In vielen deutschen und österreichischen Kinos läuft derzeit der Film „NAZA“. Es handelt sich um einen Dokumentarfilm der beiden israelischen JournalistInnen und FilmemacherInnen Yuval Abraham und Rachel Szor. An der Produktion beteiligt war der britische Guardian. In diesem Film berichten 24 israelische Soldaten und Geheimdienstmitarbeiter über das Töten in Gaza aus ihrer Perspektive. Sie beschreiben die Methoden des systematischen Masssenmordes der israelischen Armee in Gaza mit Hilfe von KI. „NAZA“ ist in der israelischen Armee ein internes Kürzel für „Kollateralschaden“. So nennen die israelischen Soldaten die zivilen Opfer ihrer Angriffe. In dem Film schildern die interviewten Personen die Massenüberwachung der Bevölkerung von Gaza, die Algorithmen, die der Zielauswahl zugrunde liegen und die KI-gestützte Berechnung der zivilen Opfer vor den Angriffen.
„NAZA“ wurde erstmals bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig Mitte September gezeigt. Er war nur wenige Tage vor Beginn des Wettbewerbs offiziell ins Programm aufgenommen worden. Das Publikum reagierte mit 25 Minuten Standing Ovations, und der Film wurde mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Aus Yuval Abrahams Dankesrede:
„Es ist nicht leicht, hier zu stehen. Ich denke an alle die Leute, die israelischen Politiker, die Journalisten zu Hause, die jetzt diesen Film angreifen, die seine Wahrheit leugnen, ohne ihn gesehen zu haben. So viel wird getan, um den Blick auf die Realität zu vermeiden. Die Realität ist, dass, seit dieses Festival begann, nur in diesen zehn Tagen, Israel in Gaza mindestens sechs Kinder tötete. […]
Ich möchte das ganz klar sagen: Diese Wahrheit wurde dokumentiert und ist bekannt seit dem allerersten Tag, und zwar durch palästinensische Journalisten. Mehr als 200 von ihnen wurden in Gaza von Israel ermordet. Ihre Stimmen wurden zum Schweigen gebracht und geleugnet. Wir glauben, dass die Leugnung eines Verbrechens dazu beiträgt, dass das Verbrechen fortbesteht. Darum ist es für uns besonders wichtig, dass Israelis diesen Film anschauen. Es ist unser Land, das diese Verbrechen begeht. Es ist uns auch wichtig, dass Europäer den Film anschauen, besonders hier in Italien, weil Ihre Regierung und die deutsche Regierung Druck auf Israel blockieren – Druck, der diese Verbrechen beenden könnte. Lasst den Film auch Amerikaner anschauen, denn die USA finanzieren viel von diesem Töten.“
Yuval Abraham lag richtig mit seiner Vermutung, dass sein Film in Israel nicht gut ankommen würde. Aber ob er mit einer solchen Hetze gerechnet hat? Der israelische Kulturminister Miki Zohar kündigte an, den Filmemachern Yuval Abraham und Rachel Szor solle die israelische Staatsbürgerschaft entzogen werden. Er nannte den Film „widerwärtig“ und beschuldigte Abraham und Szor des „Landesverrats“. Andere israelische Politiker, auch solche der „Opposition“, sowie Journalisten unterschiedlicher Ausrichtungen, stimmten in den Chor der „Verräter“-Rufer ein.
Ich konnte den Film inzwischen anschauen. Hier einige Passagen, die sich mir eingeprägt haben, aus der Erinnerung wiedergegeben:
Ein Ex-Soldat schildert, er habe ein zwölfjähriges Mädchen abgehört. Das Mädchen telefonierte mit der Mutter und teilte mit, dass der Papa gerade nach Hause gekommen sei. „Papa ist zu Hause“ – das ist das Signal für die Soldaten in der Einsatzzentrale, den Angriff auf das Haus der Familie zu veranlassen. Kurz darauf hörte der Soldat die Schreie der Verwundeten und Verschütteten. „Where is Daddy?“ („Wo ist Papa?“) ist der Name eines der KI-Programme, das darüber entscheidet, welche palästinensische Familie im nächsten Moment ausgelöscht wird.
Warum gerade diese Familie? – Weil der Vater mutmaßlich eine Verbindung zur Hamas hat. Worauf stützt sich diese Vermutung? – Auf „bestimmte Muster“ beim Telefonieren, erklärt einer der Interviewten. Diese „Muster“ werden wiederum von einem KI-Programm identifiziert.
Man muss sich das wohl etwa so vorstellen: Jeder, der häufig mit bekannten Hamas-Mitgliedern telefoniert und/oder sich häufig in deren Nähe aufhält, wird von der KI automatisch als Hamas-Mitglied identifiziert; und jeder, der mit diesen telefoniert und/oder sich in deren Nähe aufhält, wird wiederum als Hamas-Mitglied identifiziert, und so weiter. So bekommt man schnell einen riesigen und stetig wachsenden Pool von potentiellen Angriffszielen.
