Nicaragua gegen Deutschland

„Nicaragua gegen Deutschland“ hieß es in der vergangenen Woche. Nein, es geht ausnahmsweise nicht um Fußball. Es geht um ein Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH). Geklagt hatte Nicaragua (bereits im März 2024), angeklagt ist Deutschland, und zwar wegen Verletzungen der Genozidkonvention. Die Anklage wird mit Deutschlands Waffenexporten nach Israel begründet.

Das Argument Nicaraguas lautet: Die Genozidkonvention verpflichtet jeden Vertragsstaat, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Verletzungen des Humanitären Völkerrechts durch einen anderen Staat zu verhindern. Dieser Verpflichtung ist Deutschland nicht nachgekommen. Spätestens seit 2024 hätte auch Deutschland wissen müssen, dass Israel in Gaza schwerste Verbrechen gegen das Völkerrecht verübt. Da Deutschland nach den USA der zweitgrößte Waffenlieferant Israels ist, hätte Deutschland durch einen Waffenexportstopp einen wirksamen Hebel gehabt, um Einfluss auf Israel zu nehmen. Doch Deutschland hat diesen Hebel nicht genutzt, sondern, im Gegenteil, seine Exporte seit 2023 noch einmal massiv ausgeweitet.

Hierbei geht es noch nicht um die Frage einer Komplizenschaft Deutschlands mit Israel, also um Beihilfe zum Völkermord, obwohl Nicaragua Deutschland auch diese vorwirft. Es geht also eigentlich um zwei Vorwürfe: erstens die Nichtverhinderung und zweitens die Beihilfe.

Es ist hierfür übrigens unerheblich, ob am Ende eines jahrelangen Verfahrens festgestellt wird, dass das, was Israel in Gaza begangen hat, tatsächlich ein Völkermord (Genozid) war oder „nur“ eine monströse Serie von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Denn die Genozidkonvention verpflichtet die Vertragsstaaten, nicht erst dann einzugreifen, wenn der Völkermord mit Brief und Gerichtssiegel bestätigt ist, sondern bereits dann, wenn nur die Gefahr eines Genozids droht.

Es ist auch wichtig zu verstehen, dass das Völkerrecht nur dann seine schützende Wirkung entfalten kann, wenn die Staaten ihrer Verpflichtung nachkommen, Verstöße nach Möglichkeit zu verhindern, indem sie Druck auf „schwarze Schafe“ ausüben. Dies muss unabhängig davon geschehen, ob es sich um Verbündete oder um Feinde handelt, und unabhängig davon, ob wirtschaftliche oder politische Interessen betroffen sind. Denn es gibt ja keine „Weltpolizei“, die Verstöße gegen das Völkerrecht ahnden könnte. Die Staaten müssen also gegenseitig aufeinander aufpassen. Wenn sie es nicht tun, tut es niemand, und das Völkerrecht wird totes Recht.

Diese Woche (vom 7. bis 10. September) wurde in Den Haag verhandelt. Gegenstand der Verhandlungen war jedoch nicht der eigentliche Punkt der Anklage (nämlich Deutschlands Waffenlieferungen an Israel während des Genozids in Gaza). Vielmehr ging es, wie es im Juristendeutsch heißt, um „prozessuale Fragen“.

Deutschland bestreitet mit mehreren Einwänden die Zuständigkeit des IGH bzw. die Zulässigkeit der Klage. Einer der Einwände Deutschlands ist, dass Deutschland die entsprechende Konvention erst 2008 unterschrieben hat, mit dem Vorbehalt, dass für Fälle, die auf Streitigkeiten beruhen, die schon länger zurückliegen, die Zuständigkeit des IGH nicht akzeptiert wird. Da der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern viel weiter zurückreicht, sei diese Klage nicht zulässig, argumentiert Deutschland. Die Frage ist nun also, ob es bei der gegenständlichen Klage um den schon lange zurückreichenden Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern geht, oder eben nur um die Ereignisse seit dem Oktober 2023. Letzteres schließt nicht aus, dass das, was vorher geschah, zum „historischen Hintergrund“ des aktuellen Falles gehört. Wenn das Gericht dies so beurteilt, dann wäre der Einwand Deutschlands zurückzuweisen.

Ein weiterer Einwand Deutschlands lautet, dass es in diesem Fall ja nicht nur um Deutschlands, sondern auch um Israels Verpflichtungen gegenüber dem Völkerrecht gehe, und dass daher Israel in das Verfahren eingebunden sein müsste. Die Gegenseite argumentiert, dass es hier ausschließlich um Deutschlands Verpflichtungen geht, und dass daher Israel nicht beteiligt sein muss.

Es ist üblich (und auch gut nachvollziehbar), dass sich beklagte Parteien vor Gericht vor allem dann mit Fleiß auf „prozessuale Fragen“ stürzen, wenn sie in der Sache selbst wenig zu ihrer Verteidigung vorzubringen haben. So entsteht hier der Eindruck, dass Deutschland versucht, mit Winkeladvokatereien den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Die Optik könnte kaum schlechter sein. Vielleicht war ja auch das der Grund, dass in deutschen Mainstream-Medien sehr wenig über die Verhandlungen in Den Haag zu lesen war.

