„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 1)
Mehr als 50 Schiffe der Global Sumud Flotilla verließen vergangene Woche den Hafen der türkischen Stadt Marmara in Richtung Gaza. Während die AktivistInnen unterwegs waren, sprach ein palästinensischer Journalist in Gaza mit Menschen auf der Straße über die Global Sumud Flotilla.
Man hätte meinen können, den Menschen in Gaza wäre diese Aktion herzlich egal. Die Situation in Gaza wird immer schlimmer. Vor den Bäckereien stehen die Menschen stundenlang Schlange und müssen oft ohne Brot nach Hause gehen, weil es nicht für alle reicht. Krankheiten breiten sich aus, und es fehlt an Medizin. Zu allen anderen Übeln kommt jetzt noch eine Rattenplage. Die Menschen getrauen sich nicht mehr zu schlafen, weil die Ratten von Gaza sich daran gewöhnt haben, Menschenfleisch zu fressen; und sie machen keinen Unterschied zwischen den Toten und den Lebenden. Währenddessen gibt es fast täglich tödliche Angriffe der israelischen Armee.
Die Menschen in Gaza haben also genug mit dem täglichen Kampf um ihr eigenes Überleben zu tun. Dennoch sind sie gut informiert über die Global Sumud Flotilla – gut informiert und dankbar. Es geht dabei nicht in erster Linie um die Hilfsgüter auf den Booten. Es geht darum, dass die Welt an Gaza erinnert wird. Was mich besonders berührt hat: Die Interviewten äußerten Sorge um das Wohlergehen der AktivistInnen.
Am Montag und Dienstag enterten israelische Soldaten in internationalen Gewässern vor Zypern alle Boote dieser Flotte. Die mehr als 400 AktivistInnen vieler unterschiedlicher Nationalitäten wurden gefangen genommen und nach Israel verschleppt.
Einen Tag später, am Mittwoch, veröffentlichte der israelische Minister Ben-Gvir ein Video, das ihn selbst inmitten einer großen Zahl von Flotilla-AktivistInnen zeigt: Ein Platz im israelischen Hafen Ashdod. Auf dem Boden knien Dutzende Menschen, die Hände auf dem Rücken gefesselt, extrem nach vorn gebeugt, mit dem Gesicht auf dem Boden. Ben-Gvir steht mittendrin, in strahlender Laune, schwenkt eine große israelische Fahne und ruft: „Willkommen in Israel. Das Land gehört uns, und so soll es sein!“ Auf Containern rund um den Platz stehen israelische Soldaten und richten ihre Maschinengewehre auf die Gefangenen.
Dieses Video löste eine so noch nie dagewesene internationale Welle der Empörung aus. Etliche israelische Botschafter wurden zum Rapport einbestellt, unter anderem in Italien, in Frankreich, in Portugal, in Spanien, in den Niederlanden und in Kanada.
Der südkoreanische Präsident Lee Jay Myung wies darauf hin, dass Israel mit dem Angriff auf die Schiffe in internationalen Gewässern internationales Recht verletzt habe. Portugals Außenminister verurteilte das „nicht tolerierbare Verhalten“ Ben-Gvirs. Der spanische Außenminister bezeichnete die Behandlung der AktivistInnen als „monströs“. Die irische Außenministerin zeigte sich „schockiert“ und forderte die sofortige Freilassung der AktivistInnen. Dasselbe forderte ein Sprecher des indonesischen Außenministeriums. Auch die Türkei, Jordanien, Pakistan, Bangladesch, Brasilien, Kolumbien und die Malediven verurteilten das israelische Vorgehen als „eklatante Verletzungen des internationalen Rechts und der Menschenrechte“.
Der Präsident des Europäischen Rates zeigte sich „entsetzt“ und nannte Ben-Gvirs Verhalten „absolut unakzeptabel“. Italien verlangte eine Entschuldigung von Israel. Der italienische Außenminister wandte sich an Kaja Kallas, die EU-Außenministerin, und forderte, dass beim nächsten Treffen der EU-Außenminister Sanktionen gegen Ben-Gvir diskutiert werden müssten. Selbst der extremistische evangelikale Zionist Mike Huckabee, US-Botschafter in Israel, kritisierte Ben-Gvir: Dieser habe „die Würde seiner Nation verraten“.
