
Heute jährt sich zum ersten Mal der Todestag von Hind Rajab. Das damals fünfjährige Mädchen war mit Verwandten in einem Auto von Nord- nach Südgaza unterwegs – auf Anweisung des israelischen Militärs. Das Auto wurde von israelischen Panzern beschossen. Bei dem Angriff starben zunächst Hind Rajabs Tante und Onkel sowie drei ihrer vier Kinder. Hind Rajab selbst und ihre 15jährige Cousine Layan überlebten zunächst. Layan gelang es, mit ihrem Handy Kontakt zum Palästinensischen Roten Halbmond herzustellen. Während des Telefonats wurde auch sie erschossen. Hind Rajab war ab diesem Zeitpunkt allein in dem Auto mit den Leichen ihrer Verwandten. Mehrere Stunden später starb auch sie infolge ihrer Verletzungen.
Das Drama der letzten Stunden von Hind Rajab hat weltweit Entsetzen hervorgerufen. Dass der Fall so bekannt wurde, liegt wesentlich daran, dass das Kind über drei Stunden lang ununterbrochen in telefonischem Kontakt mit der Einsatzzentrale des Roten Halbmonds war. Das Telefongespräch zwischen Hind und der Zentrale wurde vollständig aufgezeichnet und ging im Internet viral. Der Mord an Hind Rajab gilt seitdem als Fanal der sadistischen Grausamkeit israelischer Soldaten in Gaza.
Hind Rajab lebte mit ihrer Familie in Tel al-Hawa, einem Viertel im Südwesten von Gaza-Stadt. Sie hatte, als ihre Welt noch in Ordnung war, das letzte Kindergartenjahr absolviert. Das Foto am Anfang dieses Beitrags zeigt sie wohl an ihrem Abschlusstag. Am Morgen des 29. Januar 2024 forderte die israelische Armee die Menschen in Tel al-Hawa auf, das Gebiet umgehend in Richtung Süden zu verlassen. Zeitgleich begann die israelische Armee mit heftigem Beschuss des Viertels. Hinds Mutter Wissam floh mit einem älteren Kind zu Fuß. Hind sollte mit ihrer Tante, ihrem Onkel und vier Cousinen und Cousins die Flucht in einem Auto antreten.
Der Kleinwagen (ein Kia) geriet unter israelischen Beschuss. Dabei starben sofort die beiden Erwachsenen (Hinds Tante und Onkel) sowie drei ihrer vier Kinder (zwischen 4 und 13 Jahre alt). Der 15jährigen Layan Hamadeh gelang es, mit Hilfe eines in Deutschland lebenden Verwandten, Kontakt zur Einsatzzentrale des Palästinensischen Roten Halbmonds (PRCS) in Ramallah aufzunehmen. Sie sagte weinend am Telefon: „Sie schießen auf uns. Der Panzer ist direkt neben mir. Wir sind im Auto, der Panzer ist direkt neben uns.“ Noch während dieses Telefonats wurde Layan Hamadeh erschossen. Auf der Audioaufnahme des Telefongesprächs hört man Maschinengewehrfeuer und die Schreie des Mädchens. Danach bricht das Gespräch ab. Layan wollte Ärztin werden.
Die Einsatzzentrale wählte den Rückruf, und Hind Rajab konnte das Gespräch annehmen, obwohl sie selbst verletzt war und aus mehreren Wunden blutete. Sie sagte, dass alle im Auto tot seien und dass sich der Panzer auf das Auto zubewege. Sie sagte: „Ich habe solche Angst, bitte kommt! Kommt und holt mich! Bitte, werdet ihr kommen?“ Mehrere Mitarbeiter/innen des Palästinensischen Roten Halbmonds, darunter eine Notfallpsychologin, hielten mehr als drei Stunden ständigen telefonischen Kontakt mit dem Kind, versuchten, es zu beruhigen und wiesen es an, auf jeden Fall im Auto zu bleiben. Es gelang auch, Kontakt zu Hinds Mutter herzustellen, die dann ebenfalls mit Hind sprechen konnte. Der Rote Halbmond nahm Kontakt zum Gesundheitsministerium in Gaza und zur israelischen Armee auf. Man wollte einen Rettungswagen zu Hind schicken. Dafür bedurfte es der Genehmigung der israelischen Armee und einer präzisen Vereinbarung über die Anfahrtsroute des Rettungswagens.
Nach Stunden lag die Genehmigung vor. Ein Rettungswagen mit zwei Sanitätern machte sich auf den Weg. Die Sanitäter waren in Kontakt mit der Zentrale. Sie waren schon fast am Ziel, als der Wagen mutmaßlich von einer Rakete getroffen wurde. Zu hören war ein lauter Knall. Dann brach der Kontakt ab.
