Warum dieser Blog?

Am 7. Oktober 2023 wurde ich 57 Jahre alt. An diesem Tag wurde die Welt durch ein Ereignis erschüttert, das bis dahin kaum jemand für möglich gehalten hätte: Ca. 1.200 bewaffnete Kämpfer der islamistischen Hamas (die den Gaza-Streifen verwaltet) durchbrechen den „Grenzzaun“, der den Gaza-Streifen von Israel trennt. Sie überfallen 22 Ortschaften im Grenzgebiet, töten ca. 1.200 Menschen, davon ca. 800 Zivilisten, und verschleppen mehr als 250 Menschen als Geiseln nach Gaza. Noch am selben Tag erklärt der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, Israel befinde sich im Krieg.


Mir schwante Böses. Von Anfang an war in Statements israelischer Politiker sehr viel von „Vergeltung“ die Rede. Israels Präsident Isaac Herzog erklärt öffentlich, es gebe keine „unbeteiligten Zivilisten“. Eine „ganze Nation“ (die Palästinenser) seien verantwortlich. Verteidigungsminister Gallant kündigt eine vollständige Blockade des Gazastreifens an: Es werde kein Wasser geben, keine Lebensmittel, keinen Strom und keinen Treibstoff. Man kämpfe gegen „menschliche Tiere“ und werde entsprechend handeln.


Es folgen Angriffe auf den Gazastreifen mit Raketen und schweren Bomben. Nur wenige Tage nach Beginn des Krieges ordnet Israel die „Evakuierung“ von ca. 1 Million Menschen aus Nordgaza an. Sie sollen in den Süden gehen. Doch dort gibt es keine Infrastruktur für so viele Geflüchtete. Auch gibt es – entgegen Israels Behauptungen – keine sicheren Fluchtrouten. Menschen werden auf der Flucht angegriffen und getötet. Nicht einmal drei Wochen nach Beginn des Krieges werden in Gaza offiziell mehr als 7.000 Kriegsopfer gezählt – also ein Vielfaches der Opfer des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober, die meisten davon Frauen und Kinder.


In den folgenden Monaten wurde ich nicht nur emotional, sondern auch in den Grundfesten meines Überzeugungssystems erschüttert. Zwar war mir schon vorher klar, dass die viel beschworene „Werteorientierung des Westens“ (namentlich Deutschlands) schnell an ihre Grenzen gelangt, wenn diese politische oder wirtschaftliche Interessen gefährden könnte. Doch was ich seit Oktober 2023 insbesondere in Deutschland (aber auch in Österreich) an Doppelmoral und Menschenverachtung wahrgenommen habe, hätte ich nicht für möglich gehalten.


Während in Gaza nahezu täglich Menschen starben, die mit Sicherheit nicht in den Angriff vom 7. Oktober involviert waren, geschah in Deutschland und Österreich dies: Politiker/innen wurden nicht müde, ihre „bedingungslose Solidarität“ mit Israel zu bekunden. Israels Krieg wurde mit Waffenlieferungen unterstützt. In der UNO gehörten Deutschland und Österreich zu den wenigen Ländern, die gegen Waffenstillstandsresolutionen stimmten. Auf die von Südafrika vor dem Internationalen Gerichtshof eingebrachte Klage wegen Genozids reagierte man mit Empörung (auf die Klage, nicht auf den Genozid!). Und nachdem der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen Netanjahu und den früheren Verteidigungsminister Gallant erlassen hatte, brach eine Diskussion darüber aus, ob man die Haftbefehle im Falle des Falles vollziehen würde.


Obwohl wir den Luxus genießen, dass bei uns keine Bomben fallen, fühlte es sich für mich an, als wären wir Kriegspartei.In den Mainstream-Medien wurde über Gaza (falls überhaupt) meist aus der Perspektive Israels berichtet.

Nicht für möglich gehalten hätte ich auch die Art und Weise, wie kritische Gegenstimmen bei uns (im angeblich freiheitlich-demokratischen Paradies) unterdrückt werden.

Am 12. April 2024 wurde in Berlin ein „Palästina-Kongress“ ca. zwei Stunden nach Beginn aufgelöst: Der Grund: Es wurde eine Videobotschaft von einem palästinensischen Historiker übertragen. Gegen diesen war kurzfristig ein „politisches Betätigungsverbot“ verhängt worden. Zuvor war einem anderen eingeladenen Redner die Einreise nach Deutschland verweigert worden. Der britisch-palästinensische Arzt hatte für Ärzte ohne Grenzen einige Monate in Gaza gearbeitet und wollte über seine Erfahrungen berichten.


Vor dem 7. Oktober 2023 wusste ich über Gaza und die Palästinenser im Allgemeinen sehr wenig. Die Ereignisse in den Monaten danach haben einen Wissenshunger in mir ausgelöst. Ich habe begonnen, zu recherchieren und immens viel gelernt. Irgendwann entstand das Bedürfnis, diese vielen Informationen irgendwo zu speichern. So fing ich an, mein persönliches „Palästina-Tagebuch“ zu schreiben. Einige Auszüge daraus habe ich an gute Freunde geschickt. Dabei habe ich bemerkt, dass selbst Leute, die sich eigentlich viel mit Palästina beschäftigen, vieles nicht wissen, worauf ich bei meinen Recherchen gestoßen bin. Dieser Blog ist eine Fortführung meines „Palästina-Tagebuchs“ auf technisch etwas höherem Niveau. (Ich bin als „Bloggerin“ eine blutige Anfängerin und bitte daher um Verständnis für etwaige technischer Patzer meinerseits.)


Inzwischen liegt die offizielle Todesrate in Gaza bei mehr als 45.000. Doch die wahre Opferzahl wird auf 200.000 bis 300.000 geschätzt, weil viele Tote nicht aus den Trümmern geborgen werden oder nicht mehr identifiziert werden konnten. Zudem sind in der offiziellen Zählung diejenigen nicht mitgezählt, die infolge der humanitären Lage in den Flüchtlingslagern verstorben sind.

Mir ist natürlich klar, dass dieser Blog kein einziges Menschenleben retten wird. Aber wenn ich schon sonst nichts tun kann, dann möchte ich meinen kleinen Beitrag dazu leisten, dass möglichst viele Menschen wissen, was geschieht – und dass es nicht vergessen wird.


In einem Video kommentiert ein israelischer Soldat eine Luftansicht einer brennenden Ruinenlandschaft mit den Worten: „Unsere Feinde sollen daraus lernen und abgeschreckt werden. Keine Erinnerung an sie wird zurückbleiben.“ – Daher mein Blogname: „dienichtvergisst“.



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