Tödliche Straßensperre

Bild: Straßensperre in Bruqin, Westjordanland, 22. März 2020. [Ahmad Al-Bazz, Activestills]

Stell’ dir vor, dein Kind ist krank. Es geht ihm sehr schlecht. Du rufst den Ärztenotdienst an. Du beschreibst die Symptome. Man sagt dir: „Das Kind muss ins Krankenhaus, so schnell wie möglich. Wir schicken sofort einen Krankenwagen.“ Aber du wohnst in einem kleinen Ort, zu dem nur eine einzige Straße führt, und diese Straße ist blockiert durch ein eisernes Tor. Niemand aus dem Dorf kann dieses Tor öffnen. Die, die es öffnen könnten, sind schwer bewaffnete Männer und Frauen in Uniformen. Manchmal – nicht immer – sind welche von ihnen vor Ort. Manchmal – nicht immer – öffnen sie das Tor, wenn man sie darum bittet. Darum vereinbarst Du, dass der Rettungswagen bis zu dem Tor fahren soll. Du wirst das Kind dort hinbringen.

Du wickelst das Kind in eine Decke und machst dich sofort auf den Weg. Du trägst es in den Armen. Zu Fuß gehst du die Dorfstraße hinunter, in Richtung der Hauptstraße. Einige Verwandte und Nachbarn begleiten dich. Als die Straßensperre in Sichtweite kommt, seht ihr, dass die bewaffneten Uniformierten dort sind. Sie richten ihre Gewehre auf euch. Sie schreien euch an, ihr sollt zurückgehen.

Ihr geht trotzdem weiter. Ihr erklärt ihnen die Notlage. Ihr bittet sie, euch passieren zu lassen, damit das Kind ins Krankenhaus gebracht werden kann. Doch sie lassen euch nicht durch. Du sagst, du würdest notfalls allein gehen, nur die paar Meter bis zum Krankenwagen, der auf der anderen Seite wartet. Wenn es sein muss, würdest du das Kind nur den Sanitätern übergeben und gleich wieder zurückgehen. Sie erlauben es nicht. Sie sagen, wenn ihr nicht umkehrt, würden sie euch erschießen. Du weißt, dass das keine leere Drohung ist. Viele wurden schon an Sperren wie diesen erschossen. Aber du kannst nicht umkehren. Es geht um das Leben deines Kindes. Dann schießen sie mit Tränengas auf euch.

Ein grausiger Albtraum? – Bittere Realität für PalästinenserInnen im von Israel besetzten Westjordanland. Vor wenigen Tagen wollte Familie Zaid aus dem Dorf Deir Ammar den etwa vier Monate alten Ahmad ins Krankenhaus bringen. Die Zufahrt zum Dorf war seit vier Monaten gesperrt. Die SoldatInnen an der Sperre ließen sie nicht passieren. Sie beschossen die Familie mit Tränengas und Lärmbomben, um sie zum Rückzug zu zwingen.

Die Zaids fanden einen anderen Weg aus dem Dorf hinaus. Die israelische Armee kann nicht jeden Hirtenpfad abriegeln. Aber der Umweg kostete Zeit – Zeit, die der kleine Ahmad nicht hatte. Als das Baby schließlich im Krankenhaus eintraf, konnte nur noch sein Tod festgestellt werden.

Mehr als 1.000 Straßensperren gibt es inzwischen im Westjordanland – nicht mitgezählt sind dabei die sogenannten „fliegenden Checkpoints“, die unangekündigt einmal dort und einmal da aufgestellt werden. Manche Straßensperren bestehen aus eisernen Toren, andere aus Sandwällen oder Betonblöcken. Manche werden ständig von SoldatInnen bewacht, manche manchmal, manche nie. Manche von denen, die bewacht sind, sind (fast) immer geöffnet, für PalästinenserInnen aber nur nach einer Kontrolle passierbar – und jede SoldatIn kann die Erlaubnis zu passieren ohne Angabe von Gründen verweigern. Manche sind manchmal geöffnet. Manche sind nie geöffnet. Sie bestehen über Wochen, Monate oder Jahre.

Zahlreiche Dörfer sind dadurch mehr oder weniger von der Außenwelt abgeschnitten. Diese Straßensperren sind viel mehr als ein Ärgernis, das Staus und Wartezeiten verursacht. Sie hindern Kinder daran, zur Schule zu gehen. Studierende können nicht an die Universität gelangen. Menschen erreichen ihre Arbeitsplätze nicht. Bauern und Handwerker können ihre Produkte nicht verkaufen. Menschen haben für unbestimmte Zeit keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu lebensnotwendigen Gütern. Dringend benötigte Futtermittel für die Herden der Viehzüchter können nicht geliefert werden. Ärzte können nicht zu den Kranken, und Kranke können nicht (oder nicht rechtzeitig) ins Krankenhaus.

