„Wanderer“ und „Terroristen“

Es war Freitag vor einer Woche, der 24. Juli. Sie kamen mit Gewehren und in Begleitung von ebenfalls bewaffneten Männern in der Uniform der Besatzungsarmee. Sie, das waren etwa 20 jüdische Siedler aus dem „Außenposten“ Havat Gilad, der für seine besonders extremistischen und gewalttätigen Siedler bekannt ist.

Ich meine, irgendwann gelesen zu haben, dass es in der Frühzeit der Besatzung (also in den späten 60er Jahren) gelegentlich vorgekommen sein soll, dass jüdische Siedler benachbarte palästinensische Dörfer in friedlicher Absicht besuchten – etwa um im Dorfladen etwas einzukaufen, im Dorfcafé etwas zu trinken, mit den Nachbarn ein paar Worte zu wechseln. Was eben normale Menschen so tun, wenn sie frisch zugezogen sind. Doch das ist lange her und vorbei.

Wenn jüdische Siedler sich heute einem palästinensischen Dorf nähern, haben sie anderes im Sinn. Im besten Fall marschieren sie nur durch, um ihre Macht zu demonstrieren. Die FAZ schrieb am 27. Juli:

Fachleute sind der Ansicht, dass die radikalen Siedler die Eskalation immer gezielter suchen. Dror Etkes, der führende Siedlungsexperte in Israel, nennt als Beispiel die „Wanderungen“ von Siedlern. Es handele sich um „provokative Touren“, sagte Etkes der F.A.Z. Sie sollten die Botschaft vermitteln, „dass die Siedler tun, was immer sie wollen, wann sie es wollen und wo sie es wollen“. 

Im weniger günstigen Fall bleibt es aber nicht bei einer symbolischen Machtdemonstration. Nahezu täglich kommt es im Westjordanland zu gewalttätigen Übergriffen von Siedlern auf palästinensischem Besitz: Sie schlagen Menschen krankenhausreif, sie setzen Fahrzeuge, Gebäude und Felder in Brand, sie nehmen mit, was ihnen gefällt, sie töten Tiere, und manchmal, immer häufiger, morden sie auch. Sie müssen keine Strafe befürchten, von niemandem, nicht einmal für Mord. Allein von 1. Januar bis 23. Juli 2026 ermordeten jüdische Siedler im Westjordanland 20 Palästinenser. Seit Oktober 2023 wurden etwa 1.200 PalästinenserInnen im Westjordanland, darunter viele Kinder, von israelischen Siedlern und Soldaten ermordet.

Am 18. Juli 2026 waren Siedler in das Dorf Tal einmarschiert und hatten ein Haus in Brand gesetzt. Die Bewohner konnten nur knapp den Flammen entkommen. Am 23. Juli 2026 hatten Siedler in einem anderen Dorf in der Nähe zwei Männer ermordet, die ein Feuer löschen wollten, das von Siedlern gelegt worden war.

Als die Siedler von Havat Gilad sich am Morgen des 24. Juli dem Dorf Tal näherten, hatten die Bewohner von Tal also allen Grund, Böses zu befürchten. Einige Männer aus dem Dorf gingen den Siedlern entgegen, in der Absicht, sie aufzuhalten, sie daran zu hindern, ihr Dorf zu betreten. Die palästinensischen Männer waren unbewaffnet. Am Ende des Tages waren sechs Menschen tot, vier Palästinenser und zwei Israelis.

Die israelische Besatzungsmacht verbreitete sofort ihre Version der Geschichte: Palästinensische „Terroristen“ hätten das Feuer auf israelische „Wanderer“ eröffnet. Mindestens ein Israeli sei von einem Palästinenser erschossen worden. Israelische Soldaten hätten den Angreifer unmittelbar nach der Tat „eliminiert“.

Recherchen verschiedener Medien ergaben inzwischen, dass diese Geschichte nicht der Wahrheit entspricht. Für die Recherchen wurden sowohl Zeugenaussagen als auch Berichte der israelischen Armee ausgewertet, vor allem aber: vier Videos, die den Tathergang aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen, und die sich zeitlich teilweise (aber nicht zur Gänze) überschneiden. Das Magazin +972 analysierte das vorhandene Videomaterial minutiös. Aus dieser Analyse und den übrigen Quellen ergibt sich Folgendes:

Die Gruppe der Siedler und Soldaten auf der einen Seite und die Gruppe der unbewaffneten palästinensischen Männer auf der anderen Seite gingen aufeinander zu. Einer der bewaffneten Siedler ging auf den Dorfbewohner Farouk Ramadan zu und stieß ihm sein Gewehr in die Brust. Bereits zu diesem Zeitpunkt fielen erste Schüsse aus der Richtung der Israelis. Ob diese von Siedlern oder israelischen Soldaten abgegeben werden, ist unklar. Klar widerlegt ist jedenfalls die Behauptung der Israelis, die Palästinenser hätten das Feuer eröffnet.

