Das Verbrechen, Arzt zu sein

Bild: Dr. Husam Abu Safiyah am 10. Juni 2026 im israelischen Nafha-Gefängnis, während der Verhandlung über seine Berufung am Obersten Gericht Israels. Quelle: https://www.palestinechronicle.com/appeal-rejected-israeli-court-extends-detention-of-dr-hussam-abu-safiya/

Über Dr. Husam Abu Safiyah habe ich in diesem Blog schon mehrfach berichtet. Der heute 53 Jahre alte Kinderarzt war Leiter des Kamal-Adwan-Krankenhauses im Norden Gazas. Das Krankenhaus war im Herbst/Winter 2024 über viele Wochen von der israelischen Armee belagert und immer wieder beschossen und bombardiert worden. Gebäude und medizinische Einrichtungen wurden schwer beschädigt. Es fehlte an Medikamenten, medizinischem Material, Energie, Nahrung und Wasser. Die israelische Armee befahl Dr. Abu Safiyah, das Krankenhaus zu evakuieren. Dieser weigerte sich, weil es für seine PatientInnen keine Alternative gab. Außerdem sendete er immer wieder Videobotschaften in die Welt, in der er von der verzweifelten Situation in seinem Krankenhaus berichtete und die Welt um Hilfe bat – vergeblich. Er wurde zum Symbol des Leidens, aber auch der Widerstandskraft, des Mutes und der Opferbereitschaft seines Volkes.

Dr. Abu Safiyah ist mit einer Kasachin verheiratet und besitzt die kasachische Staatsbürgerschaft. Er hätte auch noch nach Ausbruch des Krieges im Oktober 2023 die Möglichkeit gehabt, den Gazastreifen zu verlassen. Er entschied sich, gemeinsam mit seiner Familie, in Gaza zu bleiben, und als Arzt seinem leidenden Volk zu dienen.

Ende Oktober 2024 ermordete die israelische Armee Dr. Abu Safiyahs 15jährigen Sohn direkt vor dem Krankenhaus. Dr. Abu Safiyah blieb und arbeitete weiter. Ende November drang eine israelische Kampfdrohne in sein Büro im Krankenhaus ein und verletzte ihn schwer. Sobald seine Verwundung es zuließ, nahm er seine Arbeit wieder auf.

Ende Dezember 2024 wurde das Krankenhaus von der israelischen Armee gestürmt, und Dr. Abu Safiyah wurde nach Israel verschleppt und dort inhaftiert. Es wurde keine Anklage gegen ihn erhoben. Er wurde als „unrechtmäßiger Kämpfer“ eingestuft. Dies ist ein Status, der es nach israelischem (Un-)Recht erlaubt, Menschen ohne Anklage und Verfahren beliebig lange in Haft zu halten.

Seit eineinhalb Jahren hat Dr. Abu Safiyah kaum Kontakt zur Außenwelt. Seine Familie darf ihn nicht besuchen. Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes haben generell keinen Zugang zu palästinensischen Gefangenen in israelischen Haftanstalten. Die wenigen Informationen, die über seine Situation nach draußen gelangten, stammten von den seltenen Anwaltsbesuchen und von Berichten anderer Gefangener. Es besteht der begründete Verdacht, dass Dr. Abu Safiyah in der Haft gefoltert wurde. Auf jeden Fall leidet er unter unmenschlichen Haftbedingungen, Aushungerung und Verweigerung dringend nötiger medizinischer Behandlung.

An Versuchen von verschiedenen Organisationen, die israelischen Behörden zur Freilassung von Dr. Abu Safiyah zu bewegen, fehlte es nicht. Einzige Wirkung bisher: Verschärfung der Haftbedingungen.

Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtete am 8. Juni:

Der israelische Strafvollzugsdienst hat den Direktor eines großen Krankenhauses im Gazastreifen, der seit 2024 in Israel inhaftiert ist, in Einzelhaft verlegt, nachdem sein Anwalt gegen die Fortsetzung seiner Haft Einspruch eingelegt hatte.