Zum eigentlichen Punkt der Anklage (Deutschlands Waffenlieferungen an Israel) gibt es einen brandneuen Bericht des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR): „Arming International Crimes: Germany’s Continuing Arms Exports to Israel 2023–2026“ [„Die Bewaffnung internationaler Verbrechen: Deutschlands andauernde Waffenexporte nach Israel 2023–2026“]:

„Der Bericht ,Arming International Crimes – Germany’s Continuing Arms Exports to Israel, 2023–2026‘ wertet amtliche Genehmigungszahlen, parlamentarische Auskünfte und israelische Importdaten aus. Die Auswertung zeigt: Nach den IGH-Verhandlungen 2024 sind die deutschen Rüstungsexportgenehmigungen gestiegen – und betreffen weit überwiegend nicht die Schutz- oder Ausbildungsgüter, auf die sich Deutschland vor Gericht berufen hatte. 2024 entfielen auf Schutzausrüstung lediglich 106.000 Euro von insgesamt 163,8 Millionen Euro – rund 0,065 Prozent. Für 2025 dokumentiert der Bericht Genehmigungen für Panzer- und gepanzerte Fahrzeugteile im Wert von über 110 Millionen Euro. Bauteile dieser Art wurden bei völkerrechtswidrigen israelischen Militäroperationen in Gaza und im Libanon eingesetzt.“

Unter anderem lieferte Deutschland in großem Umfang Panzergetriebe nach Israel. Diese Getriebe wurden in Merkava-Panzer verbaut, wie sie in Gaza in großer Zahl zum Einsatz kamen. Gut möglich, dass die Kugeln, die Hind Rajab, ihre Tante, ihren Onkel und vier ihrer Cousinen töteten, aus dem Rohr eines Panzers mit einem deutschen Getriebe kamen.

Egal, wie das Verfahren vor dem IGH am Ende ausgeht, Deutschland hat bereits verloren. Deutschland hat seine Glaubwürdigkeit als Verfechter einer regelbasierten Weltordnung verloren, seine moralische Autorität, sein Ansehen als ein wichtiges Mitglied der zivilisierten Welt.

Quellen:

https://www.deutsche-juristinnen-voelkerrecht.org/webinar-nicaragua-v-germany

https://www.ecchr.eu/publikation/arming-international-crimes-germanys-continuing-arms-exports-to-israel-2023-2026

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Endlich Sanktionen, aber …

Am Dienstag dieser Woche kündigte der britische Außenminister Ed Miliband bei einer Rede vor dem Parlament an, den Handel mit den illegalen israelischen Siedlungen im Westjordanland auszusetzen. Dies betrifft vor allem landwirtschaftliche Produkte, wie Datteln und Olivenöl. Das Verbot tritt jedoch nicht sofort in Kraft, sondern innerhalb von 6 bis 9 Monaten. 

Israel reagierte wie von der Tarantel gestochen: 12 britischen Abgeordneten wurde die Einreise nach Israel verweigert, und es wurde angeordnet, dass das britische Konsulat in Jerusalem binnen 30 Tagen geschlossen werden muss. 

Nach der Ankündigung des britischen Außenministers veröffentlichten 11 weitere Länder eine gemeinsame Stellungnahme, in der sie ihrerseits Handelsbeschränkungen für die illegalen Siedlungen ankündigten: Kanada, Dänemark, Finnland, Frankreich, Island, Irland, Norwegen, Polen, Portugal, Spanien und Schweden. Spanien, Irland, die Niederland und Belgien hatten schon früher solche Handelsverbote angekündigt.

Einige dieser Länder haben umfangreiche Handelsbeziehungen mit Israel, allen voran Irland, das vor allem Komponenten für elektronische Geräte aus Israel bezieht. Der Boykott von Datteln aus den Siedlungen wird daher wohl nicht sehr ins Gewicht fallen.

Nach Angaben einer palästinensischen Organisation stammen ca. 17 Prozent aller israelischen Exporte aus illegalen Siedlungen. Offizielle Zahlen sind jedoch offenbar nicht verfügbar. In jedem Fall ist es wohl nur ein kleiner Teil. Diese Maßnahme ist also nur ein kleiner Schritt, und er kommt sehr spät.

Dennoch: Es ist ein wichtiger Schritt. Wenn das Handelsverbot konsequent umgesetzt wird, wird es für die israelische Wirtschaft, und vor allem für die Siedler, spürbar sein. Die Frage ist freilich: Wie wird es kontrolliert? Mit Sicherheit werden die Israelis versuchen, das Verbot zu umgehen.

Deutschland und Österreich haben sich diesem Mini-Handelsembargo nicht angeschlossen. Nicht einmal zu diesem kleinen Schritt konnten sie sich durchringen.

Aber: Niemand ist gezwungen, israelische Datteln zu kaufen! Im vergangenen Jahr habe ich mich über israelische Datteln in österreichischen Supermärkten geärgert. Ich korrespondierte daraufhin mit dem Kundenservice von Billa (= REWE) und Spar: Meine Frage war, ob es auszuschließen sei, dass diese Datteln in Wirklichkeit aus illegalen israelischen Siedlungen aus den besetzten Gebieten stammen. Um eine längere Geschichte abzukürzen: Keine der beiden Ketten konnte dies glaubwürdig ausschließen.

Diese Woche fand ich in einem REWE-Supermarkt Datteln mit der Herkunftsangabe „Palästina“. Meine Recherchen ergaben, dass die Herkunftsangabe in diesem Fall glaubwürdig ist. Die Datteln (sie können auch online bestellt werden) sind von hervorragender Qualität: das süße Produkt guter, ehrlicher Arbeit auf heimatlichem Boden – ohne den bitteren Nachgeschmack von Diebstahl und Besatzung.

