Nour Abu Samaan hat am selben Tag Geburtstag wie ich: Sie wurde am 7. Oktober 2023 geboren, wenige Stunden vor Beginn des genozidalen Krieges in Gaza. Sie kam gesund zur Welt. Einen Tag später, während sie in den Armen ihrer Mutter ruhte, schlugen ganz in der Nähe israelische Raketen ein. Als die Luft sich mit Rauch und giftigen Gasen füllte, erlitt sie einen Erstickungsanfall: Sie wurde blau im Gesicht, verdrehte die Augen und ihre Arme und Beine bewegten sich nicht mehr. Später, im Krankenhaus, diagnostizierten die Ärzte bei ihr eine Lähmung der Arme und Beine, verursacht durch das Einatmen giftiger Gase.
Mutter und Kind verbrachten einen Monat auf der Intensivstation des Al-Nasr-Kinderkrankenhauses in Nordgaza. Die israelische Armee belagerte Nordgaza. Als die Angriffe intensiver wurden, beschloss Nours Mutter, ihr Baby aus dem Krankenhaus zu evakuieren. Kurz nachdem ihr die Flucht gelungen war, wurde das Krankenhaus zunächst bombardiert und dann von der israelischen Armee gestürmt. Alle kleinen Patienten starben bei diesem Angriff, einschließlich die Babys auf der Intensivstation, viele davon Frühchen. Die israelischen Soldaten hatten die lebenserhaltenden Systeme außer Betrieb gesetzt. Tage später fand man die Leichen der Babys in ihren Bettchen.
So hat Nour als einzige Patientin den Angriff auf das Al-Nasr-Krankenhaus überlebt. Aber das Mädchen leidet noch immer unter starken Lähmungen. Sie ist jetzt zweieinhalb Jahre alt und kann immer noch nicht sitzen – geschweige denn stehen oder gehen.
Kinder wie Nour sind in Gaza kein Einzelfall. Zaher al-Waheidi, Sprecher des Gesundheitsministeriums in Gaza, berichtet, dass in Gaza 1.200 Kinder unter Verletzungen des Rückgrats und Lähmungen leiden, die direkt durch israelische Angriffe entstanden sind. Viele andere Kinder erlitten durch israelische Angriffe schwerste Verbrennungen, die bleibende Behinderungen hinterlassen haben.
Doch Behinderungen infolge von Verletzungen, die durch israelische Angriffe entstanden, sind nur ein Teil des Problems. Nour Abu Samaans Mutter hatte während ihrer Schwangerschaft keine israelischen Angriffe, keine Vertreibungen und keine Hungersnot erleiden müssen. So konnte sich das Baby in ihrem Bauch gesund entwickeln. Doch viele der Kinder, die später, während des Krieges, geboren wurden, kamen mit Behinderungen und Deformierungen auf die Welt.
Allein im Jahr 2025 wurden in Gaza 322 Fälle von angeborenen Defekten bei Neugeborenen registriert – eine Verdoppelung der Rate von vor dem Krieg. Die Rate der Totgeburten stieg im selben Zeitraum um 140 Prozent. Mehrere Faktoren dürften dafür ursächlich sein, unter anderem: Mangelernährung während der Schwangerschaft, das Leben in überfüllten Flüchtlingsunterkünften unter unhygienischen Bedingungen, ständiger Stress und Angst, verschmutztes Trinkwasser, die Verseuchung der Atemluft durch giftige Partikel von Millionen von Tonnen an Munition und der Zusammenbruch der medizinischen Schwangerschaftsvorsorge.
Zum ersten Mal in seiner Geschichte verzeichnet Gaza einen Bevölkerungsrückgang. Die Geburtenrate ging dramatisch zurück – um 38 Prozent im Jahr 2024 und um weitere 13 Prozent im Jahr 2025. 2025 hatten mehr als 4.000 Frauen in Gaza eine Frühgeburt, und mindestens 4.800 Babys kamen mit zu wenig Gewicht auf die Welt – mehr als doppelt so viele wie vor dem Krieg. 457 Babys starben in den ersten Lebenstagen.
Am 7. April 2025 schrieb die WHO in einem Bericht anlässlich des Weltgesundheitstages:
„[D]er Gazastreifen bleibt einer der gefährlichsten Orte für Kinder. Schwangere leiden dort unter ständiger Furcht, aufgrund anhaltender Gewalt, Vertreibung und Mangel an Zugang zu medizinischer Versorgung.
Zwischen 18. März und 4. April 2025, seit der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten, wurden laut Berichten mehr als 500 Kinder und 270 Frauen ermordet. Seit 2. März gelangte keine Hilfe nach Gaza. Das hat die Hungerkrise vertieft. Familien haben kein sauberes Wasser, keine Unterkunft und keine adäquate medizinische Versorgung.