[…]

Ende Mai reichte die Organisation „Legal Action Worldwide“ beim Obersten Gerichtshof Israels eine Klage gegen seine erneute Inhaftierung in Israel ein. Nach Angaben anderer Häftlinge im israelischen Ketziot-Gefängnis wurde Abu Safiya aus seiner Zelle geholt und in die Einzelhaft im Nafcha-Gefängnis verlegt, das sich in der Nähe von Mitzpe Ramon im Negev befindet.

Nach seiner Isolierung beantragte Abu Safiyas Anwalt, Nasser Odeh, beim Obersten Gerichtshof eine Beschleunigung der Anhörung, doch der Staat legte Einspruch gegen diesen Antrag ein. Die Gerichtsverhandlung ist für Mittwoch (10. Juni 2026) angesetzt.

„Einzelhaft“ in israelischen Gefängnissen bedeutet: eine Zelle, die ca. 1 Meter mal 1 Meter groß ist, ein Loch also, in dem man nicht einmal ausgestreckt liegen kann. Das ist Folter.

Die „Anhörung“ vor dem Obersten Gerichtshof Israels fand tatsächlich am 10. Juni statt.

Dr. Hussam Abu Safiya war nicht persönlich anwesend, sondern wurde per Video-Livestream aus dem Gefängnis zugeschaltet – eine gängige Praxis für palästinensische Gefangene. […] Der Arzt versuchte, mit seinem Anwalt zu sprechen, bevor israelische Gerichtsmitarbeiter die Sicht auf den Bildschirm versperrten und dann die Verbindung unterbrachen, wodurch anwesende Journalist*innen daran gehindert wurden, den Austausch oder den Videoauftritt zu filmen.

Ein Bildschirmfoto aus dem Gerichtssaal fand dennoch seinen Weg in die sozialen Medien. Es zeigt einen stark abgemagerten und vorzeitig gealterten Mann, der mit Handschellen gefesselt ist. Über seinen Anwalt teilte er dem Gericht mit: „Meine Haft ist ungerechtfertigt und willkürlich, und ich verlange meine unverzügliche Freilassung. Ich bin ein Kinderarzt, der die verwundeten und verwundbaren Menschen im Gaza-Streifen medizinisch versorgt.“

Der Anwalt versuchte, mit Dr. Abu Safiya zu kommunizieren, doch es schien, als könne Dr. Abu Safiya ihn nicht hören. […] Der Anwalt erklärte im Gericht wiederholt, er könne seinen Klienten Dr. Abu Safiya weder sehen noch hören, „nachdem seine Entführer die Kamera ausgeschaltet haben“.

Das Gericht lehnte die Berufung ab. Dr. Abu Safiyah bleibt also weiter in unrechtmäßiger israelischer Gefangenschaft. Sowohl die Familie als auch Hilfsorganisationen beurteilen Dr. Abu Safiyahs Gesundheitszustand als besorgniserregend und fürchten um sein Leben. Er ist einer von insgesamt 14 Ärzten aus Gaza, die derzeit in israelischen Anstalten gefangen gehalten werden. Aber nicht alle werden so hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt wie Dr. Abu Safiyah.

Einer der palästinensischen Ärzte, die in israelischen Haftanstalten festgehalten werden, berichtete Haaretz, dass in dem Trakt, in dem er untergebracht ist, häufig Tränengas gegen die Insassen eingesetzt wird, das in den Hof und manchmal auch in den Trakt selbst geleitet wird, was bei den Häftlingen zu Atemnot und anhaltendem Brennen führt.

Alle inhaftierten Ärzte, zu denen Medien oder Menschenrechtsorganisationen Kontakt aufnehmen konnten, baten dringend um Hilfe bei der medizinischen Versorgung.

