Luft zum Atmen

Bild: Westjordanland, Umm al-Khair, 7. Oktober 2025. Hinter dem Stacheldraht ein illegaler jüdischer Siedleraußenposten, errichtet im August 2025, mitten im Dorfgebiet, nur wenige Meter von den Häusern einiger Dorfbewohner entfernt. [Activestills, Mosab Shawer]

Wieder Post von Erella von der Villages Group. Die Villages Group – das ist eine Gruppe von Jüdinnen und Juden, die in einem Kibbuz leben und seit Jahrzehnten mindestens einmal pro Woche mit ihrem Auto nach Masafer Yatta fahren, um dort palästinensische Freundinnen und Freunde zu besuchen. Sie kommen nicht nur zu Besuch, um mit ihren Gastgebern Tee zu trinken, sich über ihre Kinder und Enkelkinder auszutauschen, über das Wetter und den Garten zu plaudern. Nein, die Leute von der Villages Group leisten konkrete Hilfe, indem sie Medikamente und andere dringend benötigte Güter in die kleinen Dörfer bringen.

In früheren Zeiten konnte ihre Anwesenheit vielleicht auch zumindest vorübergehend etwas Schutz für die Bewohner bedeuten. Doch seit geraumer Zeit drängt sich immer mehr ein anderer Zweck ihrer Besuche in den Vordergrund: Sie bezeugen und dokumentieren die Schikanen und die Gewalt der Siedler und der israelischen Soldaten.

Erellas letzter Brief (datiert vom 9. Juli) ist ein Bericht über die jüngsten Ereignisse in dem Dorf Umm al-Khair [sprich ungefähr: umm al-cher]. Umm al-Khair wurde in den 1950er Jahren gegründet, von Beduinen, die aus der Negev-Wüste einwanderten, von wo sie während der Nakba 1948 von der israelischen Armee vertrieben worden waren. Mit der Besetzung des Westjordanlandes 1967 geriet Umm al-Khair unter israelische Besatzung. In den 1980er Jahren wurde in der Nähe von Umm al-Khair die jüdische Siedlung Carmel gegründet. Damit begann das Martyrium von Umm al-Khair.

Hier ein knapper Überblick über die dramatischsten Ereignisse in Umm al-Khair nur während der vergangenen 12 Monate:

Am 28. Juli 2025 (vor knapp einem Jahr also) erschoss der israelische Siedler Yinon Levi aus der Siedlung Carmel den 31jährigen Lehrer, Fußballspieler, Aktivisten, Ehemann und Vater Awdah Hathaleen [sprich: Odeh Hadalin]. Dieser stand am Zaun des gemeindeeigenen Fußballplatzes, als der Siedler ihn in die Brust schoss. Die Kugel verletzte seine Lunge. Es gibt Videoaufnahmen von der Tat. Der Mörder wurde für kurze Zeit festgenommen, war aber nach wenigen Tagen wieder frei. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Die israelische Armee konfiszierte die Leiche und verhaftete 14 junge Männer aus dem Dorf.

Wenige Wochen nach dieser ungesühnten Bluttat, Ende August 2025, errichteten Siedler aus der Carmel-Siedlung, unter Beteiligung des Mörders Levi, einen neuen illegalen Siedler-Außenposten mitten im Dorfgebiet von Umm al-Khair.

Ende Oktober 2025 erteilten die israelischen Behörden Dutzende Abrissbefehle für Umm al-Khair. Betroffen waren das Gemeindezentrum, ein Gewächshaus und viele Wohngebäude.

Anfang Februar 2026 stoppte die israelische Armee – auf Betreiben einer israelischen Siedlerorganisation – die Errichtung eines kleinen Fußballplatzes in Umm al-Khair.