Es wird geschätzt, dass 55.000 Frauen in Gaza schwanger sind. Ein Drittel davon sind Hochrisiko-Schwangerschaften. […] Etwa 20 Prozent der Neugeborenen kommen zu früh zur Welt, haben zu wenig Gewicht oder werden mit Komplikationen geboren. Sie benötigen intensivmedizinische Betreuung, deren Verfügbarkeit jedoch rapide abnimmt.“
In einem Bericht der UNFPA vom August 2025 wurde über die Lage von Schwangeren und Müttern mit Babys in Gaza festgehalten:
„Mehr als 40 Prozent der schwangeren und stillenden Frauen sind stark unterernährt, und zwei Drittel leiden unter Anämie. Im August waren 61 Prozent derjenigen, die in den Kliniken von Save the Children untersucht wurden, unterernährt. Das sind sieben Mal mehr als im März, bevor Gaza von Hilfe abgeschnitten wurde. Eines von fünf Babys wird zu früh oder mit zu wenig Gewicht geboren. Gleichzeitig ist der Zugang zur Notfallversorgung für Neugeborene um 70 Prozent zurückgegangen. Es gibt so wenige Inkubatoren, dass mehrere Säuglinge sich einen teilen müssen. Das erhöht das Infektionsrisiko beträchtlich.“
Viele Kinder Gazas, die Opfer des Krieges geworden sind – entweder schon vor ihrer Geburt oder danach – könnte geholfen werden, irgendwann ein halbwegs normales Leben zu führen, oder zumindest ihr Leid zu lindern. Es könnte ihnen geholfen werden, wenn sie eine dem heutigen Stand der ärztlichen Kunst entsprechende Behandlung und Therapie bekämen. Doch in Gaza ist das nicht möglich. Gegenwärtig warten ungefähr 4.000 Kinder auf die Ausreise aus Gaza zum Zweck dringend benötigter medizinischer Behandlung im Ausland. Doch Israel erteilt nur einen Bruchteil der benötigten Ausreisegenehmigungen. Seit der zweitweisen Öffnung des Grenzübergangs Rafah erlaubten die israelischen Behörden nur 154 Kindern die Ausreise. Mehr als 470 Kinder sind während des Wartens auf eine Ausreisegenehmigung bereits verstorben.
Quellen:
https://aje.io/yfg2xe?update=3676588
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Was noch geschah
Gaza:
In der Woche vom 20. bis 27. April wurden 40 PalästinenserInnen durch israelische Angriffe getötet. Unter anderem wurden Polizeistationen und Polizeifahrzeuge gezielt angegriffen. Etwa ein Dutzend Polizeibeamte kamen ums Leben. Auch Frauen und Kinder sind unter den Opfern.
Seit Beginn des sog. „Waffenstillstandes“ am 11. Oktober 2025 tötete die israelische Armee in Gaza mindestens 817 PalästinenserInnen und verwundete mehr als 2.200. Die Anzahl der offiziell registrierten und dokumentierten direkten Opfer israelischer Angriffe seit 7. Oktober 2023 beträgt mehr als 72.500. Das ist eine sehr konservative Zahl, weil darin nur jene Toten enthalten sind, von denen eine Leiche gefunden und identifiziert wurde.
Westjordanland:
20. April: Siedler dringen mit Bulldozern in das Dorf Hammamat al-Maleh im nördlichen Jordantal vor, zerstören die örtliche Schule (die mit Geldern mehrerer EU-Länder errichtet wurde). Sie vertreiben die letzten drei palästinensischen Familien, die dort noch gelebt hatten.
21. April: In al-Mughayyir, östlich von Ramallah, eröffnet ein Siedler das Feuer auf eine Schule. Zwei Menschen sterben. Die israelische Armee blockiert die Straße zu dem Dorf und greift während des Begräbnisses Trauernde an. Am selben Tag wird in der Nähe von Hebron ein 16jähriger Palästinenser von einem Sicherheits-Begleitfahrzeug des israelischen Ministers Ben-Gvir totgefahren.
23. April: In Nablus wird ein 15jähriger Palästinenser auf dem Heimweg von der Schule von israelischen Soldaten erschossen.
24. April: Ein 25jähriger Palästinenser aus Deir Dibwan, östlich von Ramallah, stirbt an den Verletzungen, die ihm von Siedlern zugefügt wurden. Nach dem Siedlerangriff hatte die israelische Armee ca. 30 Palästinenser festgenommen.
In der vergangenen Woche zirkulierte in Chatgruppen jüdischer Siedler ein Aufruf, das sog. Oslo-Abkommen „mit den Füßen“ außer Kraft zu setzen. Das Oslo-Abkommen teilte das Westjordanland in drei Zonen auf: A, B und C. Die Zone A steht formal unter rein palästinensischer Verwaltung, die Zone B unter gemeinsamer palästinensisch-israelischer Verwaltung und Zone C unter rein israelischer Verwaltung. Das A-Gebiet umfasst etwa 3 Prozent der Fläche des Westjordanlandes. Darauf leben etwa 80 Prozent der palästinensischen Einwohner. Das C-Gebiet umfasst 73 Prozent der Fläche.