Im April reichte die PHRI [Physicians for Human Rights – Israel] beim Obersten Gerichtshof Israels eine Petition ein, in der sie die israelische Armee aufforderte, die 14 in Israel inhaftierten Ärzte aus Gaza freizulassen, doch die Petition wurde bislang noch nicht behandelt. Anwälte, die die Inhaftierten besucht haben, berichteten, dass sich die Behandlung durch das Gefängnispersonal in den letzten zwei Monaten verschlechtert habe. Den Anwälten zufolge beschlagnahmen die Gefängniswärter jeden Morgen die Matratzen der Inhaftierten und geben sie erst am Abend zurück, sodass diese gezwungen sind, den größten Teil des Tages auf Eisenbetten oder auf dem Boden zu sitzen oder zu liegen.

Außer den 14 Ärzten werden noch Hunderte weitere medizinische Mitarbeiter von Gesundheitseinrichtungen in israelischen Anstalten gefangengehalten – unter den geschilderten Bedingungen. Einige sind in israelischer Haft verstorben, darunter Dr. Adnan Ahmed Al-Bursh (Leiter der orthopädischen Chirurgie am Al-Shifa-Krankenhaus), Dr. Iyad Al-Rantisi (Leiter der Abteilung für Geburtshilfe am Kamal-Adwan-Krankenhaus), Hamdan Hassan Enaya (Sanitäter aus Khan Younis) und Ziad Mohammad Al-Dalu (Pfleger am Al-Shifa-Krankenhaus).

Dr. Ahmad Mhanna war Direktor des Al-Awda-Krankenhauses im Flüchtlingslager Jabalia gewesen. Er wurde am 16. Dezember 2023 von israelischen Soldaten festgenommen und verbrachte 22 Monate in israelischer Gefangenschaft. Er überlebte. In einem Bericht von Amnesty International erzählt er über seine Verhaftung, seine Stationen in israelischer Gefangenschaft und die Haftbedingungen.

Drei Monate nach meiner Inhaftierung wurde ich zum ersten Mal einem Richter vorgeführt, und zwar über einen kurzen Videoanruf per Laptop. Mir wurde gesagt, dass ich aufgrund von „geheimen Beweisen“ nach dem Gesetz über ungesetzliche Kombattanten festgehalten werde. Ironischerweise wurde ich in einer Anhörung beschuldigt, der Hamas anzugehören und in der nächsten der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas). Mein einziges wirkliches Verbrechen war, dass ich Arzt bin. 

Es gab nie ausreichend zu essen. Was die Gefangenen erhielten, war absichtlich verunreinigt worden. Sechs Monate lang gab es keine Seife, keine Zahnbürste, keine Dusche, keine frische Kleidung. 

Es herrschte weiterhin eine starke Überbelegung in Haft: 40 Personen waren in einem 50-Quadratmeter-Zelt untergebracht. Schließlich besuchten mich am 11. Oktober 2025 Vertreter*innen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und teilten mir mit, dass ich auf einer Liste von Personen stehe, die freigelassen werden sollten. Sie erwähnten die Bereitstellung eines „Würdekits“. Das Wort Würde zu hören, nachdem ich monatelang wie ein Tier behandelt worden war, war überwältigend. 

Ich wurde an einem Montag entlassen und kam um 18 Uhr im Nasser-Krankenhaus an, wo ich von meinen Kolleg*innen empfangen wurde. Ich war körperlich erschöpft und hatte 28 Kilogramm abgenommen. […]

Aktuell kämpfe ich weiter mit Schlaflosigkeit, Angstzuständen und Traumata. Aber trotz allem möchte ich weiterarbeiten. Ich war Arzt, als sie mich holten, und ich bin auch jetzt, nach meiner Rückkehr, ein Arzt. Mein Engagement für meine Patient*innen ist das Einzige, was sie mir nicht nehmen können. 

