Heute um 12 Uhr Ortszeit (10.00 Mitteleuropäischer Zeit) erklärte die israelische Armee (IDF), dass der vereinbarte Waffenstillstand jetzt in Kraft sei. Die IDF hat sich bis zur vereinbarten Linie zurückgezogen.

Bild: Israel Armee hält in Phase 1 der Vereinbarung noch mehr als die Hälfte des Gazastreifens besetzt und kontrolliert alle Grenzübergänge, einschließlich des Grenzübergangs nach Ägypten. [Al Jazeera] https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/10/10/live-hamas-gets-guarantees-of-end-to-gaza-war-israel-approves-ceasefire (02.45)
Laut Abkommen sollen nun ohne weiteren Verzug die Grenzen für Hilfslieferungen nach Gaza geöffnet werden.
Die Hamas hat 72 Stunden Zeit (also bis 10 Uhr unserer Zeit am Montag), die noch lebenden israelischen Gefangenen freizulassen. Im selben Zeitraum sollen rund 1.700 palästinensische Gefangene freigelassen werden.
Die israelische Regierung stimmte gestern der Phase 1 des Abkommens zu. Dieses sieht genau das vor, was in den ersten 72 Stunden passieren soll: Waffenstillstand, Teilrückzug, Öffnung der Grenzen für humanitäre Hilfe (600 LKWs pro Tag) und Gefangenenaustausch. Alles Weitere ist noch in Schwebe.
Der Waffenstillstand ist unbefristet. Dennoch kann man nicht davon ausgehen, dass Israel sich aus freien Stücken daran halten wird. Israel hat im Lauf seiner Geschichte Waffenstillstandsabkommen immer wieder gebrochen, das erste Mal schon wenige Wochen nach seiner Gründung, im Jahr 1948. Zwei Mal kam es während des ersten israelisch-arabischen Krieges (1948–49) zu einem Waffenstillstand. Den ersten nutzte die israelische Armee, um bereits eroberte palästinensische Dörfer dem Erdboden gleich zu machen. Über den zweiten schreibt der israelische Historiker Ilan Pappe: „Sobald die zweite Waffenruhe in Kraft trat, wurde sie gebrochen.“ Während dieser zweiten „Waffenruhe“ wurden die Besetzungen palästinensischer Dörfer und die Vertreibung von deren Bewohnern fortgesetzt.
Die „Tradition“ der von Israel gebrochenen Vereinbarungen setzt sich bis in die Gegenwart fort: Auf Druck der USA trat im Gaza-Krieg Mitte Januar 2025 eine Waffenstillstandsvereinbarung in Kraft. Israel hatte diese zu keinem Zeitpunkt vollumfänglich eingehalten, bevor dann Mitte März der Krieg mit voller Wucht weiterging, obwohl sich die Hamas an die Vereinbarung gehalten hatte.
Nahezu täglich wird der seit November 2024 geltende Waffenstillstand mit dem Libanon gebrochen. Die libanesische Armee berichtete Mitte September von 4.500 israelischen Angriffen seit November 2024.
Im April 2024 marschierte die israelische Armee in Syrien ein – und brach damit ein seit 1974 bestehendes Abkommen. Im Juli 2025 wurde erneut eine Waffenruhe zwischen Israel und Syrien vereinbart. Auch diese wurde von Israel wiederholt gebrochen.
Wenn es dieses Mal anders sein soll, wird es erheblichen Druck von außen brauchen; und es ist sehr zweifelhaft, ob dieser Druck auf Dauer von Donald Trump kommen wird. (Wie soeben bekannt geworden ist, wird Trump den diesjährigen Friedensnobelpreis nicht bekommen. Dieser geht an die Venezulanerin Maria Corina Machado.)
Die Menschen in Gaza schwanken zwischen Hoffnung und Furcht. In den vergangenen beiden Tagen gab es in Teilen Gazas noch israelische Angriffe, in manchen Teilen war es – zumindest vorübergehend – ruhig.
