Hitze und Durst in Gaza

Bild: Gaza, 25. Mai 2026. Kinder aus dem Zeltlager Al-Malwasi in Khan Younis im Süden des Gazastreifens beteiligen sich an einer Protestaktion. Sie fordern die Verantwortlichen sowie humanitäre Organisationen auf, dringend für eine reguläre Wasserversorgung Gazas zu intervenieren, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. [Activestills, Doaa Albaz]

Europa stöhnt unter einer Hitzewelle. Viele Menschen leiden. In den Zeitungen wird über Hitzetote berichtet. Die Grundwasserspiegel sinken. In der Bezirkszeitung steht, die Bürger mögen bitte ihre Pools mit dem Gartenschlauch befüllen, nicht mit dem Feuerwehrschlauch, denn Letzteres könnte zu Versorgungsproblemen führen.

In der Landwirtschaft verschärft die Hitze die Auswirkungen des Regenmangels. Auf sandigen Böden, die den selten gewordenen Regen nicht gut speichern können, ist der Mais knapp kniehoch, wo er eigentlich schon fast mannshoch sein sollte. Die Ölkürbisse wollen nicht mehr recht gedeihen. Das „grüne Gold“ meiner Heimat, das echte steirische Kürbiskernöl, könnte bald Geschichte sein.

Die heiße Luft kommt aus dem Süden, und vor dieser Welle kann uns keine Grenzpolizei schützen, und keine Armee. Für einen Moment denke ich, dass die Natur ausnahmsweise einmal für ausgleichende Gerechtigkeit sorgt: Sollen doch einmal wir, die wir die Hauptverursacher des Klimawandels sind, unter dessen Folgen leiden, und nicht immer nur die anderen. Doch diesen zynischen Gedanken verwerfe ich schnell wieder. Denn erstens ist es auf der Südhalbkugel immer noch heißer als bei uns, und zweitens leiden auch bei uns diejenigen am meisten, die am wenigsten zur Entstehung der Katastrophe beigetragen haben: Menschen mit wenig Geld, Menschen, die in schlecht gebauten Wohnungen leben, Menschen, die am Bau arbeiten müssen, Kinder und alleinstehende Alte.

In diesen Tagen denke ich oft an Gaza. Wenn es draußen heiß ist, soll man möglichst zu Hause bleiben, tagsüber Jalousien und Balken geschlossen halten, viel Obst und Gemüse essen, und vor allem: viel trinken. Hilfreich ist es auch, kaltes Wasser über Unterarme und Handgelenke laufen zu lassen, und natürlich tut eine kühle Dusche gut. Oder man schaltet die Klimaanlage ein. Dann wird es zwar draußen noch heißer, aber man kann sich in den eigenen vier Wänden erholen. Kann man es sich zu Hause nicht gut einrichten (oder ist wohnungslos), hilft es, sich schattige Plätze zu suchen, vor allem unter Bäumen.

„Zu Hause“, das meint für uns in einem Haus, unter einem schützenden Dach, hinter (mehr oder weniger) dicken Mauern, mit intakten Fenstern, mit Strom und fließend Wasser. Ich weiß nicht, ob es in Gaza solche Häuser noch gibt. Wenn ja, dann stehen sie nur einer sehr kleinen Minderheit zur Verfügung. Die meisten Menschen in Gaza leben in Zelten oder in kriegszerstörten Gebäuden, ohne Strom und fließend Wasser.

Wer jemals einen Sommerurlaub im Süden im Zelt verbracht hat, der weiß, dass eine Plastikplane keinerlei Schutz vor Hitze bietet. Man wird notgedrungen zum Frühaufsteher, weil die Temperaturen im Zelt schon am Morgen unerträglich werden. Deshalb denke ich an Gaza, wenn ich nach einem Aufenthalt in der Nachmittagshitze in meinem kühlen Haus Zuflucht suche.

