Das Recht auf Bildung

Bild: Umm al-Khair, Westjordanland, 19. April 2026. Kinder protestieren an einem illegal errichteten Stacheldraht-Zaun gegen die Blockade ihres Schulwegs durch jüdische Siedler. [Activestills, Mosab Shawer]

Die UN-Kinderrechtskonvention (die auch von Israel unterzeichnet wurde) postuliert in Artikel 28 das Recht des Kindes auf Bildung. Dort ist auch festgehalten, dass das Recht auf Bildung in seiner elementarsten Form durch die Ermöglichung des Schulbesuchs gewährleistet sein muss.

Im Westjordanland waren von 28. Februar bis Mitte April alle Schulen geschlossen, wegen des Krieges gegen den Iran. Mit Beginn des Waffenstillstandes Mitte April erlaubte die israelische Besatzung die Wieder-Öffnung der Schulen im Westjordanland.

Am Morgen des Montag, den 13. April, machten sich daher auch die Kinder aus dem Dorf Umm al-Khair [sprich: Umm al cher] in Masafer Yatta auf ihren gewohnten Fußweg über die Hügel. Sie waren etwa 50 an der Zahl, die jüngsten gerade einmal fünf Jahre alt. Etwa einen Kilometer von der Schule entfernt stießen sie auf einen Stacheldrahtzaun. Dieser war in der Nacht zuvor von jüdischen Siedlern eines Außenpostens der Siedlung Carmel errichtet worden. Dieser Außenposten war erst im Sommer 2025 errichtet worden, und zwar wenige Tage, nachdem der jüdische Siedler Yinon Levy den palästinensischen Lehrer Awdah Hathaleen ermordet hatte.

Als die Kinder versuchten, den Zaun zu umgehen, erschienen Soldaten der israelischen Armee und feuerten Tränengas auf die Kinder.

Seither kämpfen die BewohnerInnen von Umm al-Khair um das Recht der Kinder, ihre Schule zu besuchen, das heißt konkret: Um die Entfernung des Stacheldrahts, der den Kindern den Schulweg versperrt.

Der Zaun war ohne offizielle Genehmigung der israelischen Behörden errichtet worden. Dennoch weigert sich die israelische Verwaltung, ihn zu entfernen. Hingegen müssen die Einwohner von Umm al-Khair mit der Demolierung eines großen Teils ihrer Häuser rechnen, weil diese ohne Baugenehmigung errichtet wurden. Umm al-Khair befindet sich in der Zone C des Westjordanlandes, die unter ausschließlicher israelischer Verwaltung steht. In diesem Gebiet erhalten die Palästinenser seit Jahrzehnten praktisch nie eine Baugenehmigung. Zugleich schießen im selben Gebiet die jüdischen Siedlungen wie die Pilze aus dem Boden, teils von den israelischen Behörden genehmigt, teils selbst nach israelischem Recht illegal.

Nun versammeln sich Kinder und Erwachsene aus Umm al-Khair täglich am Stacheldrahtzaun, um gegen die Sperre des Schulwegs zu protestieren. Die Kinder konfrontieren die israelischen Soldaten und bewaffnete jüdische Siedler auf der anderen Seite des Zauns mit selbst gemalten Schildern und Sprechchören. Sie rufen (auf Englisch): „Freedom!“ und „Open the road!“. Sie schlagen auf Trommeln und singen Lieder. Sie haben auch ihre Schulbücher dabei. Sie setzen sich auf Steine, nehmen ihre Bücher heraus. Lehrer bieten Unterricht unter freiem Himmel an. Sie nennen es die „Umm-al-Khair-Freiheitsschule“.

Nicht alle 55 Schulkinder aus Umm al-Khair beteiligen sich an den Protesten. Manche haben zu viel Angst. Das Erlebnis vom 13. April hat sie traumatisiert. Manche können seither nicht mehr schlafen.

