Anfang August gab der jüdische Siedler und Anwalt Yehuda Shimon einer BBC-Journalistin ein Interview. Hier sind Auszüge daraus:
YS: Ich denke, jetzt, wo sie eine jüdische Person getötet haben, müssen wir alle Leute in Tal und Sarra töten, sogar in Jit und Farata. Warum? Weil wir nicht wollen, dass es noch einmal geschieht.
BBC: Das klingt, als würden Sie sagen, dass ein jüdisches Leben so viel wert ist wie hunderte oder tausende palästinensische Leben.
YS: Nein … Eine Million. Ein jüdisches Leben ist … 10 Millionen, okay?
BBC: Das klingt einfach rassistisch.
YS: Ja, ich weiß. Ich weiß. Aber es ist die Wahrheit. Denn Gott hat uns auserwählt. Deshalb seid ihr eifersüchtig.
Das Interview wurde am 1. August 2026 in der Siedlung Havat Gilad in der West Bank aufgezeichnet. Das ziemlich holprige Englisch des Siedlers habe ich in der Übersetzung etwas geglättet.
Aus der Siedlung Havat Gilad kamen jene Siedler, die am 24. Juli versuchten, das Dorf Tal zu überfallen. Im Zuge dieses Überfalls wurden vier Palästinenser und zwei Israelis getötet. Es folgten „Racheaktionen“ israelischer Siedler und Soldaten in zahlreichen Dörfern sowie in der Stadt Nablus.
Ich überlasse es Munther Isaac, dem palästinensischen lutherisch-evangelischen Pastor, die Worte des Siedlers zu kommentieren:
„Freunde, es ist schwierig, die passenden Worte als Antwort auf einen so krassen Rassismus zu finden. Aber eigentlich geht das über Rassismus hinaus. Denn es ist die Ideologie, die einen Völkermord möglich macht. Besonders bemerkenswert ist, dass er nicht einmal versucht, das als eine Angelegenheit der Sicherheit oder Selbstverteidigung zu rechtfertigen. Vielmehr begründet er seine Überzeugung mit seiner Theologie der Erwählung: ,Wir sind auserwählt.’ Dass das von einem religiösen Menschen kommt, ist schockierend. Denn es ist nicht nur gegen jede grundlegende menschliche Moral. Vielmehr verletzt es sogar das in der Thora selbst festgelegte Prinzip der verhältnismäßigen Gerechtigkeit: ,Auge um Auge.’
Angesichts dessen, was in Gaza geschah, angesichts der gegenwärtigen Siedlergewalt im Westjordanland, angesichts der Tatsache, dass die Siedlerbewegung im Zentrum der israelischen Regierung angekommen ist, und angesichts der Straflosigkeit, die diese weiterhin genießt – unter anderem von den Vereinigten Staaten, Europa, vielen christlichen Zionisten, einschließlich des Botschafters Mike Huckabee – angesichts all dessen sollte eine solche Rhetorik jeden alarmieren.
[…] Es kann keinen Frieden geben, solange Theologien der Überlegenheit unwidersprochen bleiben. Die israelische Regierung muss zur Verantwortung gezogen werden dafür, dass sie diesen religiösen Extremismus gefördert und gestärkt hat. Und jene Regierungen, Kirchen und Institutionen, die fortfahren, ihre Beziehungen mit einem Staat zu normalisieren, der solche Ideologien befördert, sind mitschuldig. Sie erlauben diesen Ideologien, sich weiter zu verbreiten – mit verheerenden Auswirkungen auf das Leben von PalästinenserInnen.“
Die gesamte Predigt von Munther Isaac ist hier zu finden.
Weitere Predigten von Munther Isaac sind hier zu finden.
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Ich glaube an keinen Gott. Aber selbst wenn ich es täte, würde ich die Idee, irgendein Gott habe eine bestimmte Gruppe von Menschen „auserwählt“, und das gäbe dieser Gruppe das Recht, eine andere Gruppe auszulöschen, für nichts anderes halten als für einen gefährlichen Wahn. Daher ist für mich klar, dass Yehuda Shimon ein Irrer ist. Mir ist aber natürlich auch klar, dass er nicht der einzige seiner Art ist. Erhebliche Teile der israelischen Gesellschaft sind von diesem religiösen Wahn befallen.
Aber was noch schlimmer ist: Nicht nur die religiösen Fundamentalisten unter den jüdischen Israelis halten die gegenwärtige israelische Politik gegenüber den Palästinensern für richtig – oder sogar noch für zu mild.
Eine Umfrage von Anfang März 2026, durchgeführt von einem wichtigen israelischen Fernsehsender (Channel 12) zeigt, dass die Jungwähler (also jene Israelis, die in diesem Jahr erstmals an den Wahlen zur Knesset teilnehmen dürfen) rechtsgerichteter sind als jede Generation vor ihnen. Befragt wurden ausschließlich jüdische Israelis von 18 bis 21 Jahren. In dieser Umfrage beschrieben sich 75 Prozent der Jungwähler als „rechtsgerichtet“. (Zum Vergleich: Von den älteren Wählern beschreiben sich 68 Prozent so.) Von den verbleibenden 25 Prozent der Jungwähler identifiziert sich die große Mehrheit als „Mitte rechts“. Nur 5 Prozent sehen sich selbst als „links“.
