Gestern, am Freitag, um 16.00 Ortszeit (13.00 mitteleuropäischer Zeit) trat offiziell der zwischen dem Iran und den USA ausgehandelte Waffenstillstand in Kraft. Dieser Waffenstillstandes soll – offiziell – auch für den Libanon gelten. Offiziell hat auch Israel diesen Waffenstillstand akzeptiert. Doch Israel hat schon in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass es Waffenstillstandsabkommen auf sehr spezielle Weise interpretiert: Die anderen sollen das Feuer einstellen, damit Israel ungehindert weiter vertreiben, zerstören, rauben und töten kann. So auch in diesem Fall: In den ersten 45 Minuten des sogenannten „Waffenstillstandes“ flog die israelische Armee nicht weniger als 12 Luftangriffe auf den Libanon. Darüber hinaus gab es in manchen Gebieten ununterbrochen israelisches Artilleriefeuer.
Journalistin Heidi Pett berichtete am Freitag Nachmittag zwischen 16.00 und 17.00 aus der südlibanesischen Stadt Tyre über die israelischen Angriffe. Sie kommentierte:
Also, es fühlt sich hier einmal mehr nicht sehr nach einem Waffenstillstand an. Man hat wirklich den Eindruck, das ist ein déjà vue. Jedes Mal, wenn ein Waffenstillstand diskutiert wird, jedes Mal, wenn ein Waffenstillstand angekündigt wird, sehen wir fortgesetzte militärische Aktivität. […] Vor einigen Minuten sagte der israelische Militärsprecher live, dass Israel sich nicht die „operationale Freiheit“ nehmen lasse, auf Bedrohungen durch die Hisbollah hier im Südlibanon zu reagieren. Deshalb fragen sich viele Leute hier, auch Zivilisten: Was bedeutet ein Waffenstillstand eigentlich?
In der Tat: ein déjà vue. Bevor ich an die Serie der von Israel gebrochenen Waffenstillstände erinnere, ein ganz kurzer historischer Exkurs zur Hisbollah:
Die Hisbollah entstand als Reaktion auf die israelische Invasion im Libanon 1978. Von 1978 bis 2000 hatte Israel den Süden des Landes besetzt. Die Besatzung brachte viel Leid über die Bevölkerung. Ältere Libanesen können heute noch über die israelischen Foltergefängnisse in der Besatzungszone berichten. Ihre Schilderungen ähneln denen von Palästinensern, die die Foltergefängnisse in Israel überlebt haben. Nach 22 Jahren zog sich die israelische Armee aus dem Süden des Libanon zurück, und das war maßgeblich dem bewaffneten Kampf der Hisbollah zu verdanken. Allerdings war der Rückzug – aus libanesischer Sicht – nicht vollständig, weil Israel weiterhin ein libanesisch-syrisches Grenzgebiet besetzt hielt. Dies führte zu weiteren bewaffneten Auseinandersetzungen. In den folgenden Jahren führte die Hisbollah auch Angriffe auf den Norden Israels durch. Dabei gab es Todesopfer und Verletzte unter der israelischen Zivilbevölkerung.
Anfang Oktober 2023 begann die Hisbollah Angriffe auf den Norden Israels, um die Palästinenser in Gaza zu unterstützen. Von 27. November 2024 bis Anfang März 2026 gab es offiziell einen Waffenstillstand zwischen der libanesischen Hisbollah und Israel. Die Hisbollah hielt sich weitgehend daran. Israel hingegen verletzte den Waffenstillstand fast täglich, allein im Jahr 2025 mehr als 1.600 Mal. Insgesamt starben durch israelische Angriffe im Libanon von November 2024 bis Januar 2026 mehr als 330 Menschen, darunter mindestens 127 ZivilistInnen. Knapp 1.000 wurden verwundet. Auch UNO-Soldaten und Soldaten der regulären libanesischen Armee wurden angegriffen.
Entgegen der Abmachung zog sich die israelische Armee aus dem Südlibanon nicht zurück, sondern fuhr fort mit der systematischen Zerstörung ganzer Ortschaften, um die Geflüchteten an der Rückkehr in ihre Heimatorte im Süden zu hindern.
Die Hisbollah nahm ihre Angriffe auf Israel erst Anfang März 2026 wieder auf, nachdem Israel gemeinsam mit den USA völkerrechtswidrig den mit mit der Hisbollah eng verbündeten Iran angegriffen hatte. Israel nahm dies zum Anlass für eine erneute militärische Eskalation. Seit 2. März starben im Libanon mehr als 4.000 Menschen durch israelische Angriffe, mehr als 12.000 wurden verletzt. Mehr als eine Million Menschen sind Flüchtlinge innerhalb des Landes, vertrieben durch Bombardierungen und Zerstörungen durch die israelische Armee. Die meisten Opfer stammen aus dem Süden des Landes. Die reguläre libanesische Armee rührt keinen Finger, um die Bevölkerung des Südens vor der israelischen Aggression zu schützen und ihnen die sichere Rückkehr in ihre Heimatorte zu ermöglichen. Auch für die libanesische Regierung scheint das Wohlergehen der Menschen aus dem Süden des Landes keine Priorität zu haben.
