
Bild: Westjordanland, Qusra, 14. August 2026: Das belagerte Haus mit einigen der palästinensischen Bewohner auf der Terrasse, davor israelische Soldaten, im Vordergrund AktivistInnen, die zur Unterstützung der Belagerten gekommen sind. [Activestills, Oren Ziv]
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Drei palästinensische Familien (15 Personen, darunter zwei Kinder) leben seit nunmehr 10 Tagen in einem Belagerungszustand. Ihnen gehören drei Häuser am Ortsrand von Qusra. Qusra ist ein 5.000-Seelen-Dorf südöstlich von Nablus.
Eines der drei Häuser war seit Beginn dieses Jahres immer wieder Ziel von Siedlerangriffen. Ein sieben Monate altes Kind wurde verletzt, als Siedler die Fenster einschlugen. Aus Angst um Leib und Leben floh die Familie aus dem Haus. Danach kamen die Siedler und plünderten. Sie stahlen Innentüren, Wassertanks, Möbel, sogar Kinderbekleidung.
Die Belagerung begann am 9. August, einem Sonntag. Dutzende Siedler hatten die kleine Ansiedlung, bestehend aus drei Häusern, umzingelt und die Strom- und Wasserversorgung unterbrochen. Die Siedler stammen von einem selbst nach israelischem Recht illegalen „Außenposten“ am Rand von Qusra. Ziel der Siedler ist es, die palästinensischen Familien zu vertreiben.
Zuerst kamen die Siedler, dann die israelischen Soldaten. Diese beschlagnahmten ein Haus auf dem Hügel und erklärten das Gebiet zur „militärischen Sperrzone“. Das bedeutet, dass die Zufahrtsstraßen blockiert sind und sowohl israelischen als auch internationalen AktivistInnen der Zugang verwehrt werden kann.
Überdies weigerte sich die israelische Armee, von israelischen Behörden verhängte Räumungsbefehle gegen den „Außenposten“ in Qusra durchzuführen. Die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung im besetzten Gebiet ist Aufgabe der Besatzungsarmee. Somit wäre es die Pflicht der israelischen Armee, konsequent gegen Siedlungsaußenposten vorzugehen. Dies geschieht jedoch nicht. Statt zumindest die Durchsetzung israelischen Rechts zu gewährleisten, kooperieren israelische Soldaten im Westjordanland mit gewalttätigen Siedlern.
Die Gemeindeverwaltung von Qusra versuchte, die Leitungen für Strom und Wasser zu reparieren. Es gelang nicht, weil die palästinensischen Arbeiter von den Siedlern mit Gewalt daran gehindert wurden. Mehr als eine Woche lang hatten die Eingeschlossenen daher weder Strom noch fließendes Wasser zur Verfügung.
Am Donnerstag (13. August) erteilte die israelische Armee einen Räumungsbefehl für zwei der drei Häuser – angeblich „zum Schutz“ der Bewohner. Die 15 Menschen leben nun in einem Haus zusammen. Die Familien versuchten, von Vorräten zu überleben. AktivistInnen, die ihnen Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs bringen wollten, wurde von israelischen Soldaten der Zugang verwehrt.
Am Sonntag, 16. August, also eine volle Woche nach Beginn der Belagerung, versuchte ein UNICEF-Konvoi, den Eingeschlossenen Hilfsgüter zu liefern. Der Konvoi wurde von israelischen Soldaten zunächst gestoppt. Zwei Fahrzeuge mit Lebensmitteln, Wasserflaschen, Medikamenten und Taschenlampen wurden schließlich durchgelassen, ein Wassertank jedoch nicht.
Die Belagerung von Qusra war Thema selbst in der deutschen und in der österreichischen Presse und wurde international scharf verurteilt, selbst von den USA. Selbst der ultra-zionistische amerikanische Botschafter in Israel, Mike Huckabee, verurteilte die Belagerung und bezeichnete die Belagerer als „israelische Terroristen“.
Für mich, die ich mich seit mehr als zwei Jahren fast täglich mit der Situation im Westjordanland beschäftige, kommt diese internationale Aufmerksamkeit einigermaßen überraschend. Denn es ist keineswegs das erste Mal, dass palästinensische Dorfbewohner von Siedlern und der israelischen Armee von der Außenwelt abgeschnitten werden. In der Regel geschieht dies durch das Blockieren von Zufahrtsstraßen.
Möglicherweise wird der Belagerung von Qusra unter anderem deswegen besondere Beachtung geschenkt, weil einer der betroffenen Hausbesitzer die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt.
Nach neuen Meldungen konnte die Strom- und Wasserversorgung für die Eingeschlossenen inzwischen wieder hergestellt werden. Doch die Belagerung ist nach wie vor aufrecht. Noch immer jedoch können sich Siedler in dem Gebiet frei bewegen, unter dem Schutz israelischer Soldaten. Die palästinensischen Familien dürfen hingegen ihre Häuser nicht verlassen.