In der Folge kam es zu einem Handgemenge zwischen zwei bewaffneten Siedlern und zwei unbewaffneten palästinensischen Männern. Einer der Palästinenser war Farouk Ramadan. Während dieser Rangelei wurden von israelischer Seite etliche Schüsse abgegeben. Der andere palästinensische Mann stürzt zu Boden, augenscheinlich von einer Kugel getroffen. Es folgten weitere Schüsse von der israelischen Seite. Während des Nahkampfs im israelischen Kugelhagel gelang es Farouk Ramadan, einem der Siedler das Gewehr zu entringen.

Auf einem der Videos kann man sehen, dass Farouk Ramadan einen Schuss aus dem Gewehr des Siedlers abgibt. Auf wen er gezielt hat, und ob er getroffen hat, ist jedoch nicht zu sehen. Es ist möglich, dass er auf den Siedler geschossen hat, dem er das Gewehr abnehmen konnte. Wenn das so war, dann war der Treffer jedenfalls nicht tödlich. Denn eines der Videos zeigt diesen Siedler, nun ohne sein Gewehr, wie er eine Handfeuerwaffe zieht. Er zielt auf Farouk Ramadan. Dieser zielt mit dem Gewehr auf ihn. Man sieht auf einem der Videos, dass Farouk Ramadan auf den Siedler schießt. Ob seine Kugel ihn getroffen hat, ist unklar. Klar ist jedoch: Der Siedler ist nicht tot. Nachdem Farouk Ramadan seinen Schuss abgegeben hat, sieht man den möglicherweise getroffenen Siedler mit einem anderen palästinensischen Mann am Boden liegend ringen.

Während dieses Zweikampfes schießt ein israelischer Soldat mehrere Schüsse in Richtung Farouk Ramadan ab. Neben diesem ist ein Siedler zu sehen. Es ist nicht erkennen, ob einer von den beiden getroffen wurde, und wenn ja, wer. Die Israelis feuern weiter in Richtung Farouk Ramadan. Mehrere Einschläge zwischen Ramadan und dem Siedler sind zu erkennen.

Der Siedler, der möglicherweise von Ramadan angeschossen wurde, kommt auf die Beine. Auf dem letzten Video sieht man, wie der ebenfalls auf dem Boden liegende Farouk Ramadan aufsteht und auf die israelischen Soldaten zugeht. Es ist deutlich zu sehen, dass er zu diesem Zeitpunkt keine Waffe mehr trägt.

Dann geht Farouk Ramadan erneut zu Boden. Aus dem Off hört man Stimmen, die fordern, jeden Palästinenser, der sich nähert, zu erschießen. Ein Siedler deutet auf den am Boden liegenden Ramadan und sagt zu einem bewaffneten Israeli in Zivilkleidung „Erschieß’ ihn!“ Unmittelbar darauf gibt der bewaffnete Israeli zwei Schüsse auf Farouk Ramadan ab.

Die Armee erklärte später, ein Soldat habe Farouk Ramadan erschossen. Eine andere israelische Quelle berichtet jedoch, es sei ein Zivilist gewesen. 

Ich fasse zusammen:

Bewaffnete Siedler in Begleitung israelischer Soldaten drangen in das Dorfgebiet ein. Die Dorfbewohner hatten allen Grund der Welt, sich bedroht zu fühlen. Eine Gruppe junger unbewaffneter Männer versuchte, ihr Dorf zu schützen. Einer der bewaffneten Siedler bedrohte Farouk Ramadan mit seinem Gewehr. Zeitgleich eröffneten die Israelis das Feuer auf die ganze Gruppe. Im Zuge eines Nahkampfs gelang es Farouk Ramadan, dem Siedler das Gewehr zu entringen.

Farouk Ramadan gab mit dem Gewehr des Siedlers mindestens zwei Schüsse ab – in einer eindeutigen Notwehrsituation. Mutmaßlich (aber nicht sicher) traf er einen der bewaffneten Siedler, als dieser ihn mit einer Handfeuerwaffe bedrohte. Der Schuss war jedoch definitiv nicht tödlich. Währenddessen feuerten israelische Soldaten in einer sehr unübersichtlichen Situation in die Menge aus Palästinensern und Siedlern.

Farouk Ramadan wurde durch mehrere Schüsse getötet, nachdem er offensichtlich unbewaffnet auf die israelischen Soldaten zuging. Er stellte zu diesem Zeitpunkt keinerlei Bedrohung mehr dar. Er wurde kaltblütig hingerichtet, gemeinsam mit drei anderen Männern aus seiner Familie: Ibrahim, Jawad und Imran Ramadan.

