
Bild: Gaza-Stadt, Mai 2017. Kinder lassen am Strand von Gaza ihre Drachen steigen. [Activestills, Ezz Zanoun]
Die meisten Kinder auf der Welt haben sich vermutlich irgendwann im Drachensteigenlassen versucht. Insbesondere im arabischen Raum ist es eine Art Volkssport, vor allem (aber nicht nur) für Kinder und Jugendliche. Berühmt wurde der Roman Drachenläufer des afghanisch-amerikanischen Autors Khaled Hosseini.
Palästinensische Kinder lieben es, ihre selbst gebauten Drachen steigen zu lassen. Dies gilt für die palästinensischen Kinder in Israel ebenso wie für die im besetzten Westjordanland und im seit Jahrzehnten kriegsgebeutelten Gazastreifen. Es gibt Drachenworkshops und Drachenfestivals, bei denen sich Hunderte Kinder und Jugendliche versammeln, um ihre Drachen fliegen zu lassen. Es ist ein Fest für die Sinne, ein großer Spaß und eine der wenigen Möglichkeiten, die palästinensische Kinder haben, ihren harten Alltag und die Gräuel des Krieges wenigstens für Momente zu vergessen. Wenn sich der aus Abfallmaterial zusammengebaute Drache in den Himmel erhebt, dann erhebt sich auch manche niedergedrückte Seele, zumindest für eine gewisse Zeit. Solche Augenblicke brauchen palästinensische Kinder, um zu überleben.
Doch wenn es nach dem israelischen Verteidigungsminister geht, ist für die Kinder in Gaza mit dem Vergnügen jetzt Schluss. Verteidigungsminister Katz erklärte diese Woche, man betrachte es künftig als „Kriegsakt“ wenn Kinder aus Gaza Drachen steigen lassen. Er stellte das Kinderspielzeug auf eine Stufe mit Kampfdrohnen.
Am 23. August zerstörte die israelische Armee durch einige Luftangriffe ein Gebäude in Az-Zawayda in Zentral-Gaza. Drei palästinensische Menschen starben dabei, darunter ein vierjähriges Kind. Das ist leider nichts Außergewöhnliches in Gaza. Außergewöhnlich war jedoch die Rechtfertigung der israelischen Armee für diesen Angriff: Sie berief sich auf eine neue „Sicherheitsdirektive“, der gemäß auf Papierdrachen, Luftballons und anderes von Kindern zum Fliegen gebrachtes Spielzeug mit der gleichen tödlichen Gewalt zu reagieren sei wie auf militärische Kampfdrohnen.
Der israelische Premierminister Netanjahu stellte den Menschen in Gaza ein Ultimatum: Wenn sie nicht binnen drei Tagen dafür sorgen, dass das Drachensteigen in Gaza aufhört, dann werde Israel mit verstärkten Luftangriffen und der massenhaften „Evakuierung“ von Zivilisten reagieren.
Es soll nicht verschwiegen werden, dass das Drachensteigen in Palästina nicht immer nur Spaß ist, sondern manchmal zugleich auch eine Form des Protests gegen das Unrecht der Besatzung, der Blockade und der asymmetrischen Kriegsführung. Palästinenser basteln Drachen in den Farben der palästinensischen Flagge, beschriften sie mit Botschaften und schicken sie gelegentlich auch über Mauern und Zäune, die die Besatzungsmacht errichtet hat – gerne (aber nicht nur) an palästinensischen Gedenktagen.

Bild: Khan Younis, Gaza, 19. Mai 2026: Das örtliche „Kommittee für die Stärkung der Resilienz“ und die Stadtverwaltung von Khan Younis organisierten für die Kinder eine Veranstaltung mit dem Titel „Mein Raum, mein Drachen“. Es wurde gemeinsam ein traditionelles palästinensisches Gericht gekocht und es wurden Drachen gebastelt. Die Drachen auf dem Bild tragen unter anderem die Aufschriften „Recht auf Bildung“ und „Recht auf Gesundheitsversorgung“. Die Organisatoren erklärten, Ziel der Veranstaltung sei es, die Kinder psycho-sozial zu unterstützen, palästinensisches Volkskulturerbe zu beleben und einen sicheren Ort zu schaffen, an dem Kinder ihre Träume und Hoffnungen für eine bessere Zukunft ausdrücken können. [Activestills, Doaa Albaz]
Während des „Großen Marsches der Rückkehr“ im Jahr 2018 in Gaza ließen einige der Demonstranten Drachen über den von Israel illegal auf palästinensischem Gebiet errichteten Grenzzaun steigen. Manche dieser Drachen waren mit Molotov-Cocktails bestückt und landeten auf der israelischen Seite.