In den 24 Stunden vor dem Inkrafttreten des Waffenstillstands starben mindestens 17 PalästinenserInnen durch israelische Angriffe, mehr als 70 wurden verletzt.
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Zwei Jahre Genozid
Der neue Waffenstillstand kommt wenige Tage nach dem zweiten Jahrestag des genozidalen Krieges in Gaza. Eine (unvollständige) Bilanz:
- Mehr als 67.000 namentlich registrierte PalästinenserInnen, davon mindestens 20.000 Kinder, starben durch israelische Angriffe. Es gibt mit Sicherheit eine hohe Dunkelziffer, weil zahlreiche Opfer nicht geborgen und identifiziert werden konnten.
- Fast 170.000 PalästinenserInnen wurden verwundet.
- Ca. 80 Prozent der Gebäude in Gaza sind zerstört oder beschädigt.
- Mehr als 790 Angriffe auf Gesundheitspersonal und medizinische Einrichtungen in Gaza wurden gezählt.
- Mehr als 98 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen in Gaza wurden entweder unbrauchbar gemacht oder sind nicht mehr zugänglich.
- 90 Prozent der Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsinfrastruktur in Gaza sind beschädigt oder zerstört.
- 90 Prozent der UNRWA-Schulen sind zerstört oder beschädigt. 660.000 Kinder erhalten nun das dritte Jahr in Folge keinen Schulunterricht.
- Mehrere Hundert Menschen sind an den Folgen von Hunger gestorben. Ca. 500.000 Menschen sind vom Hungertod bedroht.
- Fast alle Einwohner Gazas wurden mehrfach vertrieben. Viele verloren dabei ihre gesamte Habe.
- Gaza hält den Weltrekord an Kindern mit amputierten Gliedmaßen im Verhältnis zur Einwohnerzahl.
- Mehr als 250 JournalistInnen wurden von der israelischen Armee in Gaza getötet. Damit starben im Gaza-Krieg mehr JournalistInnen, als in beiden Weltkriegen, Vietnam, Jugoslawien und Afghanistan zusammen.
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Westjordanland
Selbstverständlich dominiert nun Gaza die Schlagzeilen. Doch das Westjordanland darf nicht aus dem Blick geraten. Hier sind einige Meldungen aus diesem Teil Palästinas, die mich in den vergangenen Tagen erreicht haben:
- Israelische Soldaten stürmten die Ortschaft Burin, südlich von Nablus. Es kam zu Zusammenstößen zwischen israelischen Soldaten und palästinensischen Jugendlichen. Die israelischen Soldaten setzten scharfe Munition ein.
- Bewaffnete israelische Siedler stürmten unter dem Schutz israelischer Soldaten die Altstadt von Hebron. Palästinensische Einwohner wurden daran gehindert, nach Hause zu gehen, Geschäfte wurden geschlossen, eine Moschee wurde entweiht, eine palästinensische Schule wurde von Juden besetzt.
- Israelische Siedler stürmten die palästinensische Ortschaft Atara, nordwestlich von Ramallah. Sie drangen in ein Wohnhaus am Ortsrand ein, zerbrachen die Fensterscheiben, demolierten das Mobiliar und attackierten eine Frau und ihr Kind, die sich im Haus befanden, mit körperlicher Gewalt.
- Israelische Soldaten drangen in den Ort Bziq nördlich von Tubas ein. Der Direktor der Schule wurde darüber informiert, dass ab sofort in dieser Schule kein Unterricht mehr stattfinden darf.
- In dem Dorf Khirbet Ibziq (nordöstlich von Tubas) drangen israelische Siedler und Soldaten während des Unterrichts in die örtliche Schule ein.
- In der Nähe von Ramallah entwurzelten israelische Siedler 120 Olivenbäume. Friedensaktivisten wurden attackiert.
- In einem Dorf in Masafer Yatta schossen Siedler mit scharfer Munition auf die Einwohner. Ein Mann wurde verletzt. Die Siedler agierten unter dem Schutz israelischer Soldaten. Palästinensische Rettungskräfte wurden an der Zufahrt zu den Opfern gehindert.