Durch wessen Kugeln die beiden Israelis starben, bleibt hingegen unklar. Inzwischen berichteten israelische Medien, dass mindestens einer der beiden durch sogenanntes „friendly fire“ (also Gewehrschüsse von israelischer Seite) getötet wurde.

Die Reaktion der Besatzungsmacht war erwartbar. Für sie war der Vorfall ein willkommener Vorwand für eine weitere Eskalation der Gewalt. In den sozialen Medien riefen die Siedler zu „Racheaktionen“ auf, forderten palästinensisches Blut.

Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich, der selbst in einer illegalen Siedlung in der Nähe von Tal lebt, sagte, mit den Dörfern müsse man so verfahren wie mit den Flüchtlingslagern in Dschenin und Tulkarem. Diese Lager wurden vollkommen entvölkert und teilweise zerstört. Mehr als 30.000 Menschen wurden von dort vertrieben.

Itamar Ben-Gvir, der israelische Sicherheitsminister und ebenfalls ein Siedler, forderte, die Dörfer müssten behandelt werden „wie Beit Hanoun in Gaza“. Beit Hanoun wurde durch Bomben vollkommen zerstört.

Premierminister Netanyahu und Verteidigungsminister Katz sagten in einem Statement: „Die Sicherheitskräfte müssen freie Hand haben, mit voller Kraft gegen den Terrorismus vorzugehen.“ Damit meinten sie freilich nicht die gewalttätigen Siedler.

Noch am selben Tag riegelte die israelische Armee nicht nur das Dorf Tal, sondern auch mehrere Dörfer in der Umgebung ab. Ebenso wurde der „Belagerungszustand“ über Nablus verhängt. Eine Journalistin berichtete, es wäre unmöglich für Journalisten, nach Tal oder in andere Dörfer in der Umgebung zu gelangen. Sie und ihre Kollegen hätten unterwegs zahlreiche Siedler gesehen, die offenbar auf dem Weg dorthin waren. 

In den folgenden Tagen führte die Besatzungsarmee im gesamten Westjordanland Razzien und Massenverhaftungen durch, unter anderem in den größeren Städten (Jenin, Ramallah, Tubas, Tulkarem und Bethlehem), und auch im besetzten Ostjerusalem. 

Besatzungssoldaten stürmten das Krankenhaus von Nablus, fesselten Ärzte und Pfleger mit Handschellen und verhafteten mindestens einen Patienten, der bei der Schießerei in Tal verwundet worden war.

Über Nacht entstanden vier neue Siedler-„Außenposten“ in der Umgebung von Tal. Am folgenden Wochenende gab es – laut Berichten des israelischen Armeeradios! – 30 Siedlerangriffe. An einem dieser Angriffe waren mehr als 150 Siedler beteiligt. Sie setzten ein Haus in Brand. Ein zwei Monate altes Kind konnte noch knapp gerettet werden.

Zahlreiche neue Straßensperren schränken die Bewegungsfreiheit der PalästinenserInnen noch weiter ein. Dies gilt auch für Rettungsfahrzeuge. Eine schwangere Frau verlor ihr Kind, weil israelische Soldaten den Rettungswagen nicht passieren ließen. Auch Dialysepatienten wird die Durchfahrt zum Krankenhaus verweigert.

Es gab Angriffe auf Moscheen. Familien wurden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Abrissbefehle wurden erteilt. Die israelischen Behörden konfiszierten weiteres palästinensisches Land und gaben Befehl, weitere Olivenhaine zu roden.

Man darf niemals vergessen: Die israelische Besatzung des Westjordanlands ist illegal nach internationalem Recht. Die jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten sind illegal nach internationalem Recht. Die Palästinenser haben das Recht auf Widerstand gegen die illegale Besatzung und ihre permanenten Menschenrechtsverstöße. Dies schließt das Recht auf bewaffneten Widerstand ein. Farouk Ramadans Tat war jedoch allem Anschein nach nicht Teil einer geplanten und organisierten Widerstandsaktion, sondern ein Akt der Notwehr in einer akuten Bedrohungslage. Die Tötung der vier Männer von Tal ist ein weiteres Verbrechen auf der langen Liste der Verbrechen der israelischen Besatzungsmacht.

