Der lange Schatten des Hungers

Bild: Gaza, Khan Younis, 23. Juli 2025: Im Sommer und Herbst 2025 erreichte die Hungersnot in Gaza ihren Höhepunkt. Das Bild zeigt eines der Kinder, die wegen Unterernährung im Nasser-Krankenhaus behandelt wurden. [Activestills: Doaa Albaz]

Für neugeborene Babys ist Unterernährung besonders gefährlich. Hält die Mangelernährung länger als vier Wochen an, sind bleibende Entwicklungsschäden zu erwarten, vor allem im Gehirn.

Im August 2025 litten mehr als 40.000 Kinder unter einem Jahr unter schwerer Unterernährung. Die israelische Armee blockierte, neben fast allem anderen, auch den Import von Babynahrung. Ausländische ÄrztInnen, die in Gaza ehrenamtlich helfen wollten, berichteten, dass selbst geringe Mengen Babynahrung, die sie in ihrem Gepäck mit sich führten, bei ihrer Einreise nach Gaza von israelischen Grenzsoldaten konfisziert wurden.

Bilder von bis aufs Skelett abgemagerten Babys sorgten in der westlichen Welt für einen Schockmoment. Es gab Hungertote. Doch die Langzeitfolgen werden erst jetzt langsam sichtbar. ÄrztInnen aus Gaza berichten aktuell über eine starke Zunahme von Wachstumsstörungen bei Kindern. Ursache sei in manchen Fällen bereits die Mangelernährung der Mütter während der Schwangerschaft, aber natürlich auch Mangelernährung der Kinder selbst in kritischen Wachstumsphasen. Hier ein Auszug aus einem Artikel in Mondoweiss:

„In der Klinik für Unterernährung im Nasser Medical Complex in Khan Yunis sehen Ärzt*innen zunehmend Kinder, die nicht nur untergewichtig sind, sondern auch in ihrer Körpergröße nicht wachsen. Einige wurden von Müttern geboren, die ihre Schwangerschaft in Zeiten schwerer Nahrungsmittelknappheit durchlebten; andere haben selbst Jahre ohne ausreichenden Zugang zu Proteinen, gesunden Fetten, Kohlenhydraten, Vitaminen und anderen für das Wachstum essenziellen Nährstoffen verbracht. Ärzt*innen im Nasser-Krankenhaus berichten, dass sie allmählich beobachten, was ihrer Befürchtung nach zu einer der nachhaltigsten Folgen der Hungerkrise in Gaza werden könnte: eine Generation, deren körperliches Wachstum und Entwicklung durch anhaltende Unterernährung dauerhaft verändert oder gehemmt wurden.

[…]

Dr. Ahmad al-Farra, Leiter der pädiatrischen Abteilung des Nasser-Krankenhauses, behandelt täglich Dutzende solcher Fälle im Krankenhaus. Über das unmittelbare Problem hungernder Kinder hinaus zeichnet er ein besorgniserregendes Bild einer ganzen zukünftigen Generation, die aufgrund der von Israel verursachten Hungersnot und der Nahrungsmittelknappheit im Gazastreifen möglicherweise mit chronischen Gesundheitsproblemen zu kämpfen haben könnte. Das Hauptproblem, das er derzeit im Gazastreifen beobachtet, sind Kinder mit Wachstumsstörungen.

[…]

Die WHO weist ebenfalls darauf hin, dass die Auswirkungen von Wachstumsverzögerungen nicht auf die Körpergröße beschränkt sind. Sie können sich auf die Sprache, das Lernen, die psychosoziale Entwicklung und die spätere Arbeitsfähigkeit auswirken. Al-Farra verweist zudem auf das, was Forscher*innen als „sparsamen Phänotyp“ bezeichnen: eine Theorie, die beschreibt, wie eine Unterversorgung mit Nährstoffen während der fetalen Entwicklung zu Stoffwechselanpassungen führen kann, die dem Körper helfen, in einer Umgebung mit Nahrungsmangel zu überleben, die jedoch schädlich werden können, wenn später mehr Nahrung zur Verfügung steht.“

Das bedeutet, dass manche Menschen, die in frühen Jahren unter schwerem Hunger litten, später zu Fettleibigkeit, Diabetes und anderen Krankheiten neigen, weil ihr Körper darauf programmiert ist, so viel Fett wie möglich zu speichern, um für eine künftige Hungersnot gerüstet zu sein.