Das Oslo-Abkommen wurde den Palästinensern als Übergangslösung verkauft: Langfristig sollte das gesamte Westjordanland unter rein palästinensische Verwaltung gestellt werden. Daher stimmte die palästinensische Autonomiebehörde (damals unter Jassir Arafat) dem Abkommen zu. Tatsächlich ist inzwischen de facto das gesamte Westjordanland unter israelischer Kontrolle. Im C-Gebiet wachsen die Siedlungen wie Pilze aus dem Boden und die palästinensische Bevölkerung wird durch Siedlerarmee-Terror nach und nach vertrieben. Der im vorigen Absatz erwähnte Aufruf der Siedler ist eine Kampagne, (illegale) Siedlungsgründungen und Siedlerterror nun auch auf die A- und B-Gebiete auszudehnen.
Tatsächlich gab es auch vergangene Woche wieder zahlreiche Siedlerangriffe auf palästinensische Dörfer im ganzen Land. Es wurden Brände gelegt, und es gab verletzte PalästinenserInnen, darunter ein Kind.
Die israelische Armee versperrte Zugänge zu Dörfern und verhängte Ausgangssperren an mehreren Orten. Nach einem neuen UNO-Bericht gibt es derzeit im Westjordanland mindestens 925 „Bewegungshindernisse“, also Straßensperren oder militärische Kontrollpunkte. (Zur Veranschaulichung der Größenverhältnisse: Die Steiermark und Thüringen sind jeweils ungefähr drei Mal so groß wie das Westjordanland.)
Allein während der vergangenen vier Monate wurden neun palästinensische Ortschaften infolge des Terrors der jüdischen Siedlerarmee vollständig entvölkert.
Ostjerusalem:
In dem (noch) mehrheitlich von Palästinensern bewohnten Stadtteil Silwan werden in einem bisher nicht dagewesenen Ausmaß Häuser von Palästinensern zerstört. Im Jahr 2026 gab es bisher 17 solcher Demolierungen. Im gesamten Jahr 2025 waren es 13. Nach den Plänen der israelischen Stadtverwaltung soll das gesamte palästinensische Al-Bustan-Viertel demoliert werden und einem „Nationalpark“ weichen. Derzeit gibt es noch mehr als 100 Häuser in diesem Viertel. Mehr als 2.000 PalästinenserInnen droht die Zwangsumsiedlung.
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Oslo-Friedensprozess
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Zu guter Letzt
Mehr als 1.100 MusikerInnen und Kulturschaffende haben einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie zu einem Boykott des diesjährigen Song-Contests aufrufen, wegen Israels Teilnahme daran. In dem Brief heißt es, unter anderem:
„Im Mai 2026 werden wieder Millionen von Menschen den 70. Eurovision Song Contest verfolgen. Zum dritten Jahr in Folge werden wir erleben, wie Israel auf der Bühne gefeiert wird, obwohl es seinen Völkermord in Gaza unvermittelt fortsetzt. Russland hingegen, bleibt wegen seines illegalen Einmarsches in die Ukraine weiterhin vom Wettbewerb ausgeschlossen.
Als Musiker*innen und Kulturschaffende lehnen wir es ab, dass der Eurovision Song Contest genutzt wird, um Israels Völkermord und brutale militärische Besatzung gegen die Palästinenser*innen zu normalisieren und zu beschönigen.
Solange die EBU den in den Völkermord verstrickten israelischen Sender KAN am Wettbewerb teilnehmen lässt, fordern wir alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, Künstler*innen, Veranstalter*innen von Public Viewings, Crews und Fans dazu auf, den diesjährigen Eurovision Song Contest zu boykottieren.
[…]
Die heuchlerischen Doppelstandards hinsichtlich der Verurteilung der Verbrechen Russlands auf der einen und der Normalisierung israelischer Verbrechen auf der anderen Seite, haben jeden Anschein von ,Neutralität‘ seitens des ESC zunichtegemacht. 2022 erklärte die EBU, die Anwesenheit Russlands würde ,den Wettbewerb in Verruf bringen‘.
Mehr als 30 Monate Völkermord in Gaza, ethnischen Säuberungen und Landraub im belagerten Westjordanland sind für die EBU aber immer noch nicht Grund genug, um Israel ebenfalls vom Wettbewerb zu disqualifizieren.“
Zu den ErstunterzeichnerInnen gehören Brian Eno, Kneecap, Roger Waters, Peter Gabriel und einige frühere Song-Contest-GewinnerInnen.
Quelle: https://nomusicforgenocide.org/eurovision
Österreichische AktivistInnen organisieren inzwischen eine alternative musikalische Protestaktion zum Song-Contest in Wien, den Song-Protest. Unter dem Motto „Keine Bühne für Völkermord“ werden dort am 15. Mai ab 16.00 internationale Bands, MusikerInnen und AktivistInnen auftreten.
Die OrganisatorInnen des Song-Protests haben überdies ein Protestschreiben gegen Israels Teilnahme am Song-Contest formuliert, das inzwischen von Hunderten Menschen unterschrieben wurde, darunter prominente KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen, z. B. Roger Waters, Yanis Varoufakis und Michael Barenboim. Der Aufruf kann noch unterschrieben werden unter folgendem Link:
https://song-protest.palaestinasolidaritaet.at
Am 16. Mai wird es – ebenfalls in Wien – eine Großdemonstration gegen Israels Teilnahme am Song-Contest geben.
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