Auch die Kinder am Zaun haben Angst. Manche bekommen Panikattacken, beginnen zu zittern und zu weinen, wenn sich die Soldaten ihnen nähern. Die 13jährige Sara Hathaleen sagt, unter Tränen: „Ich habe Angst. Ich habe Angst.“ Dann wischt sie ihre Tränen weg und sagt: „Es ist eine Herausforderung, hierher zu kommen. Wir müssen unsere Angst überwinden, um in die Schule gehen zu können.“ Sara möchte Rechtsanwältin werden, um für die palästinensische Sache und für ihr Dorf zu kämpfen.

Der nun gesperrte Weg wurde 1980 als Fußweg für Schülerinnen und Schüler errichtet und ist sowohl auf palästinensischen als auch auf israelischen Karten verzeichnet. Er wird auch von Frauen benutzt, die zu einem Gesundheitszentrum wollen, und von Gläubigen als Fußweg zur Moschee.

Die israelische Verwaltung hat einen anderen Weg als Alternative angeboten. Doch die Dorfbewohner weigern sich, ihre Kinder auf diesen Weg zu schicken, denn dieser würde direkt durch neu errichtete Siedler-Außenposten führen. Das wäre viel zu gefährlich für die Kinder. Für die Kinder im Westjordanland gehören Belästigungen durch jüdische Siedler auf ihrem Schulweg zum Alltag, selbst wenn der Weg nur in der Nähe einer Siedlung verläuft. Die Siedler in den Außenposten sind besonders gewalttätig. Erst vor wenigen Wochen war ein fünfjähjriges Mädchen aus Umm al-Khair von einem Siedler in einem Auto angefahren und schwer verletzt worden. Selbst wenn das nicht mit Absicht geschehen sein sollte, sind die Autofahrer aus den Siedlungen eine permanente Gefahr: Sie fahren schnell und rücksichtslos, und nicht alle haben einen Führerschein.

Die Leute von Umm al-Khair wollen ihren friedlichen Kampf fortsetzen, bis der Schulweg wieder geöffnet ist. Zugleich kämpfen sie gegen die drohenden Abrisse in ihrem Dorf.

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Während in Umm al-Khair Kinder mit Stacheldraht und Tränengas daran gehindert werden, ihre Schule zu erreichen, werden andernorts Schulen direkt angegriffen. Am 21. April ereignete sich folgender Vorfall in einer Schule in dem Dorf al-Mughayyir, in der Nähe von Ramallah: Zunächst beschossen bewaffnete Siedler die Schule mit scharfer Munition. Dann feuerte auch die israelische Armee auf die Schule. Es gab zwei Tote. Ein 14jähriger Schüler wurde in den Kopf geschossen. Beim Versuch, die Schüler zu evakuieren, wurde ein Mann erschossen.

In einem Video sieht man, wie Männer von außen das Feuer auf die Schule eröffnen. Ein Augenzeuge berichtet:

„Siedler griffen die Schule an und begannen, mit scharfer Munition auf sie zu schießen. Die Armee schloss sich ihnen sofort an und eröffnete das Feuer, als wir versuchten, die Schüler zu evakuieren

Sie tun das jeden Tag, als eine Vertreibungs-Operation. Sie machen Kindern und Schülern Angst. Jeden Tag tun sie das, um Menschen zu zwingen, ihr Land zu verlassen und aus al-Mughayyir wegzugehen. Wir bleiben, Gottseidank, standhaft und geduldig, und auch wenn alle Menschen unseres Ortes ermordet worden sind, werden wir uns der Besatzung nicht ergeben.“

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Die Angriffe auf das Bildungssystem in den besetzten Gebieten sind ein wesentlicher Teil der Vertreibungspolitik. Hier einige Vorfälle nur aus den vergangenen Monaten:

Im Dezember 2025 drangen israelische Soldaten in eine Schule im besetzten Ostjerusalem ein und erklärten sie für geschlossen.