Diese Welle der internationalen Empörung dürfte die israelische Regierung wohl nicht erwartet haben. Mehrere israelische Politiker, darunter Regierungsmitglieder, sahen sich genötigt, sich in Schadensbegrenzung zu versuchen. Premierminister Netanjahu erteilte seinem Sicherheitsminister einen öffentlichen Rüffel: Die Weise, wie Ben-Gvir mit den Flotilla-Aktivisten umgesprungen sei, entspreche nicht „israelischen Werten und Normen“. In dasselbe Horn, nur deutlich angriffiger, blies Außenminister Saar. In einem Post auf X wandte sich Saar direkt an Ben-Gvir: „Durch deine schändliche Vorführung hast du wissentlich unserem Staat Schaden zugefügt – und das nicht zum ersten Mal.“ Ben-Gvir habe die „gewaltigen, professionellen und erfolgreichen Anstrengungen so vieler Menschen zunichte gemacht.“ Was Saar damit sagen wollte, drückt ein Kommentator so aus: Ben-Gvirs Video habe Israels millionenschwere Propaganda-Kampagne (auf neuhebräisch: „Hasbara“) auf einen Schlag zerschmettert.
Der internationale Druck zeigte Wirkung: Bereits am Donnerstag wurden – alhamdullilah – sämtliche Flotilla-AktivistInnen freigelassen und landeten wohlbehalten in ihren Heimatländern oder in sicheren Drittstaaten.
Natürlich waren die vereinigte Empörung der internationalen Gemeinschaft über das Ben-Gvir-Video richtig und wichtig. Und doch hinterlässt sie bei mir gemischte Gefühle und einen bitteren Nachgeschmack. Denn dieses neue Ben-Gvir-Video erinnert mich an ein anderes, aber sehr ähnliches Video. Es entstand im israelischen Ofer-Gefängnis am 13. Februar 2026: Schwerbewaffnete Soldaten zerren Gefangene aus ihren Zellen. Die Hände der Männer sind mit Kabelbindern auf dem Rücken gefesselt. Sie müssen sich auf den Boden legen, mit dem Gesicht nach unten. Ben-Gvir brüstet sich, dass dies inzwischen die Standardbehandlung palästinensischer Gefangener sei. Das sei eine historische Leistung. So müsse man Terroristen behandeln. Das sei aber noch nicht genug. Sie müssten alle hingerichtet werden: „Tod den Terroristen. Sie müssen exekutiert werden. Durch Hängen, durch die Todesspritze, durch den elektrischen Stuhl – was auch immer; Hauptsache, sie werden exekutiert.“
Auch dieses Video hat Ben-Gvir selbst gepostet. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem, die sich besonders mit der Situation palästinensischer Gefangener in israelischen Gefängnissen befasst verbreitete es über ihre Social-Media-Kanäle. Ich habe den Link zu diesem Video Anfang April an etwa ein Dutzend Wissenschaftler-KollegInnen geschickt, mit der Bitte, sich das Video anzusehen. In einem Begleittext habe ich darüber informiert, dass in Israel ein Gesetz verabschiedet wurde, das die Todesstrafe de facto ausschließlich für Palästinenser vorsieht. Ich weiß nicht, ob jemand von den AdressatInnen das Video angeschaut hat. Ich bekam nicht eine einzige Reaktion auf meine Mail. Ich weiß aber, dass manche der AdressatInnen stolz darauf sind, die Universalität der Menschenrechte zu verteidigen.
Meine Erfahrung im Kleinen war ein Spiegelbild des großen Ganzen: Es gab keine große internationale Welle der Empörung. Mir ist nicht bekannt, dass irgendwo ein israelischer Botschafter einbestellt worden wäre, um auf diese Weise offizielle staatliche Missbilligung gegen die demütigende Behandlung palästinensischer Gefangener auszudrücken.
Die entwürdigende Behandlung von Spaniern, Franzosen, Italienern empört westliche Politiker und Medien. Die entwürdigende Behandlung von Palästinensern erzeugt bei den meisten keine Reaktion. Wie kann das sein? Wenn jeder Mensch die gleiche Würde hat, ist dann nicht die Entwürdigung eines jeden Menschen gleiches Unrecht und sollte daher die gleiche Reaktion hervorrufen? Was hat die ganze schöne Theorie von der Universalität der Menschenrechte für einen Wert, wenn in der Praxis die Verletzung der Würde von Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft unterschiedlich gewichtet wird?
Inzwischen fordert sogar der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Oskar Deutsch, den Rücktritt Ben-Gvirs. Deutsch ist ein Hardcore-Verteidiger der israelischen Politik. Den Flotilla-Aktivisten wirft er vor, die Hamas zu unterstützen. Seine Distanzierung von Ben-Gvir ist nichts weiter als ein leicht durchschaubarer Versuch, die Öffentlichkeit glauben zu machen, dass Ben-Gvir einfach nur ein einzelner fauler Apfel in einem Korb voll perfekter Früchte sei. In Wahrheit verkörpert Ben-Gvir den Geist des Zionismus in Reinform. Er vertritt die Ideologie und Politik des zionistischen Staates Israel in konsequenter Weise. Er ist auf einer Linie mit allen Regierungskollegen und auch mit dem allergrößten Teil der sogenannten „Opposition“ in Israel.