Vielen der jetzt betroffenen Kinder könnte noch geholfen werden, wenn sie eine Zeit lang Wachstumshormone bekommen und ab sofort mit ausreichender und nährstoffreicher Nahrung versorgt werden würden. Doch Wachstumshormone sind in Gaza (wie viele andere Medizinprodukte auch) Mangelware; und obwohl sich die Versorgungslage in Gaza gegenüber dem Vorjahr gebessert hat, können sich viele Einwohner Gazas eine ausgewogene Ernährung einfach nicht leisten. Einer von ihnen ist der 41jährige Tahrir Zidan, Vater von drei Kindern. Zwei von ihnen leiden unter den Folgen von Mangelernährung.

„Seit Beginn des Krieges, sagt er, habe er kein Obst mehr kaufen oder seiner Familie eine vollständige proteinreiche Mahlzeit anbieten können. Stattdessen hängen sie stark von Mahlzeiten aus Suppenküchen ab, die von Hilfsorganisationen für vertriebene Menschen eingerichtet werden.

,Ich konnte nicht einmal ein Kilo Fleisch kaufen, ein Huhn oder ein Kilo Obst. Die Bedingungen, unter denen wir leben, sind härter als Worte beschreiben können. Das Ergebnis ist, dass meine Kinder jetzt unter Problemen leiden, die schwierig zu behandeln sind‘, sagte Zidan zu Mondoweiss.

Zidan sagt, dass seine Familie manchmal nur eine Mahlzeit am Tag bekommt, und dass es nicht für die ganze Familie reicht. ,Das Essen von der Suppenküche ist meist schon aufgegessen, während die meisten von uns noch hungrig sind‘, sagt er.“

Die Langzeitfolgen des Hungers können sogar über die unmittelbar betroffene Generation hinausgehen. Denn Mütter, die unter Wachstumsstörungen litten, bringen selbst oft Kinder mit zu geringem Geburtsgewicht auf die Welt, was wiederum das Risiko für Entwicklungsstörungen mit dauerhaften Folgen erhöht.

„,Wir fürchten, dass eine ganze Generation betroffen ist‘, sagt Al-Farra. ,Eine Generation, die in der Zukunft Probleme mit Denken, Verstehen und Interaktion haben wird, sowie unter chronischen neurologischen Problemen und Kleinwuchs leiden wird.“

Auch das ist eines der vielen Gesichter des Genozids. Es ist eine Form des Genozids, die keine Aufmerksamkeit erregt, weil sie ohne Panzer, Bomben und Raketen auskommt, ohne Scharfschützen, die hungernde Menschen erschießen, die sich um einen Sack Mehl anstellen. Zugleich ist es eine sehr effektive Methode: Man schwächt ein Volk nachhaltig, indem man dafür sorgt, dass die Kinder nicht zu gesunden, starken Erwachsenen heranwachsen.

Glücklicherweise sind nicht alle Kinder, die Hunger erlebt haben, von Langzeitfolgen betroffen. Wir wissen aus der Geschichte, dass Völker sich von Hungersnöten erholen. Auch das palästinensische Volk wird überleben. Doch die von Israel absichtsvoll künstlich erzeugte Hungersnot von Gaza wird noch lange ihre Schatten werfen.