Am 20. Jänner 2026 griffen israelische Soldaten im besetzten Ostjerusalem eine Berufsschule der UNRWA mit Tränengas an.

Am 23. März 2026 stürmten israelische Siedler in der palästinensischen Stadt Huwara eine Schule, richteten Verwüstungen an, hissten auf dem Dach die israelische Flagge und beschmierten die Wände mit rassistischen Botschaften, wie „Nur ein toter Araber ist ein guter Araber“.

Im Februar 2026 stürmten bewaffnete Siedler mehrmals die Dorfschule von Ibziq, nördlich von Tubas, im nördlichen Jordantal. Das Inventar wurde teils gestohlen, teils verwüstet. Zerstört wurde auch die Straße, die zur Schule führte.

Überall in der West Bank ist der Schulweg für die SchülerInnen sowohl beschwerlich als auch gefährlich. Sofern sie Fußwege benutzen, müssen sie mit Belästigungen und Angriffen durch jüdische Siedler rechnen. Auf den Straßen müssen sie Checkpoints passieren, die oft willkürlich geschlossen werden – insbesondere zu Zeiten, zu denen die Kinder in die Schule müssen. Oft können die kürzesten Wege nicht benutzt werden, weil Soldaten Straßensperren errichtet haben.

In Gaza ist freilich die Lage noch viel dramatischer. Fast alle Schulen wurden zerstört. Bisher konnten nur wenige wieder (teilweise) instand gesetzt werden. Teilweise wird der Unterricht in Zelten abgehalten. Teils wird Online-Unterricht angeboten. Doch die meisten Menschen in Gaza verfügen nicht über geeignete Endgeräte; und selbst das Aufladen eines Handys ist in Gaza eine Herausforderung. Im November 2025 berichtete UNICEF, dass Israel es nicht erlaubt, Unterrichtsmaterialien für Kinder in den Gazastreifen zu bringen. 

Quellen:

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/22/israeli-settlers-block-palestinian-children-from-school-in-the-west-bank

https://www.kinderrechtskonvention.info/recht-auf-bildung-recht-auf-schule-3620/

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/20/as-barbed-wire-blocks-kids-from-class-palestinians-stage-freedom-school

https://aje.news/3i78ht?update=4507447

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/4/13/israeli-forces-fire-tear-gas-near-palestinian-schoolchildren#flips-6393010072112:0

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/4/22/deadly-israeli-settler-attack-on-school-kills-two-in-ramallah

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/21/israeli-soldiers-and-settlers-kill-11-palestinians-across-gaza-west

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/3/24/israeli-settlers-vandalise-school-raise-israeli-flag-in-occupied-west-bank#flips-6391488554112:0

https://www.aljazeera.com/news/2026/1/21/barbaric-new-era-palestinians-un-slam-israeli-demolition-of-unrwa-hq

https://aje.io/jiruiy?update=4188328

https://aje.io/kcstwh?update=4083380

https://aje.io/kcstwh?update=4083380

https://www.middleeastmonitor.com/20260205-israeli-settlers-attack-school-in-jordan-valley-as-terror/

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Was noch geschah

Eine Gruppe von mehr als 50 indischen Physikern hat in einem gemeinsamen Statement Solidarität mit AkademikerInnen in Palästina, dem Libanon und dem Iran ausgedrückt. Sie wiesen darauf hin, dass Israel sowohl im Iran als auch in Palästina und im Libanon Universitäten und andere Bildungseinrichtungen angegriffen hat und dass in Gaza fast alle Universitäten und Schulen zerstört wurden. Sie schrieben: „Wir verurteilen in aller Klarheit diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Diese werden negative Langzeitfolgen für die Zukunft der Bildung und der Forschung in der Region haben, abgesehen vom tragischen Verlust an Menschenleben.“

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/23/indian-physicists-voice-solidarity-with-iran-palestine-lebanon-academics

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Gaza:

Am Dienstag dieser Woche starben sieben Menschen durch mehrere israelische Angriffe. Die israelische Armee griff Zeltlager an.