Quellen:

https://www.aljazeera.com/news/2026/9/9/which-countries-banned-goods-from-settlements-but-trade-with-israel

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/9/9/jerusalem-daily-israel-retaliates-over-sanctions-on-illegal-settlements#flips-6404826269112:0

https://www.aljazeera.com/news/2026/9/9/israel-tells-uk-to-close-east-jerusalem-consulate-within-30-days

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Neuer Brief von Erella

Erella von der Villages Group berichtete diese Woche über die Zerstörung des Dorfes Taban in Masafer Yatta – und den sofort einsetzenden Wiederaufbau:

„Dieses Mal ist es Taban, ein Weiler von Höhlenbewohnern. Einige von ihnen leben noch immer in Höhlen, andere in bescheidenen Unterkünften, die im Laufe der Zeit gebaut wurden. […]

Vergangenen Mittwoch erreichte ein offizieller Abriss-Konvoi Taban. Dutzende männliche und weibliche Soldaten hatten die Aufgabe, die Bewohner zu demütigen, während ihrer Häuser zerstört wurden [und indem sie das taten, demütigten und degradierten sie sich auch selbst]. […]

Und unsere Freunde? Deren Welt zerstört worden war? Sie stehen wieder auf, wie sie es immer gemacht haben, nach jedem Schlag, den sie einstecken mussten, und mit Hilfe ihrer Nachbarn (deren Zuhause ebenso zerstört wurde oder zerstört werden wird, immer wieder). Sie fangen an aufzuräumen, zu planieren, sie besorgen einen Traktor, um einen Wassertank aufzurichten, den die Banditen in ihrer hasserfüllten Wut umgestoßen hatten, dessen Wasser in den trockenen Wüstenboden tropfte. Sie sammeln Ziegel, die für den Wiederaufbau brauchbar sein könnten.

Ruhig, mit Hingabe und handwerklichem Geschick, transformieren sie ihren Schmerz in den Schweiß für den Wiederaufbau. Keine Energie wird auf die schwere Kränkung verschwendet, auf Depression. […]

Als wir ankamen, setzte ich mich mit zwei Kindern (acht und sechs Jahre alt) hin, und wir malten ein Schild. Ich schrieb die Worte, und sie fügten die Farbe hinzu. Dann befestigten wir das improvisierte Schild auf dem improvisierten Zelt, das am Tag der Demolierung aufgestellt worden war, um die Bewohner vor der sengenden Sonne und vor der Kälte der Wüstennacht zu schützen. Auf das Schild schrieb ich: ,Kein Hass wird unsere Menschlichkeit besiegen.‘

Nachbar Samir, dessen Haus vor einigen Monaten demoliert worden war, fügte hinzu: ,Dank eurer Menschlichkeit ist unsere gestärkt‘.“

Bild: Erella und ein Kind aus Taban mit der Botschaft „Kein Hass wird unsere Menschlichkeit besiegen“. (Das Bild stammt aus Erellas Brief, ohne Nennung des Fotografen.)


Quelle:

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Kommentare

5 Antworten zu „Nicaragua gegen Deutschland“

  1. Vielen Dank für die ausführliche Darstellung. Gerade bei einem so schwerwiegenden Verfahren scheint mir jedoch eine möglichst präzise Trennung zwischen Vorwurf, Beweis, vorläufiger gerichtlicher Feststellung und endgültigem Urteil wichtig.

    Zunächst ist richtig: Nicaragua hat Deutschland 2024 vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) verklagt und sich unter anderem auf die Genozidkonvention sowie auf Pflichten nach dem humanitären Völkerrecht berufen. Die jetzige Verfahrensphase vom 7. bis 10. September 2026 betrifft allerdings Deutschlands Einwände gegen die Zuständigkeit und Zulässigkeit, nicht die endgültige Frage, ob Deutschland völkerrechtlich verantwortlich ist.

    Eine wichtige Korrektur betrifft den Inhalt der Klage: Nicaragua wirft Deutschland nicht lediglich vor, eine Verhinderung möglicher Völkerrechtsverletzungen versäumt zu haben. In seiner ursprünglichen Klageschrift heißt es ausdrücklich, Deutschland habe durch sein Verhalten nicht nur seine Verpflichtung zur Verhinderung eines Genozids verletzt, sondern auch zur Begehung eines Genozids beigetragen. Die Unterscheidung zwischen Präventionspflicht und möglicher Beihilfe bzw. Unterstützung ist deshalb juristisch relevant und sollte nicht verwischt werden.

    Ebenso sollte der deutsche Vorbehalt von 2008 präzise dargestellt werden. Deutschland hat damals die obligatorische IGH-Zuständigkeit für Streitigkeiten anerkannt, die nach dem 30. April 2008 entstehen und sich auf spätere Tatsachen beziehen, allerdings mit bestimmten Ausnahmen – insbesondere hinsichtlich des Einsatzes deutscher Streitkräfte im Ausland und der militärischen Nutzung deutschen Hoheitsgebiets. Dieser Vorbehalt ist nicht einfach ein allgemeiner Ausschluss des gesamten israelisch-palästinensischen Konflikts wegen seiner historischen Vorgeschichte. Zudem besteht mit Artikel IX der Genozidkonvention eine eigenständige mögliche Zuständigkeitsgrundlage; weder Deutschland noch Nicaragua haben dort einen entsprechenden Vorbehalt erklärt.

    Bereits am 30. April 2024 entschied der IGH, keine vorläufigen Maßnahmen gegen Deutschland anzuordnen. Das war jedoch kein Freispruch Deutschlands und keine Feststellung, dass die Waffenexporte rechtmäßig seien. Der Gerichtshof stellte zugleich fest, dass kein offensichtlicher Mangel seiner Zuständigkeit vorlag, und ließ die Fragen der endgültigen Zuständigkeit, Zulässigkeit und materiellen Verantwortung offen.