Der sogenannte „Große Marsch der Rückkehr“ war eine Serie von Demonstrationen in Gaza. Von Ende März 2018 bis Ende Dezember 2019 marschierten jeden Freitag Tausende, manchmal Zehntausende Menschen (zum größten Teil unbewaffnet und friedlich) zum Grenzzaun, um gegen eben diesen zu protestieren und ihr Recht auf Rückkehr in ihre Heimat, aus der sie 1947/48 vertrieben worden waren, einzufordern. Überdies protestierten sie gegen die Blockade des Gazastreifens durch Israel. Die israelische Armee reagierte auf diese Proteste mit brutaler militärischer Gewalt. Scharfschützen feuerten mit scharfer Munition auf die DemonstrantInnen. Insgesamt wurden dabei 223 PalästinenserInnen getötet. Tausende wurden verwundet, viele davon schwer. In mehr als 150 Fällen mussten Arme oder Beine amputiert werden. Die große Mehrheit der Opfer waren Zivilisten. Auf israelischer Seite gab es weder Todesopfer noch Schwerverletzte.

Bild: Drache mit Molotov-Cocktail über der Grenze zwischen Gaza und Israel während des „Großen Marsches der Rückkehr“ am 20. April 2018. An diesem Tag töteten israelische Soldaten mindestens vier DemonstrantInnen, darunter einen 15jährigen. Mehr als 400 erlitten Verletzungen durch Tränengas und scharfe Munition. [Activestills, Mohammed Zaanoun]
Zurück in die jüngste Vergangenheit: Auch jetzt landeten einige Drachen auf der israelischen Seite. Sie trugen jedoch keinen Sprengstoff und stellten auch sonst keine Gefahr dar, wie die israelische Armee selbst feststellte.
Sowohl die UNO als auch Amnesty International verurteilen das israelische „Drachenverbot“ und Israels Drohungen, Verstöße dagegen zum Anlass für weitere Gewalt zu nehmen.
Der südafrikanische Journalist Iqbal Jassat bringt es in einem Text mit dem Titel „Der Wind aus den Trümmern“ auf den Punkt:
„Die Entscheidung der israelischen Behörden, Drachen in den Status von Kriegswaffen zu erheben, stellt eine erschreckende neue Stufe in der Normalisierung asymmetrischer Kriegsführung dar.
[…]
Wir müssen ganz klar feststellen, dass ein Papierdrache keine Drohne ist, ein Kind kein Kämpfer und ein Warenlager in Az-Zawayda keine legitime militärische Festung.
Die Winde, die durch die Ruinen von Gaza wehen, tragen mehr als nur Papier und Schnur; sie tragen einen universellen Schrei nach Freiheit, Frieden und dem grundlegenden Recht, ohne Terror zu leben.
Wenn ein Kind einen Drachen steigen lässt, dann ist das keine Kriegshandlung. Es ist eine Handlung, die dem Überleben dient.“
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Der Unterschied zwischen Papierdrachen und militärischen Kampdrohnen ist schnell erklärt: Drachen töten nicht, Drohnen schon. Das Folgende sind nur einige aktuelle Meldungen:
Gestern, am 1. September in Gaza: In Al-Kateeba, westlich von Gaza-Stadt, wurden mindestens vier Personen, davon zwei Kinder, durch einen israelischen Drohnenangriff getötet. Acht weitere wurden verletzt. Der tödliche Angriff war nur einer in einer Angriffswelle, die etwa 35 Minuten andauerte. Ununterbrochen waren Explosionen zu hören. Mindestens 13 Drohnen waren dabei im Einsatz.