Klimaanlagen sind nutzlos, wenn es keinen Strom gibt. Ich erinnere mich an Berichte aus Krankenhäusern in Gaza aus dem vergangenen Sommer, in denen die noch vorhandenen Klimaanlagen abgeschaltet werden mussten, weil es nicht genug Strom gab. In Gaza sind im Sommer Temperaturen um die 30 Grad Celsius im Schatten normal. Die Nächte bringen nur wenig Abkühlung. In den Notunterkünften sind 40 Grad keine Seltenheit.

Gaza war auch vor dem Krieg schon von Energieimporten aus Israel abhängig. Nach dem 7. Oktober 2023 schaltete Israel die Leitungen ab. Mehr noch: Die israelische Armee zerstörte systematisch Gazas Solaranlagen und erlaubt bis heute nicht die ausreichende Einfuhr von Treibstoff für Generatoren sowie den Import von dringend benötigten Ersatzteilen.

Ohne Strom gibt es nicht nur keine Klimaanlagen, sondern auch keine Kühlschränke. Daher denke ich an Gaza, wenn ich mein kühles Joghurt löffle oder meinen Kaffee mit viel kalter Milch trinke.

Ja, in Gaza gibt es Märkte, auf denen man (neben vielen anderen Dingen) auch frisches Obst und Gemüse kaufen kann. Aber es gibt viel zu wenig davon, und daher ist das, was vorhanden ist, für die meisten Menschen unerschwinglich. Der Mangel liegt nicht an einer Missernte. Er ist menschengemacht, die direkte Folge der nach wie vor bestehende Blockade von Hilfslieferungen nach Gaza.

Vor dem Krieg gab es Landwirtschaft in Gaza. Doch die landwirtschaftlichen Flächen sind fast vollständig zerstört bzw. liegen jenseits der „Gelben Linie“ und sind daher für die Bevölkerung nicht zugänglich. Keine Wassermelone gelangt nach Gaza ohne israelische Genehmigung; und Israel ist sparsam mit solchen Genehmigungen. Eher noch werden Importe von Schokoriegeln und Crackern genehmigt – Zeug, das außer Kohlehydraten und Fett keine Nährstoffe enthält und besonders durstig macht. Deshalb denke ich an Gaza, wenn ich meine sommerlichen Einkäufe auspacke: Tomaten, Paprika, Gurken, Kirschen, Pfirsiche, Melonen … – lauter Dinge, die in Gaza früher selbstverständlich waren und jetzt für viele nicht mehr erreichbar sind.

Bäume: Nicht nur, aber ganz besonders im Sommer, wenn die Stadt zum Backofen wird, weil sich der Asphalt und die Häuserwände aufheizen, suche ich, wann immer es geht, die Nähe der Bäume. „Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!“, heißt es in einem Gedicht von Günter Eich.

Viele von uns stellen sich Gaza (das frühere Gaza) als ein großes Flüchtlingslager vor, dicht verbaut, mit engen Gassen, kaum breit genug, um darin mit ausgebreiteten Armen zu stehen. Solche Flüchtlingslager gab es viele in Gaza, aber sie waren niemals das ganze Gaza. Vor 2023 gab es in Gaza viele Bäume. Es gab in Gaza Tausende Hektar Olivenhaine. Es gab außerdem Obstgärten mit Zitrusfrüchten, und in manchen Vierteln gab es Parkanlagen. Fast alles davon wurde von der israelischen Armee zerstört. Deshalb denke ich an Gaza, wenn ich aus der Asphaltglut in den Schatten eines Baumes eintauche.

Jetzt herrscht in Gaza akuter Wassermangel. Wassermangel in Gaza bedeutet nicht, dass Pools nur noch langsam befüllt werden können. Wassermangel in Gaza bedeutet auch nicht, dass man beim Duschen das Wasser abdreht, während man sich einseift. Wassermangel in Gaza bedeutet Durst.

