Die Nakba hat nie aufgehört

Bild: Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung, 1948.

„Ich bin für Zwangsumsiedlung; darin sehe ich nichts Unmoralisches.“ (David Ben Gurion, israelischer Staatsgründer, im Juni 1938)

Am 14. Mai 1948 erklärte David Ben Gurion die Unabhängigkeit Israels. Jedes Jahr am 15. Mai begehen PaslästinenserInnen in aller Welt den „Tag der Nakba“. „Nakba“ ist arabisch und bedeutet „Katastrophe“. Gemeint ist damit die gewaltsame Vertreibung von ca. 750.000 PalästinenserInnen aus ihren Heimatdörfern und -städten während der Jahre 1947 bis 1949. Hier ist eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Zahlen und Fakten zu diesen Vorgängen:

Zu Beginn des Jahres 1948 waren ca. 90 Prozent von Palästinas Grund und Boden in palästinensischem Besitz. Nur ca. 10 Prozent waren in jüdischem Besitz.

Im November 1947 schlug die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Teilung des Landes vor: Die jüdische Minderheit sollte 55 Prozent für einen noch zu gründenden jüdischen Staat erhalten, die palästinensische Mehrheit 45 Prozent. Der Anteil der Juden an der Bevölkerung Palästinas betrug damals ca. 30 Prozent. Die meisten davon waren neue Einwanderer aus Europa.

Zwischen 1947 und 1949 führten zionistische Milizen (später die neu gegründete israelische Armee) ca. 70 Massaker durch. 750.000 PalästinenserInnen wurden vertrieben. 530 Dörfer und Stadtteile wurden entvölkert und zum Teil zerstört. Nach Beendigung des Krieges 1949 hatte die jüdische Minderheit die Kontrolle über 78 Prozent des Bodens des historischen Palästinas. Grund und Boden und aller darauf befindlicher Besitz wurden zu Eigentum des Staates Israel erklärt. Die vertriebenen PalästinenserInnen erhielten dafür niemals Entschädigung. Zudem wurde ihnen die Rückkehr in ihre Heimat verboten.

1950 verabschiedete das israelische Parlament das „Gesetz über das Eigentum Abwesender“, das bis heute gilt. Als „Abwesende“ gelten nach diesem Gesetz alle Palästinenser, die ihr Zuhause nach November 1947 verlassen hatten, also auch die 750.000 gewaltsam Vertriebenen. Dies gilt auch für vertriebene Palästinenser, die sich in anderen Orten innerhalb Israels niederließen. Ihr gesamter Besitz ging in den „Jüdischen Nationalfonds“ über. 1954 waren auf diese Weise mehr als 10.000 palästinensische Geschäfte, 5.000 Gebäude und fast 60 Prozent des fruchtbaren Bodens geraubt worden. Geraubt wurde aber nicht nur das Land. Bereits im Juni 1948 wurde das gesamte palästinensische Barvermögen des Landes eingefroren. Dieser Bankräuber-Coup brachte dem israelischen Staat mit einem einzigen Federstrich 24 Millionen Dollar ein. Heute wären das 300 Millionen Dollar – Geld, das die Menschen in Gaza und im Westjordanland sehr gut gebrauchen könnten.

Die Wurzeln der Nakba reichen weit in die Vergangenheit zurück. 1917 versprach der britische Außenminister Arthur James Balfour in der sogenannten „Balfour-Deklaration“ den Zionisten die Unterstützung Großbritanniens für die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina. Dies geschah keineswegs aus Mitgefühl mit der in Europa seit Jahrhunderten diskriminierten jüdischen Minderheit, sondern aus strategischen Interessen. Damals war Palästina noch unter osmanischer (=türkischer) Herrschaft. Im Ersten Weltkrieg wurden die Türken besiegt, und Palästina wurde von den Briten besetzt.

Nach außen hin versuchten die Briten, sich als unparteiische Vermittler zwischen den Palästinensern und den zionistischen Einwanderern in Palästina zu präsentieren. Doch in Wirklichkeit bevorzugten sie die Zionisten und kümmerten sich wenig um die Rechte der Palästinenser, die durch die Ausbreitung jüdischer Siedlungen und den damals schon existierenden Landraub immer stärker in wirtschaftliche Nöte gerieten. Dies führte zu mehreren palästinensischen Aufständen gegen die britische Besatzung. Der größte davon war der Aufstand von 1936. Nur mit extremer Brutalität, auch gegenüber der Zivilbevölkerung, gelang es den Briten nach drei Jahren, diesen Aufstand niederzuschlagen. Die Briten verwendeten, wie heute die Israelis, die Methode der Kollektivstrafe. Bei einem Angriff auf britische Soldaten irgendwo in der freien Landschaft wurde das nächstgelegene Dorf bestraft. So kam es etwa 1938 zu dem Massaker von al-Bassa.

Diese Woche lief in deutschen und österreichischen Kinos ein Spielfilm an, der von diesem palästinensischen Aufstand erzählt: Palestina 36. Ich empfehle unbedingt, diesen Film anzuschauen – am besten ohne die überwiegend antipalästinensisch voreingenommenen deutschen Kritiken vorher zu lesen.