Am 29. August griff eine israelische Drohne ein Zelt auf dem Gelände des Al-Aqsa-Märtyrer-Krankenhauses an. Drei Personen wurden dadurch verletzt. Bei einem anderen Drohnenangriff am selben Tag starb mindestens eine Person.
Am 28. August griff eine israelische Drohne ein Haus in Dschenin im Westjordanland an. Drei PalästinenserInnen kamen dabei ums Leben.
Ebenfalls werden zahlreiche israelische Drohnenangriffe aus dem Süden des Libanon gemeldet. Eine israelische Drohne griff Zivilschutzmitarbeiter an, während diese versuchten, einen Grasbrand zu löschen. Außerdem wurde ein Rettungsteam angegriffen und ein Rettungsfahrzeug beschädigt.
Sowohl in Gaza als auch im Libanon herrscht offiziell ein „Waffenstillstand“, und im Westjordanland herrscht offiziell nicht einmal Krieg.
Weder die Hamas noch der Islamische Dschihad oder andere militante Gruppen in Gaza verfügen über Kampfdrohnen. Von der israelischen Armee werden sie an unterschiedlichsten Schauplätzen, vor allem in Gaza, täglich eingesetzt. Sie töten, sie verstümmeln, sie zerstören, sie überwachen, sie versetzen die Menschen in Angst und Schrecken, rauben ihnen den Schlaf, zerrütten ihnen die Nerven mit ihrem unaufhörlichen Dröhnen. Die Motoren für diese mörderischen Waffen stammen übrigens wahrscheinlich aus Österreich, von der Firma Rotax aus dem beschaulichen Ort Gunskirchen. Ein Firmensprecher bestätigte dies indirekt, indem er auf Nachfrage der österreichischen Zeitung Falter sagte, Rotax habe die Lieferung von Motoren an den israelischen Waffenproduzenten Elbit im Jahr 2024 eingestellt.
Österreichische Palästina-AktivistInnen führten mehrere Protestaktionen vor Ort durch. Es gab außerdem eine parlamentarische Anfrage zu diesem Thema, und im Januar 2026 wurde eine Anzeige gegen die Firma Rotax gestellt, da der Export von Rüstungsgütern in Kriegsgebiete nach österreichischem Recht verboten ist.
Quellen:
https://www.palestinechronicle.com/the-wind-from-the-rubble-why-gazas-kites-demand-global-solidarity
https://aje.news/764cwd?update=4895793
Children in Gaza are afraid flying their kites will get them killed
https://www.amillionkites.com/shop/p/1copy-german
https://www.activestills.org/image/66630
https://www.activestills.org/image/18448
https://www.activestills.org/image/19850
https://en.wikipedia.org/wiki/2018%E2%80%932019_Gaza_border_protests
https://aje.news/764cwd?update=4897005
https://aje.news/764cwd?update=4896094
https://aje.news/764cwd?update=4896055
https://aje.news/suhi9z?update=4845507
https://aje.news/suhi9z?update=4845335
https://aje.news/suhi9z?update=4845228https://aje.news/suhi9z?update=4845033
https://www.falter.at/maily/20250821/oesterreichische-motoren-in-kampfdrohnen-ueber-gaza
https://www.vol.at/nach-orf-eklat-aktivisten-stuermten-drohnen-firma-in-ooe/9622118
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Update zu Qusra
Am 19. August berichtete ich in diesem Blog über die Belagerung einer kleinen palästinensischen Ansiedlung in dem Dorf Qusra durch israelische Siedler. Die Belagerung begann am 9. August. Den Siedlern gelang es nicht, in das Haus einzudringen. Aber sie schlugen direkt davor ihr Lager auf und hinderten AktivistInnen daran, den Eingeschlossenen Wasser, Lebensmittel und Medikamente zu bringen. Die BewohnerInnen könnten wohl gehen, aber dann nicht mehr zurückkehren. Die Siedler wollen sie dauerhaft vertreiben und würden die drei Häuser sofort besetzen. So ist es bereits an vielen anderen Orten geschehen.
