Bild: Rückkehr vertriebener Palästinenser/innen nach Nordgaza, 20. Januar 2025.
Das Wichtigste in Kürze
Gestern ging der 13. Tag des für Gaza vereinbarten Waffenstillstands zu Ende. Es gab inzwischen vier Gefangenenaustausch-Runden. Trotz Waffenstillstandes eröffneten israelische Soldaten im Gazastreifen immer wieder das Feuer auf Zivilist/inn/en. Mehr als 20 Menschen starben dabei, Dutzende wurden verletzt. Von seiten der Hamas und der anderen Kampfverbände wurde bisher kein Schusswaffengebrauch oder andere Gewalt gemeldet.
Mehr als 600.000 Menschen sind inzwischen nach Nordgaza zurückgekehrt. Sie erkennen ihre Heimatorte nicht wieder. Weite Teile des Gebiets sind dem Erdboden gleichgemacht. Es ist sehr schwierig, hier zu überleben, weil die Infrastruktur völlig zerstört ist. Es gibt keine Wasserversorgung, kein Abwassersystem, die Hilfslieferungen reichen nicht für so viele Menschen, und die meisten müssen auf engem Raum in Zelten leben. Starke Regenfälle und tiefe Temperaturen setzen den Menschen zusätzlich zu. Einige sind daher schon wieder nach Zentralgaza zurückgekehrt, wo die Situation etwas besser ist. Laut UNRWA sind seit Beginn des Waffenstillstands in Gaza mindestens sieben Kinder an Unterkühlung gestorben.
Sowohl in Israel als auch in Gaza und dem Westjordanland wird die Freilassung der jeweils eigenen Gefangenen öffentlich gefeiert. Israel hat jedoch seit Beginn des Waffenstillstands für die Palästinenser/innen den „Ausdruck von Freude“ und die „Identifikation mit der Hamas“ unter Strafe gestellt. Dieses Verbot wird freilich nicht eingehalten. Die israelische Armee reagiert mit Waffengewalt und Verhaftungen.
Quellen:
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/23/live-israeli-raid-forces-palestinians-to-flee-jenin-as-aid-flows-to-gaza (08.45, 09.10, 13.30, 15.00)
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/24/live-israel-warns-of-more-army-operations-in-west-bank-gaza-truce-holds (12.15, 16.30, 18.45)
Chronik der Ereignisse von 23. Januar bis 1. Februar
23. Januar:
In der Nähe von Rafah in Südgaza werden mindestens zwei Palästinenser durch Panzerfeuer getötet.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/23/live-israeli-raid-forces-palestinians-to-flee-jenin-as-aid-flows-to-gaza (08.00, 10.40, 12.25)
24. Januar:
Angehörige von israelischen Geiseln blockieren eine Straße in Tel Aviv, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, dass die Waffenstillstandsvereinbarung vollständig eingehalten und der Krieg beendet wird.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/24/live-israel-warns-of-more-army-operations-in-west-bank-gaza-truce-holds (15.45, 16.45)
25. Januar:
In Gaza werden mindestens drei Menschen durch israelischen Beschuss verletzt. Der Angriff ereignet sich auf der Salah-al-Din-Straße (das ist die Nord-Südverbindung Gazas). Das ist eine der wenigen Straßen, die für Geflüchtete, die in den Norden zurückwollen, freigegeben ist. Außerdem schießen die Israelis auf mehrere palästinensische Häuser im Maghazi-Flüchtlingslager in Zentralgaza.
Dennoch kommt es, wie vereinbart, zur zweiten Runde des Geiselaustauschs: Vier israelische Soldatinnen gegen 200 Palästinenser/innen, teils aus Gaza, teils aus dem Westjordanland. 70 von ihnen wurden unmittelbar nach ihrer Freilassung nach Ägypten deportiert.
Gemäß dem Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und der Hamas soll sich die israelische Armee heute, nach der vereinbarten Freilassung von vier israelischen Geiseln, aus dem sog. „Netzarim-Korridor“ zurückziehen. Der Netzarim-Korridor ist eine Sperre der israelischen Armee, die den Norden vom Süden Gazas trennt. Zu Beginn des Krieges sind auf Befehl der israelischen Armee Hunderttausende aus dem Norden in den Süden geflüchtet. Nun wollen sie zurück und warten darauf, dass die israelische Armee den Durchgang freimacht. Sie können es kaum erwarten zurückzukehren. Der von der Hamas geführte Zivilschutz in Gaza hat sich zwischen den Wartenden und der israelischen Armee positioniert, damit sich niemand unerlaubt den Soldaten nähert.