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1967 eroberte Israel Gaza und das Westjordanland. Erneut wurden Hunderttausende PalästinenserInnen vertrieben. Viele von ihnen waren bereits zwischen 1947 und 1949 vor den Israelis geflohen.

Bild: Nach der israelischen Invasion des Westjordanlandes 1967 fliehen Palästinenser über die Reste der zerstörten Allenby-Brücke nach Jordanien.

Seit 1967 wird das Westjordanland durch den Bau von jüdischen Siedlungen mehr und mehr jüdisch-israelisch kolonisiert. Seit 1967 leiden die Palästinenser dort unter einer brutalen Militärbesatzung und gewaltbereiten jüdischen Siedlern, die von dieser Besatzung unterstützt werden. 2005 zog sich Israel aus Gaza zurück, kontrollierte Gaza jedoch von außen durch eine erstickende Blockade und tötete zwischen 2008 und 2021 bei insgesamt fünf „Militäroperationen“ ca. 3.000 palästinensische ZivilistInnen. Seit Oktober 2023 führt die israelische Armee in Gaza einen Vernichtungskrieg.

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Ich möchte jetzt einige Auszüge aus einer Rede der palästinensischen Autorin und Menschenrechtsaktivistin Susan Abulhawa präsentieren. Auch in dieser Rede wird klar, dass die Nakba lange vor 1947 begann – und vor allem, dass sie bis heute nicht endete.

Als es um die Frage ging, was mit den einheimischen Bewohnern des Landes [Palästina] geschehen solle, sagte Chaim Weizman, ein russischer Jude, 1921 auf dem Weltzionistenkongress, dass die Palästinenser mit „den Felsen Judäas vergleichbar seien, Hindernissen, die auf einem schwierigen Weg beseitigt werden müssten“.

David Gruen, ein polnischer Jude, der seinen Namen in David Ben Gurion änderte, um regionaler zu klingen, sagte [1937]: „Wir müssen die Araber vertreiben und ihre Plätze einnehmen.“

Es gibt Tausende solcher Gespräche unter den frühen Zionisten, die die gewaltsame Kolonisierung Palästinas und die Vernichtung seiner einheimischen Bevölkerung planten und durchführten.

[…]

Die Zionisten beklagten unsere Anwesenheit und debattierten öffentlich in allen Kreisen – politischen, akademischen, sozialen und kulturellen – darüber, was mit uns geschehen solle; was man gegen die Geburtenrate der Palästinenser tun solle, gegen unsere Babys, die sie als demografische Bedrohung bezeichneten.

[…]

Zu den von ihnen formulierten Lösungen für die Unannehmlichkeiten unserer Existenz gehörte auch eine „Knochenbrechen“-Politik in den 80er und 90er Jahren, die von Jitzchak Rubitzow, einem ukrainischen Juden, der seinen Namen in Jitzchak Rabin änderte (aus denselben Gründen), angeordnet wurde.

Diese verheerende Politik, die Generationen von Palästinensern schwer geschädigt hat, konnte uns nicht zum Verlassen des Landes bewegen. Angesichts des palästinensischen Widerstands entstand ein neuer Diskurs, insbesondere nach der Entdeckung eines riesigen Erdgasfeldes vor der Küste des nördlichen Gazastreifens im Wert von Billionen Dollar.

Dieser neue Diskurs findet sein Echo in den Worten von Oberst Efraim Eitan, der im Jahr 2004 sagte: „Wir müssen sie alle töten.“

„Wir müssen töten, töten, töten. Den ganzen Tag, jeden Tag.“ (Arnon Soffer, einflussreicher Berater israelischer Politiker und Professor Emeritus der Universität Haifa, 2004, zitiert nach Pappe 2024, p. 321)

Bild: Gaza, 16. Mai 2025. Palästinenser aus dem Norden Gazas fliehen auf Befehl der israelischen Armee nach Gaza-Stadt. [Yousef Zaanoun, Activestills]

Als ich in Gaza war, sah ich einen kleinen Jungen, nicht älter als neun Jahre, dessen Hände und Teile seines Gesichts durch eine Sprengfalle in einer Konservendose abgerissen worden waren. Soldaten hatten diese Konserven für die hungernden Kinder Gazas zurückgelassen. Später erfuhr ich, dass sie auch in Shujaiyya vergiftete Lebensmittel verteilt hatten und dass israelische Soldaten in den 1980er und 90er Jahren im Südlibanon mit Sprengfallen versehene Spielzeuge hinterlassen hatten, die explodierten, sobald aufgeregte Kinder sie aufhoben.

[…]

Mir ist klar, dass wir hier nicht darüber debattieren, ob Israel ein Apartheid- oder Völkermordstaat ist. In dieser Debatte geht es letztlich um den Wert palästinensischer Leben; um den Wert unserer Schulen, Forschungszentren, Bücher, Kunst und Träume; um den Wert der Häuser, für deren Bau wir unser Leben lang gearbeitet haben und die die Erinnerungen von Generationen bergen; um den Wert unserer Menschlichkeit und unserer Handlungsfähigkeit; um den Wert von Körpern und Ambitionen.