Hoffentlich ist es wenigstens die letzte Hungersnot in Gaza gewesen. Sicher ist dies keineswegs. Israel kontrolliert nach wie vor alles, was in den Gazastreifen hinein- oder aus diesem herauskommt. Gazas (ohnehin schon vor 2023 begrenzte) Selbstversorgungs-Ressourcen wurden von der israelischen Armee nahezu vollständig zerstört. Es liegt allein an der internationalen Gemeinschaft, eine nächste Hungersnot in Gaza zu verhindern. Die internationale Gemeinschaft muss durch Boykotte und Sanktionen Druck auf Israel ausüben. Die israelische Armee muss vollständig aus Gaza abziehen, die Blockade muss vollständig aufgehoben werden, der Grenzübergang Rafah nach Ägypten muss vollständig geöffnet werden. Erst dann kann wirkliche Heilung beginnen.

Quellen:

Eine deutsche Übersetzung dieses Beitrags gibt es auf der Webseite der Palästinensischen Vertretung in Wien: https://www.palestinemission.at/single-post/israel-hat-den-gazastreifen-ausgehungert-nun-bef%C3%BCrchten-%C3%A4rzt-innen-dass-dadurch-eine-ganze-generat

https://aje.io/u4dnh6?update=3893075

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2025/7/14/israel-stopped-this-doctor-bringing-baby-formula-into-gaza#flips-6375642316112:0

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Verschüttet

Am 16. September, in den frühen Morgenstunden, noch vor Sonnenaufgang, stürzte in Gaza-Stadt ein schwer beschädigtes Gebäude ein und begrub mehr als 100 Menschen unter sich.

Dass das Gebäude einstürzen könnte, hatten viele schon befürchtet. Anwohner erzählen, jeden Tag wären Teile des Gebäudes heruntergefallen. Aber in Ermangelung von Alternativen hatten trotzdem viele Familien dort Zuflucht gesucht.

Sofort nach dem Einsturz begannen Anwohner mit Rettungsversuchen, bald darauf unterstützt von Mitarbeitern des Zivilschutzes mit Bulldozern. Die Rettungsarbeiten dauerten bis zum nächsten Tag. 45 Menschen konnten gerettet werden, viele davon verletzt, 21 konnten nur noch tot geborgen werden. Dutzende liegen noch unter den Trümmern.

Die 37jährige Hayat al-Ajlah gehört zu den Überlebenden. Sie berichtete:
Ich wachte auf und wollte mein Telefon checken. Plötzlich hörte ich ein knackendes Geräusch. Es fühlte sich an, als wäre etwas unter uns heruntergefallen.“ Augenblicke später stürzte das Gebäude in sich zusammen.

Hayat fand sich eingeschlossen unter dem Schutt, umgeben von Staub und Dunkelheit. Sie hörte Familienmitglieder um Hilfe rufen. Ihr 74jähriger Vater rief nach ihrem 12jährigen Sohn Yasser. Dann erstarb seine Stimme.

Hayat verlor ihren Vater, ihre Mutter, vier ihrer Geschwister und drei ihrer Neffen und Nichten. Ihre Kinder konnten lebend geborgen werden. Ihre Tochter Dalia erlitt jedoch eine schwere Kopfverletzung.

Dies ist kein Unglück in der Art eines Erdbebens. Es ist menschengemacht. Israelische Bomben haben das Haus so beschädigt, dass es schließlich einstürzen musste. Die israelische Regierung blockiert – trotz eines sogenannten Waffenstillstandes – nach wie vor den Import von Material für den Bau von Unterkünften für die Millionen Menschen in Gaza, deren Zuhause zerstört worden ist. Selbst Zelte gibt es nicht genug. Erst diese Umstände zwangen die Menschen, in dem einsturzgefährdeten Haus Zuflucht zu suchen. Die ca. 50 Menschen, die noch unter den Trümmern liegen, konnten nicht geborgen werden, weil Israel die Einfuhr der benötigten schweren Maschinen blockiert.