    Auch die Präventionspflicht ist ernst zu nehmen: Nach der Rechtsprechung des IGH zur Genozidkonvention muss ein Staat nicht warten, bis ein Genozid durch ein späteres Urteil endgültig festgestellt wurde. Entscheidend ist vielmehr, ob ein Staat von einem ernsthaften Risiko eines Genozids wusste oder hätte wissen müssen und welche Möglichkeiten er tatsächlich hatte, darauf einzuwirken. Das bedeutet aber umgekehrt nicht, dass jede Waffenlieferung bei bestehendem Verdacht automatisch eine völkerrechtliche Beihilfe zum Genozid darstellt. Dafür sind die konkreten Tatsachen, der Kenntnisstand, die Art der gelieferten Güter, ihr möglicher Verwendungszweck und die einschlägigen rechtlichen Verantwortlichkeitsstandards zu prüfen.

    Der neue ECCHR-Bericht ist deshalb politisch und rechtlich relevant. Er dokumentiert nach eigener Auswertung amtlicher Genehmigungszahlen, parlamentarischer Angaben und israelischer Importdaten unter anderem 163,8 Millionen Euro deutscher Rüstungsexportgenehmigungen für 2024 und mehr als 110 Millionen Euro Genehmigungen für Panzer- und gepanzerte Fahrzeugteile im Jahr 2025. Diese Zahlen sind jedoch zunächst Daten einer Menschenrechtsorganisation und keine gerichtliche Feststellung einer deutschen Völkerrechtsverletzung. Genau diese Unterscheidung stärkt die Glaubwürdigkeit der Kritik.

    Auch die Vermutung, ein bestimmtes deutsches Panzergetriebe könne in jenem konkreten Panzer eingebaut gewesen sein, der für den Tod von Hind Rajab und ihrer Angehörigen verantwortlich war, sollte nicht als Tatsache formuliert werden, solange dafür kein belastbarer forensischer Nachweis vorliegt. Bei Vorwürfen dieser Schwere gilt: Korrelation ist kein Kausalitätsnachweis.

    Ebenso halte ich die Bezeichnung deutscher prozessualer Einwände als „Winkeladvokaturen“ für problematisch. Zuständigkeit, Zulässigkeit und die Frage einer möglicherweise notwendigen Beteiligung eines Drittstaates sind keine nebensächlichen Formalitäten, sondern fundamentale Bestandteile des internationalen Prozessrechts. Gerade ein rechtsstaatliches Verfahren muss auch dann gelten, wenn das politische oder moralische Ergebnis bereits intuitiv festzustehen scheint.

    Politisch bleibt dennoch eine ernste Frage bestehen: Welche Verantwortung trägt ein Staat, wenn er Waffen an einen Partner liefert, obwohl ein erhebliches Risiko schwerster Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht besteht? Diese Frage darf weder durch politische Loyalität noch durch juristische Formalismen verdrängt werden.

    Dasselbe Maß sollte allerdings für alle Staaten gelten – für Deutschland, Israel, die USA, Russland, Iran und jeden anderen Akteur. Eine glaubwürdige regelbasierte Weltordnung kann nur funktionieren, wenn Völkerrecht nicht nach Freund und Feind unterschiedlich angewandt wird.

    Auch die angekündigten Beschränkungen des Handels mit Waren aus israelischen Siedlungen verdienen eine differenzierte Betrachtung. Zwölf Staaten haben am 8. September 2026 angekündigt, entsprechende nationale oder europäische Beschränkungen einzuführen beziehungsweise zu prüfen. Das ist politisch bedeutsam, ersetzt aber weder eine umfassende Sanktionspolitik noch die gerichtliche Klärung der jeweiligen Rechtsfragen.

    Ethisch und religiös lässt sich die entscheidende Frage vielleicht einfacher formulieren: „Du sollst das Recht nicht beugen; du sollst den Armen nicht bevorzugen und den Mächtigen nicht bevorzugen“ (vgl. Lev 19,15). Rechtsstaatlichkeit bedeutet daher weder, Israel pauschal zu verurteilen, noch Deutschland pauschal freizusprechen. Sie bedeutet, dieselben Maßstäbe auf alle anzuwenden und schwere Vorwürfe mit entsprechend schweren Beweisen zu belegen.

    Quellen: Internationaler Gerichtshof, Nicaragua v. Germany, Klageschrift vom 1. März 2024 und Beschluss vom 30. April 2024; Genozidkonvention, insbesondere Art. I und IX; ECCHR, Arming International Crimes – Germany’s Continuing Arms Exports to Israel, 2023–2026, 7. September 2026; gemeinsame Erklärung der Außenminister von zwölf Staaten vom 8. September 2026.

    Die zentralen juristischen Korrekturen stützen sich unmittelbar auf die Klageschrift Nicaraguas: Dort wird tatsächlich sowohl die Verletzung der Präventionspflicht als auch ein Beitrag zur Begehung des Genozids behauptet.

    Besonders wichtig ist auch die von Ihnen zitierte Passage zum deutschen Vorbehalt: Der IGH selbst hielt 2024 fest, dass Nicaraguas Vorbehalt Angelegenheiten vor 1901 betrifft, während Deutschlands Vorbehalt sich auf den Einsatz deutscher Streitkräfte im Ausland und die militärische Nutzung deutschen Hoheitsgebiets bezieht.

    Der neue ECCHR-Bericht bestätigt die im Ausgangsbeitrag genannten Zahlen, stellt sie aber als eigene Auswertung von Genehmigungs-, Parlaments- und Importdaten dar; daraus folgt noch keine gerichtliche Feststellung deutscher Völkerrechtsverletzungen.

    Auch die zwölf Staaten haben am 8. September 2026 zunächst eine gemeinsame politische Erklärung zu Handelsbeschränkungen gegenüber Siedlungswaren abgegeben; die Formulierungen unterscheiden zwischen bereits beschlossenen und noch einzuführenden bzw. zu prüfenden Maßnahmen.

