Brennende Olivenbäume

Bild: Von Siedlern in Brand gesetzte Olivenbäume in Burin, Westjordanland, 2018. @ EAPPI. Quelle: https://www.eappi-netzwerk.de/brennende-baeume/

Vor fast genau einem Jahr, am 23. Oktober, berichtete ich in diesem Blog unter dem Titel „Bittere Oliven“ über die Gewalt israelischer Siedler und Soldaten gegen palästinensische Bauern und Bäuerinnen sowie Erntehelfer bei der Olivenernte im Westjordanland. Heute, ein Jahr später, erscheint die Situation nicht nur nicht besser, sondern eher noch schlimmer. Unabhängige Beobachter sagen, dass die Siedlergewalt im Westjordanland in jüngster Zeit ein neues Rekordniveau erreicht hat.

Die israelische Menschenrechtsgruppe Yesh Din verzeichnete mindestens 170 Siedlerpogrome seit Beginn der diesjährigen Olivenernte am 27. September. Die Angriffe gefährden den Zugang der Palästinenser zu ihren Olivenhainen und damit ihr Einkommen. Die Bauern werden Opfer von Angriffen, ihre Bäume werden vernichtet, und ihre Ernte wird von den Siedlern gestohlen.

Gestern, am 16. Oktober, ereigneten sich schwere Siedlerangriffe unter anderem in Abu Falah und in Turmus Ayya, in der Nähe von Ramallah. In Turmus Ayya hinderten Siedler und Soldaten die Bauern und Erntehelfer gewaltsam daran, ihre Olivenhaine zu betreten. Etwa 80 maskierte und mit Stöcken und Gewehren bewaffnete Siedler umzingelten die Olivenhaine, setzten Autos und Olivenbäume in Brand, griffen die Menschen mit Steinschleudern und Steinen an. Die Palästinenser wehrten sich mit Steinen. Israelische Soldaten kamen den Siedlern zu Hilfe und feuerten Tränengas auf die Palästinenser.

Sehr viel internationale Aufmerksamkeit erregte das Pogrom in Abu Falah, bei dem unter anderem eine amerikanische Fotojournalistin zu Schaden kam. (Es gab sogar einen Bericht in den Radionachrichten des ORF.) Teils mit Maschinengewehren bewaffnete Siedler sowie israelische Soldaten griffen PalästinenserInnen bei der Olivenernte an. Als die Siedler zu schießen begannen, versuchten palästinensische Bauern, Helfer und JournalistInnen zu flüchten. In diesem Moment stürzte eine Fotojournalistin der Washington Post, Heidi Levine (64 Jahre alt), zu Boden. Der unabhängige Journalist Jasper Nathaniel berichtet, dass die am Boden liegende Frau von mehreren Siedlern schwer misshandelt wurde. Sie schlugen mit Knüppeln auf sie ein, raubten ihre Kamera und ihr Telefon, zerrten sie hoch, schlugen sie erneut, traten sie.

Nathaniel eilte der Frau zu Hilfe. Er sagt, es wäre ihm nicht möglich gewesen, zu ihr vorzudringen, wenn ihm nicht einige junge Palästinenser mit Steinwürfen Rückendeckung gegeben hätten – gegen die mit Maschinengewehren und Tränengas bewaffneten Siedler und Soldaten.

Als die Siedler sich kurz zurückzogen, versuchten Nathaniel und andere, Levine aus der Gefahrenzone zu bringen. Die schwer verletzte Frau war nicht mehr in der Lage, aus eigener Kraft aufzustehen. Mehrere Helfer konnten sie zu einem Rettungswagen bringen, der sie ins Krankenhaus brachte. Sie hatte zahlreiche Verletzungen erlitten. Levine sagte später, sie hätte die Attacke vermutlich nicht überlebt, wenn sie nicht einen Helm und eine schusssichere Weste getragen hätte. Die Siedler hätten nicht aufgehört, sie zu treten. Sie schätzt, dass sie etwa 50 Tritte bekommen hat. Es seien Dutzende Angreifer gewesen, teils mit Holzstöcken, teils mit Eisenstangen bewaffnet.

Während Levine zu dem Krankenwagen gebracht wurde, griffen die Siedler erneut an. Israelische Soldaten schossen einen palästinensischen Mann ins Bein. Die Soldaten richteten ihre Gewehre auf die Sanitäter, die ihm helfen wollten. Auch der verletzte Mann konnte schließlich ins Krankenhaus gebracht werden. Er war einer von mehreren PalästinenserInnen, die bei diesem Angriff verletzt wurden.

Auch an anderen Orten wurden Bauern, Erntehelfer und Journalisten bei der Olivenernte angegriffen. Gestern zum Beispiel wurden auch in Burqa vier Palästinenser bei der Olivenernte von Siedlern verwundet. Ebenfalls in Burqa war am 7. Oktober der 44jährige Ali Hassan Yasser al-Bazzari bei der Olivenernte von Siedlern ermordet worden.