Wassermangel in Gaza bedeutet, dass das Wasser zu Fuß von weit verstreut liegenden Wasserentnahmestellen oder Wassertankwagen geholt werden muss. Es bedeutet, dass Menschen mit Kanistern weite Strecken zurücklegen und sich in glühender Hitze stundenlang in eine Warteschlange stellen müssen, um einige Liter Wasser für die Familie zu ergattern. Dass das Wasser aus den Tankwagen gesundheitlich unbedenklich ist, kann niemand garantieren.

Sehr oft sind es Kinder, die mit den Kanistern unterwegs sind. Wassermangel in Gaza bedeutet, dass manche umsonst in der Schlange gestanden sind, weil der Wassertank leer war, bevor sie an die Reihe gekommen sind. Es bedeutet, dass Trinkwasser rationiert werden muss. Das heißt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass man so viel trinken kann, bis der Durst gestillt ist. Ich erinnere mich an die Schilderung eines Familienvaters aus Gaza: Das Wasser aus dem Kanister wurde in Teegläser gegossen, und jedes Familienmitglied bekam ein Glas.

Dass die israelische Armee in Gaza absichtlich Wasserwerke beschädigt, ist nicht neu. Das geschah auch schon in früheren Kriegen. Doch seit 2023 wurde Gazas Wasserversorgung systematisch zerstört: Wasserwerke, Wasserleitungen, Brunnen. Im November 2025 funktionierten von ursprünglich 88 Brunnen in Gaza nur noch 17. Auch die Zerstörung des Abwassersystems hat Auswirkungen auf die Trinkwasserversorgung, weil die Abwässer ungeklärt im Boden versickern und das Grundwasser verkeimen, so dass das Wasser aus noch vorhandenen Brunnen zu einer Gesundheitsgefahr wird. Auch das Wasser in den Entsalzungsanlagen ist nicht mehr sicher, da Abwasser unkontrolliert ins Meer fließt. Vor allem unter Kindern grassieren daher Magen- und Darmerkrankungen, und Tausende erkrankten an Gelbsucht.

Die Gazaner machen irgendwie weiter, reparieren irgendwie, mit irgendwas. Sie sind Großmeister im Improvisieren und Recyclen. „Not macht erfinderisch“, sagt man; und die Gazaner hatten in den vergangenen Jahrzehnten reichlich Not, um ihre Erfindungsgabe zu entwickeln.

Aber die israelische Armee zerstört immer weiter. Noch Mitte April dieses Jahres (also mitten im „Waffenstillstand“) griff eine israelische Drohne in Gaza eine Wasserentsalzungsanlage an (wobei nebenbei ein Mann getötet und weitere verletzt wurden). Der Energiemangel und die Blockade von Ersatzteilen tun das Übrige. Im April dieses Jahres ging eine Wasserentsalzungslage wegen der Unterbrechung der Stromversorgung außer Betrieb. Diese Anlage sollte 500.000 Menschen mit Trinkwasser versorgen. Wegen des Energiemangels und des Mangels an Ersatzteilen können bestehende Anlagen oft nicht mit voller Last arbeiten.
Außerdem liegt mindestens ein wichtiges Wasserwerk jenseits der „Gelben Linie“, auf israelisch kontrolliertem Gebiet.

Selbst das Anstellen um Wasser ist in Gaza lebensgefährlich. Immer wieder ließ die israelische Armee Bomben oder Raketen auf Menschen fallen, die sich um eine Wasserentnahmestelle oder einen Wassertankwagen versammelt hatten.

Nicht jeder von uns kennt Hunger. Aber sicher hatte jeder von uns schon einmal so richtig Durst, vielleicht nach einer anstrengenden Arbeit oder sportlichen Betätigung, einer Sommerwanderung oder bei einer längeren Autofahrt. Man stelle sich nun vor, dass in einer solchen Situation kein sauberes Trinkwasser verfügbar ist! Hunger ist schlimm, Durst noch schlimmer. Ohne Nahrung kann ein gesunder Mensch viele Wochen überleben, ohne Wasser nur wenige Tage.