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    1. Vielen Dank für Ihre wichtigen Hinweise, insbesondere für den Hinweis, dass Nicaragua Deutschland nicht nur Untätigkeit, sondern aktive Beihilfe zum Völkermord („Begünstigung“) vorwirft. Ich habe den Beitrag entsprechend korrigiert. Hier ist noch eine Quelle dazu: https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/nicaragua-klage-gegen-deutschland-beguenstigung-voelkermord-gaza-krieg-israel-palaestina

      Auf den folgenden Kritikpunkt möchte ich noch eingehen:

      „Auch die Vermutung, ein bestimmtes deutsches Panzergetriebe könne in jenem konkreten Panzer eingebaut gewesen sein, der für den Tod von Hind Rajab und ihrer Angehörigen verantwortlich war, sollte nicht als Tatsache formuliert werden, solange dafür kein belastbarer forensischer Nachweis vorliegt. Bei Vorwürfen dieser Schwere gilt: Korrelation ist kein Kausalitätsnachweis.“

      Ich stimme Ihnen zu. Ich habe aber in meinem Beitrag diesen Gedanken nicht einmal als Vermutung formuliert, geschweige denn als Tatsachenbehauptung, sondern nur als nicht unwahrscheinliche Möglichkeit. Ich habe geschrieben: „Gut möglich, dass die Kugeln, die Hind Rajab, ihre Tante, ihren Onkel und vier ihrer Cousinen töteten, aus dem Rohr eines Panzers mit einem deutschen Getriebe kamen.“

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  2. ## Vorsicht bei Wahrscheinlichkeitsaussagen

    Vielen Dank für die wichtige Klarstellung\. Gerade bei Aussagen über einen konkreten Panzer und eine konkrete Tötung sollte sorgfältig zwischen gesicherten Tatsachen, belastbaren Indizien und bislang nicht nachgewiesenen Schlussfolgerungen unterschieden werden\. Die Formulierung „Gut möglich, dass …“ bezeichnet bereits eine Wahrscheinlichkeitsannahme und sollte deshalb nur verwendet werden, wenn die zugrunde liegende Tatsachengrundlage entsprechend belastbar ist\.

    ## Hind Rajab: Was ist dokumentiert?

    Für den Fall Hind Rajab ist durch mehrere Untersuchungen dokumentiert, dass sich israelische gepanzerte Fahrzeuge in der Umgebung des Tatorts befanden\. Außerdem wurden am Fahrzeug der Familie Rajab Schäden festgestellt, die nach den jeweiligen Untersuchungen mit israelischem Beschuss vereinbar sind\. Welche Schlussfolgerungen daraus gezogen werden können, hängt jedoch von der jeweiligen Quelle und ihrer Beweiskraft ab\.

    Die **Washington Post** veröffentlichte am 26\. Dezember 2024 eine interaktive journalistische Rekonstruktion des Geschehens\. Nach Angaben der Zeitung stützt sie sich unter anderem auf Satellitenbilder, Audioaufnahmen, Zeugenaussagen sowie Gespräche mit Militär\- und Forensikexperten\. Die Untersuchung rekonstruiert die Positionen israelischer Militärfahrzeuge und den zeitlichen Ablauf anhand dieser Materialien\. Sie ist eine journalistische Auswertung und kein gerichtliches Sachverständigengutachten, kein amtlicher Ermittlungsbericht und keine Entscheidung eines internationalen Gerichts\. Sie dokumentiert und bewertet die von der Zeitung ausgewerteten Indizien, identifiziert jedoch nicht allein den konkreten Panzer oder dessen Getriebe\.
    ([Washington Post, 26\.12\.2024](https://www.washingtonpost.com/world/interactive/2024/hind-rajab-israel-gaza-killing-timeline/))

    Auch **Forensic Architecture** hat den Fall untersucht und eine eigene räumliche, akustische und visuelle Rekonstruktion veröffentlicht\. Dabei handelt es sich um eine wissenschaftlich\-technische Untersuchung einer unabhängigen Forschungsgruppe, nicht um eine amtliche oder gerichtliche Feststellung\. Die dort dargestellten Analysen sind relevante Indizien und können zur Rekonstruktion des Geschehens beitragen\. Sie sollten jedoch nicht ohne Weiteres als abschließender Beweis jeder einzelnen technischen oder kausalen Schlussfolgerung bezeichnet werden\.
    ([Forensic Architecture, „Hind’s Hall“/Palestine investigations](https://forensic-architecture.org/investigation/hind-rajab))

    Als **Primärquellen** im engeren Sinn sind insbesondere die zeitnahen Audioaufnahmen der Notrufe, Kommunikationsaufzeichnungen und Einsatzdokumentationen des **Palestinian Red Crescent Society (PRCS)** relevant\. Der PRCS veröffentlichte am 10\. Februar 2024 eine Darstellung des Falls und erklärte, dass die Organisation den Notruf von Hind Rajab erhalten und anschließend den Kontakt zu den entsandten Rettungskräften verloren habe\. Diese Quelle dokumentiert vor allem die Kommunikation und den Rettungseinsatz aus Sicht des PRCS\. Sie identifiziert weder den Hersteller noch das Getriebe eines bestimmten Panzers\. Die PRCS\-Darstellung ist daher als zeitnahe organisationsbezogene Primärquelle einzuordnen, nicht als unabhängiger technischer oder forensischer Nachweis\.
    ([Palestinian Red Crescent Society, 10\.02\.2024](https://www.palestinercs.org/en/))

    Damit liegen mehrere Untersuchungsebenen vor:

    – **Primärquellen:** Notrufe, Kommunikationsaufzeichnungen und Einsatzdokumentationen des PRCS;
    – **journalistische Rekonstruktion:** die Untersuchung der *Washington Post*;
    – **wissenschaftlich\-technische Rekonstruktion:** die Untersuchung von Forensic Architecture;
    – **amtliche oder gerichtliche Feststellungen:** Für die konkrete Identifizierung eines bestimmten Panzers und seines Getriebes ist in den genannten Quellen keine solche Feststellung ersichtlich\.

