Nach dem Spiel

Bild: Gaza, 7. Juli 2026: Öffentliche Übertragung des Spiels Ägypten gegen Argentinien. [Activestills, Yousef Zaanoun]

Die PalästinenserInnen sind ein fußballverrücktes Volk, und eine WM ist eine WM.

Die palästinensische Nationalmannschaft konnte sich nicht für die WM qualifizieren (obwohl sie dieses Mal weiter kam als je zuvor und den Aufstieg in die nächste Runde nur knapp und mit viel Pech verpasste). In der Qualifikationsphase wurde intensiv über den Ausschluss Israels aufgrund des Genozids in Gaza diskutiert. Trump (der eng mit dem FIFA-Präsidenten Infantini befreundet ist) hätte dies vermutlich verhindert. Aber glücklicherweise nahm sich Israel durch sportliche Inferiorität selber aus dem Bewerb.

Während des Turniers nutzten Fans, Spieler und Trainer zahlreicher Mannschaften aus der ganzen Welt die große Bühne, um ihre Solidarität mit dem palästinensischen Volk zu zeigen. Ägyptens Trainer Hossam Hassan schwenkte nach dem sensationellen Sieg der ägyptischen Mannschaft über Australien eine palästinensische Flagge auf dem Platz. Auf einer Pressekonferenz vor dem Schicksalsspiel gegen Argentinien sagte er:

„Wenn ein Mensch irgendwo auf der Welt kein Mitgefühl mit dem palästinensischen Volk hat, dann hat er einen Teil seiner Menschlichkeit verloren. […] Ich bin nicht in erster Linie Araber, Muslim oder Christ oder sonst etwas, sondern in erster Linie bin ich ein Mensch. Durch den Fußball – die sanfte Macht der Welt – möchte ich eine Botschaft senden: Lasst das palästinensische Volk leben! Ich bitte Sportler und Journalisten auf der ganzen Welt, dabei zu helfen, diese Botschaft weiterzutragen. Wenn Leute über Menschenrechte, Tierrechte und Gerechtigkeit sprechen, dann sollten wir auch über palästinensische Zivilisten sprechen.“ ⁠

Doch auch während der WM mordete Israel in Gaza und im Westjordanland weiter. Mohammad Al-Wahidi war Mitarbeiter einer ägyptischen Hilfsorganisation in Gaza. Er half mit, in Gaza ein public viewing des Spiels Ägypten–Argentinien zu organisieren. Eine Stunde vor Beginn des Spiels wurde er von der israelischen Armee gezielt getötet. Mit ihm starben drei weitere Menschen, die sich mit ihm im selben Fahrzeug befanden darunter zwei Kinder, 10 und 11 Jahre alt.

Am 18. Juli, am Vortag des Finalspiels, wurde in der West Bank ein junger palästinensischer Fußballer zu Grabe getragen: Der 17 Jahre alte Fadi al-Nassan spielte in der palästinensischen Jugendnationalmannschaft. Er erlag seinen Schussverletzungen, nachdem er am 11. Juli von israelischen Soldaten angeschossen worden war. Dies geschah während eines Siedlerangriffs auf sein Dorf, al-Mughayyir. Ein israelischer Soldat schoss ihn in den Oberschenkel. Das Bein musste amputiert werden. Eine Woche lang kämpfte der junge Mann ums Überleben. Der palästinensische Fußballverband gab bekannt, dass mit Fadi al-Nassan seit 7. Oktober 2023 1.013 palästinensische SportlerInnen von der israelischen Armee ermordet worden waren, darunter 568 FußballerInnen.

Zu den mehr als 1.000 getöteten palästinensischen SportlerInnen kommt eine nicht näher bekannte Zahl von AthletInnen, die durch israelische Angriffe Arme oder Beine verloren haben. Glücklich schätzen sich diejenigen von ihnen, die eine moderne Prothese und Reha erhalten. Beides ist in Gaza nicht verfügbar. Manche Betroffene konnten nach Ägypten ausreisen und werden dort versorgt. Einige dieser Männer haben inzwischen in Ägypten eine palästinensische Versehrtenmannschaft gegründet.

