Seit dem 18. März (als Israel seine zweimonatige Bombardierungspause beendete) sterben in Gaza täglich Dutzende Menschen bei israelischen Angriffen, mehrheitlich Frauen, Kinder und alte Menschen. Doch der 3. April war selbst in diesem Kontext ein besonders blutiger Tag in Gaza.
An diesem Tag kamen mindestens 113 Menschen bei Angriffen ums Leben. Ein Schwerpunkt der Angriffe war Gaza City. Die israelische Armee hatte für die östlichen Viertel der Stadt Evakuierungsbefehle ausgegeben. Viele Menschen flohen daher in Todesangst in die ebenfalls schwer zerbombten westlichen Bezirke. Diese wurden von der israelischen Armee zu sogenannten „safe zones“ („sicheren Zonen“) erklärt. Jedes noch halbwegs intakte Gebäude dient dort nun als provisorische Unterkunft für Dutzende bis Hunderte Menschen. Hunderte geflüchtete Menschen hatten ihr Lager in der Dar-al-Arqan-Schule in Gaza-Stadt aufgeschlagen. Viele waren erst wenige Tage zuvor dort untergekommen. Vergangenen Donnerstag, am 3. April, wurde diese Schule von der israelischen Armee bombardiert.
Abends, gegen halbneun, rief ich, wie fast jeden Abend, die Nahostnachrichten-Seite von Al Jazeera International auf und gelangte in eine Live-Schaltung mit dem Journalisten Hani Mahmoud, der sich in unmittelbarer Nähe der zerbombten Schule befand und von dem Angriff und seinen verheerenden Folgen berichtete. Mahmoud, obwohl an Gazas Kriegsgräuel gewöhnt, war noch sichtlich geschockt von dem, was er gesehen hatte.
Mahmoud sagte, es gebe Videoaufnahmen von unmittelbar nach dem Angriff, die aber nicht veröffentlicht werden, weil sie zu schwer zu ertragen seien. Von einem Teil der Opfer sind keine identifizierbaren Leichen erhalten. Sie wurden buchstäblich zerfetzt. Verletzte starben zum Teil noch auf dem Weg ins Krankenhaus oder schon auf dem Transport zum Krankenwagen, weil sie verbluteten oder ihre starken Verbrennungen nicht überlebten.
Neben der Dar-al-Arqan-Schule wurden noch zwei weitere Schulen in Gaza-Stadt bombardiert. Auch diese dienten als Notunterkünfte für Geflüchtete. Mindestens eine der Schulen wurde mehrfach angegriffen. Während die Rettungskräfte noch dabei waren, Überlebenden des ersten Angriffs zu helfen, erfolgte schon der zweite Angriff.
Die Angriffe erfolgten ohne Vorwarnung.
Mehr als die Hälfte der Opfer sind Kinder, Frauen und alte Menschen.
In den Krankenhäusern gibt es keine Schmerzmittel mehr.
Auch im Süden, in al-Malwasi, wurde erneut bombardiert. Auch al-Malwasi wurde von der israelischen Armee als „sichere Zone“ ausgewiesen.
Die Vorgangsweise der israelischen Armee lässt ein klares Muster erkennen: Die Menschen werden in immer kleinere Gebiete zusammengetrieben und dort gezielt getötet.
Hani Mahmoud schreibt in einem Kommentar: „Wenn wir über die von den Israelis ausgewiesenen ,sicheren Zonen‘ sprechen, dann sprechen wir in Wahrheit über Todesfallen.“
Das war auch 2024 schon so. Neu ist seit dem 18. März nur die Erhöhung der Schlagzahl des Tötens. In Wirklichkeit gab es in Gaza seit Beginn dieses Krieges im Oktober 2023 für die Einwohner/innen nirgendwo eine sichere Zone: nicht in ihren Wohnvierteln, nicht bei der Arbeit, nicht am Strand, nicht auf dem Meer, nicht in Kirchen und Moscheen, nicht in Krankenhäusern, nicht an Ausgabestellen für Nahrungsmittel, nicht in einem Krankenwagen, nicht in Schulen und Universitäten, nicht auf der Straße, auch nicht auf den von der israelischen Armee ausgewiesenen „sicheren Fluchtrouten“ – und schon gar nicht im Gewahrsam israelischer Soldaten. In Wahrheit ist ganz Gaza in diesem Krieg zu einer einzigen Todeszone geworden.
Die israelische Armee behauptete, die Dar-al-Arqan-Schule sei ein „Kontrollzentrum“ der Hamas gewesen, und man habe „Vorsichtsmaßnahmen“ getroffen, um Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden. Zumindest Letzteres ist eine offenkundige Lüge. Erstens gab es keine Warnung. Zweitens wurden Waffen eingesetzt, die maximale Zerstörung anrichten und viele Menschen auf einen Schlag töten können. Zwischen Zivilisten und Kombattanten unterscheiden können sie jedoch nicht. Dass der Gebäudekomplex zahlreichen Geflüchteten als Unterkunft diente, wusste die israelische Armee mit Sicherheit.