    Diese Ebenen dürfen nicht zu einer stärkeren Aussage zusammengeführt werden, als die jeweiligen Quellen tragen\.

    ## Die technische Kausalkette: Wo endet der Nachweis?

    Vor diesem Hintergrund ist die Formulierung „kann nicht ausgeschlossen werden“ wissenschaftlich und juristisch vorsichtiger als „gut möglich“\. Sie hält eine Möglichkeit offen, ohne daraus bereits eine überwiegende Wahrscheinlichkeit oder einen Nachweis abzuleiten\.

    Aus der Kette **Renk\-Getriebe → israelischer Panzertyp → Einsatz in Gaza → Anwesenheit gepanzerter Fahrzeuge am Tatort → konkrete Tötung** folgt allein noch kein forensischer Kausalitätsnachweis\.

    Selbst wenn einzelne Glieder dieser Kette belastbar belegt sind, müsste für die konkrete Behauptung zusätzlich nachgewiesen werden, dass das betreffende Fahrzeug tatsächlich am Tatort eingesetzt wurde und mit einem bestimmten deutschen Getriebe ausgestattet war\. Dafür wäre eine verlässliche Identifizierung des konkreten Fahrzeugs und seiner technischen Ausstattung erforderlich\.

    Die genannten Untersuchungen liefern hierfür relevante Indizien\. Aus den oben genannten Quellen ergibt sich jedoch kein Nachweis, dass ein bestimmtes Renk\-Getriebe in dem konkreten Fahrzeug verbaut war, das Hind Rajab und ihre Familie beschoss\. Eine solche Verbindung sollte daher nicht als feststehende Tatsache formuliert werden\.

    ## Das IGH\-Verfahren Nicaragua gegen Deutschland

    Diese Unterscheidung ist auch für das Verfahren **Nicaragua gegen Deutschland** vor dem Internationalen Gerichtshof wesentlich\. Nicaragua reichte am 1\. März 2024 beim IGH eine Klage gegen Deutschland ein\. Nach der veröffentlichten Klageschrift machte Nicaragua unter anderem geltend, Deutschland verletze durch seine Unterstützung Israels, insbesondere durch die Lieferung militärischer Ausrüstung, seine Pflichten aus der Völkermordkonvention und dem humanitären Völkerrecht\. Nicaragua beantragte außerdem vorläufige Maßnahmen\. Deutschland bestritt die Vorwürfe und erhob Einwände gegen die Zuständigkeit und Zulässigkeit\.

    Diese Angaben zum Inhalt der Vorwürfe stammen aus einer **Primärquelle des Verfahrens**, nämlich aus Nicaraguas Klageschrift\. Die Klageschrift dokumentiert, was Nicaragua behauptet und beantragt; sie beweist nicht selbst, dass die behaupteten Tatsachen oder Rechtsverletzungen feststehen\.
    ([International Court of Justice, Application instituting proceedings, 1 March 2024](https://www.icj-cij.org/case/193))

    Für die rechtliche Einordnung müssen mindestens vier Ebenen getrennt werden:

    1. der allgemeine Verfahrensstand,
    2. die Entscheidung über vorläufige Maßnahmen,
    3. die Zuständigkeit des IGH für die Hauptsache und
    4. die materielle Begründetheit der erhobenen Vorwürfe\.

    Keine dieser Ebenen darf mit einer anderen gleichgesetzt werden\.

    ## Verfahrensstand und Zuständigkeit

    Mit der Einreichung der Klage am 1\. März 2024 wurde das Verfahren vor dem IGH eingeleitet\. Daraus folgt jedoch noch keine Feststellung, dass der Gerichtshof für sämtliche geltend gemachten Ansprüche zuständig ist\. Deutschland bestritt insbesondere, dass die einschlägigen Zuständigkeitsvoraussetzungen erfüllt seien\. Über solche Einwände entscheidet der Gerichtshof im weiteren Verfahren, soweit sie nicht bereits in einem gesonderten Verfahrensstadium abschließend behandelt werden\.

    Die Zuständigkeit betrifft die Befugnis des IGH, die geltend gemachten Ansprüche in der Hauptsache zu prüfen\. Davon zu unterscheiden ist die Frage, ob Nicaragua seine materiell\-rechtlichen Vorwürfe beweisen kann\. Selbst wenn der Gerichtshof zuständig wäre, wäre damit noch nicht festgestellt, dass Deutschland gegen seine völkerrechtlichen Pflichten verstoßen hat\. Umgekehrt würde eine fehlende Zuständigkeit die von Nicaragua behaupteten Vorgänge nicht materiell widerlegen\.

    ## Vorläufige Maßnahmen sind kein Urteil zur Hauptsache

    Im Verfahren über vorläufige Maßnahmen beantragte Nicaragua unter anderem, Deutschland die Einstellung bestimmter Unterstützungsleistungen aufzuerlegen und die Finanzierung des UNRWA wieder aufzunehmen\. Mit Beschluss vom 30\. April 2024 erließ der IGH keine vorläufigen Maßnahmen gegen Deutschland und wies Nicaraguas Antrag auf vorläufige Maßnahmen zurück\.

    Der Beschluss betraf ausschließlich das Verfahren über vorläufige Maßnahmen\. Er ist von der Frage zu unterscheiden, ob der Gerichtshof in der Hauptsache zuständig ist und ob die erhobenen Vorwürfe materiell begründet sind\.
    ([International Court of Justice, Order of 30 April 2024](https://www.icj-cij.org/node/203991))

    Die Entscheidung war daher weder ein abschließendes Urteil über die Zuständigkeit des IGH für die Hauptsache noch eine Entscheidung über die materielle Begründetheit der Klage\. Der Gerichtshof stellte damit weder fest, dass Deutschland gegen die Völkermordkonvention oder das humanitäre Völkerrecht verstoßen habe, noch stellte er fest, dass sämtliche von Nicaragua behaupteten Vorgänge materiell widerlegt seien\.