Dann der Schockmoment: Israel weigert sich, sich zurückzuziehen. Die Menschen können vorerst nicht nach Norden gelangen. In einem Video sieht man die wartenden Menschen, eine dicht gedrängte Menge. Es ist nicht erkennbar, dass jemand Anstalten macht, die Sperre des Zivilschutzes zu durchbrechen und sich dem israelischen Militär zu nähern. Es ist unklar, inwieweit die Menschen über die angekündigte Verzögerung überhaupt informiert sind. Plötzlich sind Schüsse zu hören. Menschen ducken sich weg, laufen davon. Offenbar haben israelische Soldaten in die Menge geschossen.
Es stellt sich heraus: Israel wirft der Hamas vor, einen Punkt der Vereinbarung nicht eingehalten zu haben. Vereinbart war nämlich, dass zunächst alle Zivilist/inn/en freigelassen werden, und dann erst Soldat/inne/en. Die vier heute freigelassenen Frauen sind Soldatinnen. Israel behauptet, es wäre noch eine Zivilistin in der Gewalt der Hamas, nämlich eine Frau namens Arbel Yehud. Israel sagt zu, sich von dem Netzarim-Korridor zurückzuziehen, sobald Arbel Yehud frei ist.
Später stellt sich heraus: Arbel Yehud war nie in der Gewalt der Hamas. Sie war vielmehr eine Geisel des Palästinensischen Islamischen Dschihad (PID). Der PID ist der Meinung, dass Arbel Yehud eine Soldatin ist. Der PID sagt ihre Freilassung in den kommenden Tagen zu. Ein Sprecher des PID sagt, man wolle Israel keinen Vorwand für einen Abbruch des Waffenstillstands liefern.
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Im Westjordanland stürmen israelische Soldaten die Häuser von zwei freigelassenen palästinensischen Gefangenen, wenige Stunden nach deren Freilassung. In dem Haus hatten sich offenbar Menschen versammelt, um zu feiern. Die Soldaten eröffnen das Feuer. Zwei Menschen werden verletzt. Ein Bruder eines der Freigelassenen wird verhaftet.
Quellen:
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/25/live-israel-hamas-exchange-of-gaza-captives-for-jailed-palestinians-due (07.55, 08.15, 15.30, 08.45, 08.50, 08.55, 09.00, 09.10, 09.23, 11.02, 11.20, 11.50, 13.00, 13.30, 14.10, 14.20, 16.00, 16.10, 16.30, 17.10, 17.20, 17.30, 17.40, 17.50)
‘Removing Pretexts’ – Islamic Jihad Agrees to Release Yehud in Exchange for 30 Prisoners
26. Januar:
Die israelische Armee hat durch ihr Feuer auf die am Netzarim-Korridor wartenden Menschen zwei Palästinenser getötet und neun verletzt, darunter ein Kind.
In den vergangenen 72 Stunden starben in Gaza 23 Menschen in Krankenhäusern. 11 Menschen wurden verletzt.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/26/live-toddler-among-three-killed-by-israeli-fire-in-west-bank-gaza (13.20, 14.10)
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27. Januar:
Israel hat nun endlich den Netzarim-Korridor geöffnet. Die Menschen strömen in Massen zurück nach Nordgaza. Viele bekunden ihre Entschlossenheit, nie wieder fortzugehen, auch wenn der Krieg wieder ausbrechen sollte. Sie haben die vergangenen drei Tage auf der Straße verbracht, gewartet, dass die Israelis die Erlaubnis für ihre Rückkehr nach Nordgaza geben. Sie hatten nichts zu essen, kaum Wasser, keine Decken, keine Toiletten. Sie sind erschöpft, aber dennoch glücklich.
Fotos zeigen die Menschen auf dem Weg nach Norden: zu Fuß, mit dem Fahrrad, auf Rollstühlen, mit Eselskarren oder mit dem Auto. Ein Video zeigt eine lange Menschenkolonne auf einem Damm.