Mitte April wurde ein auf 10 Tage befristeter Waffenstillstand zwischen Israel und der Hisbollah vereinbart. Während die Hisbollah sich daran hielt, brach Israel auch diesen Waffenstillstand vom ersten Tag an. Überdies erklärte die israelische Regierung, dass die israelische Armee den Süden des Libanon dauerhaft besetzen würde. Während dieses „Waffenstillstandes“ zerstörte Israel Dutzende Ortschaften.
Am gestrigen Freitag starben durch Angriffe der israelischen Armee im Libanon mindestens 83 Menschen, mehr als 140 wurden verletzt. Diese Zahlen gab das libanesische Gesundheitsministerium heute bekannt.
Die Hisbollah greift inzwischen wieder israelische Truppen an. Sie sagt, sie tue das, um die israelische Armee am weiteren Vorrücken zu hindern. Israel beschwert sich nun, dass die Hisbollah den Waffenstillstand verletzt.
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Déjà vue. Was gestern und heute im Libanon geschah, sehen wir – in ganz ähnlicher Form – seit Monaten in Gaza: Auch dort gilt offiziell seit Oktober 2025 ein Waffenstillstand, und zwar zwischen der israelischen Armee und der Hamas (und anderen bewaffneten Gruppen, die mit der Hamas kooperieren). In der Realität ist dieser Waffenstillstand aber ähnlich einseitig wie jener zwischen der libanesischen Hisbollah und der israelischen Armee zwischen November 2024 und Anfang März 2026.
Seit Beginn des sogenannten „Waffenstillstands“ vor mehr als acht Monaten vergeht kaum ein Tag ohne israelische Angriffe in Gaza. Mehr als 2.000 Verletzungen des Waffenstillstandes durch Israel sind dokumentiert. Die israelische Armee bombardiert und beschießt Ziele in jenen knapp 40 Prozent des Territoriums von Gaza, die westlich der sogenannten „gelben Linie“ liegen. Das ist jenes Territorium, in dem jetzt die ca. zwei Millionen Einwohner Gazas zusammengedrängt täglich ums Überleben kämpfen. Wer sich der „gelben Linie“ nur nähert, riskiert, von einem israelischen Scharfschützen erschossen zu werden. Dazu kommen wiederholte Überfälle palästinensischer Banden, die von der israelischen Armee ausgerüstet und versorgt werden, und die ihre Stützpunkte östlich der „gelben Linie“ haben.
Zur Erinnerung: Gaza war bereits vor der israelischen Invasion eines der am dichtest besiedelten Gebiete der Welt. Nun ist das Territorium um mehr als die Hälfte verkleinert und die zivile Infrastruktur weitgehend zerstört. Im nicht israelisch besetzten Teil Gazas gibt es praktisch keine landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Die Einfuhr von Hilfsgütern wird von Israel kontrolliert und nur sehr restriktiv erlaubt. Es gibt viel zu wenig Wasser, zu wenig Strom, zu wenig zu essen, zu wenig Medikamente. Die meisten Menschen leben in Zelten oder in kriegszerstörten Gebäuden. Das Abwassersystem ist zerstört. Müll kann nicht geregelt entsorgt werden, vor allem, weil die großen Deponien im israelisch kontrollierten Gebiet liegen. Ungeziefer und Krankheiten breiten sich aus. Die Reste des einst guten Gesundheitssystems von Gaza sind hoffnungslos überlastet. Nach wie vor erlaubt Israel nur sehr wenigen Menschen die Ausreise aus Gaza aus medizinischen Gründen.
Die Lebensbedingungen in Gaza allein sind schon ein stiller Genozid. Aber offenbar geht den Israelis das zu langsam. Diese Woche meldete das Gesundheitsministerium von Gaza, dass seit Beginn des „Waffenstillstandes“ im Oktober 2025 mehr als 1.000 Menschen durch israelische Angriffe getötet wurden. Mehr als 3.100 wurden verletzt. Nach Angaben der UNICEF sind von den mehr als 1.000 Todesopfern mehr als ein Viertel Kinder. Das bedeutet, dass während des „Waffenstillstandes“ im Schnitt jeden Tag ein palästinensisches Kind in Gaza von der israelischen Armee getötet wurde. Im selben Zeitraum starben in Gaza bei Kampfhandlungen vier israelische Soldaten.
Die israelischen Soldaten setzen Drohnen ein, Kampfhubschrauber, Scharfschützen, Militärboote. Sie schießen auf Männer, Frauen und Kinder. Sie töten die Menschen auf den Straßen, in ihren Zelten, in Cafés. Sie beschießen die wenigen Fischer, die sich noch in ihren verbliebenen winzigen Booten aufs Meer trauen. Die von ihnen kontrollierten Gebiete machen sie systematisch dem Erdboden gleich.
