Tod eines Grenzgängers

Bild: Qalqilya, Westjordanland, 9. 7. 2014. Am 9. Juli 2004 urteilte der Internationale Gerichtshof, dass die von Israel errichtete Mauer zwischen Ostjerusalem und dem Westjordanland gegen internationales Recht verstößt. Zum 10jährigen Jahrestag dieses Urteils gab es Proteste, im Zuge derer Palästinenser Feuer an einen der in die Mauer integrierten Wachtürme legten. [Ahmad Al-Bazz, Activestills]

Imad Haroun Ishtayeh stammte aus dem Dorf Salem, östlich von Nablus, im Westjordanland. Er war ein junger Mann, 27 Jahre alt (nach manchen Quellen 26), voller Energie und voller Träume. Vor dem Oktober 2023 hatte er in Israel gearbeitet. Nachdem das nicht mehr möglich war, eröffnete er In Salem einen kleinen Laden, in dem er Geflügel und Gemüse verkaufte. Die durch Israels Politik herbeigeführte katastrophale wirtschaftliche Lage im Westjordanland zwang ihn, sein Geschäft zu schließen. Im Westjordanland gehen die Geschäfte schlecht, weil die Menschen kein Geld haben. Die Menschen haben kein Geld, weil es keine Arbeit gibt. Imad Ishtayeh konnte im Westjordanland keine Arbeit finden. Seine Eltern benötigten dringend finanzielle Unterstützung. Außerdem wollte er selbst eine Familie gründen. In diesem Sommer sollte geheiratet werden. In dieser Situation entschloss er sich, in Israel Arbeit zu suchen.

Das Westjordanland ist von Israel bzw. Ostjerusalem durch die „Mauer der Apartheid“ getrennt. Diese ist mehr als 700 Kilometer lang und in einigen Passagen etwa 9 Meter hoch. PalästinenserInnen benötigen eine Sondergenehmigung, um legal auf die andere Seite der Mauer zu gelangen.

Vor dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 hatten ca. 140.000 Palästinenser eine Arbeitsgenehmigung für Israel. Dazu kamen 40.000, die ohne Arbeitsgenehmigung beschäftigt waren. In der Regel bekamen sie schlecht bezahlte und harte Jobs, vor allem auf dem Bau. Gegenwärtig gibt es nur noch ca. 7.000 Arbeitsgenehmigungen, obwohl die israelische Wirtschaft die Arbeitskräfte dringender denn je benötigt. Dies und die hohe Arbeitslosenquote im Westjordanland treibt Tausende Palästinenser dazu, sich als illegale Arbeiter in Israel zu verdingen.

Manche der illegalen Arbeiter lassen sich über die Grenze schmuggeln. Vor einiger Zeit wurde Dutzende von Arbeitern verhaftet, die sich im Laderaum eines Müllwagens versteckt hatten. Die Schmuggler lassen sich für ihre riskanten Dienste gut bezahlen. Das Schmuggelsystem funktioniert nur, weil es israelische Grenzsoldaten gibt, die im richtigen Moment nicht so genau hinschauen. Das tun sie freilich nicht für umsonst. Bezahlt wird das Schmiergeld von den Arbeitsuchenden. Der illegale Grenzübertritt ist also nicht nur riskant, sondern auch sehr teuer.

Andere versuchen, direkt über die Mauer nach Israel zu gelangen. Sie klettern auf der palästinensischen Seite mit einer Leiter hinauf und seilen sich auf der israelischen Seite ab. Imad Haroun Ishtayeh war einer von ihnen. Zum ersten Mal versuchte er es am vergangenen Samstag, am 30. Mai. Er brach den Versuch ab, weil auf der israelischen Seite an jenem Tag israelische Soldaten besonders präsent waren.

In den frühen Morgenstunden des 31. Mai versuchte er es erneut. Als er oben beim Stacheldraht angelangt war, schossen israelische Soldaten auf ihn. Sie trafen ihn in den Oberschenkel. Er stürzte nicht ab, konnte sich aber nicht mehr aus eigener Kraft aus seiner Lage befreien. Ein Video, das in den sozialen Netzwerken geteilt wurde, zeigt seine Bergung: Mehrere Männer transportieren einen schlaffen Körper über eine Leiter zu Boden.