Es ist sehr berührend, die Freude der Menschen über ihre Rückkehr und das Wiedersehen mit Verwandten und Freunden zu sehen – obwohl die Stadt fast komplett zerstört ist.
Für die Palästinenser/innen hat diese Rückkehr auch eine große symbolische Bedeutung: Es ist das erste Mal seit 1948, dass vertriebene Palästinenser/innen zurückkehren konnten.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/27/live-israel-set-to-let-palestinians-return-to-north-gaza (07.00, 07.10, 08.50, 09.40, 10.00, 10.20, 10.50, 12.10, 13.20, 13.30, 14.30, 15.20)
28. Januar:
Die Menschen strömen zu Hunderttausenden in den Norden: Kinder, Junge, Alte. Die meisten gehen zu Fuß. Mindestens zwei Menschen sterben unterwegs an Erschöpfung und Dehydrierung. Sie haben kaum Wasser und Essen dabei. Manche tragen schweres Gepäck, Kleinkinder und manche sogar Haustiere. Das Gehen auf der zerstörten Straße ist anstrengend.
Diejenigen, die mit dem Auto kommen, werden am Netzarim-Korridor einer genauen Kontrolle unterzogen. Zwar hat sich das israelische Millitär von dort zurückgezogen, doch werden die Kontrollen nun von ausländischen Sicherheitskräften durchgeführt, derzeit offenbar vor allem von Ägyptern. Für die Zukunft ist der Einsatz von amerikanischen Staatsbürgern geplant. Sie sollen von einer privaten Sicherheitsfirma angestellt werden, sind jedoch amerikanische Kriegsveteranen.
Vor dem Kontrollpunkt stehen Tausende Fahrzeuge in der Schlange. Die Menschen haben kein Wasser und nichts zu essen. Die Kontrollen gehen sehr langsam voran. Es wird Tage dauern. Die Menschen sind vollkommen erschöpft.
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Mehrere israelische Angriffe in Zentralgaza, trotz Waffenstillstands. Ein Mann wird getötet, als israelische Soldaten einen Bulldozer bombardieren, der ein eingeklemmtes Auto befreien will. Zwei Personen (darunter ein 5jähriges Mädchen) sterben bei einem israelischen Angriff auf einen Pferdewagen in der Nähe von Nuseirat in Zentralgaza. In Tal as-Sultan, westlich von Rafah, im Süden Gazas, wird ein Krankenwagen des Roten Halbmonds von israelischen Scharfschützen beschossen.
In den letzten 48 Stunden starben in Gaza 11 Menschen durch israelische Angriffe. Mindestens 80 Verwundete wurden in die Spitäler gebracht.
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Ein freigelassener Palästinenser wird auf dem Weg in ein Krankenhaus im Westjordanland verhaftet, wo er medizinische Behandlung bekommen sollte. Ein weiterer Häftling wird zum Verhör einbestellt. Die Palestinian Prisoner’s Society befürchtet, dass die freigelassenen Häftlinge bald erneut inhaftiert werden könnten. Nach israelischem Recht ist das nämlich möglich – sogar im Fall eines Gefangenenaustauschs.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/28/live-more-than-300000-palestinians-return-to-devastated-northern-gaza (07.00, 09.20, 10.00, 11.35, 11.40, 11.55, 13.40, 13.55, 14.25)
29. Januar:
In den letzten 24 Stunden sind zwei Palästinenser/innen in Gaza von der israelischen Armee getötet worden, zwei weitere sind ihren Verletzungen erlegen.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/29/live-more-than-370000-palestinians-return-to-north-gaza-unrwa-ban-looms (08.30, 12.00, 12.28)
30. Januar:
Dritte Runde des Geiselaustauschs: In Gaza werden zwei israelische Männer, eine israelische Frau (die inzwischen berühmte Arbel Yehud) und 5 Personen aus Thailand freigelassen. Danach beginnt die Freilassung von 110 Palästinenser/innen aus iraelischer Haft. 30 von diesen sind Minderjährige.