Das sind keine Einzelfälle. Hier ein Auszug aus einem UNO-Bericht vom 23. April 2026:

„Im Jahr 2025 dokumentierte die WHO 233 Angriffe auf die Gesundheitsversorgung im Westjordanland. Davon betroffen waren 25 Gesundheitseinrichtungen und 165 Rettungsfahrzeuge. In 84 Prozent der Fälle wurde der Zugang behindert. Dies geschah durch Verzögerungen an Militärposten, Durchsuchungen, Übergriffe auf medizinisches Personal und Beschränkungen der Bewegungsfreiheit von Rettungsfahrzeugen.“

Das ist nicht Gaza. Im Westjordanland herrscht offiziell nicht einmal Krieg. Es herrscht nur Besatzung, und das seit 1967. Es gab im Westjordanland keinen 7. Oktober. In den Dörfern gibt es keine bewaffneten Kämpfer. Es gibt dort nur Kinder, die manchmal Steine auf die Fahrzeuge jüdische Siedler werfen.

Diese Siedler haben im Westjordanland nichts verloren. Ihre bloße Anwesenheit dort ist eine Verletzung des Völkerrechts. Sie stehlen den Palästinensern das Land und das Wasser – mit tatkräftiger Unterstützung der Besatzungsarmee. Nicht wenige von ihnen sind gefährliche Gewalttäter: Täglich überfallen sie palästinensische Dörfer, zerstören oder stehlen palästinensisches Eigentum, verletzen und töten Tiere und Menschen. Manchmal tragen die Siedler Uniformen und richten Gewehre auf PalästinenserInnen, die ein Kind ins Krankenhaus bringen wollen, die ihre Oliven ernten wollen, die ihre Schafen weiden wollen. Manchmal tragen die Siedler keine Uniformen, sondern nur Gewehre.

Ob sie Uniformen tragen oder nicht, macht keinen Unterschied. Das israelische Militärrecht, das in den besetzten Gebieten gilt, kennt nicht viele Gesetze, die die PalästinenserInnen (theoretisch!) schützen sollen. Aber selbst diese wenigen Gesetze werden ignoriert von den Siedlern – von denen in Uniform genauso wie von denen ohne Uniform.

Dies ist die Realität seit 1967. Wie ist es möglich, dass ein kleines Land wie Israel über Jahrzehnte ein solches schreiendes Unrecht nicht nur aufrechterhalten, sondern immer noch verschärfen kann? – Es ist möglich, weil Israel starke Verbündete in der westlichen Welt hat, die Israel absolut bedingungslos unterstützen. Deutschland ist einer von ihnen, und nicht der unwichtigste. Österreich ist ein weiterer.

Aber geschieht das denn mit Zustimmung der Bevölkerungen der westlichen Verbündeten? – Nein. Viele Deutsche – ebenso wie viele Österreicher, Briten, Franzosen, Italiener und andere – empfinden inzwischen das, was den PalästinenserInnen angetan wird, als Unrecht. Es wird Zeit, dass das Bauchgefühl in politisches Handeln umgesetzt wird.

Der Tod des kleinen Ahmad Zaid ist kein tragischer Schicksalsschlag. Er war gewollt. Er war gewollt von den SoldatInnen an der Sperre, gewollt von den Siedlervereinigungen, gewollt von der israelischen Regierung, gewollt von der israelischen Mehrheitsgesellschaft. Er war auch gewollt von deutschen und österreichischen PolitikerInnen.

Nicht nur der Tod von Ahmad Zaid war gewollt, sondern auch der Tod Zehntausender Kinder und Frauen in Gaza; die Zerstörung von Schulen, Universitäten und Krankenhäusern, von Wasserwerken und Kanalisation; die Vernichtung von Millionen Olivenbäumen; die Auslöschung der palästinensischen christlichen Gemeinschaften im „Heiligen Land“, in der Wiege des Christentums; die Zerstörung der Beduinengemeinschaften im Jordantal.

Unsere PolitikerInnen wissen ganz genau, was geschieht; und doch hören sie nicht auf, Israel zu unterstützen. Statt Sanktionen gegen Israel zu verhängen, verstärken sie Repressalien gegen jene, die das Unrecht beim Namen nennen und dagegen auftreten. Manche von ihnen mögen einfach feige sein, aus Angst um ihre Karriere schweigen. Aber manche sind Überzeugungstäter. Da wir in einer Demokratie leben, sind wir – die BürgerInnen – verantwortlich für unsere Politiker.

Vermutlich gibt es auf der Welt manches Unrecht, gegen das wir nichts tun können. Aber das Unrecht, das den PalästinenserInnen angetan wird, ist nicht von dieser Art. Denn es hängt aufs Engste zusammen nicht nur mit unserer eigenen Geschichte, sondern mit der aktuellen Politik unserer VolksvertreterInnen. Daher ist das Unrecht, unter dem die PalästinenserInnen leiden, ein Stachel in unserem Fleisch. Er tut weh, und das ist gut so. Ihn zu ignorieren, wäre nicht ratsam. Er könnte eitern und sich entzünden, im schlimmsten Fall eine Blutvergiftung verursachen. Vielleicht ist das kein schlechtes Bild für den Zustand unserer Gesellschaft: eine schleichende, fortschreitende Vergiftung. Aber es gibt auch Gegenmittel: Empathie, Gerechtigkeitssinn, humanitäre Grundwerte, Klarheit des Denkens und Zivilcourage!