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Es geht hier um viel mehr als drei Häuser. Qusra liegt im „B-Gebiet“. Das Westjordanland wurde, im Zuge der sogenannten „Oslo-Abkommen“ in drei Gebiete unterteilt: A, B und C. Diese Gebiete sind nicht zusammenhängend, sondern über das ganze Land verstreut. Das C-Gebiet umfasst den Großteil der Fläche des Westjordanlands (73 Prozent) und untersteht ausschließlich israelischer Verwaltung. Das B-Gebiet umfasst knapp ein Viertel des Territoriums und untersteht (theoretisch) einer gemeinsamen israelisch-palästinensischen Verwaltung. Das A-Gebiet umfasst ca. 3 Prozent des Territoriums und untersteht (theoretisch) ausschließlich palästinensischer Verwaltung.
Bisher entstanden israelische Siedlungen und Außenposten nahezu ausschließlich auf C-Gebiet. Von Siedlerterror und Vertreibungen waren daher vor allem Palästinensergemeinschaften betroffen, deren Dörfer sich auf C-Gebiet befanden. Es ist schon lange klar, dass Israel gezielt daran arbeitet, alle Palästinenser aus dem C-Gebiet zu vertreiben. Qusra jedoch liegt im B-Gebiet. Die Belagerung von Qusra zeigt also, dass die israelische Regierung – mit den Siedlern als Speerspitze – sich auch mit mehr als 70 Prozent des Westjordanlandes nicht begnügen will. Die PalästinenserInnen sollen mittelfristig in immer kleineren Enklaven zusammengepfercht und langfristig überhaupt aus dem Land vertrieben werden.
Diese Pläne sind schon lange nicht mehr geheim. Aber wir sehen jeden Tag deren konkrete Umsetzung, und die Belagerung von Qusra könnte ein wichtiger Meilenstein sein. Wenn es den Siedlern gelingt, diese drei Häuser einzunehmen, wird dies vermutlich der Anfang einer neuen Phase des Landraubs und der Vertreibung sein.
Bisher folgten die Vertreibungen der palästinensischen Einwohner in der West Bank überwiegend folgendem Muster: Gebiet wurde zu „staatlichem Eigentum“ erklärt, oft für angebliche militärische Zwecke, die Palästinenser mussten gehen, die Siedler konnten sich ungehindert ausbreiten. Das geht aber – nach israelischem Recht nur im C-Gebiet. Für das A- und das B-Gebiet müssen daher andere Methoden her.
Die internationale Empörung über die Belagerung in Qusra beeindruckte die Siedler nicht. Im Gegenteil – die Taktik von Qusra wurde flugs andernorts zur Anwendung gebracht: Am Donnerstag (13. August) belagerten Siedler für mehrere Stunden ein palästinensisches Haus in Beit Imrin, einem Dorf nördlich von Nablus. Sie hinderten Anwohner und Rettungskräfte daran, zu den Eingeschlossenen vorzudringen. Dann kamen israelische Soldaten. Anstatt die Siedler zu verhaften (wie es eigentlich ihre Pflicht wäre), stürmten sie das Haus und verhafteten alle neun Personen, die sich darin aufhielten. Danach zogen sie sich zurück. Die Siedler hatten somit freie Hand, sich in dem Haus breit zu machen, dort nach Belieben zu zerstören und zu plündern.
Beit Imrin untersteht ausschließlich palästinensischer Verwaltung. Knapp 98 Prozent des Territoriums der ca. 3.000-Einwohner-Gemeinde gehören zum A-Gebiet, nur 0,5 Prozent gehören zum C-Gebiet.
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Unterdessen kündigte der israelische Verteidigungsminister Katz an, die Befugnisse der israelischen Armee im Westjordanland bezüglich der Aufrechterhaltung der zivilen Ordnung auf die israelische Polizei zu übertragen. Das ist keine gute Nachricht. Die Polizei untersteht dem rechtsextremen „Sicherheitsminister“ Itamar Ben-Gvir. Die israelischen Polizisten im Westjordanland sind selber Siedler. Die im Westjordanland stationierten Reservisten der israelischen Armee sind jedoch mehrheitlich keine Siedler.
„Die Reservisten haben gegenüber der Zeitung Haaretz ausgesagt, dass sie nicht im Einsatz sind, um ,den Terrorismus zu bekämpfen‘ oder Israel vor dem palästinensischen Widerstand zu schützen, sondern auf Geheiß der Siedler. Die Siedler greifen Palästinenser grundlos an, und von den Soldaten wird erwartet, dass sie ihnen dabei helfen. Den Soldaten wird von ihren Kommandanten gesagt, dass sie die Gewalt der Siedler nicht unterbinden dürfen. Siedler innerhalb der regionalen Verteidigungseinheiten verhalten sich so, als seien sie die Kommandanten der Einheit und entnehmen zudem Ressourcen aus den militärischen Stützpunkten (Wasser, Lebensmittel usw.) für die Siedlungen.“ [Quelle: BIP-Aktuell # 407]
M. a. W.: Im Westjordanland haben schon jetzt die Siedler das Kommando. Das ist aber nur möglich, weil die israelische Armee dies zulässt; und das wiederum ist nur möglich, weil die israelische Regierung das will.