Zu diesem Zeitpunkt war Hind noch in telefonischem Kontakt zu ihrer Mutter. Ihre Stimme wurde immer schwächer. Sie sagte, dass sie aus dem Mund blute. Dann verstummte sie.
Das weitere Schicksal Hind Rajabs und der beiden Sanitäter war zunächst nicht eruierbar. Die israelische Armee antwortete auf Nachfragen, man wisse nichts von dem Vorfall und habe keine Erkenntnisse über den Verbleib der Familie und der beiden Sanitäter. Erst zwölf Tage später, am 10. Februar 2024, nachdem sich die israelische Armee aus dem Gebiet zurückgezogen hatte, wurden die beiden Autos gefunden: das Auto mit den Leichen von Hind Rajab und ihren sechs Verwandten und – nur wenige Meter entfernt – der Rettungswagen mit den Überresten der beiden Sanitäter. Beide Fahrzeuge waren vollkommen zerstört. Das Auto mit Hind und ihrer Familie wies mehr als 300 Einschusslöcher auf. In der Nähe des zerstörten Rettungswagens fand man Reste einer Rakete US-amerikanischer Bauart.
Auf Nachfrage erklärte das israelische Militär, man habe mit dem Vorfall nichts zu tun. Israelische Truppen hätten sich zum fraglichen Zeitpunkt nicht einmal in der Nähe des Tatorts befunden. Diese Behauptung wurde jedoch mit Hilfe von Satellitenbildern widerlegt. Tatsächlich waren mehrere israelische Panzer in der Nähe.
Eingehende forensische Untersuchungen ergaben, dass die Morde mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit der israelischen Armee zuzurechnen sind. Die Analyse des Telefongesprächs mit Hinds Cousine ergab, dass das Auto innerhalb von sechs Sekunden von 64 Kugeln getroffen wurde. Nach Einschätzung von Experten ist dies nur mit einer israelischen Waffe möglich. Die Entfernung des Panzers, von dem aus geschossen wurde, wurde auf 13 bis 23 Meter geschätzt. Die Experten kamen zu dem Schluss, dass der Schütze höchstwahrscheinlich sehen konnte, dass sich in dem Fahrzeug Kinder befanden. Die israelische Armee räumte schließlich ein, dass sich Panzer in dem Gebiet befunden hatten, leugnete jedoch weiterhin, die Angriffe ausgeführt zu haben.
Im Frühjahr 2024 besetzten amerikanische Studierende Universitätsgebäude und benannten sie um in „Hind’s Hall“ und „Hind’s House“, im Gedenken an Hind Rajab. Der amerikanische Rapper Macklemore widmete seinen Song „Hind’s Hall“ den studentischen Aktivist/inn/en. Es folgte ein weiterer Song, Hind’s Hall 2„. Darauf sind mehrere palästinensische Künstler/innen zu hören, unter anderem der palästinensische Rapper MC Abdul, der palästinensisch-amerikanische Sänger Anees, der Autor und Aktivist Amer Zahr und ein palästinensischer Kinderchor.
2024 wurde auch die Hind Rajab Foundation gegründet, eine Organisation mit Sitz in Belgien, die sich die weltweite strafrechtliche Verfolgung israelischer Kriegsverbrecher zum Ziel gesetzt hat. Die Hind Rajab Foundation schreibt auf ihrer Webseite (von mir aus dem Englischen übersetzt): „Wir lassen nicht zu, dass Hinds Geschichte vergessen oder totgeschwiegen wird. Ihre Geschichte ist die aller Opfer [des Genozids in Gaza].“
Laut Angaben von UNICEF wurden in Gaza mindestens 15.000 Kinder durch Angriffe des israelischen Militärs getötet. Mindestens 19.000 Kinder wurden durch den Krieg zu Waisen. Im Jahre 2024 erlitten in Gaza durchschnittlich 15 Kinder täglich Verletzungen, die bleibende Behinderungen nach sich ziehen. Das sind insgesamt mehr als 5.400 Kinder. Fast jedes Kind in Gaza (mehr als eine Million) benötigt psychologische Betreuung.
Quellen
https://www.aljazeera.com/program/fault-lines/2024/6/21/the-night-wont-end-bidens-war-on-gaza-2 (Langfilm: Minute 30–50)
https://www.nbcnews.com/news/world/hind-rajab-gaza-girl-6-found-dead-trapped-israeli-fire-rcna138263
https://en.wikipedia.org/wiki/Killing_of_Hind_Rajab
https://de.wikipedia.org/wiki/Hind_Rajab
https://www.hindrajabfoundation.org/
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/12/live-israeli-forces-kill-dozens-in-gaza-as-negotiations-continue-in-doha (13.55, 14.00, 14.30)
https://www.theguardian.com/commentisfree/article/2024/aug/18/hind-rajab-israeli-state-atrocity
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