Arborizid, aus dem Lateinischen arbor „Baum“ + Endung von „Suizid“, „Homizid“ , „Genozid“, „Ökozid“ usw. Bedeutung: Baumvernichtung.

Bild: Ein von israelischen Siedlern umgeschnittener alter Olivenbaum auf palästinensischem Land im Gebiet von Marj Si‘a nordöstlich von Ramallah am 24. Oktober 2025. [Activestills, Avishay Mohar]
„Baumvernichtung ist ein Verbrechen, ebenso wie Mord. Der Name Gastrells, der Shakespeares Maulbeerbaum fällte, wird zu Recht von den Flüchen der Nachwelt verfolgt und hängt für immer an einem Galgen der Schande, der vergeblich die Gnade des Vergessens erbitten möchte.“ [New England Farmer, März 1853]
Im Begleittext zu dem obigen Bild mit dem gefällten Olivenbaum wird erklärt:
„Im Laufe des vergangenen Monats haben Siedler fast alle Olivenbäume im Gebiet von Marj Si‘a […] umgeschnitten. Die Bauern haben die wenigen Bäume, die diese Angriffe überlebt haben, abgeerntet. Die Olivenernte ist eine wichtige Einkommensquelle für Zehntausende palästinensische Familien. Ihre Zerstörung ist Teil der andauernden israelischen Gewalt und des andauernden Landraubs und entzieht den palästinensischen Bauern in der Region die Lebensgrundlage“.
Vergangene Woche berichtete die Organisation Doctors against Genocide (DAG), dass in der Umgebung von Dschenin Tausende Olivenbäume gefällt werden sollen – wenige Wochen vor Beginn der Olivenernte.
„Israelische Militärbefehle bedrohen Tausende von Olivenbäumen auf mehr als 200 Dunam im Gebiet von Dschenin. [1 Dunam = 1.000 Quadratmeter] Diese Befehle folgen einem dokumentierten und sich beschleunigenden Muster, das seit 2023 bereits knapp 400.000 palästinensische Bäume zerstört hat.
[…]
Landbesitzer erhielten schriftliche Anweisungen in hebräischer Sprache, welche die Entfernung der Olivenbäume auf ihrem Nutzland anordnete. Es wird berichtet, dass dies damit begründet wurde, dass die Bäume die Sicht behindern. […]
Die angeordnete Zerstörung ist kein isolierter Fall. Palästinensische Institutionen dokumentierten eine starke Zunahme israelischer Befehle zur Entfernung von Bäumen und Feldfrüchten von palästinensischem Land aus angeblichen Sicherheitsgründen.
Die Colonization and Wall Resistance Commission [Kommission für den Widerstand gegen die Mauer und die Kolonisierung] dokumentierte im Jahr 2025 47 solche Befehle, die 1.613 Dunum betrafen. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 dokumentierte sie 49 solche Befehle, die 2.093 Dunum betrafen.
[…]
Das Governorat Dschenin erlebte einen dramatischen Anstieg landwirtschaftlicher Zerstörung. Die dokumentierten landwirtschaftlichen Verluste beliefen sich im gesamten Jahr 2025 auf 6,5 Millionen Dollar, in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 aber bereits auf 17,7 Millionen Dollar. Diese Verluste sind zum größten Teil auf die Zerstörung von 23.149 Olivenbäumen zurückzuführen.
Im gesamten Westjordanland beliefen sich die dokumentierten direkten landwirtschaftlichen Verluste zwischen Januar 2023 und Juni 2026 auf 257,9 Millionen Dollar. In diesem Zeitraum wurden 398.168 Bäume gefällt, verbrannt, entwurzelt oder mit Bulldozern zerstört. Die jährliche Rate der Baumzerstörung hat sich seit 2023 etwa versechsfacht.“
Doch die Baumvernichtung ist keineswegs eine Entwicklung der jüngsten Vergangenheit in Palästina und nicht auf das Westjordanland beschränkt. Von 1967 bis 2012 entwurzelte die israelische Besatzungsmacht im Westjordanland ca. 800.000 palästinensische Olivenbäume. Zu dieser Schätzung gelangte das Applied Research Institute Jerusalem (ARIJ) in einer Studie aus dem Jahr 2012.