Bild: Umm al-Khair, 4. Februar 2026: Der Kunstrasen-Bolzplatz und unmittelbar dahinter der Siedlungsaußenposten. [Activestills, Omri Eran Vardi]

Am 13. April 2026 blockierten Siedler der Carmel-Siedlung mit Stacheldraht den Schulweg der Kinder von Umm al-Khair. Als die Kinder sich dem Zaun näherten, wurden sie von israelischen Soldaten mit Tränengas angegriffen. In den darauf folgenden Wochen hielten Kinder, Eltern und Lehrer aus Umm al-Khair täglich Protestaktionen am Zaun ab. Sie erreichten internationale Aufmerksamkeit. Ob die Aktionen aber auch irgendeinen Erfolg vor Ort brachten, weiß ich nicht. Irgendwann waren sie aus den Nachrichten wieder verschwunden.

Aber was ist nun Anfang Juli in Umm al-Khair geschehen? Hier ist Erellas Bericht:

„Vergangenen Samstag (5. 7. 2026) in der Nacht, im Schutze der Dunkelheit, im Namen Gottes und zu den Klängen von Sabbat-Gesängen, vollbrachten die Siedler von Carmel, mit ihren Kippas und Quasten, ein Wunder: Es gelang ihnen, den erstickenden Gürtel, mit dem sie den palästinensischen Bewohnern von Umm al-Khair Tag und Nacht die Luft abschnüren, wieder einmal – und noch enger – zuzuziehen.

Sie hinderten eine ganze Familie, 14 Menschen, daran, ihre Toilette zu benutzen und zu dem Schafstall direkt bei ihrem Haus zu gelangen. Sie riefen die Armee herbei, und diese erklärte das Gebiet zur ,geschlossenen militärischen Zone’. Niemand darf hinein. Die Familie darf ihre Toilette nicht betreten; die Schafe können nicht mit Futter und Wasser versorgt werden. Das militärische Verbot gilt auch für die Siedler, aber die scheren sich einen Dreck drum. Sie platzierten eine Schaukel vor dem Eingang zur Toilette, ,dekorierten’ den ganzen Platz mit israelischen Fahnen, saßen dort und feierten, zur Geräuschkulisse schluchzender Kinder, blökender Schafe und den Versammlungen von Bewohnern Umm al-Khairs, die zum x-ten Mal versuchten, die Verbrecherbande auf gewaltfreie Weise zu vertreiben – vergeblich.

Am Montag (7. 7. 2026) fuhren wir hin. Unterwegs fragte Yoav: ,Was können wir zu Salem und Ikhlas noch sagen? Was können wir den Leuten aus dem Dorf noch sagen?’ Für einen Moment blieb ich stumm, während die Frage in mir nachhallte. Dann sagte ich: ,Es ist so, als wäre über einem Mann das Haus zusammengestürzt, und er liegt unter dem Schutt und kann sich nicht bewegen, aber er atmet noch. Ich bin draußen, bei ihm. Ich kann nur versuchen, ihm Kraft zu geben, damit er weiter atmet, indem ich für ihn da bin, damit er nicht aufhört zu atmen. Ich warte mit ihm auf die Rettungskräfte, die vielleicht kommen …’ Wir erreichten das Haus von Salem und Ikhlas. Ihre Gesichter waren vollkommen niedergeschlagen. ‚Danke, dass ihr gekommen seid‘, sagte Ikhlas. ‚Das gibt mir ein bisschen Luft zum Atmen …‘

Danach saßen wir mit Khalil zusammen, dem Vorsteher des Rates von Umm al-Khair.