Es liegt auf der Hand, dass dieses System fehleranfällig ist. Ein Zeuge sagt, eines der ausgewählten Opfer wäre ein Bäcker gewesen, der seinen Betrieb zufällig in der Nähe eines Hamas-Trainingslagers hatte.
Aber wenn die israelische Armee doch weiß, wo sich die Hamas-Trainingslager befinden, warum bombardiert sie nicht diese, während die Kämpfer dort trainieren, und verschont die Frauen und Kinder zu Hause? – Die Antwort eines Zeugen: Die Feinde zu Hause zu bombardieren, sei „einfacher“. Man würde sie dort leichter erwischen. Allerdings funktioniere auch das nicht immer. Manchmal sei der Papa schon wieder weg, wenn die Bombe einschlägt, und es sterben nur die Frau, die Kinder und die alten Eltern.
Wie viele zivile Opfer sind für die israelische Armee akzeptabel für ein mutmaßliches Hamas-Mitglied? – Das sei unterschiedlich, erklärt ein Zeuge. 20 bis 30 „NAZAs“ für ein niedrigrangiges Hamas-Mitglied sei Standard. Es könnten aber auch viel mehr sein. In einem Fall habe man bei einzigem Angriff mit 500 „NAZAs“ gerechnet.
Yuval Abraham hakt nach: Das laufe doch darauf hinaus, die gesamte Bevölkerung Gazas zu töten. Der Zeuge widerspricht nicht. Er sagt nur, er wisse jetzt nicht, was er mit dieser Information anfangen solle.
Auch die gezielten Tötungen von Hilfesuchenden an den israelisch-amerikanischen „Lebensmittelausgabestellungen“ werden geschildert. Ein Zeuge beschreibt, wie Tausende Menschen losgerannt seien, um etwas zu essen zu ergattern, und wie dann die von den israelischen Scharfschützen Getroffenen zu Boden gefallen seien, mit dem Gesicht nach unten. Das Töten habe richtig Spaß gemacht. Es sei wie ein Videospiel gewesen.
Ein anderer schildert die Tötungen an der sogenannten „Gelben Linie“. So wird die Grenze zwischen dem von Israel besetzten Gebiet Gazas im Osten und dem formell nicht besetzten Gebiet im Westen Gazas genannt. Zu Beginn handelte es sich um eine imaginäre Grenze, die nicht äußerlich kenntlich gemacht war. Palästinenser, die diese Linie überschritten, wurden ausnahmslos getötet. Ein Zeuge sagt, von diesen Menschen sei niemals eine Bedrohung für die israelische Armee ausgegangen. Sie hätten einfach nicht wissen können, wo die Grenze verläuft und hätten es eben „auf die harte Tour“ lernen müssen. Die israelische Armee räume die Leichen nicht weg, sagt der Zeuge. Man überlasse sie den Straßenhunden.
Einmal fragt Yuval Abraham einen seiner Interview-Partner, ob er bewaffnete Männer gesehen habe. Die Antwort: Bewaffnete seien so gut wie nie zu sehen gewesen.
Ob ihm denn im Einsatz manchmal Zweifel gekommen seien, an dem was er tue, fragt Yuval Abraham einen seiner Informanten. Niemals, sagt dieser. Auch sonst habe niemand die Vorgangsweise der Armee in Frage gestellt. Den Soldaten sei psychologische Unterstützung angeboten worden, doch das sei nicht notwendig gewesen. Niemand habe mit dem eigenen Tun – oder dem seiner Kameraden – ein Problem gehabt.
Abraham Yuval fragt einen der Interviewpartner, ob er glaube, dass er sich an einem Genozid beteiligt habe. Der Ex-Soldat bejaht, ohne zu zögern.
Die interviewten Zeugen bleiben in dem Film anonym. Ihre Gesichter sieht man nie, ihre Stimmen und sogar ihre Silhouetten wurden mit Hilfe von KI verfremdet. Die Interviews finden auf verschiedenen Dachterrassen in Tel Aviv statt, immer im Schutz der Dunkelheit.
In der israelischen Gesellschaft ist das Sprechen über Verbrechen der israelischen Armee ein Tabu. Es herrscht ein Zustand kollektiver Verdrängung und Verleugnung. Vermutlich ist das der Grund für die heftigen Reaktionen auf den Film „NAZA“ in Israel. Der Inhalt der Gespräche selbst kann nicht der Grund sein. Denn fast alles, was in dem Film gesagt wird, konnte man schon vor langer Zeit in internationalen Medien nachlesen. Nur wurde es bisher nicht von israelischen Soldaten gesagt. Das ist der Tabubruch.