Die israelische Armee ist anwesend, angeblich zum Schutz der palästinensischen BewohnerInnen. In Wirklichkeit jedoch ermöglicht sie nicht den PalästinenserInnen Bewegungsfreiheit, indem sie die Siedler fern hält, sondern blockiert ihrerseits den Zugang zu den palästinensischen Häusern. Die Siedler können sich nach wie vor frei bewegen. Ähnliches geschieht auch in dem nahegelegenen Dorf Jalud.
Inzwischen entwickelte sich die Belagerung von Qusra zu einem echten Image-Problem für Israel. Sogar der israelische Premierminister Netanjahu sah sich veranlasst, die Siedlergewalt in Qusra und Jalud öffentlich zu verurteilen. Er sagte, er erwarte von den Gesetzeshütern, die „Unruhestifter“ zu verhaften und vor Gericht zu bringen. Das ist einzuordnen als ein Versuch, den Imageschaden, der Israel durch die Siedler entstanden ist, zu begrenzen. Vor Ort jedoch hat sich bisher offenbar nichts verändert. Nach meinem Informationsstand dauert die Belagerung nach wie vor an. Keiner der beteiligten Siedler wurde bisher verhaftet oder angeklagt. Dies berichtete die Times of Israel am vergangenen Sonntag Abend (30. August). Neuere Meldungen dazu konnte ich nicht finden.
Netanjahu versucht, die Siedlergewalt als ein Problem einer Handvoll Jugendlicher aus „schwierigen Verhältnissen“ herunterzuspielen. Ein Sprecher sagte, viele von ihnen würden gar nicht in den Siedlungen im Westjordanland wohnen. Für diese Behauptung wurden keine Beweise vorgelegt. Hingegen gibt es zahllose Beweise für Übergriffe durch Bewohner der illegalen jüdischen Siedlungen und Außenposten.
Hier einige Meldungen aus den vergangenen Tagen:
- September:
In Bazariya, nordwestlich von Nablus, versuchten israelische Siedler in eine Moschee einzudringen. Nachdem es ihnen nicht gelang, die Türen niederzureißen, setzten sie ein Gebäude in der Nähe der Moschee in Brand und beschmierten Wände mit rassistischen Slogans.
In Nahalin, westlich von Bethlehem, setzten israelische Siedler ein Fahrzeug in Brand und schrien rassistische Slogans.
30. August:
Die Kinder von Umm al-Khair spielten Fußball auf ihrem Fußballplatz. Siedlerkinder stürmten den Platz, stahlen den palästinensischen Kindern den Ball und verhöhnten diese. Erwachsene Siedler schauten zu. Danach drangen die Siedlerkinder in eine andere Ecke des Dorfes ein und versuchten, einen Zaun niederzureißen. Ein anwesender Aktivist versuchte, sie daran zu hindern. Daraufhin zerrten bewaffnete erwachsene Siedler den Aktivisten in ihren illegalen Außenposten. Die israelische Polizei verhaftete den Aktivisten. Für die Siedler gab es keine Konsequenzen. Hier gibt es Videomaterial zu diesem Vorfall.
Augenzeugenbericht eines israelischen Aktivisten von Standing Together aus dem Dorf Jannatah: Aktivisten versuchten, einen Schutzzaun für die Palästinenser zu bauen. Sie wurden von maskierten Siedlern mit Stöcken, Steinen und Pfefferspray angegriffen. Ihr Auto wurde demoliert. Israelische Soldaten waren vor Ort, schauten zu und griffen nicht ein.
Al-Mughayyir: Gewalttätige Siedler dringen in das Dorf ein, Einwohner stellen sich ihnen in den Weg, die Armee kommt und schießt auf die Einwohner. Zwei Palästinenser wurden verwundet.
Unter dem Schutz der israelischen Armee stürmten Hunderte israelische Siedler islamische heilige Stätten im Dorf Awarta.
So geht das Tag für Tag.
Quellen:
https://aje.news/xxqr90?update=4899972
https://aje.news/a31tln?update=4906225
https://www.instagram.com/reels/DcqkIHgMLm3
https://aje.news/xxqr90?update=4900237
https://aje.news/xxqr90?update=4899831
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