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Der vorhin erwähnte israelische Polizeiminister Itamar Ben-Gvir forderte vergangenen Samstag in einem Interview, dass in Gaza jede Nacht 30 bis 40 Menschen getötet werden sollen. Dabei sollten nicht nur jene getötet werden, die eine unmittelbare Gefahr darstellen. Wörtlich sagte er: „Wenn da Leute sind, die es nicht wert sind zu leben, dann sollen sie nicht leben.“
Die von Ben-Gvir gewünschten Todesraten werden in Gaza derzeit nicht erreicht. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Morden der israelischen Armee in Gaza eine Pause macht. Einige Meldungen aus dem aktuellen Wochenrückblick von Al Jazeera: Am 12. August starb der Gemeindebedienstete Mohanad Saada durch einen israelischen Luftangriff auf eine Motor-Rikscha. Er war gerade auf dem Heimweg von einem Einsatz. Er hatte einen kriegsbeschädigten Brunnen repariert. Am 13. August trafen drei Raketen ein Fahrzeug und töteten den Polizeichef von Gaza-Stadt, Colonel Jamal Abu Kamil. Am 15. August wurde der 14jährige Suhail Masoud Shalouf von israelischen Soldaten erschossen. Er hatte sich der „Gelben Linie“ genähert. Seine Leiche konnte erst einen Tag später geborgen werden.
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Noch immer unterstützen westliche Regierungen, namentlich die USA, Deutschland und Österreich die israelische Politik. Sie machen sich damit mitschuldig nicht nur am Völkermord in Gaza, sondern auch an der Siedlergewalt im Westjordanland.
Doch auch ganz gewöhnliche Bürger können zu Komplizen werden, vielfach ohne es zu wissen. Zum Komplizen kann man zum Beispiel werden, indem man ein Ferienquartier über die Plattform Airbnb bucht. Denn Airbnb vermittelt auch Ferienunterkünfte in illegalen israelischen Siedlungen. Airbnb macht also Geschäfte mit israelischen Siedlern und verdient an Landraub, Entrechtung und Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung. Zugleich wird die Wirtschaft in den illegalen Siedlungen gefördert und damit die Besatzung verfestigt und der Boden bereitet für die Fortführung von Landraub und Vertreibung.
Doch das muss man nicht hinnehmen. Eine stille (aber gleichwohl wirkungsvolle) Methode des Protests ist es, nicht mehr über Airbnb zu buchen, so lange bis Unterkünfte in illegalen israelischen Siedlungen aus dem Programm genommen werden. Noch wirkungsvoller ist es aber, dem Unternehmen den Grund der Unzufriedenheit direkt mitzuteilen. Mit minimalem Aufwand geht das, indem man eine Petition unterschreibt. Das kann man hier tun. Airbnb hatte bereits einmal die Angebote aus den illegalen Siedlungen aus den Listen gestrichen, revidierte jedoch diese Entscheidung aufgrund von Druck von der Gegenseite. Es kommt nun darauf an, dass der Druck von der richtigen Seite stark genug wird.
Aus dem Begleittext der Petition:
„Airbnb hilft Touristen, Ferien auf gestohlenem palästinensischen Land zu buchen.
[…]
Hinter jedem Angebot steht eine palästinensische Familie, die ihr Land verloren hat, während Airbnb für jede Buchung eine Gebühr kassiert. Während die Siedlergewalt Rekordniveau erreicht, hilft Airbnb dabei, die Besatzung in eine Urlaubsdestination zu verwandeln.
[…]
Keine Firma sollte von Gewalt profitieren oder besetztes Land in Ferien-Mietobjekte verwandeln. Jede Buchung hilft dabei, die brutale Unterdrückung der Palästinenser in ihrem Land zu normalisieren.
Hier geht es zur Petition.
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A propos Reisen: Für alle, die in dieser Saison noch verreisen wollen, aber noch nicht wissen wohin, habe ich einen besonderen Tipp: Saint Dogmaels, Cardigan, Wales, UK. Dort vor Ort sollte man seinen Proviant unbedingt im örtlichen Ökoladen einkaufen. An dessen Holzwand wird man folgendes Plakat finden:

Bild: „Dieser Laden hat keine israelischen Güter auf Lager. Hier werden keine Produkte aus Israel oder von israelischen Siedlungen verkauft.“ [Lothar Zechlin, Juli 2026]
Quellen:
https://taz.de/Siedlergewalt-im-Westjordanland/!6204434
https://taz.de/Westjordanland/!6204157
https://de.wikipedia.org/wiki/Oslo-Friedensprozess
https://en.wikipedia.org/wiki/Beit_Imrin
https://www.instagram.com/reels/Db6daNDsn_I
https://www.instagram.com/reels/Db_FazvMU0k
https://www.instagram.com/reels/Db_bnNXsAmF
https://www.instagram.com/reels/DcCJCBsNx9y
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