Am Mittwoch dieser Woche gab es einen Luftangriff auf eine Gruppe von ZivilistInnen in der Nähe einer Moschee. Bisher wurden fünf Todesopfer registriert, darunter drei Kinder. Die Zahl der Toten wird wahrscheinlich noch steigen, weil einige Verwundete in kritischem Zustand sind.

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/4/23/israeli-strike-near-mosque-kills-five-in-gaza-including-three-children#flips-6393707004112:0

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/23/israeli-strike-kills-five-in-gaza-including-three-children

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/21/israeli-soldiers-and-settlers-kill-11-palestinians-across-gaza-west

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Dr. Hussam Abu Safiyah wurde in ein Gefängnis in den Süden des Negev verlegt, das schwer zu erreichen ist. Er hat derzeit keinerlei Kontakt zur Außenwelt. Die Gefängnisverwaltung hat die letzten drei Besuchstermine seines Anwalts jeweils kurzfristig abgesagt. Der nächste Anwaltsbesuch ist für 28. April geplant.

Die amerikanische AktivistInnen-Gruppe CODEPINK hat der American Medical Association (AMA) eine Petition übergeben, in der gefordert wird, dass sich die AMA für die Freilassung von Dr. Abu Safyah einsetzt.

https://www.instagram.com/reels/DXXsBmGk7SB/

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Jene Soldaten, die in Sde Teiman einen palästinensischen Gefangenen vergewaltigt hatten, sind wieder im Dienst. Sie arbeiten wieder als Wächter in israelischen Militärgefängnissen.

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/21/israeli-sexual-violence-helping-push-palestinians-from-west-bank-report

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In der israelischen Stadt Beit Shemesh entfernte eine Gruppe von ultraorthodoxen Juden israelische Fahnen von Straßenmasten. Sie wurden umgehend verhaftet.

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/4/21/israeli-police-arrest-two-ultra-orthodox-jews-for-removing-israeli-flags

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Westjordanland:

Am Dienstag dieser Woche wurde in Hebron ein 16jähriger Palästinenser von einem Auto überfahren, das einen israelischen Minister zu einer jüdischen Siedlung eskortierte. Der Bursche war mit dem Fahrrad unterwegs zur Schule gewesen.

Am selben Tag starb eine 49jährige Frau an Schussverletzungen, die ihr bei einer Razzia der israelischen Armee im Flüchtlingslager Dschenin zugefügt worden waren.

Weitere Nachrichten aus der West Bank aus der vergangenen Woche:

  • Israelische Bulldozer planierten palästinensisches Land in Ostjerusalem, auf dem vor einigen Wochen palästinensische Häuser abgerissen worden waren.
  • Israelische Bulldozer zerstörten Wasserleitungen östlich von Tammun.
  • Israelische Bulldozer planieren palästinensisches Land zwischen Nablus und Tubas, um dort eine Straße zu errichten, die zwei israelische Kontrollposten verbindet.
  • Bei mehreren Razzien wurden mehr als 50 Palästinenser verhaftet.
  • Es wurden mehrere neue Kontrollposten und Straßensperren errichtet.

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/21/israeli-soldiers-and-settlers-kill-11-palestinians-across-gaza-west

https://aje.news/3i78ht?update=4507315

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Ebenfalls am Dienstag dieser Woche trafen sich in Brüssel die EU-Außenminister, um über eine Aussetzung des EU-Israel-Assoziierungsabkommens zu beraten. Spanien, Irland und Slowenien hatten darauf gedrängt. Deutschland, Österreich und Italien verhinderten es.

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/21/spain-slovenia-ireland-push-eu-to-debate-israel-pact-suspension

Dies ist ein Grund mehr, die EU-Petition zur Aussetzung des EU-Israel-Assoziierungsabkommens zu unterzeichnen:

https://eci.ec.europa.eu/055/public/#/screen/home


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