Wie viele wurden wohl lebendig begraben, erstickten oder starben an ihren Verletzungen, während die Helfer verzweifelt versuchten, zu ihnen vorzudringen? Wie muss es einer Mutter, einem Vater gehen, der sein Kind aus den Trümmern um Hilfe rufen hört, ohne etwas tun zu können?

Die Toten dieses Hauseinsturzes werden wohl nicht zu den offiziellen Kriegsopfern gezählt werden, weil sie nicht unmittelbar durch einen Bombenangriff starben. Hind Khoudary berichtete, dass dieses Gebiet in den vergangenen Monaten mehrfach von der israelischen Armee angegriffen worden sei – trotz des offiziell seit Oktober 2025 geltenden Waffenstillstandes“.

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Waffenstillstand“ nach israelischer Art: Ich weiß nicht, ob in den vergangenen Monaten einmal ein Tag ohne israelische Angriffe in Gaza vergangen ist. Viele können es jedenfalls nicht gewesen sein. Fast täglich gibt es Tote und Verwundete. Hier nur ein paar aktuelle Meldungen:

Am 15. September wurde der 23jährige Sanitäter Sherif Lubbad am hellichten Tag auf der Straße von einer Drohne angegriffen und verwundet. Der 15jährige Mohammed war gerade auf dem Heimweg von der Schule. Er eilte zu dem am Boden liegenden Mann. In diesem Moment erfolgte ein zweiter Drohnenangriff, der sowohl den Sanitäter als auch den 15jährigen tötete. Ein sogenannter Double-tap-Angriff, ein Doppelschlag. Solche Doppelschläge verübt Israel häufig in Gaza. Typischerweise werden dabei zunächst Zivilisten angegriffen und beim Zweitschlag dann Sanitäter, die helfen wollen, und/oder Journalisten, die dokumentieren wollen.

Ebenfalls am 15. September bombardierte die israelische Armee in Gaza-Stadt ein Motorrad. Eine Person wurde getötet. Zusätzlich wurde ein Kind lebensgefährlich verletzt.

Am selben Tag griffen israelische Drohnen im Burej-Flüchtlingslager in Zentralgaza Zelte von Geflüchteten an. Drei Menschen, darunter zwei Frauen, wurden verletzt. Eine der Frauen wurde im Hals getroffen und lebensgefährlich verletzt.

Am 19. September feuerte eine israelische Drohne in Gaza-Stadt eine Rakete auf ein ziviles Fahrzeug ab. Es wurde eine völlig verkohlte Leiche geborgen.

Am selben Tag tötete eine israelische Drohne in Nordgaza Basir al-Bursh, den ältesten Sohn von Munir al-Bursh, dem Generaldirektor von Gazas Gesundheitsministerium. Es scheint, dass dieser Anschlag gezielt erfolgte. Der junge Mann wurde in dem Moment getötet, als er das Zelt verließ, in dem er mit seinem Vater lebte.

Und so geht das jeden Tag, im Waffenstillstand“ in Gaza, während im Westjordanland die Olivenbäume brennen, Menschen vertrieben, willkürlich verhaftet und misshandelt werden.

Quellen:

https://www.aljazeera.com/news/2026/9/16/nowhere-to-go-gazas-damaged-buildings-turn-deadly

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/9/16/at-least-20-killed-as-multi-storey-building-collapses-in-gaza-city#flips-6405144098112:0

https://www.msn.com/en-us/public-safety-and-emergencies/health-and-safety-alerts/rescue-efforts-end-after-21-die-in-collapse-of-bomb-damaged-building-in-gaza-45-saved-from-rubble/ar-AA2cyXMw

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/9/16/09-16-sv-gaza-double-tap-strike

https://aje.news/lkvdtg?update=4962970

https://aje.news/lkvdtg?update=4962570

https://aje.news/lkvdtg?update=4962697

https://www.aljazeera.com/news/2026/9/19/three-palestinians-killed-in-israeli-strikes-across-gaza

https://aje.news/lkvdtg?update=4961323

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