Darum denke ich dieser Tage an Gaza, wenn ich den Wasserhahn aufdrehe, mein heißes Gesicht, meine Unterarme und Handgelenke unter fließendem Wasser kühle, ein großes Glas fülle mit reinstem, wohlschmeckenden, kühlen Wasser und in einem Zug austrinke, und dann noch eines, und wenn ich beim Duschen das Wasser etwas länger laufen lasse als nötig, nur weil es so erfrischend ist.

Ich denke aber nicht nur an Gaza, sondern auch an das Westjordanland. Denn auch dort haben die palästinensischen EinwohnerInnen – im Gegensatz zu den illegalen jüdischen SiedlerInnen – nur eingeschränkten Zugang zum Wasser.

Im Westjordanland gibt es zwei Wassersysteme, eines für die Siedler und eines für die palästinensischen Einwohner. Ein Palästinenser bekommt täglich 70 Liter Wasser zugeteilt, ein israelischer Siedler 300 Liter. Dabei müssen die Palästinenser ein Vielfaches mehr für das Wasser bezahlen als die Siedler. Israel hat bereits kurz nach der Besetzung des Westjordanlandes 1967 das gesamte Wasser des Westjordanlandes zu israelischem Eigentum erklärt.

In den illegalen jüdischen Siedlungen kommt das Wasser aus der Leitung, und zwar 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. In palästinensischen Orten bleiben die Wasserhähne meist trocken. Nur alle paar Wochen wird Wasser geliefert. Wann genau, wissen die Menschen nicht im Voraus. Sie achten daher auf Geräusche in den Wasserleitungen, und wenn das Wasser fließt, füllen sie damit die Wassertanks auf den Dächern ihrer Häuser. Neigt sich der Vorrat in den Tanks dem Ende zu, muss eine palästinensische Familie z. B. überlegen, ob sie das Wäschewaschen aufschiebt oder aufs Duschen verzichtet oder das Gemüse im Garten verdorren lässt. Das ist die Normalität des Lebens unter israelischer Besatzung.

Jüdische Siedler zerstören immer wieder palästinensische Wasserleitungen, Hochwasserbehälter, Brunnen und sogar Wassertanks. Während sie mit gestohlenem Wasser ihre Pools füllen und ihren Rasen wässern, wollen sie den Palästinensern das Menschenrecht auf Wasser für grundlegende menschliche Bedürfnisse verweigern.

Quellen:

https://www.thecanary.co/global/world-analysis/2025/11/03/gaza-olive-trees/

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/17/israeli-attacks-kill-several-over-two-days-in-gaza-despite-ceasefire

Sumaya Farhat-Naser, Disteln im Weinberg. Tagebuch aus Palästina. Lenos-Verlag, Sonderausgabe 2012.

https://aje.news/8znvvy?update=4480920

https://www.aljazeera.com/features/2026/3/26/israel-hinders-repair-of-damaged-water-infra-deepening-gazas-health-crisis

https://www.aljazeera.com/features/2026/1/14/my-leg-went-to-heaven-before-me-israeli-war-extinguishes-gaza-childhoods

https://religion.orf.at/stories/3233493

https://de.wikipedia.org/wiki/Recht_auf_Zugang_zu_sauberem_Wasser

Johannes Zang, „Und am Kontrollpunkt wartet die Erniedrigung“. 33 Christen aus Palästina reden Klartext. Messidor-Verlag, 2025.

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/11/5/live-israeli-air-attacks-shelling-demolition-campaign-hit-southern-gaza (15.00)

https://aje.io/i427ci?update=3929230

https://www.palestinedeepdive.com/p/thirst-in-gaza-a-basic-necessity

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/7/dying-of-thirst-inside-gazas-al-mawasi-water-crisis

https://www.972mag.com/gaza-olive-farmers-harvest-war


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