Am Ende ihrer Rede wendet sich Susan Abulhawa direkt an die Zionisten:

Wir ließen euch in unsere Häuser, als eure eigenen Länder versuchten, euch zu ermorden, und alle anderen euch abwiesen. Wir ernährten und kleideten euch, gaben euch Obdach und teilten den Reichtum unseres Landes mit euch. Doch als die Zeit reif war, vertriebt ihr uns aus unseren Häusern und unserer Heimat, habt unsere Leben gemordet, geraubt, gebrandschatzt und geplündert.

[…]

Ihr habt alle Grenzen überschritten und die abscheulichsten menschlichen Triebe genährt, doch nun erahnt die Welt endlich den Schrecken, den wir so lange durch eure Hände erdulden mussten, und sie erkennt euer wahres Gesicht, das, was ihr schon immer wart. Sie beobachtet mit fassungslosem Entsetzen den Sadismus, die Schadenfreude, die Freude und das Vergnügen, mit denen ihr die täglichen Details der Zerstörung unserer Körper, unserer Seelen, unserer Zukunft und unserer Vergangenheit vollzieht, diese beobachtet und bejubelt.

Aber die vielleicht wichtigste Botschaft ist: Eines Tages wird die Nakba zu Ende sein.

Eines Tages werden eure Straflosigkeit und eure Arroganz ein Ende haben. Palästina wird frei sein; es wird zu seiner multireligiösen, multiethnischen und pluralistischen Pracht zurückkehren; wir werden die Zugverbindungen von Kairo über Gaza nach Jerusalem, Haifa, Tripolis, Beirut, Damaskus, Amman, Kuwait, Sanaa und so weiter wiederherstellen und ausbauen; wir werden der zionistisch-amerikanischen Kriegsmaschinerie der Herrschaft, Expansion, Ausbeutung, Umweltverschmutzung und Plünderung ein Ende setzen.

…und entweder geht ihr, oder ihr lernt endlich, mit anderen auf Augenhöhe zu leben.

Susan Abulhawa hielt diese bemerkenswerte Rede im Jahr 2024 in dem sehr altehrwürdigen akademischen Debattierklub Oxford Union. Die Oxford Union gilt manchen als „die letzte Bastion der freien Rede“. Doch wenn es um Israel geht, hat die Redefreiheit offenbar auch in der Oxford Union ihre Grenzen. Abulhawas Debattenbeitrag hatte nämlich ein Nachspiel: Die Oxford Union lädt die Debatten auf einem eigenen YouTube-Kanal hoch. Das geschah auch mit Abulhawas Rede. Zunächst wurde die Rede im vollen Wortlaut hochgeladen. Danach jedoch wurde diese Version durch eine zensierte Version ersetzt. Mehrere Minuten wurden herausgeschnitten, obwohl Abulhawa zuvor vertraglich zugesichert wurde, dass ihre Rede im vollen Wortlaut veröffentlicht werden würde.

Studierende aus Oxford setzten sich dafür ein, die Zensurmaßnahme rückgängig zu machen und die ungekürzte Rede hochzuladen. Daraufhin wurde den Studierenden gedroht, ihrer Vereinigung die Räumlichkeiten zu entziehen.

Eine unzensierte Videoaufnahme von Abulhawas Rede findet man hier. Transkriptionen in verschiedenen Sprachen kann man hier nachlesen.

Das European Legal Support Center (ELSC) unterstützt eine Klage Abulhawas. Sie verlangt von der Oxford Union die Veröffentlichung Ihrer Rede in voller Länge. Das ELSC hat auch einen offenen Brief zur Unterstützung Abulhawas verfasst, den man hier unterschreiben kann.

Das European Legal Support Center unterstützt PalästinenserInnen und palästinasolidarische Gruppen bei gerichtlichen Auseinandersetzungen in Europa. In jüngster Vergangenheit konnten dabei einige Erfolge verbucht werden. Unter anderem siegte die antizionistische Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost gegen den deutschen Verfassungsschutz. Ein deutsches Gericht urteilte, dass die Einstufung der Jüdischen Stimme als „gesichert extremistisch“ nicht rechtens war.

Das European Legal Support Center freut sich über finanzielle Unterstützung. Spenden kann man hier.

Quellen:

Ilan Pappe, Die ethnische Säuberung Palästinas. Stuttgart, 4. Aufl. 2024.

https://www.aljazeera.com/video/by-the-numbers-3/2026/5/15/this-is-the-palestinian-nakba-measured-in-land-taken#flips-6395661887112:0

https://peaceandplanetnews.org/susan-abulhawas-powerful-address-at-the-oxford-union

https://www.trtworld.com/article/99610ac50e66

https://supportsusan.com

duck://player/tnadx3_fR3Y

https://www.friedenskooperative.de/friedensforum/artikel/was-geschieht-eigentlich-hinter-der-mauer-in

https://en.wikipedia.org/wiki/Demographic_history_of_Palestine_(region)

https://palestinenexus.com/articles/brief-history-israels-wars-gaza-20082023


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