Quellen:

https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/westjordanland-droht-eine-neue-eskalation-der-gewalt-accg-201066104.html

https://www.aljazeera.com/news/2026/7/28/palestine-weekly-west-bank-in-flames-after-tal-killings

https://aje.news/avpieu?update=4803976

https://aje.news/avpieu?update=4803969

https://aje.news/avpieu?update=4804195

https://aje.news/avpieu?update=4803176

https://www.aljazeera.com/video/newsfeed/2026/7/24/five-killed-in-occupied-west-bank-after-israeli-settlers-attack#flips-6402014188112:0

https://www.aljazeera.com/news/2026/7/24/four-palestinians-killed-as-israeli-settlers-raid-occupied-west-bank-town

https://aje.news/avpieu?update=4803374

https://aje.news/avpieu?update=4803129

https://www.aljazeera.com/news/2026/7/26/israeli-crackdown-in-occupied-west-bank-intensifies-settlers-cause-mayhem

https://www.theguardian.com/world/2026/jul/24/palestinians-israeli-killed-west-bank-shooting

https://www.palestinemission.at/single-post/vier-pal%C3%A4stinenser-bei-angriff-von-israelischen-siedlern-get%C3%B6tet

https://www.theguardian.com/world/2026/jul/24/palestinians-israeli-killed-west-bank-shooting

https://www.dropsitenews.com/p/palestine-israel-west-bank-settlers-nablus-hormuz-oil-leak

https://www.972mag.com/tel-palestinian-israeli-settler-unarmed-video-analysis

https://www.aljazeera.com/news/2026/8/1/palestinian-children-among-those-detained-in-israeli-west-bank-raids


Kommentare

Eine Antwort zu „„Wanderer“ und „Terroristen““

  1. Vielen Dank für Ihren sorgfältig recherchierten Beitrag. Die geschilderten Ereignisse verdeutlichen, wie wichtig eine unabhängige, quellenkritische und rechtsstaatliche Aufarbeitung bewaffneter Konflikte ist. Gerade dort, wo sich unterschiedliche Darstellungen widersprechen, bilden überprüfbare Beweise, Zeugenaussagen, Videoanalysen und unabhängige Ermittlungen die Grundlage jeder seriösen historischen und juristischen Bewertung.

    Aus völkerrechtlicher Sicht ist die Rechtslage in wesentlichen Punkten klar: Die dauerhafte Besetzung des Westjordanlands sowie der Ausbau ziviler Siedlungen werden von der überwiegenden Mehrheit der internationalen Staatengemeinschaft als mit dem humanitären Völkerrecht unvereinbar angesehen. Gleichzeitig sind alle Konfliktparteien an die Genfer Konventionen gebunden. Der Schutz der Zivilbevölkerung, das Verbot außergerichtlicher Tötungen, die Pflicht zur Verhältnismäßigkeit sowie die individuelle strafrechtliche Verantwortlichkeit gelten unabhängig von Nationalität oder politischer Zugehörigkeit.

    Sollten sich Berichte bestätigen, dass unbewaffnete Personen oder kampfunfähige Verletzte vorsätzlich getötet wurden oder dass exzessive Gewalt gegen Zivilisten angewandt wurde, wären solche Handlungen nach internationalen Rechtsmaßstäben umfassend und unabhängig zu untersuchen. Ebenso müssen Übergriffe bewaffneter Siedler auf palästinensische Zivilisten konsequent strafrechtlich verfolgt werden. Rechtsstaatlichkeit misst sich gerade daran, dass sie für alle gleichermaßen gilt.

    Ethisch erinnert uns die gemeinsame abrahamitische Tradition daran, dass jeder Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist (Genesis 1,27). Daraus folgt eine unteilbare Menschenwürde, die weder durch ethnische Zugehörigkeit noch durch Religion relativiert werden darf. Das biblische Gebot „Suche den Frieden und jage ihm nach“ (Psalm 34,15) sowie „Der Gerechtigkeit sollst du nachjagen“ (Deuteronomium 16,20) behalten auch im Krieg ihre moralische Geltung.

    Wissenschaftlich gilt: Die Glaubwürdigkeit einer Rekonstruktion steigt mit der Übereinstimmung unabhängiger Quellen, transparenter Methodik und überprüfbarer Beweise. Gerade deshalb sind sorgfältige Dokumentation, forensische Untersuchungen und internationale Beobachtung unverzichtbar, um Wahrheit von Propaganda zu unterscheiden.

    Frieden entsteht nicht durch Vergeltung, sondern durch Wahrheit, Recht und gegenseitige Anerkennung der unveräußerlichen Würde jedes Menschen. Die Opfer auf allen Seiten verdienen nicht nur unser Mitgefühl, sondern auch den Anspruch auf unabhängige Justiz, Rechenschaft und eine politische Zukunft, die auf Sicherheit, Freiheit und dem Völkerrecht gründet. „Mit Unterstützung von KI erstellt und redaktionell überprüft.“

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