Am 19. Juli fand in New York City das WM-Finale statt: Spanien gegen Argentinien. Für die Palästinenser war es mehr als nur ein Match zweier großartiger Mannschaften. Die Begegnung war vielmehr mit politischer Bedeutung aufgeladen. Spanien gehört zu jenen Staaten, die sich innerhalb der EU am konsequentesten für Palästina einsetzen. Die Haltung der Regierung ist dabei ein Spiegelbild der Einstellung der Bevölkerung. Dies gilt auch für die Fußballgemeinde, für Fans ebenso wie für Spieler. In spanischen Stadien sind palästinensische Fahnen ein gewohnter Anblick, vor allem im Baskenland. Im Mai dieses Jahres wurde der FC Barcelona spanischer Meister. Beim anschließenden Triumphzug durch die Stadt schwenkte der Jungstar Lamine Yamal eine palästinensische Flagge. Die Bilder gingen um die Welt, und natürlich eroberte Yamal spätestens zu diesem Zeitpunkt das Herz jedes palästinensischen Fußballfans.

Der ultrarechte argentinische Präsident Javier Milei hingegen unterhält enge Beziehungen zu Netanjahu und erklärte während des Krieges gegen den Iran 2025 seine „bedingungslose Unterstützung für Israel“. Diese politische Nähe bewog eine ganze Reihe israelischer Minister kurz vor dem WM-Finale, sich als Fans der argentinischen Nationalmannschaft zu inszenieren – auch solche, die bis dahin noch nie irgendein Interesse an Fußball erkennen lassen hatten.

Am Abend des Endspiels fielen Siedler über die Stadt Deir Jarir her. Einwohner stellten sich ihnen entgegen. Israelische Soldaten erschossen zwei palästinensische Männer, Ahmad Adel Abu Mukho und Ouda Abdul Rahim Abu Salha. In Ramallah hatten sich die Menschen unterdessen zu einem public viewing versammelt. Die Party wurde jedoch abgebrochen, die Übertragung beendet, als die Todesnachricht die Fußballfans erreichte.

Die israelische Unterstützung brachte der argentinischen Nationalmannschaft kein Glück (obwohl ein paar Zuschauer im Stadion argentinische Fahnen auspackten). Weltmeister wurde Spanien, in jeder Hinsicht hochverdient. Die Menschen in Gaza feierten.

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Vor dem Spiel

„Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, sagt eine alte Fußball-Weisheit. Noch immer ist Israel weder aus dem Weltfußballverband (FIFA) noch aus dem Europäischen Fußballverband (UEFA) ausgeschlossen. Im September beginnt die Gruppenphase der UEFA Nations League. Der Zufall wollte es, dass Israel in einer Gruppe mit Österreich und Irland ist. Der Auftakt der Gruppenphase soll am 24. September in Linz stattfinden.

In Irland hat sich bereits massiver Widerstand gegen die Teilnahme Israels an dem Bewerb formiert. Der Widerstand war so stark, dass der irische Fußballverband sich veranlasst sah, die Spiele gegen Israel außerhalb Irlands auszutragen. Den AktivistInnen der Kampagne Stop the Game ist das aber nicht genug: Sie verlangen den Ausschluss Israels. Zahlreiche irische Persönlichkeiten aus Sport, Kultur und Politik unterstützen die Kampagne. Ein Teil der Kampagne ist eine Petition, die man hier unterschreiben kann.

Es gibt mindestens drei Gründe dafür, Israel aus der UEFA auszuschließen:

Erstens:

Es gibt von vorne herein keinen Grund dafür, warum Israel (das ja geographisch in Asien liegt) an europäischen Bewerben teilnehmen soll.

Zweitens:

Israelische „Fußballfans“ sind eine Zumutung und Gefahr für die öffentliche Sicherheit. Sie grölen in der Öffentlichkeit rassistische und gewaltverherrlichende Gesänge, beschädigen Eigentum und attackieren Passanten, vor allem solche mit arabischem Aussehen.

Drittens, und vor allem:

Israel ist ein brutaler Aggressor, der seit Jahrzehnten Menschen- und Völkerrecht verletzt. Israel führt in Gaza seinen 2023 begonnenen genozidalen Krieg fort. In den 300 Tagen seit Beginn des sogenannten „Waffenstillstandes“ ermordete die israelische Armee mindestens 300 Kinder. 58.000 Kinder haben mindestens einen Elternteil verloren.

Die große Mehrheit der Einwohner Gazas wurde mehrfach vertrieben, lebt unter menschenunwürdigen Bedingungen in Notunterkünften, hat Arbeit und Einkommen verloren, ist auf humanitäre Hilfe angewiesen, die aufgrund von Israels Restriktionen nicht in ausreichendem Maß vorhanden ist. Es fehlt an Unterkünften, gesunden Lebensmitteln, medizinischer Versorgung, Treibstoff – und Wasser. Insgesamt tötete die israelische Armee seit 2023 nach offiziellen Angaben mehr als 70.000 Menschen in Gaza. Die wahre Opferzahl liegt jedoch mit Sicherheit wesentliche höher, weil Israel die Einfuhr von schwerem Gerät zur Bergung der noch verschütteten Opfer nicht erlaubt.