Ob Imad Ishtayeh zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war, ist nicht bekannt. Er wurde ins Krankenhaus von Ramallah gebracht, wo sein Tod festgestellt wurde. Er wurde noch am selben Tag beerdigt. Videoaufnahmen von seiner Bestattung zeigen eine große trauernde Menschenmenge.

Imad Ishtayeh ist kein Einzelfall. Seit Oktober 2023 starben mindestens 47 palästinensische Arbeitskräfte beim Versuch, über die Mauer nach Israel zu gelangen. Mehr als 1.500 wurden verletzt.

Einmal gesund an Kopf und Gliedern nach Israel gelangt, sind die illegalen palästinensischen Arbeiter der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert. Werden Unternehmer dabei erwischt, illegale Arbeiter zu beschäftigen, drohen ihnen Strafzahlungen, im schlimmsten Fall die Schließung des Betriebs. Diese Risiken kompensieren die Arbeitgeber, indem sie den Lohn drücken. Die illegalen Arbeitskräfte haben ohnehin keine Wahl, wenn sie nicht vollständig auf Lohn und Brot verzichten wollen.

Häufig „wohnen“ die Arbeiter auf den Baustellen, auf denen sie beschäftigt sind. Während des Krieges mit dem Iran hatten sie keinen Zugang zu den Schutzräumen. Sie mussten während der iranischen Luftangriffe ohne Schutz am Arbeitsplatz oder in ihren Unterkünften ausharren. Weil der Weg so gefährlich und der Transport so kostspielig ist, bleiben sie in der Regel mehrere Wochen am Stück in Israel. Während dieser Zeit können sie sich nicht frei bewegen. Zu groß ist das Risiko, entdeckt zu werden. Werden sie dennoch erwischt, gehen sie ins Gefängnis und werden anschließend abgeschoben. Tausende aufgegriffene palästinensische Arbeiter ohne Arbeitsgenehmigung sind in israelischen Gefängnissen inhaftiert.

Quellen:

https://www.msn.com/en-in/news/other/palestinian-man-shot-dead-by-israeli-forces-at-west-bank-barrier/ar-AA24xHVr

https://www.youtube.com/shorts/fpCGggeWn_8

https://www.youtube.com/watch?v=LkhViw0qQ3w

https://www.timesofisrael.com/cops-detain-70-west-bank-palestinians-hiding-in-garbage-truck-while-trying-to-enter-israel

https://www.middleeasteye.net/news/gaza-health-authorities-record-may-deadliest-month-2026

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Wahrheit in der deutschen Presse

Ich möchte an dieser Stelle auf einen (im positiven Sinn) bemerkenswerten Text aus der Süddeutschen Zeitung vom 31. Mai hinweisen: „Schritt für Schritt geht Israel zur Besetzung über“, von Sina-Maria Schweikle. Hier kommen Auszüge daraus:

„Auf einer Konferenz sagte Premierminister Benjamin Netanjahu nun, Israel kontrolliere inzwischen 60 Prozent des Gazastreifens. Ein Zuschauer rief, man solle einfach 100 Prozent einnehmen. Netanjahus Antwort: „Schritt für Schritt“. Zuerst 70 Prozent, damit fange man an. Und dann: „Wir schnüren sie von allen Seiten ein.“ Der Saal widersprach nicht. 

[…] 

Seit US-Präsident Trump im Februar 2025 vorschlug, Gaza für den Wiederaufbau „zu leeren“, propagiert Netanjahu diese Perspektive offen. Eine Stelle für „freiwillige Auswanderung“ wurde eingerichtet. […]

,Freiwillig‘ also? Die israelische Koordinierungsbehörde für die besetzten Gebiete COGAT veröffentlichte eine Studie, nach der 80 Prozent der Menschen im Gazastreifen bereit seien, das Gebiet zu verlassen. Doch wer nach Emigrationsbereitschaft fragt, wenn Trinkwasser rationiert ist und Hunger als Instrument eingesetzt wird, misst keinen freien Willen. Er misst die Tiefe der Verzweiflung. Wer Menschen so lange bombardiert, aushungert und einschnürt, bis sie gehen: Der hat sie vertrieben. Dass sie am Ende selbst geflohen sind, ändert nichts daran.