    Aus der Zurückweisung des Antrags folgt insbesondere nicht, dass der IGH sämtliche Beweise abschließend bewertet oder eine Verantwortlichkeit Deutschlands verneint hätte\. Ebenso wenig folgt daraus, dass Nicaragua seine materiell\-rechtlichen Vorwürfe bereits bewiesen hätte\.

    Der IGH erklärte in seinem Beschluss, dass die Entscheidung über vorläufige Maßnahmen die Frage seiner Zuständigkeit für die Hauptsache und die Begründetheit der Klage unberührt lässt\. Zugleich verwies der Gerichtshof auf die völkerrechtlichen Verpflichtungen von Staaten im Zusammenhang mit der Lieferung von Waffen an Konfliktparteien\.

    Dieser Hinweis stammt aus einer **Primärquelle des Verfahrens**, dem Beschluss des IGH\. Er beschreibt den rechtlichen Prüfungsmaßstab und allgemeine staatliche Pflichten\. Er ist jedoch weder die Feststellung eines konkreten deutschen Rechtsverstoßes noch eine Vorentscheidung über die von Nicaragua behauptete Verantwortlichkeit Deutschlands\.
    ([International Court of Justice, Order of 30 April 2024](https://www.icj-cij.org/node/203991))

    ## Materielle Begründetheit bleibt gesondert zu prüfen

    Die materielle Begründetheit betrifft die Frage, ob Deutschland durch die ihm vorgeworfenen Handlungen oder Unterlassungen tatsächlich gegen konkrete völkerrechtliche Verpflichtungen verstoßen hat\. Dafür müssten unter anderem die einschlägigen Rechtsnormen, die tatsächlichen Vorgänge, die Kenntnis\- und Einflussmöglichkeiten Deutschlands sowie der erforderliche rechtliche Zusammenhang geprüft werden\.

    Diese Prüfung ist von der Entscheidung über vorläufige Maßnahmen und von der Zuständigkeitsfrage unabhängig\. Eine Entscheidung im Verfahren über vorläufige Maßnahmen beantwortet nicht abschließend, ob die behaupteten Verstöße vorliegen\. Ebenso wenig ersetzt die Feststellung allgemeiner staatlicher Pflichten den Nachweis eines konkreten Verstoßes durch einen bestimmten Staat\.

    ## Fazit: Tatsachen, Indizien und Schlussfolgerungen trennen

    Eine wissenschaftlich und ethisch saubere Argumentation muss zwischen dokumentierten Tatsachen, Indizien und weitergehenden Schlussfolgerungen unterscheiden\. Das Leid von Hind Rajab und ihrer Familie ist als menschliches Geschehen und Gegenstand dokumentierter Untersuchungen keine Hypothese\. Auch die Anwesenheit israelischer gepanzerter Fahrzeuge sowie die Vereinbarkeit der festgestellten Schäden mit israelischem Beschuss werden durch journalistische und wissenschaftlich\-technische Untersuchungen gestützt\. Je nach Aussage handelt es sich dabei um dokumentierte Beobachtungen, ausgewertete Primärmaterialien oder daraus abgeleitete Rekonstruktionen\.

    Nicht nachgewiesen ist dagegen die konkrete technische Kausalkette zwischen einem bestimmten deutschen Getriebe und genau diesem Tatgeschehen\. Die **Washington Post** legte eine journalistische Rekonstruktion vor, **Forensic Architecture** eine eigenständige wissenschaftlich\-technische Untersuchung, und der **PRCS** dokumentierte insbesondere die Notrufe und den Rettungseinsatz als organisationsbezogene Primärquelle\. Keine dieser Quellen weist für sich genommen nach, dass ein bestimmtes Renk\-Getriebe in dem konkreten Fahrzeug verbaut war, das den tödlichen Beschuss ausführte\.

    Für das IGH\-Verfahren gilt Entsprechendes: Die Einreichung der Klage am 1\. März 2024 ist eine prozessuale Tatsache, aber keine Entscheidung über die Zuständigkeit oder die Begründetheit\. Die Zurückweisung des Antrags auf vorläufige Maßnahmen durch den Beschluss vom 30\. April 2024 ist kein Urteil zur Hauptsache\. Der Hinweis auf allgemeine völkerrechtliche Pflichten ist keine Feststellung eines konkreten deutschen Rechtsverstoßes\. Die materielle Begründetheit ist davon getrennt zu prüfen\.

    ## Beweisgenauigkeit als ethisches Prinzip

    Je schwerer der Vorwurf, desto größer ist die Verpflichtung zur Beweisgenauigkeit\. Das bedeutet nicht, mögliche Verantwortlichkeiten Deutschlands oder Israels von vornherein auszuschließen\. Es bedeutet vielmehr, zwischen dokumentierten Tatsachen, plausiblen Indizien, journalistischen oder wissenschaftlich\-technischen Rekonstruktionen, Primärquellen, prozessualen Entscheidungen und materiell\-rechtlichen Schlussfolgerungen zu unterscheiden\.

    Diese Unterscheidung schützt weder Deutschland noch Israel vor berechtigter rechtlicher Verantwortung\. Sie schützt vielmehr die Wahrheitsfindung selbst\.