Der 14. Juni war ein Sonntag. Vier Männer saßen an einem Tisch im Freien zusammen. Auf dem Tisch standen Teegläser. Plötzlich bricht einer der vier auf seinem Plastikstuhl zusammen. Er wurde von einem Geschoß einer Drohne getroffen. Seine Freunde brachten ihn ins Krankenhaus, doch er erlag seinen Verletzungen. Er war einer von sieben Menschen, die an diesem Tag von der israelischen Armee in Gaza ermordet wurden.
Am Abend desselben Tages ging Bahaa Abu al-Ajeen auf einer Straße in der Nähe der „gelben Linie“. Er war unterwegs zu seinen Gewächshäusern. Dabei trug er seinen dreijährigen Sohn Rayan auf dem Arm. Eine Kugel aus einem israelischen Gewehr drang von hinten in den Kopf des Dreijährigen ein und trat aus einem seiner Augen wieder aus. Das ist Alltag in Gaza, im „Waffenstillstand“.
Am 18. Juni erfolgte am hellen Tag in Gaza-Stadt auf einer sehr belebten Straße ein Drohnenangriff auf ein Auto. Mindestens drei Menschen starben, zahlreiche wurden verwundet. Nur einer der drei Toten konnte identifiziert werden. Es war ein Mann, der nächste Woche heiraten wollte. Am selben Tag wurde im Norden Gazas ein Mädchen durch israelisches Gewehrfeuer getötet. Das ist Alltag in Gaza, im „Waffenstillstand“, Tag für Tag, seit mehr als acht Monaten.
Seit 7. Oktober 2023 starben in Gaza mehr als 73.000 Menschen durch israelische Angriffe. Mehr als 170.000 wurden verwundet.
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Die israelische Armee führt im Süden des Libanon jene Art von Krieg, die sie seit mehr als zwei Jahren in Gaza erprobt hat. Die Behauptung der israelischen Armee, im Libanon würden ausschließlich Stützpunkte der Hisbollah angegriffen, ist ebenso eine durchsichtige Lüge wie die Behauptung, in Gaza würden ausschließlich Stützpunkte der Hamas angegriffen. Auch im Libanon wurden gezielt Rettungskräfte angegriffen, oft durch sogenannte „double taps“ (Doppelschläge), das heißt: Israel greift ein beliebiges Ziel an, wartet dann auf die Rettungskräfte, die kommen, um den Opfern zu helfen und schlägt dann erneut an derselben Stelle zu. Diese Taktik kennen wir aus Gaza.
Die Ziele sind ebenfalls ähnlich: Sowohl in Gaza als auch im Libanon (und im Westjordanland) geht es darum, das Territorium Israels zu vergrößern, indem die einheimische Bevölkerung dauerhaft vertrieben und das Land von Israel besetzt und langfristig jüdisch besiedelt wird.
Israel beruft sich auf seine legitimen Sicherheitsinteressen. Rechtfertigt dies aber Zehntausende Tote und millionenfache Vertreibung, wenn die große Mehrheit der Opfer keine bewaffneten Kämpfer sind? Wenn ja, was ist dann mit den legitimen Sicherheitsinteressen der Palästinenser, der Libanesen, der Syrer, der Iraner? Wenn Israel das Recht hat, seine Sicherheit mit allen Mitteln zu verteidigen, müsste man dieses Recht dann nicht auch den Libanesen, den Palästinensern, den Syrern und den Iranern zugestehen? Warum unterstützen unsere Regierungen dann die einen militärisch und politisch, während sie die anderen als „Terroristen“ klassifizieren?
Es ist eigentlich ganz einfach: Sicherheit für die BürgerInnen des eigenen Landes ist ein legitimes Ziel. Das gilt aber für alle BürgerInnen aller Länder. Ebenso gilt universell, dass auch ein legitimes Ziel nicht alle Mittel rechtfertigt. Welche Mittel zur Durchsetzung legitimer Ziele gerechtfertigt sind und welche nicht, legt das Völkerrecht fest. Dieses muss für alle gelten. Die Vergrößerung des Territoriums eines Landes zugunsten der eigenen Bevölkerung auf Kosten der Bevölkerung eines anderen Landes ist niemals ein legitimes Ziel. Auch das gilt für alle.
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Quellen:
https://aje.news/cllifw?update=4679297
https://aje.news/cllifw?update=4678945
https://aje.news/60c7xu?update=4256621
https://aje.io/n0z5hc?update=4208654
https://aje.io/3rwmsa?update=4122110
https://aje.io/3rwmsa?update=4122096
https://en.wikipedia.org/wiki/2024_Israel%E2%80%93Lebanon_ceasefire_agreement
https://aje.io/0x42h1?update=4111023
https://aje.news/o3j66i?update=4681685
https://aje.news/o3j66i?update=4681685
https://en.wikipedia.org/wiki/History_of_Hezbollah
https://aje.news/cllifw?update=4679001
https://aje.news/cllifw?update=4679265
https://aje.news/u37s0w?update=4599817
https://aje.news/cllifw?update=4677584