In Gaza gab es vor dem Krieg 1,1 Millionen Olivenbäume. Eine Million wurde im Laufe des Krieges seit 2023 zerstört. Auch in Gaza war die Produktion von Olivenöl ein wichtiger Wirtschaftszweig.
Nach einer anderen Quelle zerstörte Israel zwischen 1967 und ca. 2020 mehr als eine Million Olivenbäume und Hunderttausende Obstbäume und in Gesamtpalästina 2,5 Millionen Bäume, hauptsächlich Olivenbäume, aber auch Obstbäume und Palmen. (Dinc & Türk 2026)
„Die Berichte listen verschiedene Mechanismen der Zerstörung [und Beschädigung] von Olivenbäumen auf, einschließlich Verbrennen, Bulldozern, Entwurzeln, Zerstückeln, Stehlen, mit Hass-Graffities besprühen, die Flutung palästinensischen Landes mit Abwässern von Siedlungen.“ (Dinc & Türk 2026)
Darüber hinaus werden palästinensische Olivenbauern und -bäuerinnen im Westjordanland von der israelischen Besatzungsmacht systematisch daran gehindert, ihre Olivenhaine zu betreten, die Bäume zu pflegen und Oliven zu ernten.
Die wirtschaftlichen Folgen dieser Politik sind schwerwiegend. Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, die Vernichtung der Bäume, insbesondere der Olivenbäume in Palästina, ausschließlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Olivenbäume sind für die PalästinenserInnen sehr viel mehr als nur eine Einkommensquelle: Sie sind Symbol ihrer Identität, ihrer Lebensweise, ihrer Geschichte. PalästinenserInnen fühlen sich mit ihrem Land und seiner Natur auf eine tiefe emotionale und spirituelle Weise verbunden. Sie fühlen sich in ihrem Land verwurzelt. Sie fühlen sich weniger als Besitzer, denn als Teil ihres Landes.
Die Olivenernte in Palästina ist traditionell nicht nur Arbeit, sondern auch ein Fest. Familien und Nachbarn helfen einander. Auch diejenigen, die nicht bei der Ernte helfen können (kleine Kinder und Alte) sind dabei. Es wird im Olivenhain gekocht und zusammen gegessen. Das stärkt den sozialen Zusammenhalt ebenso wie die Verbundenheit der Menschen mit dem Land.
Ich erinnere mich an einen Bericht von Erella von der Villages Group von einem Gespräch mit einem Palästinenser aus Masafer Yatta im Westjordanland:
„,Siehst du’, fuhr Mussa fort zu sprechen, ,die Israelis folgten auf die Jordanier, diese folgten auf die Briten, und noch früher waren die Türken da. Nun die Israelis. Später wird eine palästinensische Regierung herrschen. Aber sie werden alle versagen. Regierungen versagen. Ihre Absichten sind nicht rein; sie können sich nicht halten. Aber ich gehöre zu keiner Regierung. Ich gehöre zu dem Land. Ich werde nicht entfernt werden, denn ich gehöre zu dem Land.’ Ich hörte das Lied der Besatzer und der Siedler, jener, die sagen: Wir werden nicht entfernt werden, denn dieses Land gehört uns … Und plötzlich, wie ein Blitz, wurde die einfache Wahrheit klar – der Unterschied zwischen ,Ich werde nicht entfernt werden, denn ich gehöre zu dem Land’ und ,Ich werde nicht entfernt werden, denn dieses Land gehört mir.’“
Eine andere Stellungnahme eines Palästinensers aus dem Westjordanland:
„Der Olivenbaum repräsentiert unsere Wurzeln in dem Land. […] Ich erinnere mich, wie man Großvater und mein Vater sich um sie gekümmert haben. Ich erinnere mich lebhaft, wie ich als kleines Kind unter diesen Bäumen gesessen bin und gespielt habe. Sie sind ein Symbol für uns, sie repräsentieren unsere Identität in dem Land.“
Dieses Zitat stammt aus einer wissenschaftlichen Arbeit, in der es um den Zusammenhang zwischen ökologischer Zerstörung einerseits und Unterdrückung bzw. letztlich kulturelle Auslöschung marginalisierter Volksgruppen geht. Der Titel des Aufsatzes lautet „Wurzeln der Zerstörung“ (Dinc & Türk 2026).