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    1. Ich sollte vielleicht klarstellen, was mein Anliegen mit diesem Beitrag war – und was nicht. Ich beginne mit Letzterem: Mein Anliegen war nicht, gerichtsfeste Beweise für einen unmittelbaren kausalen Zusammenhang zwischen den deutschen Kriegsmaterial-Lieferungen nach Israel und dem Tod von Hind Rajab zu präsentieren.

      Ich habe Hind Rajab vielmehr deshalb erwähnt, weil sie (wie ich vermute) das einzige von der israelischen Armee in Gaza getötete Kind ist, dessen Namen in Deutschland, Österreich und der Schweiz weithin bekannt ist – das einzige Kind unter Zehntausenden.

      Ich bin der Meinung, dass es sehr wichtig ist, den palästinensischen Opfern Namen und ein Gesicht zu geben, Geschichten über sie zu erzählen. Denn das macht uns unmittelbar begreiflich (wirklich begreiflich), dass sie Menschen waren. Und das müssen wir begreifen, um die Dimension der Verbrechen, die an den Palästinensern verübt werden, zu verstehen.

      In der hiesigen Berichterstattung wird es leider viel zu oft vermieden, die palästinensischen Opfer als Menschen zu zeigen.

      Ich habe also Hind Rajab in Zusammenhang mit den deutschen Lieferungen von Kriegsmaterial erwähnt, um begreiflich zu machen, welche Auswirkungen diese vor Ort haben.

      Für die Frage der deutschen Mitverantwortung für die Verbrechen der israelischen Armee in Gaza ist es meiner Meinung nach nebensächlich, woher die Teile des Panzers stammen, mit dem Hind Rajab ermordet wurde.

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  3. Liebe Frau Reicher-Marek,

    ich verstehe Ihren zentralen Punkt: Hind Rajab soll nicht als bloßes Beweisstück erscheinen, sondern als konkreter Mensch, dessen Name stellvertretend daran erinnert, dass hinter abstrakten Opferzahlen einzelne Leben stehen. Diese Perspektive ist ethisch wichtig. Gerade deshalb sollte aber auch bei der juristischen Bewertung zwischen moralischer Veranschaulichung und beweisbarer Verantwortungszurechnung unterschieden werden.

    Für die völkerrechtliche Frage der deutschen Verantwortung ist nämlich nicht unerheblich, welche konkrete Unterstützung geleistet wurde, welchem Zweck sie diente, welches Risiko bekannt war und ob ein hinreichender rechtlicher Zusammenhang zu möglichen Völkerrechtsverbrechen besteht. Das bedeutet nicht, dass deutsche Verantwortung nur dann denkbar wäre, wenn nachgewiesen werden könnte, dass gerade das Fahrzeug, das Hind Rajab tötete, ein deutsches Bauteil enthielt. Es bedeutet vielmehr, dass eine solche konkrete Verbindung für eine bestimmte individuelle Tat nicht behauptet werden sollte, wenn sie nicht nachgewiesen ist.

    Der Internationale Gerichtshof hat im Verfahren Nicaragua gegen Deutschland am 30. April 2024 zwar keine einstweiligen Maßnahmen gegen Deutschland angeordnet. Er hat das Verfahren aber gerade nicht in der Sache entschieden und ausdrücklich daran erinnert, dass Staaten bei Waffenlieferungen an Konfliktparteien ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen beachten müssen. (International Court of Justice) Besonders bedeutsam ist, dass der Gerichtshof die Verpflichtung Deutschlands zur sorgfältigen Prüfung von Waffenlieferungen nicht dadurch verneint hat, dass keine einstweiligen Maßnahmen erlassen wurden. (International Court of Justice)

    Auch die bereits vom IGH angeordneten einstweiligen Maßnahmen im Verfahren Südafrika gegen Israel sind keine Feststellung, dass ein Völkermord abschließend bewiesen sei. Sie verpflichten Israel jedoch verbindlich zu Maßnahmen zum Schutz der palästinensischen Bevölkerung und zur Verhinderung der in der Völkermordkonvention bezeichneten Handlungen. (International Court of Justice)

    Damit scheint mir eine gemeinsame Linie möglich: Hind Rajab darf und soll als Mensch sichtbar werden – aber ihr Tod sollte nicht mit einer nicht belegten technischen Lieferkette verknüpft werden. Die Frage deutscher Mitverantwortung muss unabhängig davon anhand der deutschen Waffenexporte, der jeweiligen Genehmigungsentscheidungen, der verfügbaren Erkenntnisse über das Einsatzrisiko und der einschlägigen völkerrechtlichen Sorgfaltspflichten geprüft werden.

    Auch das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs verlangt für individuelle Beihilfe bzw. Unterstützung eines Verbrechens mehr als eine allgemeine politische Nähe: Artikel 25 Abs. 3 Buchst. c und d knüpft die strafrechtliche Verantwortlichkeit an konkrete Formen der Unterstützung und an die dort genannten subjektiven Voraussetzungen. (Internationale Strafgerichtshof)

    Vielleicht liegt gerade darin die menschenwürdige Konsequenz: Wir müssen die Opfer beim Namen nennen, ohne ihre Geschichten für Behauptungen zu verwenden, die der Beweisstand nicht trägt. Menschenwürde und wissenschaftliche bzw. juristische Genauigkeit stehen hier nicht gegeneinander – sie verlangen einander.

    „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Lev 19,18; Mk 12,31) kann dabei als ethischer Maßstab dienen: Kein palästinensisches Kind darf zur anonymen Zahl werden; zugleich darf kein Mensch aufgrund einer politischen Zuschreibung zum bloßen Beweismittel gemacht werden.

    Quellen: Internationaler Gerichtshof, Nicaragua v. Germany, Order vom 30.04.2024; IGH, South Africa v. Israel, Orders zu einstweiligen Maßnahmen; Römisches Statut des IStGH, Art. 25.

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