wir waren von allen Seiten umzingelt. … Überall gab es Opfer.“
Ein Zeuge berichtet:
„Sie schossen auf uns in der Nähe des Eingangs des Maghazi-Lagers. Die jungen Männer stellten sich ihnen entgegen und es brachen Kämpfe aus. Dann kamen die Drohnen und hielten ihnen [den Männern von Abu Nasira] mit Raketen den Rücken frei, und dann kamen die Quadcopter-Drohnen und fingen an, Bomben auf uns abzuwerfen.“
Ein anderer Zeuge berichtet, die Straßen von Maghazi hätten sich in eine „Kriegszone“ verwandelt. Frauen und Kinder wären in Panik davongerannt, die Straßen hätten sich mit Fahrzeugen gefüllt, die Tote und Verwundete transportierten, die israelische Armee habe die Flüchtenden aus der Luft angegriffen.
Der Zeuge Abu Saqr sagt:
„Sicherheitskräfte und viele Zivilisten versuchten, sich den Milizen entgegenzustellen. Die Menschen lehnen diese Milizen ab und versuchten mit allen Mitteln, sie aufzuhalten, aber sie wurden bombardiert … die Szene war wie ein Massaker.
Sie sagen, es gibt einen Waffenstillstand … aber das sind alles Lügen. Bombardierungen, Mord und Blut hören niemals auf. Wir sind erschöpft.“
Der für den Überfall auf Maghazi verantwortliche Bandenführer Shawqi Abu Nasira hatte im vergangenen Dezember im israelischen Fernsehen ein Interview gegeben. Darin sagte er:
„Die Beziehung zwischen uns und den Israelis ist eine starke und enge Freundschaft, und wir werden für den Rest unseres Lebens mit ihnen in Sicherheit und Frieden leben. … Sie versorgen uns mit Waffen, Essen und Kleidung, und wir kooperieren mit ihnen in Sicherheitsfragen im vollsten Ausmaß.“
Die Abu-Nasira-Miliz übernahm in einem Video Verantwortung für den Überfall auf das Lager und brüstete sich damit, „mindestens fünf der Schweine von der Hamas“ getötet zu haben.
Eine offizielle Stellungnahme der Hamas gibt es dazu nicht. Es gibt aber eine Stellungnahme von Radea. Das ist eine Vereinigung lokaler Sicherheitskräfte, die mit der Hamas assoziiert sind. In der Stellungnahme heißt es:
„Bewohner leisteten Widerstand gegen den Versuch von kollaborierenden Milizen, mit Hilfe von zionistischer Unterstützung aus der Luft in Wohnhäuser in der Nähe der ,Gelben Linie’ einzudringen, die Bewohner zu entführen und ihr Eigentum zu beschlagnahmen. Nachdem sie am Widerstand der Familien scheiterten, eröffneten die Kollaborateure das Feuer auf Einwohner. Die Luftwaffe der Besatzung intervenierte, bombardierte das Gebiet der Auseinandersetzungen. Es gab eine Anzahl von Märtyrern.“ [Als „Märtyrer“ bezeichnen die Palästinenser Menschen, die von Israelis getötet werden.]
Seit Beginn des „Waffenstillstands“ im Oktober 2025 starben in Gaza mehr als 730 Palästinenser. Mehr als 2.000 wurden verwundet.
Wen kann es verwundern, dass die Hamas zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht bereit ist, über ihre Entwaffnung zu verhandeln? Genau das sagte ein Hamas-Sprecher in einem am 5. April veröffentlichten Video: Israel müsse zunächst seine Verpflichtungen aus Phase 1 des Abkommens erfüllen, bevor man über Phase 2 sprechen könne. Die Stellungnahme ist eine Reaktion auf Forderungen von Israel und den USA, es sei jetzt an der Zeit, Phase 2 zu implementieren und die Hamas zu entwaffnen.
In einer Bildaufschrift des Videos wird der Sprecher als Abu Obeida vorgestellt. Man sieht einen jungen Mann in Militäruniform, dessen Kopf, Hals und Gesicht fast vollständig von einer rot-weißen Kufiyah bedeckt wird. Nur die Augen des Mannes sind zu sehen. Hier ist sein Statement im Original-Wortlaut:
„Die palästinensische Seite ist ihren Verpflichtungen mit der allerhöchsten Integrität und Verantwortlichkeit nachgekommen. Sie hat dabei die Interessen ihres Volkes beachtet, die Anstrengungen der Mediatoren respektiert und der Besatzung die Ausreden aus der Hand geschlagen. Heute ist es die religiöse und moralische Pflicht unserer Brüder, Druck auf die Entität [Israel] auszuüben, damit diese ihre Verpflichtungen aus der ersten Phase erfüllt. Erst dann können Gespräche über die zweite Phase aufgenommen werden. Die plumpe Weise, in der jetzt das Thema der Waffen aufgebracht wird, ist nichts anderes als ein offensichtlicher Versuch der Besatzung, seine Kampagne des Mordens und der Auslöschung gegen unser Volk fortzusetzen. Das werden wir niemals und unter keinen Umständen akzeptieren. Wir halten fest: Was der Feind uns nicht mit Panzern und Vernichtung nehmen konnte, das wird er auch nicht mit Politik oder Verhandlungen bekommen. Die Aggression der Besatzung gegen unser Volk, die fortgesetzte Sperrung der Al-Aqsa-Moschee für Gläubige in einer nie da gewesenen Weise, und die Annahme des Gesetzes über die Exekution palästinensischer Gefangener sind Schandmale auf der Stirn all jener, die Beihilfe leisten oder schweigen.“
Quellen:
https://www.dropsitenews.com/p/israel-abu-nasira-militia-attack-maghazi-camp-gaza
Hinterlasse einen Kommentar