Die zentrale These des Aufsatzes lautet: Umweltzerstörung hat nicht nur Auswirkungen auf die Natur, sondern bedroht auch das kulturelle Überleben betroffener Gesellschaften. Manche Wissenschaftler bezeichnen das als den „Genozid-Ökozid-Nexus“ und argumentieren, dass Umweltzerstörung eine Methode des Völkermords oder auch der Aufstandsbekämpfung sein kann. Sie meinen, dass die politische Instrumentalisierung von Umweltzerstörung in verschiedenen Regionen der Welt zu beobachten ist. Für ihre Studie führen sie eine vergleichende Untersuchung zweier betroffener Regionen durch, nämlich Palästina sowie Afrin. Letzteres ist eine kurdische Region im Nordwesten Syriens, die seit 2018 von der Türkei besetzt wird. Auch in Afrin spielt die Zerstörung von Olivenbäumen durch eine Besatzungsmacht (in diesem Fall die Türkei) eine wesentliche Rolle bei der Unterdrückung der ansässigen kurdischen Bevölkerung. Auch sonst gibt es viele Parallelen.
Aus einem Interview eines Kurden aus Afrin:
„Wir sind ein Volk, das sich selbst mit der Natur, mit Bäumen und Gärten geschaffen hat. Alles, angefangen von unserer Kultur und Ernährung bis zu unserer Kunst und Tradition, wurde von Landwirtschaft und dem Olivenbaum geformt. […] Die materielle und geistige Verbindung zwischen dem Volk und der Natur ist sehr stark. Wir sehen die Natur als Basis und Subjekt unseres eigenen Lebens.“
Diese Worte könnten auch von einer palästinensischen Olivenbäuerin stammen.
Die israelischen Zionisten hingegen scheinen geradezu besessen davon zu sein, die Olivenbäume auszurotten. Es vergeht kaum ein Woche ohne Nachrichten von Siedlerangriffen auf Olivenbäume. Am 9. Mai 2026 brüstete sich der israelische Finanzminister Smotrich (ein extremistischer Siedler), dass an einem einzigen Tag 3.000 Olivenbäume entwurzelt worden seien.
Aus einem Interview mit einem israelischen Siedler aus dem Jahr 2006:
„[D]er Baum ist die Wurzel des Problems. […] Hier ist der Baum nicht nur ein Symbol der arabischen Besatzung des Landes, sondern er ist auch ein wesentliches Mittel, durch welche sie diese Besatzung ausführen. […] Es ist nicht so, dass der Baum das Eigentum des Feindes ist, in welchem Fall die Bibel dir sagt, dass du ihn nicht entwurzeln darfst, weil er nichts mit dem Kampf zu tun hat. Hier hat er alles mit dem Kampf zu tun. Der Baum ist der feindliche Soldat. Ihre Bäume schauen so unschuldig aus wie Kinder, als könnten sie niemandem etwas zuleide tun. Aber wie [ihre] Kinder verwandeln sie sich ein paar Jahre später in tickende Bomben.“ (Nazzal 2019, S. 90)
Es geht darum, die enge Verbindung zwischen dem palästinensischen Volk und seinem Land zu zerstören. Daher müssen im Lande Palästina alle Spuren palästinensischen Lebens und palästinensischer Kultur ausgelöscht werden. Auch die Fauna des Landes soll kolonisiert werden. Anstelle der Olivenhaine (und oft auch auf den Ruinen zerstörter palästinensischer Dörfer) wurden großflächig Kiefern und Eukalyptusbäume gepflanzt. Beide Baumarten brennen sehr gut. Im Mai 2025 gab es in Israel katastrophale Waldbrände – nicht zuletzt begünstigt durch die nicht standortgerechte Aufforstung.