,Israelische Fahnen sind mir egal, palästinensische Fahnen sind mir egal. Es ist mir egal, wer ein Jude ist und wer ein Palästinenser. Was mir nicht egal ist, ist das Leben. Ich will leben. Morgens aufstehen, nachdem man nachts geschlafen hat, zur Arbeit gehen (was ich nicht mehr getan habe seit dem Tag an dem […] Awdah ermordet wurde), abends mit meiner Frau zusammensitzen, meine Kinder umarmen und mit ihnen spielen. Was will ich? Ich will nur leben. Nur leben!!!’ Diese Worte kamen aus dem tiefsten Grund seiner gepeinigten Seele. Wir standen bei ihm – Yoav, Gali und ich – und wir sagten, dass wir bei ihm sind, sowohl jetzt als auch in jenen Momenten, in denen wir nicht physisch da sind. ,Das macht es für mich möglich, weiter zu atmen’, sagte er. Ich umarmte ihn.“

***

Bild: Umm al Khair, 6. Juli 2026. Das Bild zeigt den Hinterhof des Hauses von Ikhlas und Salem Hathaleen. Durch die vergitterte Fensteröffnung sieht man den Hinterhof des Hauses, das Toilettenhäuschen mit der von den Siedlern dort aufgestellten Hollywoodschaukel davor und eine israelische Fahne, die die Bewohner daran erinnern soll, dass das jetzt nicht mehr ihr Land ist. Im Hintergrund ein Haus des illegalen Siedler-Außenpostens. [Activestills, Mosab Shawer]

Ikhlas und Salem Hathaleen leben mit ihren acht Kindern in einem einfachen blechgedeckten Haus. Das jüngste Kind ist ein Jahr alt. Bisher verdienten sie ihren bescheidenen Lebensunterhalt mit Ackerbau und Viehzucht auf dem Land rund um ihr Haus. Auf diesem Land wurde der illegale Siedlungs-Außenposten errichtet – ca. 20 Meter von ihrem Haus entfernt. Dem Bau der Siedlung fielen 150 Olivenbäume zum Opfer.

Früher begann die tägliche Morgenroutine von Ikhlas Hathaleen damit, die Schafe aus dem Verschlag zu lassen, ihnen Futter und Wasser zu geben, sie zu melken und sie auf die Weide zu führen. Seit dem Überfall der Siedler am 5. Juli ist das schwierig oder unmöglich geworden. Vier aufeinander folgende Tage lang durften sie überhaupt nicht zu den Tieren. Dann wurde es ihnen einmal erlaubt – in Begleitung von israelischen Soldaten, dann wieder zwei Tage nicht. Dieses Muster setzte sich fort.

Die Hathaleens müssen jetzt die Toilette eines Nachbarn benutzen. Das ist nicht nur beschwerlich – insbesondere für die kleineren Kinder, sondern auch gefährlich. Um zu den Nachbarn zu gelangen, müssen sie eine Straße überqueren, die von den Siedlern genutzt wird. Immer wieder werden Palästinenser von Siedlern mit ihren Fahrzeugen angefahren. Im vergangenen August wurde Ikhlas’ fünfjährige Tochter Swar bei einem solchen Vorfall verletzt.

Im Oktober 2025 hatte ein israelisches Gericht entschieden, dass der illegale Außenposten in Umm al-Khair geräumt werden muss. Aber die Armee setzte das Urteil nicht um, und irgendwann wurde es annulliert.

Die Einwohner von Umm al-Khair haben kaum eine Möglichkeit, sich gegen die Übergriffe der Siedler zu wehren. Alles, was sie tun können, ist, sich ihnen in den Weg und sie zur Rede zu stellen. Doch selbst das ist gefährlich. Die Siedler (viele von ihnen sind zugleich Soldaten) sind bewaffnet und gewaltbereit, die israelischen Soldaten (in der Regel selber Siedler) schützen die jüdischen Angreifer und verhaften die palästinensischen Opfer.

In früherer Zeiten konnten auswärtige AktivistInnen in palästinensischen Dörfern die BewohnerInnen bis zu einem gewissen Grad schützen. Siedler und Armee vermieden die schlimmsten Gewaltexzesse in Anwesenheit auswärtiger Beobachter, weil sie Berichte in internationalen Medien vermeiden wollten. Doch inzwischen ist den Israelis in der West Bank ihr Ruf in der Welt völlig gleichgültig. Sie zögern auch nicht, auswärtige AktivistInnen zu verprügeln und/oder zu verhaften. Sie fühlen sich absolut sicher und allmächtig. Die AktivistInnen können inzwischen nur noch wenig verhindern. Sie können aber noch dokumentieren.