Gideon Levy schreibt in der Haaretz vom 17. September:
„Die Regisseure Rachel Szor und Yuval Abraham haben eine Hysterie ausgelöst. […]
Zum ersten Mal sind Israelis über etwas schockiert, das weder Premierminister Benjamin Netanjahu noch die Geiseln sind. Zum ersten Mal sind sie wütend, schockiert und außer sich angesichts des Lärms aus dem Gazastreifen. Und tief in ihrem Inneren wissen sie auch warum. Diese Welle der Hysterie, wie Israel sie noch nie zuvor erlebt hat, offenbart zugleich das wahre Gesicht fast der gesamten Gesellschaft. […]
Diese Hysterie enthüllt etwas, das jahrelang verborgen war, aber plötzlich ausgebrochen ist. Nach Jahren der Unterdrückung, der Leugnung und der Lügen, der Apathie und Gleichgültigkeit, ist der Eiter in einem gewaltigen Strom hervorgebrochen. Das ist ein gesunder Prozess, selbst wenn er hässliche Erscheinungsformen beinhaltet.
Israel ist aus seiner kranken Gelassenheit aufgeschreckt worden. […]
[…]
Die wahnsinnige Wut auf Szor und Abraham zeigt, dass es ihnen gelungen ist, das Zentrum des Abszesses zu berühren. Und das tut weh. Die Heftigkeit der Reaktion zeigt, dass die Israelis spüren, dass etwas unter ihren Füßen brennt. Wer mit solcher Wut aufschreit, versteht, dass etwas gewaltig schiefgelaufen ist. Eine Gesellschaft, die von ihrer eigenen moralischen Rechtmäßigkeit überzeugt ist, reagiert nicht so auf einen Film.
Dieser Sturm mag durchaus wieder abebben, doch seine Intensität könnte auch einen Wendepunkt ankündigen. Nachdem wir die Filmemacher auf dem Stadtplatz aufgehängt haben, wird vielleicht jemand verstehen, dass dies ein letzter, verzweifelter Versuch war, der Wahrheit auszuweichen, sie zu erwürgen und zu unterdrücken.
Doch diese Wahrheit wird Israel für immer verfolgen, denn der Verantwortung für einen Völkermord kann man nicht entkommen.“
Auch der derzeit in Großbritannien lebende palästinensische Journalist Mahmoud Mushtaha hat „NAZA“ gesehen. Er schreibt:
„Was mich überraschte, war nicht das massive Ausmaß des Tötens oder gar die Kälte, mit der es geschah, sondern die Routine. Wie geübt die Soldaten im Film klangen, als sie beschrieben, wie sie das Leben anderer Menschen zerstörten – mit der Gelassenheit von jemandem, der von einer Aufgabe berichtet, die er schon oft erledigt hat.
[…]
In ihren Stimmen lag kein Zögern, kein Anzeichen dafür, dass sie etwas beschrieben, das schwer auszusprechen sein sollte. Sie sprachen mit der Gelassenheit von Menschen, die gelernt hatten, wie man das tut, wie man darüber spricht und wie man danach weitermacht – wie einer von ihnen es ausdrückte, mit ,null‘ Rücksicht auf die Leben, die sie auslöschten.
[…]
Während der gesamten Vorführung konnte ich nicht aufhören, an den Stellen, an denen der Film Zahlen nannte, wieder Namen einzusetzen. Jede Zahl rief mir ein Gesicht in Erinnerung. Jeder Hinweis auf Opfer ließ mich an eine Straße denken. Jede Beschreibung einer Militäroperation ließ mich an die Menschen denken, die letztendlich mit deren Folgen leben müssten.
Als ein Soldat beschrieb, wie israelische Streitkräfte Palästinenser*innen an Hilfsgüterverteilungsstellen massakrierten, dachte ich an meinen Cousin, den 35-jährigen Raed Majed Mushtaha, der Anfang 2024 beim ,Mehl-Massaker‘ getötet wurde, als er nach Essen suchte, um es seiner Familie mitzubringen.“
Ich kann nur empfehlen, den Film „NAZA“ im Kino anzuschauen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Für alle, die das nicht können, hier schon jetzt ein Hinweis: Der Film soll ab November kostenfrei zum Download bereitstehen, auf der Webseite des Guardian.
Quellen:
https://www.theguardian.com/film/video/2026/sep/25/naza-official-trailer
https://www.instagram.com/reels/DdMuUKgAvLD
https://www.instagram.com/reels/DdM5txmAtap
https://www.haaretz.com/opinion/2026-09-17/ty-article-opinion/.premium/thanks-to-naza-hysteria-israel-is-finally-talking-about-gaza/000001a0-ab90-d5b2-a9ee-ab9a19a70000 [Deutsche Übersetzung von Anna Herbst]
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