Das Online-Journal Mondoweiss erläutert dazu:
„In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Relativität der Begriffe von Links und Rechts in der israelischen Politik zu berücksichtigen. Oppositionsführer Yair Lapid, der Vorsitzende der zentristischen Yesh-Atid-Partei, erklärte kürzlich, dass er Mike Huckabees Äußerungen zu Israels durch die Bibel garantierten Eroberungs-Rechten zustimme. Huckabee, der amerikanische Botschafter in Israel, hatte erklärt, Israel habe ein biblisches Recht, Palästina, Jordanien, den Libanon, Syrien und Teile Ägyptens und Saudi Arabiens zu erobern. Das nennt man die ,Groß-Israel-Vison’ für Israels künftige Grenzen. Demnach solle sich Israel vom Nil bis zum Euphrat erstrecken.
[…]
Die Umfragen, die während des Genozids in Gaza durchgeführt wurden, zeigen einen konsistenten allgemeinen Trend in der jüdisch-israelischen Gesellschaft. Etwa 4 von 5 jüdischen Israelis unterstützen den Genozid in unterschiedlichen Formulierungen. 79% gaben an, gegenüber der Hungersnot in Gaza gleichgültig zu sein (August 2025), mehr als 75% stimmten der Aussage zu, dass ,es keine Unschuldigen in Gaza gibt’ (Juni 2025), und mehr als 82% unterstützten die vollständige Vertreibung der EinwohnerInnen von Gaza (Mai 2025).
In der zuletzt genannten Umfrage, die von der Pennsylvania State University durchgeführt wurde, stellten die Autoren Shai Hazkani und Tamir Sorek fest, dass nur 9% der Männer unter 40 (die den Hauptanteil der israelischen Soldaten in Gaza ausmachen), ,alle Ideen von Deportation und Auslöschung, die ihnen präsentiert wurden, zurückgewiesen haben.’“
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Der Hang zur Selbstüberhebung mag eine universelle menschliche Schwäche sein. Im günstigen Fall wird diese ausbalanciert durch menschliche Tugenden wie Moral, Mitgefühl, Gerechtigkeitssinn, Toleranz und die Einsicht in die eigenen Mängel. Im ungünstigen Fall paart er sich mit der wahnhaften Überzeugung, dass die eigene, vermeintlich „höherwertige“ Gruppe das Recht habe, die vermeintlich „minderwertigen“ Menschen zu berauben, auszubeuten, zu vertreiben und zu ermorden. Letzteres ist für mich die Essenz des Faschismus. Der Siedler Yehuda Shimon und seinesgleichen sind daher nach meinem Verständnis nichts anderes als Faschisten – zionistische Faschisten.
Trotz meiner grundsätzlich religionskritischen Haltung denke ich nicht, dass die jüdische Religion die Hauptursache des zionistischen Faschismus ist. Denn erstens ist die jüdische Religion sehr viel älter als der zionistische Faschismus; und zweitens sind auch heute nicht alle gläubigen Juden zionistische Faschisten. Manche meinen sogar, dass der Zionismus ein Verrat am Judentum sei, dass die jüdische Religion mit jeder Form des Nationalismus (einschließlich des israelischen Nationalismus) unverträglich sei. Hier eine Stellungnahme antizionistischer New Yorker Juden (The Torah Jews) vom 23. Februar 2026 zu Mike Huckabees Ausführungen über das biblische Recht der Juden auf ein „Groß-Israel“:
„Das Phänomen, dass politische Führer biblische Passagen falsch zitieren, um Israel – eine politische Entität – zu unterstützen, ist für uns amerikanische Juden einerseits verwirrend, andererseits aufschlussreich. Es zeigt, wie die zionistische Ideologie tragischerweise in die allgemeine Wahrnehmung eingesickert ist und demonstriert zugleich, wie weit entfernt eine solche Rhetorik von authentischem Judentum ist. Israel ist eine politische Entität des 20. Jahrhunderts, nicht eine religiöse Erfüllung von Versprechungen der Thora. Zionismus ist eine Bewegung, die im europäischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts ihre Wurzeln hat. Sie ist vollkommen unverträglich mit den Lehren der Thora und repräsentiert nicht ,das Volk Israels’, das in der Thora beschrieben wird.
[…]
Die Unterscheidung zwischen einer politischen Bewegung und dem Judentum zu verwischen, ist ein Beleidigung des jüdischen Glaubens […].“
Hier ein Statement der antizionistischen jüdischen Gruppe Neturei Karta:
„Eine der Grundlagen des Judentums ist, dass wir seit unserer Verbannung vor knapp 2.000 Jahren durch göttliche Anordnung im Exil leben und loyale Bürger jenes Landes sein sollen, in dem wir leben. Es ist uns verboten, Kriege anzuzetteln oder gegen irgendein Volk, eine Nation oder ein Land zu rebellieren.