In der Nacht des jüngsten Überfalls auf Umm al-Khair waren der Aktivist und freie Journalist Andrej X und einige MitstreiterInnen vor Ort. Sie haben ein Video aufgenommen und gepostet. Ich habe viel über Siedlerübergriffe gelesen. Aber es ist noch einmal etwas ganz anderes, diesen widerwärtigen Mob direkt in entfesselter Aktion zu sehen. Dabei sollte man sich aber über Eines im Klaren sein: Diese Aktion war – für die gegenwärtigen Verhältnisse im Westjordanland – eigentlich harmlos. Es wurde kein Mensch und kein Tier getötet, es gab keine Schwerverletzten, es ging nicht einmal etwas in Flammen auf. Ereignisse wie diese sind Alltag für die PalästinenserInnen im Westjordanland. Wenn man verstehen will, was jüdische Siedler für die PalästinenserInnen im Westjordanland bedeuten, sollte man das gesehen haben: https://www.instagram.com/reels/Dafu3vyMqOS/

In Umm al-Khair gab es einst 3.000 Tiere. Nun sind es nur noch 700. Die Gründe dafür sind der Landraub und die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit.  Außerdem wurden mehr als 1.000 Olivenbäume umgeschnitten und 14 Häuser abgerissen. 50.000 Quadratmeter Acker- und Weideland wurden konfisziert. 

Der Dorfvorsteher Khalil Hathaleen sagt: „Für die Menschen in Umm al-Khair bedeutet der Verlust des Zugangs zu ihrem Land nicht nur, dass sie Eigentum verlieren. Es bedeutet, eine ganze Lebensweise zu verlieren, die über Generationen existierte.“

Die Kinder von Umm al-Khair leiden ganz besonders. Sie haben Angst, Tag und Nacht. Sie können nicht einfach ins Freie gehen und spielen – so wie die Kinder in der illegalen jüdischen Siedlung nebenan. Nachts haben sie Albträume. Bei jedem Geräusch von draußen schrecken sie auf. 

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Die Villages Group braucht immer finanzielle Unterstützung, und jetzt ganz besonders. Ihr altersschwaches Auto hat, nach unzähligen Reparaturen, endgültig den Geist aufgegeben. Spenden sind möglich über die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost. Auch kleine Beträge helfen Erella und ihren WeggefährtInnen, den Palästinensern in Umm al-Khair und anderswo in Masafer Yatta ein wenig Luft zum Atmen zu geben.

Quellen:

https://www.aljazeera.com/news/2025/7/29/who-was-awdah-hathaleen-palestinian-activist-killed-by-an-israeli-settler

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2025/7/29/video-israeli-settler-kills-owb-activist-involved-in-oscar-winning-film#flips-6376278058112:0

https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2025/7/29/live-israel-kills-92-in-gaza-in-one-day-as-death-toll-nears-60000

https://aje.io/78qteq?update=3868993

https://aje.io/aijcb2?update=3911355

https://www.aljazeera.com/news/2025/10/3/what-israeli-settler-encroachment-intimidation-look-like-in-the-west-bank

https://aje.io/6gbrbr?update=4066119

https://aje.io/hwfftd?update=4097351

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/4/13/israeli-forces-fire-tear-gas-near-palestinian-schoolchildren#flips-6393010072112:0

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/20/as-barbed-wire-blocks-kids-from-class-palestinians-stage-freedom-school

https://aje.news/3i78ht?update=4507447

https://www.aljazeera.com/news/2026/4/22/israeli-settlers-block-palestinian-children-from-school-in-the-west-bank

https://www.aljazeera.com/features/2026/7/17/they-took-toilet-settlement-squeezed-palestinian-village

https://www.instagram.com/reels/Dafu3vyMqOS

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