[…] Der internationale Aufschrei? War, ist und bleibt marginal. Die Gerichte in Den Haag haben Verfahren eingeleitet, Haftbefehle gegen Netanjahu erlassen, Hunger als Kriegswaffe verurteilt. Doch vor allem Deutschland, das sich historisch Israel besonders verpflichtet sieht und enge Sicherheitsbeziehungen zu ihm unterhält, blockiert eine schärfere internationale Reaktion, statt sie zu ermöglichen. Und zwischen Verfahren, die Jahre dauern, und einer Realität, die sich täglich verschärft, werden Fakten geschaffen, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Netanjahu hat seine Methode selbst beschrieben: Schritt für Schritt. Zuerst auf 70 Prozent. Was entsteht, ist keine Nachkriegsordnung. Es ist eine Vorkriegsordnung für die nächste Eskalation.“

Der ganze Artikel ist hier zu finden:

https://www.sueddeutsche.de/meinung/kommentar-hamas-israel-gaza-besetzung-li.3490968?reduced=true

Übrigens: Bei einer Konferenz des Bündnisses für Gerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern (BIP) am vergangenen Wochenende berichtete die Journalistin Kristin Helberg über die Lage in deutschen Redaktionen: Viele JournalistInnen führen tagtäglich einen zermürbenden Kampf um eine objektive Berichterstattung zu Israel und Palästina. Wir als LeserInnen können etwas tun, um den Aufrechten in der schreibenden Zunft den Rücken zu stärken, nämlich: Mails an die Redaktionen schreiben. Nach dem Motto: Nicht nur meckern, sondern auch Zustimmung und Anerkennung kommunizieren. Kostet nicht viel Zeit, macht Freude und wirkt!

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Chronik

Gaza

Trotz „Waffenstillstands“ gibt es weiterhin täglich israelische Angriffe mit Toten und Verletzten. Von 27. bis 30. Mai wurde in der islamischen Welt Eid al-Adha begangen – das islamische Opferfest. Es gehört zu den zwei höchsten Festen des Islam. Während dieser vier Feiertage wurden in Gaza mindestens 33 PalästinenserInnen getötet und mehr als 130 verletzt. Angegriffen wurde unter anderem ein Wohnhaus und ein belebtes Strandcafé. Bei einem nächtlichen Angriff auf ein Wohnhaus in der Nacht des 4. Juni gab es neun Tote. Seit Beginn des „Waffenstillstandes“ am 11. Oktober 2025 ermordete die israelische Armee mehr als 930 BewohnerInnen von Gaza, darunter zahlreiche Kinder. Zusätzlich wurden in diesem Zeitraum mehr als 1.800 Verwundete registriert.

Viele Familien mussten vor israelischem Bomben- und Panzerbeschuss flüchten. Das ist die israelische „Einschnürungstaktik“ (siehe den oben zitierten Artikel aus der Süddeutschen.) Die UNO berichtet von massiven Behinderungen bei der Einfuhr von Hilfsgütern nach Gaza. 11.000 Diabetiker können nicht ausreichend mit Insulin versorgt werden.

West Bank

Im Westjordanland geht der Terror der Siedlersoldaten weiter. Bewaffnete Siedler dringen in palästinensische Dörfer ein, schießen auf die Einwohner, setzen ihre Häuser und Fahrzeuge in Brand, stehlen ihre Tiere. Sie greifen Männer und Frauen mit Schlagstöcken und Messern an. Sie terrorisieren Kinder auf dem Weg zur Schule, überfallen und plündern Schulen. Die israelische Armee beschützt die Siedler bei ihren pogromartigen Überfällen oder beteiligt sich direkt daran. Zahlreiche PalästinenserInnen wurden verletzt. Betroffen sind in letzter Zeit vor allem Masafer Yatta, das Jordantal sowie die Gebiete in der Nähe von Ramallah und Nablus. Ein Video zeigt einen kleinen Ausschnitt der Gewalt.