Dies sind, wie gesagt, Meldungen aus den vergangenen Tagen – und das ist mit Sicherheit lange nicht alles, was geschehen ist.
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Was mir Hoffnung gibt
In meinem letzten Blog-Beitrag habe ich geschrieben, dass ich keine großen Hoffnungen in den neuen Trump-Plan setze. Das hat sich auch mit dem neuen Waffenstillstand nicht geändert. Was mir Hoffnung gibt, ist die internationale Solidarität mit den PalästinenserInnen. Die Solidarität zeigt sich auf unterschiedlichen Ebenen: auf der Ebene der Politik und der Diplomatie, aber vor allem durch Proteste und Solidaritätskundgebungen auf der Straße und andere öffentliche Aktionen. Einige Meldungen dazu aus den vergangenen Wochen:
Seit Wochen gehen in London Menschen jeden Alters und unterschiedlichster Berufe auf die Straße, um für Palästina und für die Gruppe Palestine Action zu demonstrieren. Palestine Action war im vergangenen Sommer zur „Terrororganisation“ erklärt worden, nachdem AktivistInnen britische Kampfflugzeuge mit roter Farbe beschmiert hatten. Die Demonstrierenden tragen Schilder mit der Aufschrift „I oppose Genozide. I support Palestine Action“. Das gilt als „Unterstützung einer terroristischen Vereinigung“. Darauf stehen langjährige Haftstrafen. Die sozialen Medien sind voll mit Bildern von grauhaarigen Damen und Herren, die von Polizisten zum Arrestwagen getragen werden. 2.000 Personen wurden bisher bei diesen Protesten verhaftet.
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Am 10. September stürmten AktivistInnen der israelischen Gruppe Standing Together die Live-Übertragung der Fernsehshow Die Patrioten des rechtsgerichteten israelischen Senders Kanal 14.
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Anfang Oktober versuchte die Global Sumud Flotilla, bestehend aus über 40 Booten mit ca. 500 AktivistInnen an Bord, die Seeblockade vor Gaza zu durchbrechen. Es war nicht der erste, aber der bisher größte Versuch dieser Art. Es gelang auch dieses Mal nicht. Am 2. Oktober enterten Soldaten der israelischen Armee die meisten Boote – völkerrechtswidrig – noch in internationalen Gewässern und verhafteten die AktivistInnen. Weltweit verurteilten Politiker das israelische Vorgehen. Der türkische Präsident Erdogan nannte es einen „Akt der Piraterie“. Der belgische Außenminister bestellte deswegen den israelischen Botschafter ein.
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Am 3. Oktober überschritten einige junge Israelis die Grenze zu Gaza und protestierten im Angesicht der israelischen Armee gegen den Genozid. Drei von ihnen wurden inhaftiert: Itamar Greenberg, Roman Levin und Roy Elani. Ein anderer Aktivist, der mit den drei Inhaftierten befreundet ist, fordert in einem Video: „Free Itamar Greenberg. Free Roman Levin. Free Roy Elani. And Free Palestine.“ Greenberg, Levin und Elani sind inzwischen wieder auf freiem Fuß.
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Am 4. Oktober gingen in Italien 2 Million Menschen für Palästina auf die Straße. Am selben Tag versammelten sich in Madrid 500.000 Menschen, um für Palästina zu demonstrieren. Weitere Demonstrationen gab es unter anderem in Paris, Manchester und Mexiko-Stadt.
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Auch am 5. Oktober gab es in zahlreichen Städten Massendemonstrationen. Die größte fand in Amsterdam statt, mit 250.000 TeilnehmerInnen.
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Auch am 7. Oktober – dem zweiten Jahrestag des Überfalls der Hamas und des Beginns des Genozids in Gaza – gab es Demonstrationen, unter anderem in London.