Zugleich verweigert Israel Tausenden Verwundeten und Schwerkranken die lebensrettende Ausreise. Anstatt, wie vereinbart, aus Gaza abzuziehen erweitert die israelische Armee ständig die von ihr kontrollierten Gebiete und drängt die Bevölkerung auf einer immer kleiner werdenden Fläche zusammen. Die israelische Regierung sabotiert alle Friedensbemühungen und erklärt offen, langfristig ganz Gaza annektieren und jüdisch besiedeln zu wollen. Die rechtmäßigen Einwohner sollen „zur freiwilligen Emigration ermutigt werden“.

In Gaza erfolgt die „freiwillige Ermutigung zur Ausreise“ durch Bomben, Raketen, absichtlich herbeigeführten Hunger, willkürliche Verhaftungen und Folter, die vollständige Zerstörung der zivilen Infrastruktur. Im Westjordanland ist das Ziel dasselbe, aber die Methoden sind etwas anders: permanenter Siedlerterror mit körperlichen Angriffen, Raub, Zerstörung von materiellem Eigentum und natürlichen Ressourcen, Massenverhaftungen, Vertreibungen durch die israelische Armee, das Einschnüren palästinensischer Dörfer und Stadtviertel durch immer mehr illegale jüdische Siedlungen und die damit einhergehenden „Sicherheitsmaßnahmen“ zum Schutz der illegalen Siedler, immer wieder auch Morde, sowohl durch Siedler als auch durch Soldaten. Seit Oktober 2023 ermordeten israelische Siedler und Soldaten mindestens 1.100 PalästinenserInnen, darunter mehr als 200 Kinder.

Zugleich hält sich Israel auch nicht an den Waffenstillstand im Libanon. Auch dort ermordete die israelische Armee Tausende ZivilistInnen, vertrieb Hunderttausende, zerstörte Dörfer, vergiftete Ackerland, verbrannte Wälder.

Diese Verbrechen waren und sind nur möglich durch die Komplizenschaft westlicher Länder. Sanktionen sind der einzige Weg, die israelische Gewalt einzudämmen. Die Komplizenschaft muss beendet werden. Es darf keine „normalen Beziehungen“ mit Israel geben, so lange dieses Land sich selbst außerhalb der regelbasierten Ordnung der Völkergemeinschaft stellt. Völkermord, „ethnische Säuberungen“, Apartheid und ein systematisches Foltersystem sind nicht „normal“ und dürfen nicht „normalisiert“ werden.

Für den Fall, dass der Österreichische Fußballverband das Spiel gegen Israel nicht absagen wird, ruft die Palästina Solidarität Österreich zum Protest auf:

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Die Kugel ist rund

Ich verstehe nicht viel von Fußball, aber ich mag Fußballweisheiten. „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ habe ich ja schon zitiert. Mindestens ebenso gut gefällt mir „Die Kugel ist rund.“ Was rund ist, dreht sich: Was unten war, ist oben; was oben war, ist unten.

Auch unsere Erde ist eine Kugel (zumindest annäherungsweise). Mir ist aufgefallen: In allen Atlanten wird der globale Süden unten abgebildet und der globale Norden oben, als wäre das eine natürliche, feststehende geographische Gegebenheit. Darum sagt man bei uns ja auch „die da unten“, wenn man über die Völker des globalen Südens spricht.

Irgendwann habe ich begonnen, mich darüber zu wundern. Denn soweit ich weiß, gibt es im All kein Oben und kein Unten. Wie kann man dann an unserem im All schwebenden Globus ein Oben und Unten unterscheiden?

Ich kam zu dem Schluss: Die Unterscheidung zwischen einer oberen und einer unteren Hälfte ist keine Naturtatsache, sondern eine Projektion der globalen Machtverhältnisse. Aber diese können sich ändern, und sie werden sich ändern. Denn die Kugel ist rund, und was rund ist, dreht sich, und was jetzt unten ist, wird dann oben sein. Der Ball, er dreht sich, und ich träume: Eine afrikanische Fußballmanschaft wird Weltmeister werden. Eine Frau, die als Kind in Umm al-Khair ihre ersten Tore geschossen hat, wird in der palästinensischen Nationalmannschaft spielen. Das Spiel wird übertragen werden in den schönen großen Stadien von Jerusalem, Ramallah und Gaza. Palästina wird frei sein. Die Besatzung wird ein abgeschlossenes Kapitel in den Geschichtsbüchern sein. Es ist möglich, wirklich möglich. Denn: Die Kugel ist rund.