Palästinensische Journalisten leben nicht nur in Gaza, sondern auch im Westjordanland gefährlich: Am 6. Oktober verhafteten israelische Soldaten zwei palästinensische Journalisten in Anza, südlich von Dschenin, im Westjordanland. Mohammad Abed und Mohammad Atiq filmten israelische Soldaten, die gekommen waren, um Olivenbäume zu entwurzeln. Der angesehene Fotojournalist Jaafar Ashtyeh, der für AFP arbeitet, filmte in einem Olivenhain in Aqraba, als Siedler kamen und ihn krankenhausreif schlugen.

Die Siedlergewalt ist israelische „Staatsräson“. Die Siedler werden vom Staat Israel finanziert, von der israelischen Armee und Polizei geschützt und unterstützt. Sie werden für ihre Verbrechen so gut wie nie zur Verantwortung gezogen. Das Ziel ist die Enteignung und Vertreibung der PalästinenserInnen im Westjordanland.

Dass JournalistInnen immer wieder Ziel von Angriffen werden, ist nicht verwunderlich: Aus israelischer Sicht sind sie unwillkommene ZeugInnen. Die Welt soll nicht sehen, was im Westjordanland geschieht. Gerade darum ist es wichtig, hinzuschauen, immer wieder. Die Palästinenser sagen: „Come and see, go and tell.“ [„Komm und sieh’, geh und erzähl es weiter.“] Die Arbeit von mutigen JournalistInnen wie Heidi Levine, Jasper Nathaniel und ihren vielen (nicht zuletzt den palästinensischen) KollegInnen soll nicht vergeblich gewesen sein!

Quellen:

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/10/16/jerusalem-daily-israeli-settlers-burn-palestinian-olive-groves#flips-6406965612112:0

https://www.aljazeera.com/news/2026/10/16/israeli-settlers-continue-progrom-amid-olive-harvest-in-occupied-west-bank

https://www.aljazeera.com/news/2026/10/16/palestinians-us-journalist-attacked-in-west-bank-pogrom-what-we-know

https://www.aljazeera.com/news/2026/10/7/israeli-attacks-across-gaza-kill-at-least-four-palestinians

https://www.shireen.ps/en/martyrs/show/202608773/ali-hassan-yasser-al-bazari

https://www.reutersconnect.com/item/palestinian-killed-in-israeli-settler-attack-during-olive-harvest-say-officials/dGFnOnJldXRlcnMuY29tLDIwMjY6bmV3c21sX1ZBODE5MjA3MTAyMDI2UlAx

https://www.thecanary.co/global/2026/10/07/olive-harvest-west-bank-2026

https://www.arabnews.jp/en/middle-east/israeli-settlers-burn-olive-trees-injure-journalist-in-west-bank-attack-3000845

https://en.politis.com.cy/news/world/1047883/afp-photographer-attacked-in-west-bank

https://www.outlookindia.com/international/west-bank-attack-israeli-settlers-injure-journalist-burn-olive-trees

https://www.dailysabah.com/world/mid-east/israeli-settlers-burn-olive-trees-attack-8-farmers-in-west-bank

https://www.theguardian.com/world/2026/oct/16/israeli-settlers-attack-olive-farmers-west-bank-washington-post-journalist-heidi-levine

https://en.wikipedia.org/wiki/Heidi_Levine

https://www.eappi-netzwerk.de/brennende-baeume/

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Buchtipp: Aeham Ahmad, Der Docht. Roman.

Der Roman Der Docht erzählt in der Ich-Form die Geschichte einer Palästinenserin aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Yarmouk in der syrischen Hauptstadt Damaskus. In Yarmouk leben PalästinenserInnen, die 1948 aus Israel vertrieben wurden, und ihre Nachkommen. Die Großmutter der Ich-Erzählerin stammt aus Ramla, das heute in Israel liegt. Ramla ist auch der Sehnsuchtsort der Ich-Erzählerin, die verlorene Heimat. Der Traum von der Rückkehr ist lebendig. Doch Israel verweigert PalästinenserInnen ihr Recht auf Rückkehr. Sie dürfen ihre alte Heimat nicht einmal besuchen.

Die nicht mehr ganz junge Frau ist unverheiratet, lebt mit ihrer alleinerziehenden Mutter und ihren Geschwistern in einer bescheidenen Wohnung, verdient aber eigenes Geld als Englischlehrerin an einer Schule. Ihre emanzipatorischen Vorstellungen von der Beziehung der Geschlechter und der Rolle von Frauen in der Gesellschaft stoßen in der eigenen Familie auf Unverständnis – auch bei der Mutter und der Schwester. Durch ihre kämpferische Freundin Leila wird sie in die Proteste gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad involviert. Sie landet in einem syrischen Gefängnis, erlebt unmenschliche Haftbedingungen, Folter und sexuelle Gewalt. Während sich die Spur ihrer Freundin in Assads Folterkellern verliert, überlebt sie die Haft und kehrt zu ihrer Familie zurück. In der Folgezeit strömen in großer Zahl Kriegsflüchtlinge aus anderen Städten und Stadtteilen nach Yarmouk. Die Menschen dort versuchen zu helfen, unbesehen der Abstammung der Flüchtlinge. Als der syrische Bürgerkrieg auch Yarmouk erreicht, beschließt die Familie, zu einer Verwandten nach Kairo zu flüchten.