Quellen:

https://www.palestinemission.at/single-post/dr-hussam-abu-safiya-mehr-als-530-tage-ohne-anklage-in-gefangenschaft-entscheidung-%C3%BCber-freilassu

https://www.haaretz.com/gaza/2026-06-08/ty-article/.premium/israel-puts-gaza-hospital-director-in-solitary-after-lawyer-appealed-detention/0000019e-a855-db4c-ab9f-aedf89570000 [Deutsche Übersetzung: Aussendung 33/2026 von Martha Tonsern, Büro des Botschafters, Vertretung des Staates Palästina in Österreich, Slowenien und Kroatien.]

https://www.theguardian.com/world/2026/jun/09/israel-palestinian-doctor-hussam-abu-safiya-solitary-confinement-held-without-charge [Deutsche Übersetzung: Aussendung 33/2026 von Martha Tonsern, Büro des Botschafters, Vertretung des Staates Palästina in Österreich, Slowenien und Kroatien.]

https://www.palestinechronicle.com/appeal-rejected-israeli-court-extends-detention-of-dr-hussam-abu-safiya

https://www.aljazeera.com/news/2026/6/11/detained-gaza-doctor-hussam-abu-safia-shows-signs-of-torture-family-says

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Angriffe auf medizinische Einrichtungen und medizinisches Personal gehören zum Standardrepertoire der israelischen Armee. Das Muster wiederholt sich, nicht nur in Gaza, sondern auch in den jüngsten israelischen Angriffen auf den Libanon und den Iran.

Im Westjordanland werden palästinensische Krankenhäuser (noch?) nicht bombardiert, sondern „nur“ finanziell ausgehungert – allerdings ebenso mit fatalen Folgen für die Bevölkerung. Die emeritierte Professorin für Politikwissenschaft Helga Baumgarten berichtet am 27. Juni in der Jungen Welt:

Krankenhäuser können nur noch überlebensnotwendige Operationen durchführen. Das Geld fehlt überall, und es gibt inzwischen immer weniger Ärzte. Der entscheidende Grund dafür ist Israels finanzielle Erpressung und gezielte Untergrabung der palästinensischen Regierung in Ramallah. Seit Jahren überweist Tel Aviv keine Zolleinnahmen und keine Mehrwertsteuer mehr an die Palästinenser, obwohl dies in den Osloer Verträgen klar festgelegt war.

Das palästinensische Gesundheitsministerium hat inzwischen enorme Schulden sowohl bei privaten Krankenhäusern als auch bei pharmazeutischen Betrieben und ist nicht in der Lage, die Forderungen zu begleichen. Ärzte und Krankenpfleger bekommen seit Jahren nur maximal 50 Prozent ihres Gehaltes, manchmal noch weniger. Das trifft vor allem chronisch kranke Menschen in der Westbank, die weder die erforderliche Behandlung noch die für sie überlebensnotwendigen Medikamente erhalten.

[…]

Das israelische Regime gibt sich derweil nicht mit der Zerstörung des Gesundheitssystems zufrieden – seit Oktober 2023 in Gaza und heute in der Westbank. Genau wie im abgeriegelten Küstenstreifen stehen jetzt auch in der Westbank die Ärzte im Kreuzfeuer. Vergangenen Sonntag wurde Masen Rantisi, bekannt als der „Arzt der Armen“, völlig grundlos verhaftet. Seitdem wird er in einem israelischen Gefängnis in der Kolonialsiedlung Maale Adumim östlich von Jerusalem festgehalten. Diesen Sonntag soll der Mediziner einem Militärgericht vorgeführt werden. Rantisi leitet die linke „Union der Gesundheitskomitees“, die seit 1985 überall in der Westbank kostenlose ärztliche Versorgung anbietet – zumindest dort, wohin Ärzte heute überhaupt gelangen können bei den mehr als 1.000 Straßensperren.

Der Arzt Hussam Abu Safija aus Gaza wird seit 2024 gefoltert und widerrechtlich festgehalten. Was wartet auf seinen Kollegen Rantisi aus Ramallah?

Quellen:

https://www.jungewelt.de/artikel/525007.arzt-der-armen-vor-milit%C3%A4rgericht.html

https://www.theguardian.com/global-development/2026/mar/05/at-least-dozen-hospital-and-health-facilities-in-iran-hit-since-us-israel-attacks-began-who-says

https://www.theguardian.com/world/2026/mar/21/israel-targeting-medical-facilities-south-lebanon-health-workers

https://english.palinfo.com/news/2025/09/21/348220

https://www.amnesty.de/aktuell/gaza-arzt-ahmad-mhanna-bericht-militaerhaft-israel

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