Die palästinensische Polit-Analystin Yara Hawari bringt es messerscharf auf den Punkt:
„Wie echt die Empörung auch sein mag, Sanktionen gegen Ben-Gvir treffen nur ein Rädchen in einer viel größeren genozidalen Maschine. Es ist dieselbe Taktik, die europäische Staaten auch gegenüber dem illegalen Siedlungsbau im besetzten Westjordanland anwenden: Man sanktioniert eine Handvoll gewalltätiger Siedler. Aber die staatliche Struktur, die das Siedlungsunternehmen plant, finanziert und schützt, rührt man nicht an. Die Geste erzeugt den Anschein von Konsequenzen, ohne das System zu bedrohen.
Dabei geht es nicht darum, Täter zur Verantwortung zu ziehen. Dabei geht es darum, dass die internationale Gemeinschaft eine Linie zieht, die weit genug von ihrer eigenen Komplizenschaft entfernt ist, damit sie sich sauber fühlen kann.“
Den Flotilla-AktivistInnen ist freilich nichts vorzuwerfen. Das sind sehr mutige und aufrechte Menschen. Jede und jeder Einzelne hat meinen allergrößten Respekt. Sie riskieren ihr Leben. Nicht erst seit dem Genozid in Gaza gibt es Versuche, die Seeblockade vor Gaza zu durchbrechen. Im Jahr 2010 versuchte die Mavi Marmara, Gaza auf dem Seeweg zu erreichen. Auch dieses Boot wurde von israelischen Soldaten in internationalen Gewässern abgefangen. Damals jedoch wurden neun der AktivistInnen an Bord von israelischen Soldaten erschossen. Schon damals waren internationale AktivistInnen für Israel nicht tabu; und heute sind sie es weniger denn je.
Noch einmal Yara Hawari:
„Für Saar und Netanjahu ist das Problem nicht, was Ben-Gvir tut; das Problem ist vielmehr, dass er es auf so dreiste Weise zeigt. Sie sorgen sich um die Optik – dass ein Video mit europäischen BürgerInnen einem europäischen Publikum das sichtbar macht, was seit langem gegenüber PalästinenserInnen Standard-Praxis ist.
Das Video zeigt nichts Außergewöhnliches. Mehr als 9.600 PalästinenserInnen werden derzeit in israelischen Einrichtungen gefangen gehalten. Von diesen sind mehr als 3.500 in Administrativhaft, ohne Anklage und Verfahren auf unbestimmte Zeit inhaftiert. Unter den Gefangenen sind Hunderte Kinder. Gefangene werden systematisch ausgehungert; sie werden geschlagen; es wird ihnen medizinische Versorgung verweigert; und die sexuelle Gewalt reicht von erzwungener Nacktheit bis zur Vergewaltigung. Seit Oktober 2023 starben mindestens 84 palästinensische Gefangene in israelischer Haft an den Folgen von Folter, Hunger und medizinischer Vernachlässigung. […]
Saar beendet seinen Post an Ben-Gvir mit der Behauptung, dass „dies nicht Israels Gesicht“ sei. Das ist falsch. Das ist Israels Gesicht. Es ist gewalttätig. Es ist hässlich. Und es ist grausam.“
Das ist die Wahrheit.
Der Analyst Mohamad Elmasry meint, dass die jahrzehntelange Straflosigkeit Israel unvorsichtig gemacht habe, und dass die Arroganz, mit der die Täter ihre Untaten zur Schau stellen, Israels Position schwächen werde. Denn: „Wenn Misshandlungen so normal werden, dass sie gefilmt, gepostet und gefeiert werden, dann wird es für den Rest der Welt schwieriger, wegzuschauen.“
Ich wünsche mir sehr, dass Elmasry mit dieser optimistischen Analyse Recht behält. Wenn nur ein paar Menschen jetzt angefangen haben, sich für die Behandlung palästinensischer Gefangener in israelischen Gefängnissen zu interessieren, dann war diese Fahrt der Global Sumud Flotilla nicht vergeblich.
Quellen:
https://www.youtube.com/watch?v=q5nZRNjgGv8
https://www.bbc.com/news/articles/c142vz80553o
https://www.aljazeera.com/opinions/2026/5/21/this-is-the-face-of-israel
https://www.instagram.com/reels/DU1AJVQjixQ
https://religion.orf.at/stories/3235651
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