Die palästinensischen Flüchtlinge aus Syrien werden in Kairo freundlich aufgenommen. Doch Arbeit zu finden, ist für sie fast unmöglich. Zudem müssen sich Frauen gegen Versuche sexueller Ausbeutung wehren. Die Perspektivlosigkeit ist erdrückend, eine Rückkehr nach Syrien in absehbarer Zeit unmöglich. Einziger Lichtblick für die Ich-Erzählerin ist Yafa, eine junge Palästinenserin aus Gaza, die sie in Kairo kennenlernt. Es entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden Frauen. Yafa überredet sie (gegen der Willen der Familie) , mit ihr nach Gaza zu gehen – in einer kurzen historischen Phase, in der die Einreise nach Gaza für PalästinenserInnen aus anderen Teilen der Welt verhältnismäßig leicht möglich war.

In Gaza lebt sie bei Yafas Familie. Ihre eigene Familie ist in Kairo geblieben. Sie wird gastfreundlich aufgenommen, aber es wird von ihr erwartet, möglichst schnell einen Mann zu heiraten, der sie versorgen kann. Diese Erwartung kann und will sie nicht erfüllen.

Auch in Gaza kann sie zunächst keine Arbeit finden. Ihre Erwartung, sich als Palästinenserin in Gaza zu Hause zu fühlen, wird enttäuscht. Für die BewohnerInnen Gazas ist sie Syrerin, also eine Fremde, auch wenn sie nur Freundlichkeit erfährt.

Dann hat sie Glück: Über Yafa bekommt sie Kontakt zu einer ausländischen Journalistin, Julie, für die sie fortan als Dolmetscherin arbeitet. Die Beziehung zu Yafa nimmt homoerotische Züge an – ein absolutes Tabu. Im Zuge ihrer Arbeit als Dolmetscherin lernt sie einen palästinensischen Journalisten kennen. Die beiden verlieben sich. Die Familie des Mannes ist allerdings zu arm, um eine traditionelle Hochzeit auszurichten. Den Liebenden ist ein Nachmittag in einem Strandcafé gegönnt und danach ein kurzer Spaziergang am Strand, ehe sie von der Sittenpolizei gewaltsam getrennt werden.

Dann bricht ein Krieg über Gaza herein – nicht der jetzige, sondern einer der vorangegangenen, die von der israelischen Besatzungsmacht zynisch als „Rasenmähen“ bezeichnet wurden. Jetzt ist es nicht mehr möglich, Gaza zu verlassen und nach Ägypten zurückzukehren. In diesem Krieg verliert die Ich-Erzählerin sowohl ihre Freundin Yafa als auch den geliebten Mann. Beide sterben durch israelische Angriffe. Sie selbst überlebt schwer verletzt.

Die Erzählung endet dort, wo sie begann – nämlich an einem deutschen Grenzposten. Die Ich-Erzählerin legt dem Beamten einen palästinensischen Pass und ein Studierenden-Visum vor. Letzteres ist jedoch nur noch einen Tag gültig.

Der Docht ist ein Frauenroman. Er schildert den Alltag in einem palästinensischen Flüchtlingslager in Syrien, die Brutalität des Assad-Regimes, den Kampf des syrischen Volkes für Freiheit, das Leben im Exil, den Alltag in Gaza und schließlich den Krieg. All das wird konsequent aus der Perspektive einer Frau geschildert, die auf der Suche nach ihrer Identität ist und zugleich gegen traditionelle Rollenvorstellungen kämpft.

Wüsste ich es nicht besser, wäre ich davon überzeugt, dass dieser Roman von einer Frau geschrieben sein muss. Doch der Autor ist Aeham Ahmad. Aeham Ahmad ist in Deutschland bekannt als „der Pianist aus den Trümmern“. Er ist selbst syrischer Palästinenser. Er wuchs als Sohn eines blinden Instrumentenbauers im Flüchtlingslager Yarmouk auf und genoss eine Ausbildung als klassischer Pianist. Während des Bürgerkriegs zog er mit seinem Klavier durch die Straßen und spielte für die vom Krieg traumatisierten Menschen, vor allem für die Kinder. Jetzt lebt er mit seiner Familie in Deutschland. Ich hatte das Glück, ihn einmal in einem Konzert zu erleben (in einem Benefiz-Konzert für Gaza, gemeinsam mit Michael Barenboim und anderen Musikern). Seine Musik ist eine einzigartige Mischung aus moderner Klassik, Jazz und Weltmusik, die eine unglaubliche Energie vermittelt.

Aeham Ahmad ist außerdem der Autor mehrerer Bücher, die in deutscher Sprache erschienen sind. Als Fischer-Taschenbuch erschien seine Autobiographie: Und die Vögel werden singen. Ich, der Pianist aus den Trümmern.

Aeham Ahmad, Der Docht. Ahrensburg: tredition [2025].

Weitere Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Aeham_Ahmad

https://www.youtube.com/channel/UCWW5kU7p4QnQvDBgrTnDI2A/videos

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