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/7/10/family-mourns-baby-after-israeli-forces-blocked-journey-to-hospital#flips-6400801156112:0

https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/13642987.2025.2541756#d1e392

https://www.unocha.org/publications/report/occupied-palestinian-territory/fact-sheet-movement-and-access-west-bank-april-2026

***

Rettet Dr. Hussam Abu-Safiyah!

Am 10. Juni hatte der Oberste Gerichtshof Israels die Berufung von Dr. Abu Safiyah gegen seine Inhaftierung zurückgewiesen. Somit muss der ehemalige Leiter des Kamal-Adwan-Krankenhauses weiterhin in Haft bleiben – auf unbestimmte Zeit. (Siehe mein voriger Blog-Beitrag). Am 2. Juli konnte er von seinem Anwalt, Nasser Odeh, besucht werden. Über diesen Besuch berichtet die israelische Organisation Physicians for Human Rights – Israel (PHRI) in einem Brief. Hier sind Auszüge daraus:

„Gemäß einer eidesstattlichen Erklärung des Anwalts Odeh wurde Dr. Abu Safiyah an Händen und Füßen gefesselt zu dem Treffen gebracht, in Begleitung maskierter Gefängniswärter. Er wies frische und schwere Verwundungen am Kopf auf, um die Augen herum, an den Ohren und am Hals, so dass der Anwalt zu Beginn Mühe hatte, ihn zu erkennen.

Während des Besuchs hatte Dr. Abu Safiyah Schwierigkeiten zu atmen und zusammenhängend zu sprechen. Er machte einen extrem schwachen Eindruck, konnte nur mit großer Mühe aufrecht sitzen und schien einige Male am Rande der Bewusstlosigkeit zu stehen. Anwalt Odeh bemerkte, dass er verängstigt zu sein schien. Er zeigte Anzeichen extremer psychischer Belastung, zögerte, offen zu sprechen, aus Angst vor Vergeltungsmaßnahmen. Auf der Grundlage dieser direkten Beobachtungen zog Anwalt Odeh den Schluss, dass Dr. Abu Safiyahs Leben in akuter Gefahr ist.

Dr. Abu Safiyah berichtete seinem Anwalt, dass kurz nach seiner Anhörung vor dem Obersten Gericht (welche am 10. Juni 2026 stattgefunden hatte) […] vier oder fünf Gefängniswärter in seine Zelle kamen und ihn mit einem Hammer und Stöcken schlugen. Sie brachten ihm damit Verletzungen am ganzen Körper bei. Er führte weiter aus, dass er seit seiner Verlegung in die Einrichtung Rakefet am 24. Juni 2026 jeden Tag geschlagen wurde, wobei er mehrfach das Bewusstsein verlor, ohne eine adäquate medizinische Versorgung zu erhalten.

Er brachte ernste Sorge um sein Leben zum Ausdruck. Er sagte: ,Das ist das letzte Mal, dass du mich sehen wirst … Sie haben mich hierhergebracht, um mich umzubringen. Ich glaube nicht, dass ich überleben werde. Das ist das Ende.’“

Vor wenigen Tagen forderte eine UN-Untersuchungskommission seine sofortige Freilassung:

„Die Kommission fordert die sofortige, unbedingte und sichere Entlassung von Dr. Abu Safiya und allen anderen Gesundheitsmitarbeitern, die in Israel willkürlich inhaftiert sind,“ sagte die Kommission in einer Stellungnahme […]. „Sie fordert die israelischen Behörden überdies auf, sofort unabhängige medizinische Versorgung für Dr. Abu Safiya zu gewährleisten.“

Weltweit gibt es Solidaritätsaktionen für Dr. Abu Safiyah. Auch Amnesty Deutschland hat eine Unterschriftenaktion für ihn und seine inhaftierten Kollegen gestartet. Hier kann man unterschreiben:

https://www.amnesty.de/mitmachen/urgent-action/israelopt-dr-hussam-abu

Internationaler Druck ist jetzt erforderlich, um das Leben von Dr. Hussam Abu Safiyah zu retten! Jede Stimme zählt!

Quellen:

https://www.aljazeera.com/news/2026/7/8/un-inquiry-urges-release-of-palestinian-doctor-jailed-by-israel

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/7/7/they-brought-me-here-to-kill-me-says-gaza-doctor-in-israeli-prison#flips-6400466155112:0

https://www.amnesty.de/mitmachen/urgent-action/israel-und-besetztes-palaestinensisches-gebiet-arzt-freilassen

https://freedrabusafiya.com/deutsch-2

https://drive.proton.me/urls/TX254KZ6S0#pcZxvIMmJskY

https://www.haaretz.com/opinion/2026-07-07/ty-article-opinion/.premium/its-a-medical-stance-not-a-political-one/0000019f-38a8-d07c-af9f-f8fd8dc40000?gift=808c3dd46c554859902a33b116d813f2

***


Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar