„Shit Happens“

Der folgende Text ist eine satirisch überspitzte (!) Auseinandersetzung mit einigen Äußerungen des für seine akademischen Leistungen hoch angesehenen Innsbrucker Sprachwissenschaftlers Univ.-Prof. Dr. Ivo Hajnal, die in einem (heimlich aufgenommenen) Video dokumentiert sind. Das Video wurde im Netz verbreitet und sorgte für einige Aufregung (auch in österreichischen Mainstream-Medien), zumal Prof. Hajnal zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Videos für das Amt des Rektors der Universität Innsbruck kandidierte.

Wörtlich sagte Hajnal [augenscheinlich im Kontext eines Gesprächs über die Nakba]: „Dann sind sie halt gegangen, ja, shit happens, und Israel gibt’s weiter.“ In der Folge zeichnete Hajnal ein positives Bild vom Leben der Palästinenser im heutigen Israel. Unter anderem wies er darauf hin, dass ihnen die israelischen Universitäten offen stünden. Sie könnten also studieren, „was sie in ihren Dreckslöchern nicht können“. Derzeit gebe es sogar eine „sogenannte Palästinenserin“ aus Israel an der Universität Innsbruck.

Ich setze mich mit diesen Äußerungen in Form eines fiktionalen Interviews auseinander. Ich halte ausdrücklich fest: Ich habe nie persönlich mit Prof. Hajnal gesprochen; und ich glaube natürlich nicht, dass er auf meine Fragen so antworten würde, wie ich es ihm hier in den Mund lege – mit einer Ausnahme: Die Erklärung mit den Hamas-Tunneln stammt tatsächlich von ihm. Alles übrige kursiv Geschriebene ist vollkommen frei erfunden. Allerdings bringen diese erfundenen Dialogpassagen Ansichten zum Ausdruck, denen man – nicht nur an Stammtischen – so oder ähnlich immer wieder begegnet. Dieses fiktive Interview könnte also vielleicht auch Argumentationshilfe für die eine oder andere reale Diskussion bereitstellen. Alles, was die Interviewerin in dem fiktiven Interview sagt, entspricht meinen Ansichten und ist ernst gemeint.

Ein nicht geführtes Interview mit Prof. Hajnal

MRM: Herr Professor Hajnal, Sie haben in einer inzwischen bekannt gewordenen Videoaufnahme die palästinensische Nakba – also die Ereignisse zwischen 1947 und 1949 – mit den Worten „Shit happens“ kommentiert. Können Sie näher ausführen, wie Sie das gemeint haben?

IH: Was ist denn daran schwer zu verstehen?

MRM: Nun, die Worte „Shit happens“ verbinde ich mit kleinen, alltäglichen Unglücksfällen, etwa wenn man in einen Hundehaufen getreten ist. Diese Ausdrucksweise suggeriert Zufälligkeit, nicht das Resultat planvollen menschlichen Handelns. Sie stellt die Nakba als eine Art Unglücksfall der Geschichte dar, nicht als von Menschen geplantes und durchgeführtes Verbrechen. Damit schützt sie die Täter vor der Verantwortung. Man könnte es auch so interpretieren, dass Sie durch diese Ausdrucksweise die Nakba (die große palästinensische Katastrophe) bagatellisieren, dass Sie also die gewaltsame Vertreibung von etwa 750.000 Menschen, den Tod von Tausenden, die Zerstörung Hunderter Dörfer und Stadtviertel gleichsetzen mit einem Hundesch…“

IH: Die Palästinenser sollen sich nicht so anstellen. Denken die etwa, unsereiner musste nie umziehen? Nehmen Sie zum Beispiel mich: Ich bin gebürtiger Schweizer, musste dann nach Deutschland emigrieren, und jetzt bin ich in Österreich gelandet.

MRM: Aber Sie sind doch freiwillig gegangen und nicht vertrieben worden …?

IH: Na ja – was heißt schon „freiwillig“. Man hat mir in der Schweiz keine Stelle angeboten, die meinen herausragenden Fähigkeiten und meinen wissenschaftlichen Verdiensten entsprochen hätte. Daher war ich gezwungen zu emigrieren. Sonst hätte ich meine Heimat niemals verlassen – noch dazu wo man als Universitätsprofessor in Österreich auch noch schlechter verdient als in der Schweiz

MRM: Aber man nicht Ihr gesamtes bewegliches und unbewegliches Vermögen beschlagnahmt …

IH: Welches Vermögen?

MRM: … und Sie können Ihre alte Heimat jederzeit besuchen und auch dauerhaft zurückkehren, wenn Sie wollen.

IH: Gut, dass Sie das ansprechen! Die Palästinenser und das Rückkehrrecht: Fast 80 Jahre ist das jetzt her, und noch immer verlangen sie ein Rückkehrrecht, inzwischen für die zweite, dritte und vierte Generation. Keinem anderen Volk käme so etwas in den Sinn!

MRM: Aber das jüdische Volk beansprucht doch auch ein Rückkehrrecht – und das nach mehr als 2.000 Jahren?

IH: Diesen antisemitischen Vergleich werde ich nicht kommentieren. Nächste Frage.

MRM: In dem erwähnten Video erwähnen Sie eine Gaststudentin aus Israel und titulieren diese als „sogenannte Palästinenserin“. Warum „sogenannte“?

IH: Na, das ist doch klar: Es gibt kein palästinensisches Volk. Es gibt nur Araber. Daher entbehrt das Gerede vom angeblichen „Völkermord“ in Gaza jeder sachlichen Grundlage. Es kann gar keinen Völkermord in Gaza geben, weil es in Gaza kein Volk gibt. Das ist ein fact. Und wenn es den Arabern in Israel nicht gefällt, sollen sie halt in ein arabisches Land auswandern. Sie haben davon ja jede Menge zur Auswahl.

MRM: Ich gebe zu, dass der Begriff des Volkes nicht leicht zu fassen ist. Vielleicht können wir uns für den Kontext dieses Gespräches auf die Definition des Historikers Otto Dann festlegen? Dieser definiert Volk als „soziale Großgruppe, die durch gemeinsame Sprache, Kultur, Religion oder Geschichte gekennzeichnet sei.“

IH: Von mir aus. Aber da haben wir es ja schon. Die sogenannten Palästinenser haben nicht einmal eine eigene Sprache. Sie sprechen arabisch. Also sind sie Araber.

MRM: Aber das palästinensische Volk hat immerhin eine gemeinsame Sprache – ein Merkmal, das dem jüdischen Volk fehlt. Nicht jeder Jude spricht das israelische Hebräisch. Selbst viele Juden, die in Israel leben, haben eine andere Muttersprache, etwa Russisch. Sie müssen das Hebräische mühsam als Fremdsprache erlernen (was nicht allen mit gleichem Erfolg gelingt). Doch auch die weniger Sprachbegabten sowie alle Juden in der Diaspora sollen ja zum jüdischen Volk gehören. Die Sprachgemeinschaft kann also in diesem Fall nicht die Basis für die Volkszugehörigkeit sein, oder?

IH: Natürlich nicht. Das ist im Fall des jüdischen Volkes auch nicht notwendig. Denn das jüdische Volk hat ja eine eigene Religion – im Gegensatz zu den Palästinensern.

MRM: Aber das Religionsbekenntnis ist doch keine notwendige Bedingung für die Anerkennung als Jude durch den Staat Israel. Also ist die Religion jedenfalls für den heutigen Staat Israel offenbar nicht das entscheidende Kriterium für die Volkszugehörigkeit.

IH: Worauf wollen Sie eigentlich hinaus? Das klingt ja fast, als würden Sie die Existenz eines jüdischen Volkes bezweifeln wollen.

MRM: Durchaus nicht. Es müssen ja nicht alle Mitglieder einer Volksgemeinschaft alle identitätsstiftenden Merkmale gemeinsam haben. Zudem gibt es ja noch die Kriterien der gemeinsamen Kultur und Geschichte. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass diese Überlegungen mit mindestens gleich viel Recht auf das palästinensische Volk anzuwenden sind.

IH: Was soll denn das sein: eine palästinensische Kultur? Die sind doch ein unkultiviertes Bauernvolk.

MRM: Es gibt palästinensische Dichter, Musiker, bildende Künstler, Gelehrte. Außerdem gibt es eine lebendige palästinensische Volkskultur – genau wie in Ihrer alten Heimat der Schweiz und in Ihrer neuen Heimat Tirol.

IH: Ich verbitte mir diesen völlig unpassenden Vergleich! In Tirol weiß schließlich jedes Kind: „Bisch a Tiroler, bisch a Mensch, bisch koa Tiroler, bisch …“

MRM: Ja, ja, schon gut! Ich weiß, was Sie meinen. Lassen Sie mich zu meiner nächsten Frage kommen: In dem nun schon mehrfach erwähnten Video sagten sie sinngemäß, dass die Palästinenser doch Israel und seinen Verbündeten dankbar sein müssten. Denn diese würden ihnen ermöglichen zu studieren, was sie (die Palästinenser) – nun wörtlich zitiert – „in ihren Dreckslöchern nicht können“. Das haben manche als Ausdruck einer rassistisch motivierten Überlegenheitshaltung interpretiert. Sind Sie ein Rassist?

IH: Das habe ich doch schon klargestellt. Mit den „Dreckslöchern“ meinte ich natürlich die Tunnel der Hamas in Gaza.

MRM: Im Westjordanland gibt es neun oberirdische palästinensische Universitäten, in Gaza fünf. Dazu kommen noch sieben Colleges. An palästinensischen Universitäten werden Lehrer, Ingenieure und Ärzte ausgebildet. Man kann aber auch etwa Journalismus, Musik oder bildende Kunst studieren.

IH: Aha. Na, umso besser. Dann sollen die hiesigen „Students for Palestine“ halt direkt in Gaza studieren.

MRM: Die Universitäten in Gaza wurden durch den Krieg ganz oder teilweise zerstört. Nur wenige Räume sind derzeit für den Unterricht benutzbar. Der Großteils des Unterrichts findet online statt. Gelehrt und gelernt wird unter extrem schwierigen Bedingungen: Nur wenige verfügen über moderne Endgeräte, die Internetverbindung ist instabil, zu Hause hat kaum jemand Strom … Viele Studierende leben in überfüllten Zeltlagern, in denen es im Sommer unerträglich heiß und im Winter bitterkalt ist … Im Westjordanland sind die größten Hürden einerseits die hohen Studiengebühren (die sich viele Familien nicht leisten können), andererseits die Bewegungseinschränkungen für die PalästinenserInnen. Aufgrund der zahlreichen Straßensperren ist die Anfahrt zur Uni langwierig, und manchmal kommt man auch gar nicht an.

IH: So what? [Zu deutsch ungefähr: „Na und?“, „Was solls?“] Bei uns kommen doch die Studierenden sowieso kaum noch in die Hörsäle. Im Sommer ist es mittlerweile bei uns heißer als in Gaza. Gegen die Kälte im Winter sollen sie sich halt Pullover einpacken. Was die Anfahrtsschwierigkeiten betrifft: Reden Sie doch mal mit Studierenden, die mit der Deutschen Bahn zur Uni fahren müssen! Denen geht es genauso.

MRM: Ihre letzte Bemerkung muss ich fast gelten lassen. Es gibt aber doch wesentliche Unterschiede: Obwohl auch in Deutschland die Anfahrt zur Uni beschwerlich sein kann, muss dort niemand befürchten, unterwegs mit einem Gewehr bedroht, geschlagen, willkürlich verhaftet oder erschossen zu werden. Im Westjordanland kommt so etwas aber immer wieder vor, und in Gaza sowieso.

IH: Etwas mehr Respekt vor den Ordnungshütern würde auch unserer Jugend nicht schaden.

MRM: Was sagen Sie zur Verfolgung der Christen im Heiligen Land? Experten meinen, dass es dort in einigen Jahren praktisch keine Christen mehr geben wird, wenn die Politik sich nicht grundsätzlich ändert.

IH: Was reden Sie da? Christenverfolgung im Heiligen Land? Das ist doch jetzt wirklich stark übertrieben – auch wenn inzwischen sogar im Heiligen Land Tirol schon die Minarette wie die Stinkmorcheln aus dem Boden wachsen …

MRM: Ich meinte eigentlich ein anderes Heiliges Land, nämlich dasjenige, in welches, der christlichen Überlieferung nach, drei Weise aus dem Morgenland von einem außergewöhnlichen Stern geführt wurden …

IH: Was? „Weise aus dem Morgenland“? Bullshit!

MRM: Eine letzte Frage habe ich noch: Sie haben sich für das Amt des Rektors der Universität Innsbruck beworben. Nach der Aufregung um das Video haben Sie Ihre Kandidatur zurückgezogen. Nun macht ein anderer den großen Reibach mit dem Posten. Shit happens?

IH: Von wegen „shit happens“! Ich wurde das Opfer einer beispiellosen antisemitischen Kampagne. Das wird noch ein Nachspiel haben.

MRM: Herr Professor, ich danke Ihnen für das nicht geführte Gespräch.

IH: Eine Sache muss ich noch loswerden: Dieses nicht gegebene Interview werde ich als antisemitischen Vorfall melden. Das ist übrigens schon der dritte Vorfall in dieser Woche, den ich melden muss.

MRM: Was waren denn die ersten beiden Vorfälle?

IH: Erstens: Ein Student in meiner Vorlesung trug so einen Palästinenser-Schal. Zweitens: In der Stadt drückte mir jemand ein Flugblatt in die Hand, auf dem stand: „Stoppt den Völkermord in Gaza!“ Die werden sich alle noch warm anziehen müssen – und Sie auch!

MRM: Danke für den Hinweis. Auch wenn es momentan recht warm ist: Die Pullover liegen bereit.

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https://www.tiktok.com/@letzteracc7/video/7654825214009806112

https://tirol.orf.at/stories/3359923

https://www.weekend.at/bundesland/tirol/ivo-hajnal-rassismus-eklat-uni-innsbruck-proteste

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Universit%C3%A4ten_in_Pal%C3%A4stina

https://www.britannica.com/topic/Hebrew-language

https://de.wikipedia.org/wiki/Ey%C3%BCp-Sultan-Moschee_(Telfs)#Minarettstreit_von_Telfs


Kommentare

Eine Antwort zu „„Shit Happens““

  1. Vielen Dank für diesen nachdenklich stimmenden Beitrag. Satire kann dort ihren Wert entfalten, wo sie Sprache, Macht und Verantwortung kritisch hinterfragt. Gerade bei historischen Traumata und gegenwärtigem Leid erscheint es wichtig, weder Menschen zu entwürdigen noch das Leiden anderer zu relativieren. Zugleich sollte jede Debatte Raum für überprüfbare Fakten, rechtsstaatliche Maßstäbe, historische Einordnung und die gleiche Menschenwürde aller Betroffenen lassen – unabhängig von Herkunft, Religion oder politischer Haltung. Ihr Text regt dazu an, über die Wirkung von Worten und die Verantwortung des öffentlichen Diskurses nachzudenken.

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