Dabei verfügt die israelische Armee durchaus über Waffen, die sehr zielgerichtet eingesetzt werden können – und das, ohne das Leben der eigenen Soldaten und Soldatinnen zu gefährden. Drohnen können mit Kameras, Lautsprechern, Bomben und Schusswaffen bestückt sein (und auch mit mehreren dieser Dinge zugleich). Sie können problemlos in Häuser eindringen und jedes einzelne potentielle Ziel mit der Kamera erfassen. Sie können anvisierte Ziele auch verfolgen.
Falls es also in der Dar-al-Arqan-Schule tatsächlich irgendeinen Hamas-Stützpunkt gegeben hätte, oder sich dort hochrangige Hamas-Führer aufgehalten hätten (wofür bis jetzt meines Wissens keine Beweise vorgelegt wurden), so wäre es der israelischen Armee wohl möglich gewesen, diese ganz gezielt anzugreifen. Die gewählte Vorgangsweise lässt darauf schließen, dass Zivilpersonen, namentlich Frauen und Kinder, in diesem Krieg keine „Kollateralschäden“, sondern bewusst ausgewählte Ziele sind. Das humanitäre Völkerrecht verbietet es, Zivilisten zum Ziel von Angriffen zu machen.
Das deutsche Verteidigungsministerium liefert auf seiner Webseite nützliche Erläuterungen zum humanitären Völkerrecht. Dort heißt es unter anderem:
„Zivilpersonen und die Zivilbevölkerung genießen im internationalen bewaffneten Konflikt den allgemeinen Schutz vor den von Kriegshandlungen ausgehenden Gefahren. Sie dürfen nicht das Ziel militärischer Angriffe sein. Im Zweifel gilt eine Person als Zivilperson. Die Zivilbevölkerung bleibt auch dann Zivilbevölkerung, wenn sich unter ihr einzelne Personen befinden, die nicht Zivilpersonen sind. Die Androhung oder Anwendung von Gewalt mit dem hauptsächlichen Ziel, Schrecken unter der Zivilbevölkerung zu verbreiten, sind verboten.“
„Angriffe im bewaffneten Konflikt sind streng auf militärische Ziele zu beschränken. Soweit es sich um Objekte handelt, gelten nach einer allgemein anerkannten Definition als militärische Ziele nur solche Objekte, die aufgrund ihrer Beschaffenheit, ihres Standortes, ihrer Zweckbestimmung oder ihrer Verwendung wirksam zu militärischen Handlungen beitragen und deren gänzliche oder teilweise Zerstörung, deren Inbesitznahme oder Neutralisierung unter den in dem betreffenden Zeitpunkt gegebenen Umständen einen eindeutigen militärischen Vorteil darstellt.“
In einer Stellungnahme der Hamas zu dem Angriff auf die Dar-al-Arqan-Schule heißt es unter anderem: „Die Unfähigkeit der internationalen Gemeinschaft, die Massaker zu stoppen, spiegelt den moralischen und humanitären Zusammenbruch ihres Systems wider.“ Das ist eine vernichtende Diagnose. Aber ich weiß nicht, was ich dem entgegenhalten könnte.
Bemerkenswert ist auch der letzte Satz der Stellungnahme, in dem ausdrücklich „arabische und islamische Länder“ aufgefordert werden, die Gräueltaten Israels zu beenden. In den vergangenen Monaten hatte sich die Hamas in ihren Appellen um Hilfe wieder und wieder an die internationale Gemeinschaft als Ganzes gewandt. Offenbar ist die Hamas zu der Überzeugung gelangt, dass es keinen Sinn mehr hat, an unsere Menschlichkeit und/oder unser Rechtsverständnis zu appellieren.