Die Thora verbietet den Juden, ihre Souveränität zu haben. Das Exil kann nur durch ein Wunder beendet werden, durch G-t allein, ohne irgendein menschliches Eingreifen. Dann wird die ganze Menschheit vereint sein im brüderlichen Dienst des Schöpfers.
[…]
Daher steht die Ideologie des Zionismus, eine neue Erfindung, die das Ende des Exils erzwingen will, im Gegensatz zum jüdischen Glauben und zu einer jahrtausendelang allgemein akzeptierten jüdischen Tradition. Daher erregte der Zionismus auch von Anbeginn an den Widerspruch von Rabbinern.“
Nicht alle antizionistischen Juden sind automatisch auch solidarisch mit dem palästinensischen Volk, doch manche sind es. Hier der Link zu einem Video, das am 7. Juni 2026 in Toronto aufgenommen wurde: Rabbi Dovid Feldman, schwarz gekleidet mit breitkrempigem Hut, langem Bart und Palästinenser-Schal, wendet sich per Megaphon an TeilnehmerInnen einer proisraelischen Demonstration:
„Schande über den Zionismus. Ihr sprecht nicht im Namen des Judentums. Das ist eine Entweihung des Namens Gottes. […] Schande über euch. Ihr unterstützt die Ermordung von kleinen Babies, von unschuldigen Männern, Frauen und Kindern. Und hört: Über all das hinaus entfacht ihr so viel Antisemitismus. Die Menschen hassen die Juden, weil ihr behauptet, dass eure Verbrechen alle Juden repräsentieren. Das ist eine Tragödie für die Menschheit, eine Katastrophe für jeden, der darin involviert ist.“
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Es vergeht kein Tag ohne Siedlerangriffe. Eine Nachricht von gestern:
„Dutzende Siedler, unter dem Schutz israelischen Soldaten, griffen palästinensische Einwohner an, während diese ihre Felder im Gebiet von al-Mughayyir pflügten. Sie feuerten Tränengas. Sechs PalästinenserInnen wurden verletzt. […] Nach dem Siedlerangriff stürmten israelische Soldaten das Dorf, schossen Tränengas und Schallbomben.“
Eine Nachricht von vielen. In der vergangenen Woche wurden mehr als 500 israelische Angriffe von Siedlern und Soldaten registriert.
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Interview der Al-Jazeera-Journalistin Nour Odeh mit dem Knesset-Abgeordneten Ofer Cassif von der linken Hadash-Koalition (de facto die einzige echte, aber vollkommen machtlose, parlamentarische Opposition in Israel):
OC: Jeder sollte verstehen: Das ist nicht Siedlerterrorismus. Die Siedler sind die Bevollmächtigten der Regierung und der Besatzungsarmee. Das ist ganz klar Staatsterrorismus. Sie finanzieren es, sie unterstützen es, sie ermutigen es. […] Das ist Teil eines Vernichtungsprojekts, der ethnischen Säuberung, und darum ist es so schwierig, es zu beenden, weil die Regierung es nicht beenden will.
NO: Sie sagen mir, dass diese Siedler bekannt sind, dass es Whats-App-Gruppen gibt, Telefonnummern, dass die Strafverfolgungsbehörden wissen, wer diese Siedler sind.
OC: Absolut.
NO: Sie schrieben vor mehr als einem Jahr an die Generalstaatsanwältin …
OC: Vor drei Jahren.
NO: Was bekamen Sie als Antwort?
OC: Nichts.
Ofer Cassif denkt dennoch nicht daran, den Kampf aufzugeben. Das ist sein Abschluss-Statement:
„Wir werden die Besatzung beenden. Das versichere ich Ihnen. […] Palästinenser und Israelis, Araber und Juden gemeinsam. Wir sind Brüder und Schwestern, nicht Feinde. Wir sind Brüder und Schwestern unter derselben Sonne und demselben Himmel. Wir werden die Faschisten besiegen.“
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Auch in der vergangenen Woche ging das Morden in Gaza weiter. Und im Libanon ist von Waffenstillstand keine Spur: UNIFIL-Truppen berichten, dass Israel vom vergangenen Freitag bis Sonntag (!) 455 Projektile in den Südlibanon gefeuert und den libanesischen Luftraum 97 mal verletzt hat.
Quellen:
https://www.youtube.com/watch?v=qvoMYfsItk8
https://www.jpost.com/israel-news/article-904259
https://www.instagram.com/reels/DblZnoPC0lix
https://www.instagram.com/munther.isaac
https://www.instagram.com/reels/DZvjr-FJpFL
https://aje.news/suhi9z?update=4845713
https://aje.news/suhi9z?update=4845356
https://aje.news/suhi9z?update=4844738
https://aje.news/suhi9z?update=4845507
https://aje.news/suhi9z?update=4845335
https://aje.news/suhi9z?update=4845228https://aje.news/suhi9z?update=4845033
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