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Mehr und mehr Länder haben in der Zwischenzeit Sanktionen gegen Israel beschlossen. (Ich habe darüber in früheren Blog-Beiträgen berichtet.) Die jüngste Meldung dazu: Das spanische Parlament hat heute ein bestehendes Waffenembargo gegen Israel durch ein Gesetz festgeschrieben.
Nicht minder bedeutungsvoll ist der Umschwung in der öffentlichen Meinung:
Laut einer neuen Umfrage denken jetzt 57 Prozent der BritInnen, dass Israels Vorgangsweise in Gaza ungerechtfertigt ist. Im Juli waren es erst 51 Prozent. Nur 18 Prozent sagen, dass sie Israels Vorgangsweise gerechtfertigt finden. 35 Prozent der Befragten geben an, dass sie für die israelische Seite in diesem Konflikt „überhaupt keine Sympathien“ haben. 16 Prozent sagen das über die palästinensische Seite. 38 Prozent sagen, dass sie mit den Palästinensern sympathisieren, nur 12 Prozent sympathisieren mit den Israelis (das ist der niedrigste Wert seit Beginn des Krieges).
Mehr als 60 Prozent der jüdischen AmerikanerInnen denken inzwischen, dass Israel in Gaza Kriegsverbrechen begeht. 40 Prozent denken, dass Israel in Gaza einen Genozid begeht. 48 Prozent der Befragten sind gegen Israels Vorgangsweise in Gaza.
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Wir dürfen nicht müde werden, über Gaza zu sprechen; und wir müssen auch immer wieder über das Westjordanland sprechen. Die internationale Palästina-Solidarität muss weiterhin sichtbar und hörbar sein. Nur dann gibt es eine Chance, dass aus dem Waffenstillstand in Gaza ein gerechter Frieden für ganz Palästina wird – ein Frieden ohne Besatzung und ohne Apartheid.
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Quellen:
https://www.bbc.com/news/live/cx2nzlj2j4kt (11.28, 12.11, 13.25)
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/10/10/nobel-peace-prize-2025-2
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/10/7/live-israels-genocide-continues-across-gaza-two-years-since-start-of-war (13.00, 18.15, 18.55, 19.15)
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/9/18/live-israeli-army-applying-extreme-pressure-as-gaza-toll-passes-65000 (16.10, 17.30, 17.45, 18.25)
https://en.wikipedia.org/wiki/Agreement_on_Disengagement_between_Israel_and_Syria
Ilan Pappe, Die ethnische Säuberung Palästinas. Westend. 4. Aufl. 2024, S. 232f.
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/10/8/live-israel-keeps-bombing-gaza-as-peace-talks-in-egypt-enter-third-day (14.20, 14.40, 14.50, 17.00, 17.28, 17.50)
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/10/7/live-israels-genocide-continues-across-gaza-two-years-since-start-of-war (13.30, 15.15, 18.45)
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/10/6/live-trump-urges-negotiators-to-move-fast-on-israel-gaza-peace-deal (06.00, 09.30, 09.45, 14.45, 15.00, 15.30)
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/10/4/live-trumps-tells-israel-stop-bombing-gaza-after-hamas-ceasefire-reply (02.15, 07.30, 08.30, 15.15, 15.30, 16.15, 16.30, 17.15, 18.15)
https://www.trtworld.com/article/50c0769bf3ab
https://www.aljazeera.com/news/2025/4/2/gaza-war-deadliest-ever-for-journalists-says-report
https://www.instagram.com/p/DObt-eUiuuN/
https://www.pressenza.com/2Israeli draft refusers Roman Levin and Itamar Greenberg arrested for their protest on the Gaza border025/10/israeli-draft-refusers-roman-levin-and-itamar-greenberg-arrested-for-their-protest-on-the-gaza-border/
https://www.instagram.com/p/DPZvqKkjK0g/
https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/9/2/live-geta-thunberg-once-more-on-board-sumud-flotilla-sailing-for-gaza (13.15, 14.00, 15.50)
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