Andere jedoch haben das Appellieren an die internationale Gemeinschaft noch nicht aufgegeben. Ein Sprecher des Notfallrettungsdienstes von Gaza sagte gegenüber Al Jazeera Folgendes:
„Das ist nicht nur ein Blutbad, das ist Israels Wahnsinn. Es ist wahnsinnig, ein Massaker an Kindern und Frauen zu verüben, die in einer Notunterkunft leben […]. Was hier geschieht, ist ein Weckruf an die ganze Welt. Dieser Krieg und dieses Niedermetzeln von Frauen und Kindern muss sofort aufhören. Hier in Gaza werden Kinder kaltblütig ermordet.“
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Nicht alle Bewohner der östlichen Stadtviertel von Gaza-Stadt haben dem Evakuierungsbefehl der israelischen Armee Folge geleistet. Manche wollen nicht gehen (und mit jedem Angriff auf eine Flüchtlingsunterkunft in einer sogenannten „sicheren Zone“ gewinnt diese Entscheidung an Rationaliltät). Andere können nicht gehen, weil sie zu alt, zu krank, zu schwach sind. Wieder andere gehen nicht, weil sie Angst davor haben, auf der Flucht getötet zu werden. Dutzende Familien haben Notrufe abgesetzt, mit der Bitte um Evakuierung. Eine Person sagte gegenüber einem Journalisten: „Wir haben Angst, unsere Häuser und Zelte zu verlassen, wegen des intensiven Beschusses, und weil die israelische Armee unterschiedslos auf alles schießt. Die meisten Zelte wurden durch Artilleriefeuer auseinandergerissen. Israelische Drohnen nähern sich uns, machen angsterregende Geräusche und eröffnen plötzlich das Feuer.“
Quellen:
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/4/3/live-israel-kills-almost-80-palestinians-in-gaza-attacks-bombs-un-clinic (16.05, 16.15, 17.55, 19.05)
https://www.bmvg.de/de/themen/friedenssicherung/humanitaeres-voelkerrecht
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Neues zur Tragödie jener 15 Rettungskräfte, die am 23. April in Rafah von israelischen Soldaten ermordet wurden
Es ist ein Video aufgetaucht. Der Sanitäter Rifat Radwan, der selbst eines der Opfer wurde, hat es in den Minuten vor seinem Tod mit seinem Handy aufgenommen: Es zeigt, dass die Rettungswagen die Signallichter eingeschaltet hatten (im Gegensatz zu Behauptungen der israelischen Armee). Es ist inzwischen auch erwiesen, dass einige der Männer in ihren Autos erschossen wurden. Sie wurden dann aus den Autos gezerrt und mit den anderen in einem Massengrab verscharrt. Die Leiche eines Mannes wies mehr als 20 Schüsse auf. Andere waren gefesselt worden.
Auf dem Video, das vom Inneren eines Autos aufgenommen wurde, sieht man, dass die Wagen stehenbleiben und einige Männer aussteigen, um zu einem Auto zu gehen, das am Straßenrand steht. Dann beginnen Schüsse zu fallen. Offenbar wird der Mann, der das Video aufgenommen hat, getroffen. Das Kamerabild wird dunkel. Man hört den Mann beten, und man hört weiterhin Schüsse. Dann erstirbt die Stimme des Mannes.
Außerdem wurden inzwischen Aussagen eines Zeugen bekannt. Der Zeuge, Munther Abed, ist ebenfalls Mitarbeiter des Roten Halbmondes und hat das Massaker vom 23. März in Rafah möglicherweise als einziger überlebt. Er wurde von israelischen Soldaten festgenommen und verhört. Was mit seinen Kollegen geschehen war, wusste er zu dieser Zeit noch nicht. Er sah einen anderen Kollegen, der auch festgenommen worden war. Dieser Mann wird noch immer vermisst.
Abed berichtete unter anderem:
„Ich sah Fahrzeuge des zivilen Rettungsdienstes und des Roten Halbmonds.“ Die Türen waren offen, und es war Blut auf den Fahrzeugen. Ein Bulldozer hatte vier Löcher in den Sand gegraben. Dann wurden die Fahrzeuge zusammengedrückt und dort begraben. „Zu dieser Zeit hatte ich keinen Hinweis auf das Schicksal meiner Kollegen.“
Abed war ca. 15 Stunden im Gewahrsam der israelischen Soldaten. Danach wurde er freigelassen. Während des Verhörs wurde er geschlagen. „Sie fragten mich, wo ich am 7. Oktober gewesen sei. Sie sagten, Palästinenser seien Terroristen, und dass wir alle Terroristen seien.“
Quellen:
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/4/5/live-israeli-attacks-kill-injure-100-children-each-day-in-gaza-un (13.55, 17.15)
Update zu Dr. Hussam Abu Safiyah
Über Dr. Hussam Abu Safiyah habe ich in diesem Blog mehrfach berichtet (unter anderem am 27. Februar und am 13. März). Der ehemalige Direktor der Kamal-Adwan-Klinik befindet sich seit Anfang Januar in israelischer Haft. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass seine Haft um weitere 6 Monate verlängert wurde – ohne Anklage, ohne Beweise, ohne Gerichtsverfahren.
Quelle:
Kinderkrankenhaus wiedereröffnet
Ich möchte nicht nur grauenvolle Nachrichten teilen, sondern auch gute. Leider sind sie gegenwärtig rar. Aber eine habe ich doch gefunden: Im Norden Gazas konnte ein Kinderkrankenhaus wiedereröffnet werden, das im Krieg beschädigt worden war und geschlossen werden musste. Es wurde während der Bombenpause renoviert. Ermöglicht haben das nicht näher genannte Spender und „lokale Wohltäter“. Die Eltern der jungen Patienten sind dankbar. Aber das Krankenhaus arbeitet unter schwierigsten Bedingungen, weil Medikamente knapp sind und auch manches an Ausstattung fehlt.
Quellen:
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