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Bild: Umm al-Khair, Westjordanland, 11. Juni 2026. Das „Umm al-Khair-Stadion“ ist ein kleiner Platz mit Kunstrasen, aber vor allem für den Nachwuchs bedeutet er alles. Eine illegale jüdische Siedlung wurde unmittelbar an seine Grenze gebaut. Geht es nach dem Willen der Siedler, muss der Platz weg. Die israelische Armee hat bereits einen „Abrissbefehl“ zugestellt. Auf den Trikots der Kinder ist ein Porträt von Awdah Hathaleen abgebildet, dem Lehrer und Fußballer aus Umm al-Khair, der im Juli 2025 von dem israelischen Siedler Yinon Levi erschossen wurde. [Activestills, Mosab Shawer]

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Quellen:

https://www.faz.net/aktuell/sport/fussball-wm/wm-finale-der-nahostkonflikt-bleibt-auch-dem-fussball-nicht-fern-201061419.html

https://www.npla.de/thema/politik-gesellschaft/javier-mileis-bedingungslose-unterstuetzung-fuer-benjamin-netanjahu

https://aje.news/xtb033?update=4789936

https://znetwork.org/znetarticle/has-palestine-already-won-this-years-world-cup

https://www.reuters.com/sports/soccer/egypt-coachs-palestine-appeal-thrusts-world-cup-back-into-political-spotlight-2026-07-06

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/7/19/palestinian-teenage-footballer-dies-after-israeli-settler-attack#flips-6401527380112:0

https://www.aljazeera.com/news/2026/7/18/palestinian-teenage-footballer-dies-a-week-after-israeli-settler-attack

Aussendung 36/2026 von Dr. Martha Tonsern, Büro des Botschafters, Vertretung des Staates Palästina in Österreich, Slowenien und Kroatien und ständige Beobachtermission des Staates Palästina bei der UN und den internationalen Organisationen in Wien

https://en.wikipedia.org/wiki/Stop_The_Game

https://my.uplift.ie/petitions/petition-to-stopthegame

https://www.instagram.com/stop_the_game_petition

https://www.aljazeera.com/news/2026/8/6/israel-indicts-settler-in-rare-charge-over-palestinian-activists-killing

https://en.wikipedia.org/wiki/Killing_of_Awdah_Hathaleen

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Kommentare

Eine Antwort zu „Nach dem Spiel“

  1. Ihr Beitrag macht deutlich, dass Sport niemals völlig losgelöst von den gesellschaftlichen und humanitären Folgen bewaffneter Konflikte betrachtet werden kann. Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen dokumentierten Tatsachen, juristischen Bewertungen und politischen Forderungen sorgfältig zu unterscheiden. Zahlreiche Berichte der Vereinten Nationen, des Internationalen Gerichtshofs (IGH), humanitärer Organisationen sowie internationaler Medien belegen das enorme Leid der Zivilbevölkerung in Gaza, im Westjordanland und auf israelischer Seite. Der Schutz von Zivilisten ist nach den Genfer Konventionen und dem humanitären Völkerrecht uneingeschränkt verpflichtend.

    Ob der Tatbestand eines Völkermordes oder anderer internationaler Kernverbrechen erfüllt ist, entscheiden jedoch nicht politische Akteure oder Medien, sondern zuständige internationale Gerichte auf Grundlage überprüfbarer Beweise und rechtsstaatlicher Verfahren. Ebenso sollten Forderungen nach sportlichen Sanktionen stets an einheitlichen, transparenten und völkerrechtskonformen Maßstäben gemessen werden, damit Sport nicht selektiv politisiert wird.

    Ethisch erinnert Ihre Schilderung daran, dass hinter jeder Statistik ein Mensch mit Würde, Familie und Hoffnung steht. Diese Einsicht verbindet die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte ebenso wie die jüdische, christliche und islamische Tradition: Das Leben eines jeden Menschen besitzt einen unveräußerlichen Wert. Philosophie und Mathematik lehren zudem, dass Gerechtigkeit nur dann glaubwürdig ist, wenn gleiche Maßstäbe auf alle Konfliktparteien angewendet werden – denn gleiche Voraussetzungen müssen zu gleicher Bewertung führen.

    Möge der Fußball eines Tages wieder überwiegend das verbinden, was Kriege trennen: Menschen, Kulturen und Hoffnung auf einen gerechten Frieden, der Sicherheit, Freiheit und Menschenwürde für Israelis und Palästinenser gleichermaßen gewährleistet.
    „Mit Unterstützung von ChatGPT erstellt und redaktionell überprüft.“

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