https://unpacked.media/from-kibbutz-kid-to-national-icon-the-story-of-srulik-israels-beloved-cartoon-character/
Das obige Bild aus dem Jahr 1967 zeigt die Figur des Srulik, eine Schöpfung des israelischen Zeichners Dosh. Er soll die israelische Nation symbolisieren. Hier marschiert er in Militäruniform mit einem ausgerissenen Olivenbaum-Setzling in der Hand.
Die Zerstörung der palästinensischen Olivenbäume ist „nicht nur eine Schädigung der Umwelt, sondern ein systematischer Angriff auf das Netz des Lebens, welcher die tiefen Verbindungen zerstört, die die ökologische und kulturelle Existenz aufrecht erhalten.“ (Dinc & Türk 2026)
Der Olivenbaum eignet sich auch deshalb gut als Symbol des palästinensischen Volkes, weil er auf sehr kargen Böden gedeiht, lange Phasen der Trockenheit überstehen kann und sogar Waldbränden sehr viel besser standhält als andere Baumarten. Der Olivenbaum ist somit ein Symbol der Widerstandsfähigkeit des palästinensischen Volkes.
Der palästinensische Widerstand hat viele Formen. Der Widerstand gegen die Vernichtung der Olivenbäume besteht darin, neue Olivenbäume zu setzen. Die Sruliks aus den Siedlungen reißen Bäume aus. Die Palästinenser pflanzen neue. Olivenbaum-Pflanzaktionen (so genannte „tree planting days“, also Baumpflanztage} haben sich zu einer Form des Widerstands entwickelt, an der sich auch israelische und internationale AktivistInnen beteiligen.

Bild: Al Fasayil, Jordantal, Westjordanland, 25. Juni 2011. Ein Palästinenser pflanzt mit seinem Sohn einen Olivenbaum anlässlich eines Baumpflanztages. Im Hintergrund sieht man Trümmer zerstörter Häuser. 11 Tage zuvor, am 14. Juni, hatte die israelische Besatzung in Al Fasayil 18 Häuser zwangsdemoliert und damit mehr als 100 Menschen obdachlos gemacht. [Activestills, Anne Paq]
Quellen:
https://www.etymonline.com/de/word/arboricide
https://www.activestills.org/image/60305
Doctors Against Genocide MEDIA ADVISORY
https://aje.io/auyyba?update=4074343
https://www.theguardian.com/world/2026/mar/25/israel-white-phosphorus-south-lebanon-researchers
https://thepublicsource.org/israel-white-phosphorus-south-lebanon
Dinc, Pina, & Türk, Necmettin (2026). „Roots of destruction: exploring the genocide-ecocide nexus through the destruction of olive trees in occupied Palestine and Rojava“ . The International Journal of Human Rights, 30(3), 576–600. https://doi.org/10.1080/13642987.2025.2541756 https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13642987.2025.2541756#abstract
https://en.wikipedia.org/wiki/Srulik
Nazzal, R. (2019). „The olive tree and the Palestinian struggle against settler-colonialism“. Canada and Beyond: A Journal of Canadian Literary and Cultural Studies, 8(1), 88–93. https://doi.org/10.33776/candb.v8i1.3679
https://aje.io/p407e2?update=3687555
https://aje.news/b1q0x1?update=4557099
https://www.activestills.org/image/32338
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