Soldaten schießen sowohl mit Gummigeschoßen als auch mit scharfer Munition auf eine Menschenmenge, die sich in der Nähe des Ofer-Gefängnisses versammelt hat, um die freigelassenen Palästinenser/innen zu begrüßen. Auch Tränengas kommt zum Einsatz. 12 Menschen werden verletzt.
In Ostjerusalem werden 12 Palästinenser verhaftet, weil sie die Freilassung von palästinensischen Geiseln im Zuge der Waffenstillstandsvereinbarung gefeiert haben.
Quellen:
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/29/live-more-than-370000-palestinians-return-to-north-gaza-unrwa-ban-looms (11.00, 15.30)
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/30/live-israel-hamas-to-exchange-captives-as-north-gaza-waits-for-aid (13.25, 15.30, 14.00, 15.50, 16.30, 16.40)
31. Januar:
Von einem israelischen Militärboot aus wird ein palästinensischer Fischer vor der Küste von Gaza erschossen.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/31/live-israels-release-of-110-palestinians-celebrated-in-gaza-west-bank (13.00)
1. Februar:
Vierte Runde des Gefangenenaustauschs: Drei israelische Geiseln werden heute freigelassen. Im Gegenzug können 183 Palästinenser/innen israelische Gefängnisse verlassen. Davon hatten 18 ebenslange Haftstrafen, 54 lange Haftstrafen und 111 wurden seit dem 7. Oktober 2023 in Gaza verhaftet.
Die Palestinian Prisoner’s Society berichtet: Die Körper der freigelassenen Häftlinge weisen Spuren von Hunger, Infektionen und schweren Misshandlungen auf. Die Häftlinge seien tagelang hart geschlagen worden; es gab Rippenbrüche. Die NGO berichtet, dass seit dem 7. Oktober 2023 Folterungen in israelischen Gefängnissen massiv zugenommen haben.
Seit 1967 sind mehr als eine Million Palästinenser/innen aus den besetzten Gebieten in israelischen Gefängnissen inhaftiert gewesen. So gut wie jede Familie hat einen Angehörigen, der schon einmal im Gefängnis war oder noch ist. Darum empfinden Palästinenser/innen eine tiefe Solidarität mit Häftlingen und freuen sich über jede Freilassung. Das sagt der Politikwissenschaftler Xavier Abu Eid. Er sagt auch (meine Übersetzung aus dem Englischen): „Diese Menschen hatten niemals ein faires Gerichtsverfahren, und jetzt sprechen wir über Folter und sogar Vergewaltigung in israelischen Gefängnissen.“
Zahlreiche Palästinenser sind in israelischer Haft gestorben. Bekannt wurden jüngst zwei Fälle: Muhammad Sharif al-Asali (35) wurde im März 2024 im al-Shifa-Spital verhaftet und starb im Mai 2024 im Gefängnis. Ibrahim Adnan Ashour (25) wurde im Februar 2024 im Nasser-Krankenhaus verhaftet und starb im Juni 2024 im Gefängnis.
Keiner der beiden Männer litt unter chronischen Krankheiten. Die israelischen Behörden geben keine Auskünfte über die Umstände des Todes der beiden, und sie geben die Leichen nicht heraus.
Damit steigt die Anzahl jener Palästinenser, die seit Oktober 2023 in israelischer Haft verstorben sind, auf 58.
Quellen:
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/2/1/live-israel-hamas-to-exchange-3-captives-in-gaza-for-183-palestinians (11.25, 11.50, 11.53, 11.57, 12.03, 12.40)
Update zu Dr. Hussam Abu Safiyah
Der Leiter des Kama-Adwan-Krankenhauses wurde am 27. September von der israelischen Armee festgenommen und ist derzeit im Ofer-Gefängnis im Westjordanland inhaftiert (siehe u. a. den Blog-Beitrag vom 18. Januar). Er befindet sich also nun seit fast fünf Wochen in Haft. Er wurde mutmaßlich gefoltert. Sein Rechtsbeistand erhielt bisher – entgegen früherer Ankündigungen der israelischen Behörden – keine Besuchserlaubnis. Die von den Behörden verhängte Besuchssperre ist schon mehrfach verlängert worden. Nun soll sie mindestens bis 6. Februar gelten.
Quelle: https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/1/23/live-israeli-raid-forces-palestinians-to-flee-jenin-as-aid-flows-to-gaza (00.15)
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