PalästinenserInnen besuchten während des Opferfestes die Gräber ihrer Verstorbenen. Israelische Soldaten feuerten Tränengas auf die FriedhofsbesucherInnen.

Ende Mai war – wieder einmal – das Dorf al-Mughayyir eines der Zentren des Terrors: Soldaten setzten Felder in Brand und schossen auf die Einheimischen, die versuchten, den Brand zu löschen. Drei Wochen hintereinander setzten Soldaten in einer Schule Tränengas ein. Am 22. Mai drangen etwa 20 Soldaten in das Haus des Aktivisten Mohammed Abu Naim ein. Er wurde mit der Faust ins Gesicht geschlagen und mit einem Gürtel ausgepeitscht. Die Soldaten plünderten mehrere Häuser und verhafteten Kinder.

Im nördlichen Jordantal wurden die Wohngebäude und Stallungen einer Familie in dem Dorf Ein el-Hilweh mit Bulldozern zerstört. Die Familie hatte einen Rechtsbeistand, der sich im April mehrmals schriftlich an die israelische Armee gewandt hatte. Er argumentierte, dass die Familie seit Jahrzehnten an diesem Ort lebt. Teile der Familie waren schon vor 1967 da. Der Anwalt argumentierte, dass die Zerstörung der Gebäude auf eine gewaltsame Vertreibung hinauslaufe, die nach internationalem Recht in besetzten Gebieten verboten sei. Der Anwalt forderte ein Einfrieren der Abrissbefehle. Die Briefe des Anwalts wurden nie beantwortet.

Während die Bulldozer die Existenz der Familie zerstörten, versuchten Mitarbeiter des Roten Kreuzes, der Familie ein Zelt zu bringen. Sie wurden von israelischen Soldaten und einem Siedler daran gehindert. Außerdem wurde das Fahrzeug der Familie konfisziert.

Das Dorf Ein el-Hilweh ist die letzte verbliebene palästinensische Gemeinde in diesem Gebiet. Drei umliegende Gemeinden wurden im laufenden Jahr bereits vollständig entvölkert.

In dem Ort Rantis, westlich von Ramallah, wurden zwei Häuser ohne Vorwarnung demoliert. In einem Haus lebte eine Frau mit ihrem Sohn, in dem anderen eine neunköpfige Familie mit sieben Kindern. Die Menschen hatten nicht einmal Zeit, irgendwelche Dinge aus den Häusern zu retten, bevor die Bagger mit dem Abriss begannen.

Ostjerusalem

In dem palästinensischen Stadtviertel Silwan mussten vergangene Woche sieben Häuser in palästinensischem Besitz auf Anordnung der Besatzungsmacht Israel abgerissen werden. Sie müssen Platz machen für jüdische Siedler. In den vergangenen eineinhalb Jahren wurden mehr als palästinensische 50 Familien aus Silwan aus ihrem Zuhause vertrieben.

Quellen:

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/6/4/israeli-strikes-on-residential-buildings-kill-nine-in-gaza-city#flips-6397504279112:0

https://www.aljazeera.com/news/2026/6/2/palestine-weekly-wrap-no-respite-for-eid-as-israel-kills-dozens-in-gaza

https://www.instagram.com/reels/DZC3-2PtFmk

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/6/1/israel-airstrike-kills-at-least-two-palestinians-at-gaza-port

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/5/27/eid-celebrations-in-gaza-overshadowed-by-israeli-attacks#flips-6396769316112:0

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/5/27/israeli-authorities-filmed-treating-palestinians-with-aggression-on-eid#flips-6396749506112:0

https://www.aljazeera.com/news/2026/5/26/palestine-weekly-wrap-ben-gvirs-abuse-of-flotilla-detainees-causes-outcry

https://www.timesofisrael.com/cops-detain-70-west-bank-palestinians-hiding-in-garbage-truck-while-trying-to-enter-israel/

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